Eskalation

Eine entfesselte Naturgewalt in Form der sehr wütenden Kriegerin stürmt ins Haus.

„Ich schmeiße morgen die Schule und lebe von Gelegenheitsjobs am Rande der Armutsgrenze!“

Okay.

„Nicht mal aufbegehren kann man hier richtig! Ich mache mir erst mal einen Smoothie!“

Genieß ihn, es könnte dein Letzter sein. Früchte sind teuer.

„Ich verabscheue dich!“

[Ich liebe dich auch.]

Perspektive

„Im Rechtskundekurs sind nur Klugscheißer, Mami! Alle bis auf mich!“

Ich nicke und murmle leise in mich hinein. Ein Geisterfahrer? Hunderte!

„WAS?“

Nichts, Butzi!

Mini-Me

Butz hat nun die gleiche Jacke wie der Mann und äußert beim Anprobieren hochzufrieden: „Ich bin jetzt ein kleiner Klon von Papa!“

[Ja. Beide bringen mich regelmäßig um den Verstand…]

Sichtbarkeit

Habe mich heute Morgen bereits mehrfach erbrochen, Panikattacken weggeatmet und bin dann mit sehr viel Angst trotzdem zum Zahnarzt gegangen.

Wie jedes Mal.

Traumafolgen sind ein Arschloch, aber ich bin nicht bereit, mir davon mein Leben diktieren zu lassen.

Die Kinder wissen inzwischen schon viel zu viel und gleichzeitig nur ein winziges Bruchstückchen aus meiner Vergangenheit und trotzdem werde ich an diesen Tagen einfach liebevoll von ihnen ins Bett geschickt, bekomme einen Obstteller, eine stille Umarmung, ein leises „Du bist super.“

Und je älter sie werden, desto wichtiger sind diese Lücken im Superheldenumhang von Eltern.

Ich erlaube mir inzwischen eine Durchlässigkeit, die vor Jahren noch undenkbar gewesen wäre, die aber unabdingbar für die Abnabelung ist, damit wir uns als Erwachsene neu begegnen dürfen.

Alltag

Die Kriegerin wütet beim Nachhausekommen laut vor sich hin, ich schiebe sie mit Wassermelone auf die Terrasse, wo Butz zur Beruhigung gerade 100 Meter Seil wieder ordentlich auf eine Rolle wickelt, der Kobold wankt schlaftrunken zu uns und fragt, was es zu essen gibt.

Alltag. ♥

Huch?

Butz überfiel mich mit dem Angebot, dass „wir es doch mit dem Einkaufen noch mal versuchen könnten“ und bis auf 17, 18 Zwischenfälle haben wir tatsächlich eine richtig schöne Zeit miteinander verbracht.

Was ist denn da freigeschaltet worden?

[Wir sprechen nicht über die Sache mit der Schokolade, die unglückliche Begegnung mit der Frau, die ihren Hund vor den Einkaufswagen anband, den Schüler mit dem Roller und auch nicht über konstant nachdrückliche Belehrungen, wie ich mich im Straßenverkehr zu verhalten habe.]

Pappenheimer

Entweder habe ich Butz gerade wütend direkt von der Haustür umsonst wieder zur Schule geschickt, weil der Zusatzunterricht tatsächlich nicht stattfindet oder ich habe einen erneuten Alleingang, den abgesprochenen Ausbildungsplan zu ändern, vereitelt.

Man darf gespannt sein.

Zu meiner Verteidigung: Als das Kind in den Chor sollte, hat es in der ersten Klasse selbständig erreicht, stattdessen freitags in der fünften Stunde am Mathematikunterricht der Viertklässler teilnehmen zu dürfen, ohne das wir informiert wurden.

Das war der Beginn einer langen Reihe von Alleingängen, egal ob es um Sprachen, Lernen von Musikinstrumenten, Religion oder Sport ging.

Und wenn das heute wirklich ausfiel, werde ich mich aufrichtig entschuldigen, aber ich habe das Bauchgefühl, das wird nicht nötig sein.

„Rabenaas.“, würde Uroma nun liebevoll grinsen und sagen: „Lass ihn, Kind. Er ist ein findiges Kerlchen.“

[seufzt]

[Natürlich fand der Unterricht statt. Mal sehen, was er sich nächste Woche einfallen lässt.]

Erstens kommt es schlimmer…

Diskutiere eine Stunde lang auf der Terrasse mit den Großen hitzig über Migrationspolitik, bin froh, als sich beide irgendwann zurückziehen wollen, da appariert ein Butz im Garten und verkündet:

„Heute ist der Tag, an dem ich kochen lerne!“

[Ich atme. Ich schaffe das.]

Karriereleiter

„Morgen spreche ich mal mit meiner Chefin, dass ich gerne mehr Macht hätte!“

Spätzchen, ich möchte dir wirklich nicht reinreden, aber hast du vielleicht mal überlegt, das Wort ‚Macht‘ durch ‚Verantwortung‘ zu ersetzen?

„Hä?“

[Ich glaube, ich lasse Butz das Gespräch führen.]