Verhältnismäßigkeit

Das Mottenkind kam leider heute gleichzeitig mit dem Kind an, das voller Stolz erzählte, dass es für den gestern rausgefallenen Zahn ein Barbieschiff bekommen hätte. Und dass der nächste schon wackeln würde und sie dann einen Kindercomputer bekäme. Und beim Zahn danach würde sie sich wieder was bei der Zahnfee „bestellen“.

Leider leider hat das Mottenkind aktuell einen Wackelzahn und bekam große Augen.

„Boah, Mami! DAS machen wir auch! Das hört sich super an! Ich reiß den Zahn heute raus und dann bestelle ich mir auch was bei der Zahnfee!“ [Was hat die blöde Elfe? Einen Versandhandel??]

Ich sehe mein Kind an, das unser Prozedere mit ausgefallenen Zähnen sehr wohl sehr gut kennt und sage kurz und knapp: „Nein.“

Die Augen werden groß und die Körperhaltung verrät den Beginn eines ausgewachsenen Wutanfalls, bei dem ich sehr schlecht wegkommen werde. Ich wappne mich innerlich, sehe sie aufmerksam an und setze mich. Es kommt das volle Programm mit hassen, nie-darf-ichs, immer-verbietest-dus und unfairs und gemeins.

Das Ganze in orkanartiger Lautstärke und mit erboster Körperhaltung, Fäusten, die in die Seite gestemmt werden und theatralischen Kullertränen (sie muss mit zunehmendem Alter allerdings öfter die Augen zusammenkneifen, damit das klappt).
Ich sehe ihr stumm in die Augen, höre zu und warte.
Eine Erzieherin hatte sich in der Zwischenzeit neben mich gesetzt und aus dem Gruppenraum steckten 4 Kinder ihren Kopf aus der Tür und starrten die Motte fassungslos an.
Das Publikum tat das Seine und brachte die Motte nach einiger Zeit wieder auf den Boden der Tatsachen zurück.

Sie richtete sich würdevoll zu ihrer ganzen Größe auf, zog ihr Herzchen-T-Shirt zurecht, warf die Haare nach hinten und kam zu mir.
„Dann.eben.nicht.“, verkündete sie motzig.
Ich nickte zustimmend und verabschiedete mich. „Ich liebe dich.“

Sie drehte sich sich auf dem Weg in den Gruppenraum noch einmal um, hob das Kinn und reckte es trotzig nach vorne. „Ja. Ich liebe dich auch.“

Ich sehe die Mutter noch einmal, als ich in der Küche das Mittagessen in den Kühlschrank bringe.

„Da hat aber jemand einen großen Wutanfall bekommen, hm?“

Ich ziehe die Augenbrauen hoch und antworte: „Naja, sie war ja auch sehr wütend. Das ist okay.“

Sie grinst mich schief an und sagt entschuldigend: „Wir haben D. gesagt, sie bekommt was beim ersten Zahn. Und jetzt will sie aber bei jedem Zahn etwas haben. Und immer so große Sachen. Und sie hört gar nicht zu. Deswegen können wir jetzt auch nichts mehr daran ändern.“

Achso. Nein. Natürlich nicht.

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