Ein Monat

Statt Liebesbriefchen ans Neugeborene ein weiteres Fazit.

Gewicht: stagniert. Kann daran liegen, dass ich zu Schmerzhochzeiten am Tag – und ich habe derer einige – bergeweise Zucker und Fett in mich hineinstopfe. Das betäubt wenigstens einigermaßen und hilft, die laut kreischenden oder nicht schlafenden Kinder zu ertragen bzw. den Mann nicht zu erschlagen.

Schmerzmittel: nehme ich wieder. Könnte stattdessen aber auch Smarties essen. Hätte den selben Effekt. Heute Nacht aktuell die Tageshöchstdosis eines Medikaments genommen, was mein Körper wiederum so scheiße fand, dass ich den Morgen kotzend auf Klo verbrachte. Mit weinendem Baby hinter mir, das ganz gerne stattdessen geschaukelt/gestillt/sonstiges werden wollte.

Familie: In meinem nächsten Leben bitte nicht, danke.

Schlaf: Ich habe mal davon gehört, ja. Soll toll sein.

Partnerschaft: Immerhin hören wir in unserem Schlafzimmer, wie die Nachbarn unter uns Sex haben. Auch wenn ich aufgrund der Taktfrequenz, in der das Bett der Nachbarn an die Wand haut, vermute, dass es sich um langohrige Nager handelt. Der pure Neid, der mich zu diesen Gedanken treibt. Wer möchte schon nicht gerne Bugs Bunny im Bett haben.

Depression: schön, sich an grauen Novembertagen oft bei dem Gedanken zu erwischen, dass wenigstens aufgeräumt ist, falls ich dem Leben plötzlich nicht mehr zur Verfügung stehe.

Freude: Die einzige Betätigung, die wirklich Freude und Zufriedenheit in mir auslöst, wurde aufgrund von Nervenschmerzen in den Armen nun auch gestrichen.

Fortschritte: Laufen wird besser.

Gebärmutterschmerzen sind auch erträglich geworden.

Und ich habe letzte Woche nur zweimal in die Hose gemacht. Einmal davon auf dem Spielplatz, auf dem ich mich mit nasser Hose und unter 10 Grad geweigert habe, nach 5 Minuten zu sagen, dass wir nach Hause müssen, weswegen ich jetzt noch eine feine kleine Entzündung mehr habe. Aber wer zählt schon.

Ich versuche, nicht verrückt zu werden.

Aber langsam gehen mir die Optionen aus.

Zwischenstände

Auch beim vierten Kind wird es nicht schöner oder angenehmer, voll eingeschäumt aus der Dusche zu steigen, um den Schnuller zu reichen.

Es gibt Kinder, die mögen nicht ins Tragetuch. Der kleine Tuk beispielsweise. Das letzte Kind bekam dann also tatsächlich noch einen Kinderwagen. Einen richtigen Kinderwagen. Mit allem Drum und Dran. Eine Wissenschaft, die definitiv nichts für mich ist. Aber er mag es, das ist die Hauptsache.

Drei große Geschwister, die den kleinen Tuk abgöttisch lieben, sind eine Herausforderung. Entweder er wird total psychotisch oder der ausgeglichenste Mensch der Welt. Ich habe mich in den letzten Wochen für die Psychose entschieden, nachdem ein Kind ständig seine Haare durchwuschelt und mit MinniMaus-Stimme komische Dinge säuselt, eines ihn mit Salami füttern will (mit Beikost kann man ja gar nicht früh genug anfangen) und das dritte ständig meine Oberteile hochzieht und an den Brüsten herumdrückt, um nach der Milch zu kucken, falls der kleine Tuk Hunger hat.

Mit Anfang 20 bei einer Schwangerschaft 30 kg zuzunehmen und danach wieder ab, ist kein Problem. Mit Mitte 20 ein bisschen was zuzunehmen und danach wieder ab, auch nicht. Mit Ende 20 während der Schwangerschaft sein Gewicht zu halten, sowieso nicht. Mit Anfang 30 während der Schwangerschaft 20kg abzunehmen und danach noch weiter, ist eine ernsthafte Herausforderung für einen Körper und besonders für die Haut. Ich wette – und ich werde nicht den Beweis antreten – wenn ich anfangen würde zu joggen, würde es sich anhören, als würde man eine sabbernde Dogge bei Tempo 130 in den Fahrtwind halten.

Humor ist, wenn man trotzdem noch mal Sex hat.

Langsam bin ich bereit für ein größeres Auto. Vielleicht nicht mehr dieses Jahr, aber der Gedanke ist nicht mehr ganz so erschreckend. Kann auch daran liegen, dass ich Spaziergänge hasse, die nur dazu dienen, an einen anderen Ort zu kommen, an dem man dann spazieren gehen will.

Blicke – diese Blicke – sind zum Kotzen.

Fragen – diese Fragen – auch. Ich wurde etwa dreimal gefragt, wie es mir ginge, etwa dreißigmal, ob das jetzt aber das letzte Kind sei. Oh, und nach einer Woche immerhin einmal, ob das Baby denn schon durchschlafen würde.

Das alte Spiel „Ich hatte die schlimmste Geburt der Welt“ ist nach wie vor aktuell. Was man sich mit einem Neugeborenen für Horrorgeschichten anderer Menschen anhören kann, die allesamt fast verblutet wären, ohne Narkose per Notkaiserschnitt fast im Taxi entbunden wurden, auf andere dramatische Arten beinahe gestorben wären oder entweder bis zur Leber/Milz/in den Zwölffingerdarm gerissen sind und mit wahlweise 50 Stichen genäht wurden oder drei Jahre später noch nicht richtig kacken können, ist faszinierend. Und interessiert mich … gar nicht. Von der einen Frau kenne ich nicht mal ihren Namen, geschweige denn, dass ich wüsste, ob sie überhaupt Mutter eines Kindergartenkindes ist. Sie gesellte sich einfach zu der Runde schnatternder Frauen, die erst mein Kind betrachteten und dann blutige Details aus ihren Geburten zum Besten gaben.

Ich kann mich nicht entscheiden, ob ich die Zeit lieber schneller vergehen lassen oder sie anhalten möchte. Mal so, mal so.

Sehnsucht ist Scheiße.

Richtig Scheiße.

Verlorene Tage

Ich habe seit der Geburt jeden Tag ein Foto gemacht.

Weil ich ganz tief hinten in meinem Kopf weiß, dass ich mir diese Zeit irgendwann ansehen will, wenn sie schon nur durch den Schleier von Angst, Schmerz und Panik wahrgenommen wurde.

Es wird heller, langsam, und ich sehe dieses Baby, dass nun 4 Wochen mit uns lebt und frage mich, wie es wohl vor zwei Wochen, vor drei Wochen, nach der Geburt ausgesehen hat.

Ich werde mir diese Bilder irgendwann ansehen.

Letztes Baby. Letzte Male. Ich räume die erste Kleidung nach und nach in Kisten – das erste Mal ohne leise Vorfreude und das Wissen, dass da noch ein Mitglied unserer Familie fehlt, das ebenfalls diese Kleidung in seinen ersten Tagen auf dieser Welt tragen wird.

Erste Schritte und letzte Schritte nebeneinander.

So schwer zu tragen. Allein damit.

So weit von meiner Mitte entfernt, wie es nur möglich ist.

30

30 Stunden ohne Schmerzmittel. Die Fortschritte, die ich dachte, gemacht zu haben, waren reine Illusion.

Heute Nacht, irgendwann zwischen 2 und 4 Uhr, war der Medikamentenschrank ein sehr verführerisches Objekt.

Standhaft geblieben.

Bleibt die Frage nach dem Sinn.

Weiter.

Verführung

So verlockend, einfach zu fliehen. So oder so.

Sucht, Tod, was auch immer. Ist im Grunde vielleicht sogar das Gleiche.
Die Rückkehr ist es, die Probleme bereitet.
Kleines zahnloses Lächeln, das mich in dieser Welt hält.
Dieser Geruch, der mehr als nur fünf Sinne anspricht…
Der Hauch einer Ahnung nur, was noch kommen könnte.
Müde.
Trostlos.
Es muss nicht gut sein, um weiterzugehen.
Ab einem bestimmten Punkt geht es nur noch um die Sache als solche.

Weiter, immer weiter.

Verbittert

Wenn man sich nicht mal mehr traut, einen blöden Wunsch zu äußern, weil alle Katastrophenszenarien der Vergangenheit plötzlich vor dem geistigen Auge auftauchen.

Auszeit zur Erholung, nur um dann heute Abend gestresster zu sein als jetzt – nein danke.

Fortschritte

Drei Wochen und es ist mit viel harter Arbeit Besserung in Sicht. Schön ist das alles nicht. Die Verletzung der Symphyse geht langsam ins Erträgliche. Wobei ich das gar nicht so genau sagen kann, weil ich seit 20 Tagen Schmerzmittel schlucke. Massig.

So ne Blitzgeburt ist wirklich verheerend… wenn man nicht gerade darauf steht, dass ein 4 Kilo Baby mit einer einzigen Presswehe von ganz tief im Bauch mit viel Gewalt auf die Welt katapultiert wird. Das ist so eigentlich nicht vorgesehen und ich erkenne, dass es einen Sinn hat, dass Babys langsam zur Welt kommen. Gewebe ist nur begrenzt belastbar und mein Unterleib ist ein einziger Kollateralschaden.

Banale Erkenntnisse wie die Tatsache, dass Schließmuskeln eine tolle Erfindung sind, so lange sie funktionieren, gibt es jeden Tag wieder aufs Eindrucksvollste vorgeführt. Das Leben ist kein Ponyhof.

Mein Körper und ich schachern um jeden Zentimeter. Es geht einen Schritt vor, einen zurück. Mal sind es auch eineinhalb nach vorne, mal dann wieder zwei zurück. Wer gewinnt, kann ich noch nicht absehen.

Wir halten uns gar nicht erst mit Äußerlichkeiten auf, auch wenn ich den Blick in den Spiegel weitestgehend meide. Meine Bauchdecke ist ohnehin mein geringstes Problem, wenn mein Genitalbereich aussieht, als hätte man eine Handgranate in eine Rinderhälfte geworfen. Auf eine surreale Art und Weise … interessant. Wenn es einen nicht gerade selber betrifft.

Als die Hebamme nach der Geburt hektisch in meinen Bauch drückte und mein Mann sich um das Baby kümmern musste, weil sie meine Gebärmutter daran hindern musste, einfach rauszufallen, war es fast schon humoresk, wie sie ihn durch die Schubladen dirigierte und er wie ein Hebammenpraktikant ihre Aufgaben übernahm, während ich dort lag/hockte/wasauchimmer und meine Organe wieder in den Körper gedrückt bekam.

Nicht so lustig war das Erlebnis einige Tage später, als ich ein Kind hochheben wollte und dann keiner da war, der hätte drücken können.

Immerhin, ich weiß inzwischen, wie sich drei Wochen migräneartige Dauerkopfschmerzen anfühlen. Ich bin einfach umgekippt, als ich mir auf einem Bein stehend einen Socken anziehen wollte. Geht nicht mehr. Beckenverletzung. Entzückend. Stabilität war gestern. Man sollte ja eh mit beiden Beinen auf dem Boden bleiben… Ist auch bodenständiger. (nicht abheben, kein Ponyhof hier…)

Die Milch ist nach einer feinen kleinen Brustentzündung nun weg, der Kreislauf auch. Die Sehstörungen sind inzwischen jenseits von Gut und Böse. Aber hey, ich kann meine Füße wieder sehen, wenn ich dann mal was sehe.

20kg weniger als vor der Schwangerschaft und es wird täglich weniger. Stress ist super, wenn man abnehmen will. Wenn nicht, eher nicht.

Bauchmuskeln sind bis auf einen Fingerbreit wieder zusammen, beim Bauchmuskeltraining mache ich inzwischen erst nach der vierten Wiederholung schlapp. (das lohnt ja das Hinlegen nicht, Mami, sagt der Kobold)

Ironman, ich komme.

Beckenbodentraining läuft wunderbar, wenn man die Schmerzen nicht beachtet. Aber da ich aus anderen Gründen eh tonnenweise Schmerzmittel konsumiere – auf professionellen Rat hin – ist das vermutlich eh nur das gedämpfte Gefühl. Also wann anfangen, wenn nicht jetzt, wo noch so viel betäubt wird. Und den Rest meines Lebens Windeln tragen lehne ich vorerst mal für mich ab.

Oh, letzte Woche Donnerstag hätte ich fast den ersten Tag seit der Geburt nicht geheult. Fast. Aber immerhin. Ich arbeite dran.

„Ist alles vergessen, wenn das Baby dann erst mal da ist.“

Jaja, du mich auch.