Mein geliebter Held,

als ich noch klein war, da hast du immer gesagt:

„Wenn Oma mal tot ist und ich ganz alt bin, dann komme ich zu dir. Du kümmerst dich dann um mich.“

Und ich sagte jedesmal: „Na klar. Aber jetzt bist du ja noch fit!“

Dann nicktest du und deine großen Pranken schlossen sich wieder sanft um mich.
Jetzt ist 30 Jahre später, Opa.
Du hast dein Versprechen gebrochen.
Du hast gesagt, du stirbst nicht, bevor ich nicht bereit dafür bin.
Und du bist als erstes gestorben.

Oma wohnt jetzt hier.

Als wir vor fünf Monaten die Entscheidung getroffen haben, sie zum Sterben zu uns zu holen, da war es auch der Tribut an dich, der mir diesen Weg so leicht machte.

Ich glaube nicht, dass du Oma allein lassen wolltest.
Aber du bist eben auch schon 8 Jahre tot.
Also beschloss ich, dass ich nun für sie da sein würde.
Sie lag in den letzten Zügen. Hat sich verabschiedet.
Und ja, ihre letzten Tage sollte sie nicht in diesem tristen Heimzimmer verbringen, in dem sie seit einigen Jahren lebte und seit Ende letzten Jahres nur noch vor sich hinvegetierte.

Eine Begleitung auf den letzten Metern. Absehbar.
Das ist nun vier Monate her und ich weiß inzwischen gar nicht so recht, wer hier mit uns lebt.

Es ist nicht die Oma, die ich von früher kenne.
Es ist auch nicht die Oma, mit der du verheiratet warst.
Der wir beide so viele Schandtaten beichten mussten, die meine Kindheit so bunt gemacht haben.

Ich unterhalte mich manchmal mit ihr über dich, aber es scheint, als hätten wir nicht denselben Menschen gekannt.
Als wäre nur ich da, die dich so abgöttisch geliebt hat.
Sie hat es nicht getan.
Wenn sie über dich spricht, zerreißt es mir mein Herz.

Das bist nicht du.
Den Mann, der du für mich warst, den kennt sie nicht.

Es ist gerade schwer für mich.

Lieber Alfred,

ich habe so lange überlegt, was ich dir schreiben soll. Ob ich dir schreiben soll. Ich habe mich dagegen entschieden.
Du warst mir auf den ersten Blick sympathisch.

Ich wurde dir unsympathisch, als du hier einziehen wolltest und wir nicht sofort mit Pauken und Trompeten Ja gesagt haben, zusätzlich zu 6 Kindern, dazwischen zwei, die wir nicht kennen, deren Mutter vor einigen Monaten gestorben ist und die einen Haufen Probleme mitgebracht haben, auch noch einen mopsfidelen 77jährigen mit dem Anspruch, gerne den ganzen Tag von mir bekocht und umsorgt werden zu wollen, das größte Zimmer im Haus, das inzwischen ganz schön eng geworden ist, bewohnen und ansonsten die nächsten 10-15 Jahre hier einen schönen Lebensabend verbringen zu wollen.

Jetzt ziehst du weg. Zu deinem jüngeren Sohn.
Ich bin in deinem neuen Zuhause nicht willkommen.
Das hast du deutlich gemacht.
Dein ältester Sohn und die zwei Zusatzkinder schon.
Deine anderen Enkel nicht.

Vielleicht hören wir uns noch einmal.
Vielleicht auch nicht.

Es ist ja nicht so, dass du jemals etwas über mich wissen wolltest.
Nimm die Lügen, die du über mich geglaubt hast, mit.
Es ist wie es ist.
Ich wünsche dir von ganzem Herzen, dass du dort glücklich wirst.
Leb wohl und Gute Reise.

Bankrott

Okay.

Absicherung war also nicht dein Ding.

Du hast dich stattdessen vor deinem Tod heimlich für die Variante All In entschieden. Dir dein Geld aus der Lebensversicherung auszahlen lassen für Dinge, die es komfortabler und schöner machen.

Ich kann das sogar ein Stück weit verstehen.
Das letzte Hemd hat keine Taschen und so…
Aber rechtlich haben deine Kinder nun gerade einen ziemlichen Scheiß an der Backe.
Und wir damit auch.

Wir, unser Anwalt, mehrere Banken und dem Himmel sei Dank sehr kompetente Mitmenschen versuchen gerade alles, um das Schlimmste abzuwenden. Die Schulden werden solange mit jedem Monat um ein Vielfaches größer. Die Null für die Kinder ist unser neues Ziel. Fraglich, ob wir es erreichen können.

Ich habe alles in deinem Haus durchsucht. Es war schrecklich. Deine Eltern wollten das nicht machen. Also haben wir es gemacht. Mit vier Kindern. Man sieht dem Haus an, dass du keine Zeit oder vermutlich auch keine Kraft mehr hattest, dort noch anzukommen.
Ich stell schon keine Fragen mehr.
Du hast alles, was du dort mit hingenommen hast, zwei Monate vorher bewusst eingepackt, um dort hinzuziehen und dort zu sterben. Du wusstest das schon. Und ich weiß, der menschliche Geist ist ein professioneller Verdrängungskünstler, aber so grundlegende Sachen wie die ausufernde Gewaltporno- oder Sexspielzeugsammlung – du warst beim Umzug ins Hospiz noch handlungsfähig. Deine Kinder gingen noch in dieses Haus. Einmal Mülltonnendeckel auf und gut wärs gewesen.

Es ist nicht von dir in diesem Haus gewesen. Keine Bilder an der Wand, keine gerahmten Fotos, keine Notizen, keine Tagebücher, nichts. Keine Briefe. Kein Schmuck zum weitergeben an deine Tochter, es war einfach nichts. Und jetzt bin ich nach diesen Tagen mit meinen Kindern dort so müde. Wir haben auf dem Fußboden geschlafen, wir haben jeden Tag durchgeschleppt, sortiert, geordnet, ausgemistet, Sachen weggeworfen.

Ich kann den Menschen nicht greifen, der dort gelebt hat, aber das hast du ja auch gar nicht richtig. So ist deine Pornosammlung das, was mir nun nachhängt. Das ist nicht das, was ich zu finden erhofft hatte.

Ich bin müde. Als ob wir nicht auch so schon genug bewältigen müssten.

Endspurt [Startaufstellung]

Ich packe gerade.

Wir fahren heute Mittag los und die letzten Vorbereitungen für Sonntagabend, wenn wir zu Acht wiederkommen, laufen. Ich habe die Betten der Kinder bezogen, das Zimmer deiner Tochter ist soweit fertig, dass sie sich zurückziehen kann, sobald sie hier ankommt. Das Zimmer deines Sohnes hat bislang nur ein Bett und einen Schreibtisch – er hat Großes vor bezüglich der Zimmergestaltung (neongrün! neonblau! neonorange!) und das werden wir in den Sommerferien umsetzen.

Sie packen ebenfalls. Wir haben diese Woche oft telefoniert und auch sie liegen in den letzten Zügen zum Neubeginn. Sie müssen sich verabschieden. Die Pflegefamilie ist wirklich großartig und macht das gut. Auch mit dem Abschied.

Vier Monate waren sie nun da. Mitte Februar bist du ins Hospiz gezogen und sie zur Pflegefamilie. Nun ist es Ende Juni und sie kommen hierher. Und wir dürfen endlich ein Zuhause für die Beiden sein.

Übermorgen holen wir sie ab und bis dahin werden wir dein altes Haus ausräumen und hoffen so sehr, dass wir noch Unterlagen finden. Bankunterlagen, besonders. So wie es aussieht, hattest du keine Lebensversicherung und nach aktuellen Hochrechnungen wird der Verkauf der Häuser gerade mal reichen, deine ganzen Schulden zu bezahlen. Ich habe Kopfschmerzen deswegen.

Wir hängen da finanziell tief drin, weil der Mann als Vormund der Kinder das Erbe angenommen hat. Mit der Entscheidung des Vormundschaftsgerichtes haben wir den ganzen Mist nun an der Backe.

Das heißt: Was auch immer an Gewinn übrig bleibt, wird für die Kinder festgelegt, damit sie nach ihren Ausbildungen an das Geld kommen. Was auch immer an Schulden übrig bleibt, müssen wir tragen. Wir persönlich.

Ich hoffe inständig, dass du dir Gedanken über solche Dinge wie Absicherung gemacht hast und wir diese Dinge heute Abend finden. Wenn nicht, sind die nächsten schlaflosen Nächte dann unsere. Ich verspüre körperliches Unwohlsein bei dem Gedanken, dass wir deine gesamten Sachen durchsehen müssen. Aber wir müssen das Haus für den Verkauf ausräumen. Wir müssen deine Unterlagen finden und diese Dinge regeln. Und wir haben dafür nur zwei Tage Zeit.

Am Montag geht hier der Alltag los. Zu Acht.

Ich wünschte, ich könnte dich verstehen. Und ich wünsche mir, heute Abend und morgen Dinge zu finden, die mich deine Entscheidungen besser verstehen lassen.

Puzzleteile

Dir wird ja schon aufgefallen sein, dass ich in Gedanken oft mit dir rede.

Deine Kinder kommen hierher. Und weißt du was? Das ist ganz großartig. Es stellt sowohl unser Leben als auch unsere Planung auf den Kopf und rührt alles einmal ordentlich durch. Es wird anders werden als alles, was wir uns vorgestellt haben. Aber wem erzähle ich das? Ich bin mir sicher, sterben stand für dieses Jahr auch nicht auf deinem Plan.

Es wird nicht leicht werden, nicht einfach, nicht ohne Probleme oder Stolpersteine, aber es ist das Richtige. Auch wenn du das anders gesehen hast. Manchmal möchte ich mich fast bei dir entschuldigen, dass es nun alles so anders kommt, als du wolltest, aber ich verstehe dich nach wie vor nicht. Warum hast du sie direkt vor deinem Tod so weit von Zuhause weggebracht? Ich verstehe, warum DU 400km in den Norden ziehen musstest. Ich verstehe, dass du in der alten Heimat sterben wolltest. Am Meer. Ich verstehe das.

Was wolltest du für die beiden?
Wo sollten sie leben?
Hauptsache nicht in der Nähe ihres Vaters?
Was hat dich angetrieben?
Wir wissen es nicht.

Aber diese Entscheidung bedeutete, dass du zwei Kinder drei Monate vor deinem Tod von ihrem Zuhause, aus der Schule, aus dem Freundeskreis, von ihrem Großvater, der mit ihnen im selben Haus gelebt hat, wegreißen musstest, um das zu tun.

Die Richterin nicht, das Jugendamt nicht, die Pflegefamilie der Kinder nicht, wo sie leben, seit du ins Hospiz gekommen ist – sie sind nach dem Umzug dorthin ja mehr oder weniger auch sofort von dir weggekommen – sie alle tappen im Dunkeln. Deine Eltern wedeln mit 11 Jahre alten Briefen, die im emotionalen Ausnahmezustand einer Trennung geschrieben wurden und wiederholen in Endlosschleife, was für ein schlechter Mensch der Mann ist.

Was zur Hölle hast du dir für Gedanken für die Kinder gemacht? Und weißt du noch was? Das ist kein Angriff. Diese Worte könnten nicht weiter davon entfernt sein. Verstehen will ich dich. Muss ich.

Ich werde in ein paar Wochen deine Kinder hier bei mir aufnehmen. Sie erziehen und begleiten. Und ich werde auch dich mit hierhernehmen. Du bist ein Teil von ihnen, so wie sie ein Teil von dir sind. Das passt jetzt nicht gut zu dem Bild, das du vor so vielen Menschen in all den Jahren von uns hochgehalten hast, ich weiß das wohl. Wir hätten uns nicht rühren müssen. Nicht ein Stück. Haben wir aber. Wir stehen hier. Schon lange. Hilfe wolltest du nicht. Keine Unterstützung, keinen Kontakt, nichts. Wir haben das akzeptiert. Aber wir haben die Zeit genutzt, uns vorzubereiten. Unsere Kinder auf den Tag vorzubereiten, der nun bald naht.

Wir haben vor Jahren Kontakt zu dir herstellen wollen. Mit dem Jugendamt. Du hast das verweigert, auf ganzer Linie, gegen jeden Einwand.

Und es macht mich wütend und hilflos, wenn ich darüber nachdenke, was ich deinen Kindern von dir mitgeben soll.

Du hast nichts hinterlassen.

Ich habe jetzt eine Tüte voller Restsachen von dir bekommen. Wie soll ich wissen, was du deine Kinder von dir wissen lassen wolltest? Wir haben nichts. Wir haben Tüten. Und wir haben Müll. Wir haben weder Fotos noch Briefe noch irgendwas, womit wir dein Andenken mit Leben füllen können.

Das werden wir uns irgendwie noch zusammensuchen müssen. Weiß der Kuckuck, woher.Ich vermute, dass du dir in den letzten zweieinhalb Jahren sehr wohl Gedanken gemacht hast, was du ihnen mitgibst. Aber wo sind diese Sachen? Wir bräuchten wirklich ein wenig Hilfe. Ein Foto von dir. Ich brauche ein Foto von dir. Für unser Haus.

Verdammt noch mal, verstehst du das überhaupt?

Wir lassen dich nicht sterben, egal wie tot du bist.

Erste Worte – letzte Worte

Wir überlegen seit vielen Wochen, was wir deinen Kindern schreiben.

In Absprache mit dem Jugendamt wird der Mann nun zum Treffen ein Heft mitnehmen, das wir alle gemeinsam gestaltet haben. Dort werden deine Kinder Bilder finden, von ihrer Zeit bei uns. Bilder von dem Haus, in dem wir leben. Bilder vom Garten. Von den Tieren. Und natürlich von uns allen. Jeder von uns hat einen eigenen Brief geschrieben. Die Großen alleine, die Kleinen mit Hilfe. Aber jeder hat sich so unendlich viel Mühe mit seinem Brief gegeben. Dort steht auch drin, wie sehr wir uns freuen, sie wiederzusehen. Dass wir gespannt sind.

Mit offenem Herzen und offenen Armen.

Meinem dritten Kind geht es sehr nahe, dass deine beiden Kinder keine Mutter mehr haben und es malt und bastelt unermüdlich für dieses Treffen, auf das es gar nicht mitdarf. Aber es will, dass die zwei ein gutes Gefühl haben, weil sie doch so „unendlich traurig“ sind.

„So wie ich es wäre, Mama. Wenn du tot wärst.“
Mir zerreißt es das Herz, dass du deine Kinder nicht weiter begleiten konntest.

Und in all diesen Ereignissen, die sich für uns und alle Kinder förmlich überschlagen, erfahre ich am Wochenende von einem deiner Briefe, die du direkt vor deinem Tod geschrieben hast.

Ich muss dich nicht verstehen.

Aber ich möchte dir so gerne sagen, wie traurig es mich macht, dass du im Sterben noch so viel Bitterkeit und Hass empfunden haben musst. Ich kann nur hoffen, dass es dir vielleicht Frieden gebracht hat, vor deinem Tod noch abzurechnen.
So absurd dieser Gedanke für mich auch ist.

Du wolltest, dass dein Hohelied des Hasses auf deinen Exmann während deiner Beerdigung auf dem Friedhof verlesen wird. Du hast ausdrücklich verfügt, dass dieser Brief deinen Kindern übergeben wird. Deinen Kindern! Du hast sie in diesem Brief nicht einmal erwähnt. Keine Wünsche für die Zukunft. Keine Briefe für Hochzeiten, für Enkelkinder, für erste Male, auf denen du nicht dabei sein kannst, keine Briefe für Trauer, nichts zum festhalten, keine letzten Ich liebe dichs, keine Ihr schafft das schons, keine Ich passe von Oben auf euch aufs, nichts.

Gar nichts. Nicht ein Satz, nicht ein Wort, kein Buchstabe.

DU hast dich entschieden, deine gesamte verfügbare Energie in ein Manifest gegen deinen Exmann zu verwandeln, das bei deiner Beerdigung laut verlesen werden musste. Sogar da stand er für dich im Mittelpunkt. Nicht du. Nicht dein Leben. Nicht deine Kinder. Nicht ihre Zukunft.

Und ja, ich verachte diese Entscheidung.

Du endest mit: Es ist mir egal, wo die Kinder hinkommen, Hauptsache er bekommt sie nicht.
Es ist dir EGAL? Hauptsache er nicht? Du spinnst doch.

Dein Schwiegervater, der Mensch, der deine Kinder ihr ganzes Leben lang begleitet, der während deiner gesamten Krankheit so viel getragen hat und den ich in all den Jahren nie ein schlechtes Wort über dich habe sagen hören, hat deinen Brief nicht deinen Kindern übergeben.

Er hat ihn in Zorn und Trauer im Feuer verbrannt.

Asche zu Asche.

geboren

Ich bin in Gedanken so oft bei dir.
Ob du noch da bist. Wo du bist.
Energie kann nicht verloren gehen.

Und ich glaube fest daran, dass etwas so Großartiges, Allumfassendes und Komplexes wie lebende Seelen nicht einfach irgendwo im Nichts verschwinden können.

Deine Kinder freuen sich auf das Treffen.
Sie freuen sich, verdammt noch mal!
Und diese Nachricht, die uns gestern mehrere Steine von den Herzen hat fallen lassen ist so grandios wie sie mich wütend macht.

Und ich hasse es, auf einen Toten wütend zu sein.
Wie anders hätten wir das alles gestalten können, wenn …

Ich darf mir kaum anmaßen, diese Gedanken zu Ende zu denken, weil sie vermutlich niemandem gerecht werden.
Da sind sie trotzdem.
Wir hätten dieses Trauma kleiner halten können.
Alle gemeinsam.
Du, er, ich, die Kinder.
Stattdessen hast du jedes einzelne Angebot von ihm in den letzten Jahren abgelehnt, weil du lieber deine Illusion von Unsterblichkeit aufrecht erhalten wolltest, statt deine Kinder über Jahre hinweg behutsam darauf vorzubereiten, dass sie irgendwann genau dort stehen, wo wir nun sind.

Wir hätten diesen Weg gemeinsam bewältigen können, wenn wir in der Lage dazu gewesen wären.
Wären wir? Ich weiß es nicht. Vielleicht ist genau dies nun unser Weg.

Du hast heute Geburtstag. Und du hättest heute strahlend an einem Frühstückstisch mit einem Kuchen sitzen sollen.

Ich hoffe, dass bei deinen Kindern jemand daran denkt, diesen Tag in Ehren zu halten.

Tod [begreifbar]

 Den Tod muss man begreifen dürfen.

Ein Mensch, der einfach „weg“ ist, kann nicht verabschiedet werden. Ich erinnere mich an die intimen Momente mit meinem Großvater, das Gefühl, in seinem Arm zu liegen, ihn zu berühren, zu streicheln, seine kalte Haut zu küssen. An das langsame und unwiederbringliche Begreifen, dass er nicht mehr da ist. Dass mein Opa, mein Held, der Mann meiner Kindheit nicht dort liegt. Nur sein Körper.

Das hat gedauert.

Ich erinnere mich an die Kinder, die scheu ihren Urgroßvater anfassten und diese Erkenntnis wesentlich früher als ich erfuhren. „Da ist Ua-Opa“ ja gar nicht mehr drin!“, krähte der Kobold damals empört, nachdem er ein wenig unschlüssig um ihn herumgeschlichen war. Und ich konnte sehr deutlich sehen, dass das der Moment war, an dem er ihn losgelassen hat. Ich war dazu erst deutlich später in der Lage, nachdem der Mann mit den Kindern den Raum verlassen hatte und ich alleine mit ihm war.Was in dieser Zeit zwischen ihm und mir geschehen ist, wird mir ewig in Erinnerung bleiben.

Voller Liebe betrachete ich diesen hünenhaften Mann, der mir immer Schutz und Sicherheit war, so lange ich denken kann. Seine riesengroßen Pranken, in denen er meine neugeborene Tochter hielt, die vollkommen in seinen Händen verschwand. Die Sanftheit, mit der er sie berührt hat. Voller Ehrfurcht und Demut. Die vielen Worte, die er mir im Laufe seines Lebens zugeflüstert hat. Die Geheimnisse, die wir teilten.
Die Liebe in seinem Blick, die nie davon abhing, was ich tat.
Diese Liebe war einfach da.

Für mich.

All das verschmolz in diesen Momenten zu seiner Essenz, die sich von seiner körperlichen Erscheinung löste und sich mir tief ins Herz brannte.

Als ich aufstand und ihn ein letztes Mal berührte und küsste, war es anders als vorher. Er war dort nicht mehr. Ich hatte ihn nun bei mir.

Sein Körper war nicht mehr wichtig.
Ich hatte ihn losgelassen.
Warum ich dir das schreibe?
Weil es mich so tief erschüttert hat, dass deine Kinder dich nicht mehr sehen durften.

Dass sie dich nicht beerdigen durften.

Dass sie in die Schule geschickt wurden, während du irgendwo auf einer Wiese zu Grabe getragen wurdest. Es macht mich unendlich traurig, dass sie diesen Moment unwiederbringlich verloren haben.

You’ll never walk alone…

Es ist ein wunderschöner Tag heute.

Kalt, sonnig.
Strahlend blauer Himmel.
Heute ist deine Beerdigung.

Wo ich meine Kinder gerade mit einem Kuss, einer Umarmung und einem Ich liebe euch verabschiedet habe, stehen deine Kinder heute ein siebtes Mal ohne Mutter auf.

Ich wünschte… Ich wünschte vor allem, dass du mehr Zeit gehabt hättest.
Egal, was war.
Das ist ein Gedanke, der mich die zweieinhalb Jahre, die du nun gekämpft hast, nie losließ.
Ich wünschte, du hättest deine Kinder ins Erwachsensein begleiten können.
Ich wünschte, du hättest mehr Zeit gehabt.

Und ich wünschte, ich könnte mehr Verständnis für deine Entscheidungen aufbringen.

…don’t be afraid of the dark.

Machs gut.

Schmetterling, schwarz [Brina]

Manchmal denke ich noch an dich. Im Moment wieder mehr, weil.. ach, aus Gründen. Ich erinnere mich daran, wie stürmisch ich mich in dich verliebt habe. Von einem Wort auf das andere, in einem euphorischen Strudel überschäumender rosafarbener Gefühle. Ich war gerade getrennt, frisch verliebt, aber unsicher.

Und dann kamst du mit deinem ewigen Optimismus. Mit deiner Liebe zu allen Menschen. Für einen Misanthropen wie mich fast unerträglich und vor allem die Sehnsucht nach dem Licht nährend, das ich damals noch so wenig in mir sehen konnte. Ich sah dein Strahlen, dein Leuchten und bewunderte dich grenzenlos.

Kurze Zeit später erfuhr ich, dass du Krebs hast. Sterben müsstest. Bald schon. Es ging nur noch um ein wenig mehr Zeit auf diesem Planeten. Ich begleitete dich durch schlaflose Nächte, hunderte von Kilometern von dir entfernt – aber nur eine SMS, eine E-Mail, einen Anruf weit weg.

Ich nahm Anteil an deiner Chemotherapie, an den Nebenwirkungen und an deinem unerschütterlichen Glauben an ein gutes Ende. Ich durfte deine innere Schönheit in all ihrer Pracht erfahren und bewundern und trotz deines schweren Weges hast auch du mir bedingungslos zur Seite gestanden. Mir geholfen, zugehört, zugelesen, den Blick nach vorne gerichtet, wo ich am liebsten wieder zurück gelaufen wäre.

Als ich dahinter kam, dass alles an dir nur erlogen war, durfte ich auch deine Abgründe sehen.

Es sollte mir eine ebenso schmerzhafte wie nachhaltige Lektion sein. Fünf Jahre lang habe ich niemanden mehr an mich herangelassen. Fünf Jahre. Dann erst kam jemand, der mich noch tiefer verletzen sollte, als es dir jemals möglich gewesen wäre.

Und so absurd das Leben nun einmal spielt, wiederholt sich nun – 10 Jahre später – die ganze Geschichte erneut. Mit anderen Vorzeichen. Da ich seit einem Jahr meiner eigenen Nemesis gegenüberstehe und jeden Tag ums Überleben kämpfe, werde ich hieran allerdings nicht teilnehmen können. Ich werde mich zurücklehnen und das Schauspiel genießen.

Leben und Tod. Brot und Spiele.