Lieber Opa,

herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag.

94 Jahre würdest du heute alt werden.

Der Kirschbaum hat wie immer an deinem Geburtstag die ersten Blütenknospen, um an deinem Todestag in 16 Tagen in voller Blüte zu stehen.

Ich vermisse dich. Immer noch. Ich weiß nicht, ob das jemals besser wird.

Niemand, der geliebt wird, ist wirklich tot. Und du wirst geliebt. Du bist lebendig. In meiner Erinnerung, in meinen Erzählungen, in dem, was ich den Kindern weitergebe. Und doch vermisse ich dich so sehr.

Vor zwei Jahren trat ein weiterer Hund in mein Leben, der Trottelige, du weißt schon. Ich wünschte, du hättest ihn noch erleben können. Du hast Hunde so verehrt, auch wenn du dir nie einen erlaubt hast.

In dem Moment, in dem ich gesehen habe, an welchem Tag er geboren wurde, wusste ich, dass er für mich ist.

Und er erinnert mich jeden einzelnen Tag so sehr an das, was du mir vermittelt hast. Dass das Leben nicht planbar ist. Nicht berechenbar. Dass man es nehmen muss, wie es kommt. Dass man Feste feiert, wie sie fallen. Dass Spaß ein Grund ist, etwas zu tun. Dass Liebe nichts mit Leistung zu tun hat. Das. Vor allem das ist etwas, das ich nur durch dich gelernt habe.

Ich wäre nicht der Mensch, der ich sein wollte, wenn es dich in meinem Leben nicht gegeben hätte.

Du warst so unperfekt, so fehlerhaft, so menschlich.

Und du hast mich geliebt. Unendlich. So wie ich dich geliebt habe. Das war lange Jahrzehnte die einzige Sicherheit, die es in meinem Leben gab.

Wenn ich aus meiner Kindheit und Jugend irgendetwas benennen sollte, das den entscheidenden Unterschied gemacht hat, dass ich nicht zu dem irren Psychopathen wurde, zu dem ich gemacht werden sollte, dann würde ich deinen Namen sagen.

Du warst meine Insel.

Die Burg in meinem Inneren, in der mein Kind Zuflucht fand.

Ich liebe dich.

Lieber Opa,

es ist gerade etwas seltsam hier.

Vor 11 Tagen habe ich noch mehr als sonst an dich gedacht, weil wir da den ersten Geburtstag des kleinen Eisbären, der mal ein Hund werden möchte, gefeiert haben und dieser so schicksalsträchtig auf deinem Geburtsdatum liegt.

Der Kirschbaum war an diesem Tag voller Knospen, wie jedes Jahr.

Und wie jedes Jahr wird er in 5 Tagen – an deinem Todestag – in voller Blüte stehen.

Du bist in diesem Jahr 11 Jahre tot und immer noch so lebendig für mich wie du es immer warst.

Ich würde dir so gerne von deinem Sohn erzählen und davon, wie er seinen Frieden findet und wie ich meinen Frieden mit ihm mache, aber das weißt du vermutlich längst.

Der psychopathische Mann im Anzug, vor dem du mich beschützt hast, aber nie retten konntest, der ist schon lange weg. Wir schaffen gerade etwas Neues, das ich bislang nur aus der Beziehung mit dir kenne. Ich frage mich, wie er so viele Jahrzehnte ein Leben leben konnte, das anscheinend so wenig seinen innersten Bedürfnissen entsprochen hat.

Und ich glaube, da liegt viel in deiner Verantwortung. Nicht Schuld. Aber Verantwortung.

Du warst immer so stolz darauf, dass er sein Leben lang verleugnet hat, was er wirklich wollte: Natur, Abgeschiedenheit und seine Ruhe. Natürlich hat ihn die Chemie interessiert, aber eher das Bombenbauen. Nicht der Teil mit Anzug, Vorstandsetage und internationalen Verhandlungen.

Den wolltest nur du für ihn. Und darauf warst du mehr als stolz. Das bessere Leben, das du immer für ihn wolltest, das hat er gelebt. Mit Luxus, Reichtum, Ansehen, perfekter Familie. Und es hat ihn unglücklich gemacht.

Inzwischen lebt er allein im Wald. Mit minimalen sozialen Kontakten. Mitten in der Natur. Versorgt sich selbst, hat seine Ruhe und ist … glücklich. Ich wünschte so sehr, du könntest ihn so erleben. Und ich frage mich, ob dich das stolz machen würde. Oder ob das bessere Leben, das du für ihn wolltest, diesen Aspekt nie vorgesehen hatte. Er war in all seinem Unglück ein sehr schlechter Vater.

Und ich glaube, du warst ihm auch einer.

Danke.

Wir haben in den vergangenen Jahren viele schmerzhafte Lektionen gelernt.

Ich glaube, ich habe mich nie richtig bei dir dafür bedankt, dass du um uns gekämpft hast, als ich uns schon fast aufgegeben habe.

Dass du ausgehalten hast.
Mich.
Dich.
Uns.
Den Schmerz.
All meinen Hass, die Wut und die Dunkelheit.

Dass du dich jeden Tag der schmerzhaften Auseinandersetzung mit mir gestellt hast, ohne jemals dein Rückgrat zu verlieren.

Du hast dort gestanden, aufrecht, stark, unbeugsam und … demütig.

Wir sind andere, als wir davor waren und das ist etwas Gutes.
Wir haben es geschafft, unser Licht vor der Dunkelheit zu bewahren.
Das ist zum größten Teil dein Verdienst.
In all der Zeit hast du niemals an uns gezweifelt. Bist nie auch nur einen Schritt zurückgewichen.
Egal, wie sehr ich getobt habe.
Und dafür bin ich dir unendlich dankbar.

Man sagt, die besten Männer erwachsen aus ihren größten Fehlern.

Danke, dass du da bist. Dass du zu mir gehörst.

Ich liebe dich.

Wenn du nicht tot wärst…

… dann hättest du heute Geburtstag.

Hört man im Tod auf, Geburtstag zu haben?

Auf jeden Fall wohl nicht für die Lebenden. Und so wird auch für mich dieser Tag Zeit meines Lebens immer mit deinem Geburtstag verbunden sein.

Du bist jetzt fast 2 Jahre tot. Die Umstände deines Sterbens haben mir den Abschied von dir leicht gemacht. Dein Schweigen war immer leichter zu ertragen als der offene Hass. Weh tat beides.

Ich war noch keine 10 Jahre alt, als ich aufhörte, Mama zu dir zu sagen. Dieses Wort kam nie wieder über meine Lippen und auch in Gedanken nenne ich dich niemals so. Ich habe im Grunde keinen richtigen Namen für dich. Vielleicht hätten wir noch einen gefunden, wenn wir die Chance auf ein letztes Gespräch gehabt hätten… Ich weiß es nicht. Ich weiß, dass ich seit fast 2 Jahren meinen Vater wiederhabe. Neu kennenlerne. Anders kennenlerne. Das wäre nicht geschehen, wärst du nicht so früh gestorben. 

Manchmal besuchst du mich noch in meinen Träumen. Nicht mehr so bedrohlich wie früher. Es ist inzwischen okay. Ich kann dich dort lassen. Deine Macht war endlich.

Das begreife ich aber auch erst jetzt.

Vor einigen Wochen habe ich das allererste Mal in meinem Leben etwas Schönes von dir geträumt. Es war eine Abschiedsszene. Dein Gesicht war freundlich, zugewandt. Ohne Hass, ohne Bitterkeit. Du entferntest dich von mir und ich war lange unschlüssig, was ich tun sollte. Du warst so freundlich. Echt. Authentisch. So kannte ich dich nicht. Und irgendwie wusste ich, dass dies ein Abschied für immer sein würde. Also richtete ich mich irgendwann auf und schrie: „Ich liebe dich!“ hinter dir her. Worte, die mir in unser beider Leben nie über die Lippen gekommen sind. Aber ich brüllte sie aus tiefster Seele. So laut ich nur konnte. Du musstest sie einfach hören. Und ich glaube, das tatest du. Du hast gelächelt. Mich angelächelt. Wie es eine Mutter getan hätte. Dann warst du verschwunden und ich blieb zurück.

Wo auch immer du nun bist, ich wünsche dir vor allem eines: Frieden.

Und dass du loslassen konntest, was dich innerlich zerfressen hat.

14 Jahre

Mein geliebter Mann,

heute Abend ist es 14 Jahre her, dass ich dich das erste Mal gesehen, das erste Mal berührt und das erste Mal erlebt habe, wie es sich anfühlt, wenn eine Seele auf ihre andere Hälfte trifft.

Wir sind fernab jeder Realität aufeinander getroffen und alles was ich wusste, war, dass ich diese Erinnerung ein Leben lang mit mir tragen würde. Als wir zwei Tage später auseinander gingen, war es ein Lebewohl, das schmerzhafter war als alles, was ich bis dahin erlebt hatte. Es würde reichen müssen. Unsere Leben warteten wieder auf uns.

Das Band zwischen uns war jedoch schon so stark, dass wir beide gegen jeden Widerstand, gegen jeden Umstand und gegen jede Vernunft alles hinter uns ließen, was bis dahin unser Leben bestimmte.

Als wir geheiratet haben – heute vor 12 Jahren – hat der Standesbeamte den Nachsatz weggelassen: „Bis dass der Tod euch scheidet“ stand bei uns nie zur Debatte.

Wenn, dann ewig.

Du kennst meine schwärzesten Abgründe und Gedanken, die ich nie vor irgendjemandem außer dir offenbaren würde. Du kennst meine besten Seiten und auch meine verzweifeltsten Momente. Wir haben vier Kinder gemeinsam auf die Welt gebracht und Eines davon beerdigt. Jedes davon habe ich in deine Hände geboren.

Du bist mein Fels in der Brandung, die starke Schulter, die immer da ist, wenn ich sie brauche.

Und auch als wir vor Jahren am Abgrund standen und aller Glaube, alles Vertrauen, alle Hoffnung plötzlich verschwunden schien – die Liebe war immer da.

Wir haben uns am tiefsten Punkt unserer Beziehung dasselbe versprochen wie in unseren leichtesten Zeiten.

Wahrheit. Treue. Loyalität. Freundschaft.

Du bist mein Regulativ, die Stimme der Vernunft, wenn ich die Bodenhaftung verliere. So wie ich deine Flügel sein darf, wenn du dich im Pragmatismus verlierst.

Ich begehre dich – genauso und unendlich mehr als am ersten Tag. Ich habe in deinen Augen niemals etwas anderes als reine Bewunderung, Begierde, Zärtlichkeit, Liebe, Verständnis und Leidenschaft gesehen.

Du bist alles für mich.

Ich liebe dich.

Jetzt.

Und für immer.

Lieber Opa.

Heute sind es 10 Jahre, die du nicht mehr hier bist.

Vor 10 Jahren lagst du schon seit zwei Tagen im Krankenhaus, weil es dir nicht so gut ging. Nichts Wildes. „Alles gut“, sagten die Ärzte. Und trotzdem war ich schon seit Tagen unruhig. Trotzdem konnte ich deinen letzten Blick zum Abschied nicht vergessen, als wir dich erst zwei Wochen zuvor besucht hatten. Und an diesem Tag um 21:15 Uhr hatte ich das unglaublich beunruhigende Gefühl, dass etwas ganz und gar nicht stimmt. Der Mann rief für mich im Krankenhaus an und die Schwester sagte nur leise, sie würde das Telefon zu Oma bringen. Sie war an diesem Tag nicht wie sonst um 18 Uhr nach Hause gefahren, sondern blieb bei dir. Und hielt die ganze Zeit deine Hand.

10 Minuten vor unserem Anruf bist du gestorben, nachdem du ihr Lebewohl gesagt hattest. Wir packten noch in der Nacht Kleidung und alle Kinder zusammen und fuhren zu euch. Es sollten noch zwei Tage vergehen, bis ich dich bei der Aufbahrung ein allerletztes Mal in meine Arme schließen durfte. Den allerletzten Kuss auf deine Stirn – so wie du mich als kleines Mädchen immer auf die Stirn geküsst hast.

Opa, ich vermisse dich.

Du warst ein großartiger Opa. Der Beste. Mein Held. Mein Riese.

Der Inbegriff von Stärke, Mut und Schutz.

Du hast in deinen letzten Jahren mal sehr wehmütig zu mir gesagt, es wäre kein schönes Leben gewesen. Der Krieg hat so viel in dir zerstört. Du musstest Dinge sehen und erleben, die dich niemals mehr losgelassen haben.

Aber weißt du was?

Du warst wichtig. Für mich.

Du hast den entscheidenden Unterschied gemacht.

Dein Leben und deine Liebe haben mir die Kraft gegeben, wieder aufzustehen. Weiterzumachen. Nur durch dich weiß ich, wie Liebe zu einem Kind aussehen kann.

Du hast das Feuer am brennen gehalten, als ich es löschen wollte.

Ich denke an dich, wenn ich die Kaninchen sehe, ich denke an dich, wenn der Kirschbaum wie jedes Jahr an deinem Geburtstag die ersten Blätter bekommt und wie jedes Jahr an deinem Todestag in voller Blüte steht.

Ich denke an dich, jedesmal wenn ich ein Werkzeug in die Hand nehme und einen Nagel einschlage, wenn die Kinder zu laut sind und ich gedanklich zu einem „Leiser!“ ansetze. Dann höre ich deine tiefe dröhnende Stimme in meinem Kopf und bleibe still.

Ich denke an dich, wenn ich Vanilleeis kaufe und bei Himbeeren. Wenn wir Braten essen. Wenn jeden Tag dein und Omas Geschirr auf dem Tisch steht. Wenn ich im Garten grabe, wenn ich Eier sammle, wenn ein Kind nicht aufgegessen hat und wir grinsend darüber feixen, dass du dir den Teller schon längst geschnappt hättest.

Es ist so viel aus meinem Leben untrennbar mit Erinnerungen an dich und mich verknüpft, dass ich niemals ohne dich sein werde.

Und trotzdem fehlst du mir. So sehr.

Hej Dad.

Ich bin hier.

Du bist dort.

Und trotzdem haben wir Kontakt.

Nicht so, wie andere Menschen Kontakt haben, aber es hängt ein ganz dünnes loses Band zwischen uns. Mehr ein Faden als ein Band vielleicht. Es sind nur Momente, nur ein paar wenige Zeilen, die manchmal den Besitzer wechseln. Es ist Kontakt. Es ist kein Dialog. Wird es vermutlich auch nicht. Ich habe so viele Gefühle, die ich dir nicht schreibe, das willst du nicht. Ich akzeptiere das. Keine Vergangenheit. Das sind deine Spielregeln. Ich habe keine. Ich habe mich entschieden, dass ich mich darauf einlasse, was sich so zart entspinnt und vielleicht niemals weiterentwickelt als bis zu diesem Punkt. Wir schreiben über das Wetter. Über unsere Gärten. Über Dinge, die niemals persönlich werden können. Aber wir schreiben. Ich möchte dir manchmal so viele Dinge sagen. So vieles, das mich beschäftigt. Dass ich inzwischen – mit fast 40 Jahren – manche Dinge endlich verstehen kann. Ich bin nicht du. Du bist nicht ich. Und doch bist du ein Teil von mir. Nicht mehr als bedrohlicher Patriarch, der mir so viel Gepäck in meinen Rucksack geladen hat. Sondern als mein Vater. Da ist ein winziger Platz in meinem Herzen, der nur für dich ist. Das ist viel mehr, als ich jemals für möglich gehalten hätte und es entzieht sich jeder Bewertung.

Es ist wie es ist.

ungeschrieben

Wir schreiben miteinander. Nicht richtig, aber immerhin. Da ist eine Art von Austausch.

Ich weiß nicht, wie es dir geht und ich kann es dich auch nicht fragen.
Es erschiene mir vermessen, dir eine derart persönliche Frage zu stellen.
Sie ist zu intim, zu distanzlos.
Und ich weiß, dass du mir nicht die Wahrheit sagen würdest.
Ich weiß, dass Gefühle in unserer Beziehung keinen Platz haben.
Nie hatten.

Meine größte Errungenschaft als Erwachsene ist es, dir vor drei Jahren ganz klar und offen gesagt zu haben, wie sehr ich dich einmal geliebt habe. Ich habe das losgelassen. Du warst trotz allem mein Vater, auch wenn ich dich nicht so nennen konnte. Ich sitze hier in meinem Zuhause, das du nicht kennst und höre unserem Lieblingssänger zu. Das heißt – ich weiß nicht, ob es noch Deiner ist. Aber ich erinnere mich an unzählige gewaltlose Stunden, in denen wir die Liebe zur Musik geteilt haben. Diese Erinnerungen sind so kostbar.

Inseln von Licht in einem Leben voller Schatten.
Meine Kinder, die du nicht kennst, sind in der Schule und ich liebe sie alle. Ich habe ihnen heute Morgen allen gesagt, dass ich sie liebe, so wie jeden Tag. Wir haben uns umarmt und ich freue mich darauf, sie heute Mittag und Nachmittag wiederzusehen.
Ich lebe ein glückliches Leben mit ihnen.
Mit ihnen und dem Mann, der an meiner Seite geht.
Den du kaum kennst und von dem du damals nur seinen beruflichen Erfolg sehen konntest.
Mit dem Mann, der meiner Seele ein Zuhause gegeben hat.
Vor drei Jahren habe ich dich in unsere Welt eingeladen. Du hast abgelehnt. Manchmal frage ich mich, ob da irgendwo in deinem Innersten vielleicht noch ein Platz für das Schöne ist.

Für die Liebe.
Die Sehnsucht.
Hoffnung.

Oder ob du von den Menschen so enttäuscht bist, dass sich dieser Platz für immer verhärtet hat. Vielleicht ist es auch nur die Beziehung zu mir.
Du hast deutliche Worte dafür gefunden, wie enttäuscht du von mir, meinem Lebensentwurf und meinen Entscheidungen bist.
Dass du mich nicht liebst.
Dass nur ganz früher, als ich sehr klein war, überhaupt so etwas wie Zugewandtheit da war.

Ich habe diese Worte gelesen.
Jedes einzelne wie ein Messerstich.
Und doch kann ich deine Ehrlichkeit anerkennen.
In der Welt aus Lügen, die meine Mutter ihr Leben lang um uns herum aufgebaut hat, sind sie eine Wohltat.

Jetzt sind nur noch wir übrig.
Wohin werden wir gehen?

Werden wir überhaupt irgendwohin gehen?

Oder kreuzen sich unsere Lebensbahnen nur noch ein letztes Mal durch den Tod meiner Mutter?

Fassungslos [Anne]

Ich sehe immer noch jeden Tag auf deine Seiten.

Immer und immer wieder.
Es ist 7 Jahre her, dass wir uns voneinander gelöst haben.
Es war unschön. Sehr. Es ist viel passiert.
Das Jahr, das ich mit dir verbracht habe, war eines der intensivsten meines Lebens. Ich habe dich so sehr geliebt. Vergöttert.

Unendlich begeistert, dass ich tatsächlich einen Gleichen gefunden hatte. Niemals hätte ich das für möglich gehalten.
Wir haben uns gestützt. Hochgeholfen.
Und wehgetan. So furchtbar weh.

Meine Computerdateien zeugen von diesem Jahr.
Da sind nämlich keine. Kaum Fotos, keine Blogeinträge, nur der Austausch mit dir. Das war alles, was zählte. Ich habe dir so viel zu verdanken. So.verdammt.viel.

Du warst ein Ausnahmemensch, nicht nur für mich.
Und du hast schwer an deiner Last getragen.

„Ich weiß, dass ich früh sterben werde.“

Das ist ein Satz, der mich nie mehr losgelassen hat.
Ich habe ihn abgetan, ich konnte das nicht gut annehmen.
Und du hast ihn wiederholt. Eindringlicher.

 „Ich weiß, dass ich früh sterben werde.“

Es war dir bitterernst. Du hast mir von deinem Mann erzählt, der schon einmal seine Frau gehen lassen musste. Und dass du alles nur Menschenmögliche tun würdest, damit diese Geschichte sich nicht wiederholen würde. Es ist dir nicht gelungen.

Und es lässt mich fassungslos zurück, wie das Leben so ungerecht sein kann. Immer wieder.

Die vielleicht bitterste Erkenntnis des Lebens ist, dass nicht alle Geschichten gut enden.

Egal, woran wir glauben.
Egal, wie hart wir kämpfen.
Ich vermisse dich.
Seit 7 Jahren.
Seit fast zwei Monaten.
Schon immer.
Für immer.

Niemand nach dir, habe ich dir damals versprochen und das fällt mir leicht.

Du bist und warst einzigartig.

11 Jahre

Heute vor 11 Jahren habe ich dich geboren.
Heute vor 11 Jahren bist du gestorben.

Ich weiß noch, wie ich mittags nach Hause kam.
Ich spürte das charakteristische Gefühl im Unterbauch, das nur eine reißende Fruchtblase verursachen kann. Ich rief deinen Vater an, dass er bitte ebenfalls nach Hause kommen solle, mir wäre gerade die Fruchtblase geplatzt.

Für den Herzschlag einer Ewigkeit freute ich mich – die Geburt würde losgehen. Ich würde ein Baby bekommen.

Unser Baby. So sehr gewünscht.
Bis der Kopf realisierte, dass dieses Reißen der Fruchtblase dein Todesurteil sein würde. Deine beiden großen Geschwister hielt ich auf meinem Schoß und sang mit ihnen alle Lieder der „Anne Kaffeekanne“-CD durch. Ich habe diese Lieder seit 11 Jahren aus dieser Familie verbannt. Es ist mir nicht mehr möglich, sie zu hören.

Nie wieder.
Es tut einfach zu weh.
Ich schaukelte das große Tochterkind und den Kobold und sang und wartete darauf, dass der Mann nach Hause käme.
Irgendwo zwischen Hoffen und Bangen und Leugnen.
Zwei Tage zuvor erst hatte ich das Gefühl, es wäre etwas mit dir nicht in Ordnung. Ich hatte das Gefühl, es stimmte etwas ganz und gar nicht.

Ich war bei meinem Frauenarzt.
Das CTG war prima.
Deine Tritte spürte ich ebenfalls.
Der Ultraschall zeigte dich, fröhlich umherrudernd.
Strampelnd.
Das Herz kräftig schlagend.
Ich ging wieder nach Hause.

Mit dem furchtbaren Gefühl, dass irgendetwas überhaupt nicht in Ordnung war.

Kurz nachdem der Mann zuhause ankam, hielt ich dich auf meiner Hand.
So winzig.
So perfekt.
So tot.

Alles war voller Blut.
Ich war in Panik.

Ich weiß nicht mehr, womit dein Vater die anderen Kinder abgelenkt hatte, aber alles, woran ich mich erinnere, ist, dass er wie ein riesiger Schild um mich herum war. Ich sah nur noch dich, hörte nichts mehr.

Der Mann hielt mich. Lange. Fest umfangen.
Das ist das vorherrschende Gefühl, das ich heute habe, wenn ich an diesen Tag zurückdenke. Die Festigkeit seiner Umarmung.
Das Gefühl von Schutz, das verhinderte, dass ich in meiner Verzweiflung ertrinke. Irgendwann ging ich durch den langen Flur ins Badezimmer und hinterließ große Blutlachen und blutige Fußabdrücke.
Als ich aus der Dusche kam, war davon nichts mehr zu sehen.

Ich hatte Schmerzen.
Nachwehen.
Wir fuhren zum Arzt.
Wir fuhren ins Krankenhaus.
Wir warteten.

Mit einem toten Kind in einer Tasche.

Irgendwann war ich es leid, inmitten von starken Nachwehen mit meinem toten Kind und zwei kleinen Kindern in der Notaufnahme eines Krankenhauses auf eine Ausschabung zu warten, während sich niemand um mich kümmern wollte.

Ich ging.
Nach Hause.
Ich bin heute noch sehr dankbar für den Weg, den das Schicksal für mich bereithielt.
Zuhause konnte mein Körper die Arbeit tun, für die er geschaffen wurde und heilen.

Du wogst zu wenig, um dich zu beerdigen.
Du wogst zu wenig, als dass wir dir einen Namen hätten geben dürfen.
Du wogst zu wenig, als dass anerkannt worden wäre, dass du existiert hast.

Ich habe dich so lange Wochen getragen und jeden Tag deine Bewegung gespürt und es war plötzlich, als hätte es all das niemals gegeben.

Das war das Schwerste.
Die Wochen und Monate danach waren schwarz.
So dunkel in meiner Erinnerung.

Vor einigen Jahren hat sich die Gesetzgebung geändert und so sind wir vor zwei Jahren mit klopfendem Herzen und einem Mutterpass in der Hand auf unser Standesamt gegangen.

Seit diesem Tag haben wir eine offizielle Urkunde.
Mit deinem Geburts- und Sterbedatum.
Mit deinen Namen für dich, für unser Kind.
Der Beweis, dass du da warst.
Hier bei uns, auf dieser Welt.

Gewollt, geliebt, geboren, gestorben.
So sehr gewollt. So sehr geliebt.

Und heute ist es in Ordnung, so wie es ist.
Und ich hätte dich so gerne kennengelernt.

Du fehlst hier.