Loslassen

Immer war sie da, die Sehnsucht.
Immer kreisten sie, die Gedanken.

Und so erlebe ich nach über einem Jahrzehnt das erste Mal das Gefühl, dass die Zeit des Kindergebärens nun vorbei ist. Und es ist ein gutes Gefühl.

Der kleine Tuk macht uns komplett, macht mich komplett, ist Ende und Anfang zugleich. Ich merke, wieviel schwerer die Dinge heute im Vergleich zum ersten und zweiten Mal fallen. Ich merke, wie sehr es mir fehlt, nur mit windelfreien, sprechenden und selbständigen Kindern unterwegs zu sein, die ihre Bedürfnisse äußern können.

Wir genießen die Zeit, der Tuk und ich. Ein letztes Mal ein Baby.

Jetzt können wir weitergehen, in dieses andere Leben.

Und es ist gut – einfach nur gut so wie es ist.

Freigeben – loslassen.

Verloren

Ab Ende Januar fiel ich in ein Loch aus Erschöpfung, absoluter Müdigkeit, Angst, Trauer und Schmerzen.

10 Monate sind es nun fast, die ich nur durch Watte wahrgenommen habe. Mit wachen Momenten, aber im Rückblick ist da – nichts.

Ich sehe mir die gespeicherten Bilder auf meinem Computer an und da ist – nichts.

Kein Gefühl, keine Gewissheit, daran teilgenommen zu haben.

Nur das theoretische Konstrukt, dass diese 10 Monate zu meinem Leben dazugehört haben sollen.

Ich merke, wie ich langsam wacher werde.

Wie es heller wird.

Dezember, schon fast.

Adventszeit.

Weihnachten, bald.

Ich sehe meine Kinder an und staune, wie groß sie geworden sind.

Sehe in die Augen meines Mannes und entdecke dort viel Einsamkeit und Trauer.

In etwas mehr als einem Monat werde ich entscheiden können, ob es ein gutes Jahr war.

Im Moment kommt es mir noch so vor, als hätte ich mich irgendwann darin verloren. Traurig.

Zeitsprung

Als ich das Baby dem Mann nach meinem völligen seelischen und körperlichen Zusammebruch überantwortete, war es noch ein Neugeborenes.

Ich weiß nicht, womit er es in den letzten anderthalb Wochen gefüttert hat, aber heute wache ich auf und neben mir liegt eine breit grinsende dicke Speckmade, die viel zu wach in die Welt kuckt.

Und während ich versuche, die Zeit zu greifen, die für mich stehen geblieben ist und für alle anderen so munter weiter läuft, macht der dicke Drops neben mir munter Spucke- und Milchschaumbläschen mit dem Mund.

Bleibt alles anders.

Die Antibiotika haben ihre Schuldigkeit getan, die Schmerzmittel werden weniger, das Trauma bleibt. Wir tasten uns langsam wieder ans Stillen heran, Ausgang ungewiss. Momentan eher Trost als Nahrung. Für uns beide, irgendwie. Keine Kraft für irgendetwas anderes außer mir. Nicht mal für mich ausreichend.

Und doch heute wieder so etwas wie Alltag. Ein Versuch.
Stur, hat der Mann mich heute Nacht angeschrien, wäre ich.
Und ich weiß, wie Recht er hat.

Ich will… Ich will alleine, ich will selber, ich will alles im Griff haben, ich will mein altes Leben zurück, ich will keine Schmerzen mehr haben, ich will so nicht weitermachen, ich will mir nicht helfen lassen.

Und doch bin ich drauf angewiesen, auf diese Scheißhilfe, die ich so gar nicht brauchen will. Also schweige ich stumm, wenn er meine Arbeit erledigt. Die Kinder morgens fertig macht und in den Kindergarten bringt. Essen kocht. Backt. Aufräumt. Entscheidungen trifft.
Dem Baby eine Mutter ist…

Vielleicht ist das das Härteste. Vor Schmerzen das Baby nicht versorgen können.

Ein Schritt, heute. Er geht einige Stunden zur Arbeit.
Und ich stehe noch.

Nicht fest, nicht sicher, mit Schmerzen, mit Wut und Verzweiflung, aber ich stehe aufrecht.

Weiter. Immer. Weiter.

Bleibt alles anders

Ich habe in den letzten Tagen gleich mehrere Versprechen gebrochen, die ich mir im Laufe der letzten Jahre mühsam abgerungen habe.

Der Boden, auf dem ich gehe, ist dünn.

Ich spüre sein Beben, die Haltlosigkeit bei jedem einzelnen Schritt. Atemlos lenke ich meine Schritte weiter. Weiter, immer weiter.

Immer darauf gefasst, im nächsten Moment in die Tiefe gerissen zu werden.

Und jedes Mal, wenn ich denke, es passiert nun, jeden Moment, jetzt, gleich… dann mache ich einen weiteren Schritt.

Ich spüre das Vibrieren unter mir.

Es ist nur eine Frage der Zeit.

Wie sehr habe ich mein Leben gelebt?

Alles wird gut. Muss es aber nicht.

Was, wenn man nun einfach aufhören würde, zu funktionieren?

Wenn man sich gestatten würde, einfach nur zu sein. Man selbst.

Und wenn man auch von den anderen nicht mehr erwarten würde, dass sie sich einfügen in dieses tägliche ermüdende Spiel, das eigentlich keiner spielen will?

Würde alles zusammenbrechen oder wäre man vielleicht einfach mittendrin in einem Leben, in dem jeder er selbst sein darf?

Und wofür würde man die Energie nutzen, die man nicht mehr darauf verwenden müsste, den Anderen etwas vorzuspielen, von dem man glaubt, dass sie es brauchen oder sehen wollen?

Einsamkeiten

Kardiologie: Ohne Herzfehler können wir definitiv nicht.

Kinderarzt: „Ich würde mir bei ihrem Mann eher Sorgen machen, wenn das Baby normalgroß wäre.“ Riesen-Tuk.

Eine halbe Stunde ein laut brüllendes Kind zu beruhigen und dabei in der Hocke zu sitzen, damit der Arzt weiter schallen kann, hat mir dann gestern wieder geschmeidig die Symphyse durchgehauen. Laufen war schon mal angenehmer. Leben auch.

„Sie sehen ja SO müde aus“ ist einer der Sätze vor deren Aussprache man das Gehirn einschalten und einfach die Fresse halten sollte. Es wird einen Grund haben, dass das Gegenüber so aussieht.

Kiefernhöhlenvereiterung.

Mittelohrentzündung.

Laternenumzüge.

Egal, ich schaff das schon irgendwie mit vier Kindern.

Wut. Endlose, unbeherrschbare, traurige, einsame Wut.

Dünner Faden.