Ich bin so sichtbar in all meinen Überlegungen. In all meinen Gedanken, mit jedem Wort hier, mit allem, was ich dir ungefiltert vor die Füße werfe. Und doch verhallt es ohne Gegenseitigkeit im leeren Raum, der immer größer wird, je stiller diese Lücke klafft. Ich werde diesmal nicht fragen. Ich werde diesmal nicht die Verantwortung dafür übernehmen, was ich wissen muss, damit es wieder gut werden kann.
Monat: März 2025
Perspektive
Wenn du weißt, dass etwas falsch ist, dann ist
deine erste Tat ein Fehltritt.
Die zweite eine Entscheidung.
Die dritte Gewohnheit und
die vierte schon Charakter.
Egal
Wieder bin ich die Blöde, die das verarbeiten muss. Wieder bin ich es, die den Schmerz irgendwie aushalten muss. Wieder bin ich es, die lernen muss, damit umzugehen. Wieder bin ich der größte Depp überhaupt, weil ich es erneut dazu habe kommen lassen, statt beim letzten Mal einfach einen sauberen Schlussstrich zu ziehen und zu sagen: Nicht mit mir.
Ich weiß nicht, wie es weitergehen soll, ich bin so desillusioniert, gleichgültig, gleichzeitig so verletzt, in meinen Mauern gefangen, weil ich sonst einfach zusammenbreche. Und das darf ich nicht. Nicht bei alledem, was ich aktuell sonst noch schultern muss. Die letzten 5 Monate waren purer Horror, jeder einzelne Tag davon. Und an manchen Tagen frage ich mich auch in dieser Hinsicht, was mich nur geritten hat. Die Chance auszuschlagen, einfach wie gewohnt mit meinem Alltag weitermachen zu können statt mit einem völlig kaputten Körper, Nervensystem und desolater Gehirnleistung nicht mehr zu wissen, wie ich die Tage bewältigen soll.
Während alle anderen also Pläne machen, fröhlich herumhüpfen, verreisen, ihr Leben leben und gestalten, verzweifle ich an den einfachsten Dingen wie Treppensteigen, aufrecht stehen und mich länger als 5 Minuten zu konzentieren, weil diese Scheißkrankheit einfach alles lahmgelegt hat. Die Welt für die Mitkranken dreht sich einfach weiter, während meine stehengeblieben ist. Und weil das alles nicht genug ist, kommt jetzt eben noch was drauf.
Der Teufel scheißt immer auf den größten Haufen, flüstert Uroma leise in mein Ohr und ich nicke.
Ich hab es satt, von Menschen, denen ich vertraue, verletzt zu werden. Ich habe Menschen satt. Ich bin so durch mit dem Vertrauensthema. Es sind ja doch nur alle selbstbezogene opportunistische Lügner, die dich bei der nächstbesten Gelegenheit verraten. Es ekelt mich an. Und zu allem Überdruss bin wieder ich das Problem mit meinen hohen Wert- und Moralvorstellungen, die kein normaler Mensch erfüllen kann?
Natürlich bekommt die andere Seite den Rückenwind, der vielleicht ein bisschen Seele und Ego streichelt, dass alles nicht ganz so furchtbar ist, während ich auch dieses Mal wieder keinen zum Reden habe, weil ich irgendwann mal geschworen habe, dass diese Dinge niemals nach außen dringen werden.
Vielleicht täte mir der Abstieg von meinem imaginären hohen moralischen Ross auch mal ganz gut.
Boden der Tatsachen
Ich Idiot.
Denkschmerzen
Natürlich ist es Trauma. Ich Idiot. Warum ich immer denke, dass Trauma nur in der Kindheit existieren darf und nicht in etwas so Belanglosem wie zwischenmenschlicher Erwachsenenbeziehung, ist mir manchmal auch schleierhaft. Und Retraumatisierung führt zu Veränderungen im System. Nur war es noch nie wie jetzt. Ich kann die Kopfschmerzen nicht mehr aushalten. Sie lassen sich an nichts messen, das ich jemals erleben musste, es ist, als würde mein Kopf gleich einfach bersten, weil wir nicht alle hineinpassen. Ich kann jeden Gedanken hören, riechen, schmecken, es macht mich wahnsinnig, mich diesen Menschen nicht entziehen zu können, die sich so vertraut und so fremd gleichermaßen anfühlen. Ich will das nicht, aber das hab ich in den letzten Tagen vielleicht auch einfach so oft wiederholt, dass es inzwischen mehr einem Mantra gleicht als einer echten Aktion vorausgeht. Ich fühle mich gelähmt und gleichzeitig so lebendig, als wäre jeder Sinn um ein Tausendfaches verstärkt ohne dass ich irgendeine Ahnung habe, wie ich das nutzen könnte. Ich weiß, dass ich damit alleine bleibe. Es gibt keine Lehrbücher zu diesem Thema und auch in meinem Netzwerk von Gleichen gibt es keinen Vergleichsfall. Fast wünsche ich mich zu Professor Dr. L. zurück, der mir in seiner unsympathischen und kaltschnäuzigen Art aber immerhin fachlich so fähig wie ich danach niemanden mehr erlebt habe, erklärt, dass ich nur nach gängigen Maßstäben verrückt wirke, aber alles, was mein Gehirn im Zuge der dissoziativen Identitätsabspaltung jemals getan hat oder tut, einem wissenschaftlichen Wunder für die psychische Überlebensfähigkeit der menschlichen Rasse gleicht. Und dann würde er seine Brille zurechtrücken, sich Notizen machen, ein paar Mal gedankenlos aber intellektuell kompetent vor sich hinmurmeln und mich in meinen Alltag entlassen, wo ich wie eine kleine Laborratte wieder eine Woche lang versuchen darf, mich in einer Welt zurechtzufinden, die nie meine war.
Zu viel
Und auch hier wieder von offizieller Stelle: Ich bin zu viel, ich will zu viel, ich verlange Menschenunmögliches.
Das Gefühl von Verrat kocht in mir hoch, dass es überhaupt eine dritte Partei geben muss (aber ist ja gut, dass wenigstens einer von uns therapeutische Begleitung hat, nicht wahr?) und ich suhle mich in Hass und Selbstmitleid, bin mir jedoch wohl gewahr, dass sie Recht hat.
Ich bin zu viel. Ich will zu viel. Und ja, ich verlange Menschenunmögliches.
Und ich habe früher – ganz früher – mal daran geglaubt, dass es jemanden gibt, der genau dasselbe auch leben will und kann.
Ich habe mich geirrt. Wieder.
Maßnahmenkatalog
„Wann bekomme ich meinen Fernseher wieder in mein Zimmer?“
Wenn du deiner Arbeit so nachgehst, wie wir es bei Schuleintritt vereinbart haben und Leistungsnachweise erbringst, die zumindest grob deinen Fähigkeiten entsprechen.
„Das lässt aber sehr viel Raum für Interpretation.“
Es ist eine Erziehungsmaßnahme, Butz, kein Geschäftsabschluss.
„Kann ich einen Anwalt haben?“
Nein. Aber du kannst dich ans Jugendamt wenden.
„Vergiss es. Ich weiß noch wie es war, als meine Schwester das gemacht hat.“
Gamersprech
Butz schaut mir beim Spielen über die Schulter und ich erkläre, dass ich gerade neue Mitglieder begrüße, die der Gilde beitreten.
Er verzieht den Mund: „Die joinen, Mami. Du musst dir wirklich eine andere Sprechweise angewöhnen, sonst merken alle sofort, wie alt du bist.“
[Sagt übrigens ausgerechnet das Kind, das abends quer vor mir auf einem Kissen auf dem Schreibtisch lag und dauergestillt werden wollte, während ich seinen Vater durch Dungeons geheilt habe.]