Hej Dad.

Ich weiß, dass du mich nicht liebst.
Nicht vermisst.
Nicht an mich denkst.
Ich weiß, dass du ohne mich glücklich bist und mich nicht in deinem Leben haben willst.
Ich weiß, dass nichts an mir je deinen Ansprüchen genügt hat und ich erinnere mich nur an einen einizigen positiven Körperkontakt, der für ein Leben reichen muss.
Damals, als ich ausgezogen bin und völlig überrascht war, dass du mich kurz umarmt hast.
Fast wie aus Versehen, ich kannte diese gewaltlose Nähe zu dir nicht und werde die Erinnerung daran mein Leben lang festhalten.
Dieses eine kostbare Mal.
Ich weiß, dass wir uns nie wieder umarmen werden, ich weiß, dass du ohne mich leben und auch ohne mich sterben wirst und obwohl ich das alles weiß…

Ich bräuchte dich jetzt.
Ich würde so gerne in deine Arme stürzen und weinen dürfen und gehalten werden.
Von einem Mann, der mein Vater sein will, weil er mich liebt.
Einmal nur.
Ich weiß.

Leb wohl.

Lieber Handwerker,

wenn ich einen offiziellen Betrieb beauftrage, etwas in diesem Haus zu reparieren, dann hat das einen Grund. Nämlich den, dass ich das nicht selber kann oder nur unzureichend beherrsche und jemanden mit Ahnung und dafür vorgesehener Ausbildung dafür beauftrage – einschließlich der Garantie auf diese Arbeit, die mich 80 Euro pro Stunde plus Material kostet. Und dann ist es – mal ganz davon abgesehen, dass Sie sich damit strafbar machen – völlig überflüssig, mich mit einem jovialen Zwinkern zu fragen, ob ich eine Rechnung benötige oder etwas sparen will und sofort zahle. Ohne Rechnung.

Nein.

Ich will eine Rechnung.
Aber sowas von.
Eine Rechnung, auf der Ihr Name steht.
Das, was Sie getan haben.
Was diese Leistung wert war und dass ich diese Leistung bezahlt habe.

Schwarzarbeit ist asozial. Und mit Ihrem genervten Grummeln bei jedem Wort, das sie mühevoll von Hand auf Ihre verhasste Rechnung geschrieben haben, wuchs meine Sicherheit, Ihren Betrieb nie wieder mit irgendetwas zu beauftragen und Sie auch ganz bestimmt niemals jemandem zu empfehlen. Ich bin mir sicher, andere Betriebe nehmen unser Geld selbst dann sehr gerne, wenn sie dafür die Strapazen auf sich nehmen müssen, mal eben 10 Worte auf einen Zettel zu schreiben.

Mit nur sehr wenig herzlichen Grüßen…

Mit Liebe

Wir singen heute nicht für dich.
Weil.
Weil…
Weil mir vermutlich jede Note im Halse stecken bleiben würde.
Weil du nicht da bist.
Weil du gar nie bei uns warst, außer in diesen blutigen adrenalindurchtränkten und durchweinten Stunden. Einen Tag, eine Nacht haben wir dich bei uns gehabt.
An jenem Morgen vor 5 Jahren hatte ich einen Tag zuvor dein Herz beim Arzt schlagen sehen. Ich fühlte deine Berührungen, diese sachten ersten Flatterbewegungen im Bauch. Doch, da warst du. Du warst da.
Ersehnt, erhofft, geliebt.
Am Mittag war Erntedankgottesdienst im Kindergarten. Ich holte deine große Schwester ab und es war 14 Uhr, als wir begannen, mit unseren Händen den Kreis zu schließen, dort im sonnigen Hof an diesem wunderschönen Tag.
Und ich fühlte, das irgendetwas ganz und gar nicht okay war.
Ich nahm deine große Schwester und deinen großen Bruder, der damals noch so ein kleines Baby war, und fuhr nach Hause.
Eine Stunde später platzte die Fruchtblase und ich rief deinen Vater an.
Mit Wehen und zwei kleinen Kindern auf dem Schoß sang ich Kinderlieder gegen die Verzweiflung.
Gegen die Vernunft.
Gegen die Erkenntnis.
Du hast gewartet, bis dein Vater da war. Bis wir beide fassungslos auf dieses Wesen in unseren Händen starren konnten. Auf dich.
Der Rest des Tages versinkt in Wehen und Blut und Dunkelheit und Verzweiflung. Er gehört nicht hierher.
Auch wenn die darauffolgende Nacht das vielleicht größte stumme Versprechen zwischen deinem Vater und mir beinhaltete.
Der nächste Morgen begann neblig. Mit herbstlichen Sonnenstrahlen, die sich ihren Weg bahnten. Ich trug deinen Bruder im Tuch, ganz nah bei mir. Mein Körper schrie nach einem Baby und da war eines.
Wir machten uns auf den Weg zum Fluss, auf die Insel. Auf unsere Insel. Deine.
Ihr Anblick ist vielleicht das, was mir am meisten fehlen wird, wenn wir hier wegziehen.
Wir haben sonst nichts von dir.
Einen halb ausgefüllten Mutterpass.
Ein paar Ultraschallbilder.
Erinnerung an wenige Stunden.
Was wäre wenn… die Frage stellt sich nicht.

Es gibt keine Antworten.

Anders

Hey Baby. Noch zwei Wochen, ja? Ich hab dein Bett weder entworfen noch geplant noch angefangen, es zu bauen. Immerhin, die Wand ist seit letzter Woche gestrichen.
Da ist noch so ne Party für deine ganz große Schwester, während derer du am besten auch noch drin bleibst. Und dann haben wir keine Betreuung für deine Geschwister während der Geburt mehr, aber da arbeiten wir dran.
Oder wir machen das eben zu Zweit. Du. Und ich. Und die Hebamme fürs Protokoll. Aber eben alleine. Es gibt 4 Tage um den ET herum, da kann nämlich auch die Notfalllösung in Form einer Fremdbetreuung nicht. Da kannst du also auch nicht kommen, wenn dein Vater dabei sein soll. Also nach der Party, wenn das Bett fertig ist. Und vor dem Urlaub dieser Frau, die ich noch nicht kenne. Oder hinterher. Das wäre dann so ab dem 5. Oktober.
Und das, obwohl du mir jeden Tag ein höllisches Gefühl bescherst, dass es in wenigen Stunden losgeht. So ein ganz allumfassendes Körpergefühl, dass die Geburt ansteht. Ich weiß nicht, obs an den besonderen Umständen liegt oder ob du tatsächlich früher kommen willst. Alle deine Geschwister waren über dem Termin. Aber eben auch immer näher dran.
Das Tochterkind war 16 Tage zu spät. Dein großer Bruder 6 Tage, glaube ich. Und deine wilde Schwester nur 2 Tage. Naja. Eineinhalb.
Aber am Entbindungstermin ist auch eher schlecht.
Da feiern wir den 5. Geburtstag deiner toten Schwester und der Tag soll ihrer bleiben. Weißt schon. Also vorher.
Aber da ist ja noch die Party. Und das Bett. Vielleicht also doch erst im Oktober?

Ich lade mal den Akkuschrauber auf.

Geliebter närrischer kleiner Tuk,

schon vor 8 Monaten war mir klar, dass du anders sein würdest. Dass deine Wege anders verlaufen würden als wir das bislang aus unserem Leben mit Kindern kennen. Deine Namenssuche war keine. Es gibt keine Alternativen. Nur den einen, deinen Namen.
Einen für den Körper, einen für den Geist, einen für die Seele.
Deinen dritten Namen wirst du dir mit deinen zwei Geschwistern teilen, die ersten beiden entsprechen deinem Wesen. Drei Kinder, die denselben dritten Namen tragen… auch wieder so eine Sache…
Es ist gut, wie es sein wird. Du lehrst mich das Fallenlassen. Das Aushalten. Austragen. Demut, auf ganzer Linie. Nie habe ich weniger gefordert vom Leben als bei dir. Nicht einmal das Leben selber. Wir haben kein Sicherheitsnetz, keine Alternative, keinen Plan B.

Und nun haben wir nicht einmal mehr Plan A.  

Wir haben nur uns. Wir sind fünf Menschen, die dich lieben. Nur wir.

Wir werden dich schon irgendwie auf diese Welt bringen.

Ein neuer Weg

Kann ich dich alleine zur Welt bringen, wenn die Beaufsichtigung deiner Geschwister durch die Tagesmutter tatsächlich platzt?
Ohne jedwede Unterstützung durch einen Menschen meines Vertrauens?
Können wir beide diesen Weg alleine gehen?
Gut gehen, unverwundet?
Stunden werden es sein, die ich mich in dich fallen lassen muss, in unseren Weg, unsere Wahl, unsere Entscheidung.
Ist es das, mein kleiner Wanderer? Ist das unser Weg?

Und die dummen Kinder?

Lieber Exmann.

Geteiltes Sorgerecht bedeutet im Übrigen nicht, dass ich alle Entscheidungen treffe, damit du dann Einzelne davon kritisieren kannst. Nicht wirklich.

Und wenn du zu einer Privatschule nur zu sagen hast, ob das Tochterkind dann nach 13 Jahren seinen Namen tanzen kann und dass deine siebzigjährige Mami und dein fünfundsiebzigjähriger Papi diese Schulform aber doof finden, dann halt doch lieber einfach gleich die Fresse und informier dich, bevor du dich mit deinen über 40 Jahren immer und immer wieder lächerlich machst. Ich weiß, es ist viel verlangt, jedes Gespräch mit mir nicht gleich mit deinen Eltern durchzukauen, die es ihrerseits nicht geschafft haben, zwei Kinder zu auch nur annähernd wertvollen Mitgliedern der Gesellschaft zu erziehen.

Ich habe auch nicht gesagt, ich bin dagegen, das Tochterkind auf das von dir favorisierte Gymnasium zu schicken, überhaupt nicht. Ich sagte: Ich überlege, was für ihre geistige und seelische Entwicklung das Beste ist. Wie jeden gottverdammten Tag übrigens seit ihrer Geburt, seit ich das Kind alleine großziehe. Obwohl wir verheiratet waren. Ich weiß ja, du bist sehr beschäftigt.
Im ersten Jahr ihres Lebens musstest du meine Firmenkonten leerräumen, unser Privatvermögen dazu nutzen, deine Drogensucht und Spielereien zu finanzieren.
Im zweiten Jahr, als ich mich bemühte, die Scherben unserer Existenz zu kleben, hast du mich weiter betrogen und belogen und bist in eine eigene Wohnung gezogen, um deine Karriere voranzubringen. Wochenendvater, sagtest du, reicht völlig. Leider warst du auch an den Wochenenden nicht da.
Im dritten Jahr ihres Lebens – nunja. Hab ich mich von dir getrennt.
Im ihrem vierten Jahr musstest du sehr viel arbeiten und mir vorhalten, dass ich mich von dir getrennt habe, du musstest viele Anwälte beschäftigen, die gegen mich prozessieren sollten. Das war sehr anstrengend mit den ganzen Briefwechseln, da konntest du dich auch nicht um sie kümmern.
Im fünften bis neunten Jahr hast du sie pro Jahr zwischen zwei und viermal besucht. Das war eine große Leistung. Und nicht immer mussten wir sie zu dir fahren.
Neinnein. Du hast teilweise hier geschlafen, dich bekochen und bemuttern lassen und wir haben Verantwortung für euch beide getragen, wenn du nicht gerade draußen warst, rauchen oder mal eben nochmal zu McDonalds fahren. In den kurzen Stunden dazwischen hast du auf dem Bett des Tochterkinds gelegen und ihr beim Spielen zugesehen. Manchmal bist du auch eingeschlafen. Dann hat das Kind leise die Tür zugemacht, gesagt, dass du schläfst und Ruhe brauchst und mit uns gespielt.
Zum Essen haben wir dich dann geweckt.

Ja. So ist das bis heute.
Und auch wenn ich weiß, dass du irgendwann im Laufe deines Lebens deinen Verstand an irgendeiner Bushaltestelle verloren hast – es ist nicht leicht, dich als gleichberechtigten Sorgeberechtigten für das Tochterkind zu behandeln. Manchmal ist es mir sogar so gut wie unmöglich. Gestern zum Beispiel, als du mit dem Mund voller Torte an meinem Küchentisch gesessen hast und auf meine Antwort, dass das Tochterkind eine Empfehlung fürs Gymnasium bekommen wird, gefragt hast, wo sie denn eigentlich die dummen Kinder hinschicken. Das war großes Kino. Wirklich. Ich weiß, dass du generell nicht so auf deine Wortwahl achten kannst. Ist ja bei Durchfall auch nicht immer leicht, den Schließmuskel zu kontrollieren.

Und so darfst du gerne fluchen, Schimpfwörter benutzen, dem Kind Horrorgeschichten erzählen, Erwachsenenthemen anschneiden, die mit drei Kindern am Tisch absolut tabu sind, all dies. Und in deiner grenzenlosen Einfältigkeit darfst du dich dann sogar darüber mokieren, dass das Kind in den Sommerferien einmal das Wort „cool“ benutzt hat.

Dient ja alles der Charakterbildung.
Also unserer, nicht deiner.
Wo nichts ist, kann ja auch nichts geformt werden.

Sehnsucht – Anne

Ich vermiss dich so.
So unendlich.
Deine Worte, deine Weisheit, deine Liebe.
Das verschmitze Lächeln. Den Wortwitz. Deine Launen. Deine Tiefe. Deine Oberflächlichkeit.
Dich. Manchmal bist du nicht mehr Teil meiner Gedanken für Tage, Wochen.
Und dann… dann haut es mich wieder hin.
Diese unendliche Sehnsucht nach dir, nach dem, was wir hatten.
So kurz nur, so intensiv.
So kompromisslos eng, so groß.
Allein der Versuch, dich vergessen zu wollen, wäre albern.
Vielleicht kann ich irgendwann an uns denken, ohne dass es mir die Seele zerreißt.
Vielleicht. Irgendwann.

Motte

Meine über alles geliebte, wunderbare Motte!

Damals, vor so langen Jahren, da durchzuckte mich plötzlich die Erkenntnis.
Hochschwanger, nach all diesen Dingen, die unser – mein Leben – so maßgeblich verändert haben, trug ich dich jeden Tag ein Stück weiter gegen die Angst.

„Das Baby ist tot.“, sagte ich Wochen vorher zu deinem Vater, fest davon überzeugt, dass dort kein Leben mehr wachsen würde. Ich bereitete mich vor. Und ich lehnte dich ab. Frisch war die Wunde nach der Geburt deiner toten Schwester schon lange nicht mehr. Und doch konnte, wollte ich dich einfach nicht annehmen. Deine Schwangerschaft war nicht geplant. Ich wollte keine Kinder mehr. Ich war nicht bereit. Wollte dich nicht sehen. Nicht stillen. Weinte meine Tränen stumm.
Dein Vater kündigte langen Urlaub nach der Geburt an, würde er dich doch alleine versorgen müssen. Ich sah meinen Dienst mit der Geburt als beendet an. Wollte nicht noch ein Kind lieben müssen, um es dann gehen zu lassen.

Und dann kamen die Träume. Von dir.
Eine hochgewachsene Amazone mit dickem wehenden rotblonden Haar, die laut schreiend und vor Lebensenergie förmlich berstend in den Kampf zog. Die Träume kamen immer wieder. Immer deutlicher. Immer weiter bedrängten sie mich, bis ich mich überwand, sie anzusehen.
Wach. Mit offenem Geist. Jede Nacht lag ich wach, spürte dich in meinem Bauch, spürte meine Ablehnung gegen jedes Gefühl, das du in meinem Herzen auslöstest.
Und ich sah dich.

„Ich weiß, wie sie heißt.“, sagte ich zu deinem Vater. Und ich war mir sicher. Es gab keinen Platz für Zweifel. Wo wir uns normalerweise verschiedene Namen vorschlugen, beratschlagten, diskutierten, war diesmal kein Raum. Nur Sicherheit, dass dies dein Name sein würde.

Es ist der Name eines ganzen schottischen Kriegerclans und es ist der einzige Name, der deinem Wesen gerecht werden kann.

Tobias

Ich liebe dich.

Noch immer genauso und auch ganz anders als vor sechs Jahren.

Als wir unter diesem Sternenhimmel standen und uns das erste Mal gesehen und wenig später das erste Mal geküsst haben, da war ich dir schon mit allem verfallen, was ich habe.
Vor sechs Jahren kam ich mit einem zweieinhalbjährigen schüchternen Mädchen zu dir, das keinen Vater kannte. Du hast dich nicht irriteren lassen, als sie anfing, dich Papa zu nennen. Du warst seit dieser Zeit jeden Tag ein fester Bestandteil ihres Lebens. Sie vertraut dir, sie liebt dich. Unser Band, das so eng und fest war, ist durch die Beziehung zu dir nicht verschwunden, wohl aber elastischer geworden. Du hast hart gekämpft, bis ich dir Verantwortung für sie zugestanden habe und das war eine der besten Entscheidungen meines Lebens. Für mich und für sie.

Vor fünf Jahren und 10 Tagen wurde der Kobold in deine Hände geboren. Ich sehe dich, wenn ich ihn ansehe – und ich sehe uns. Ich liebe dieses Wesen, das ich in dieser unsicheren und auch oft schmerzhaften Zeit ausgetragen habe. Ich liebe seine Vorliebe für rosa und lila und dass er Kleider anzieht und Prinzessin werden will und ich liebe dein sanftes Lächeln, wenn er in seinem Feen-Ballettanzug leise singend an uns vorbeischwebt. Dass er auch nach fünf Jahren noch immer Nacht für Nacht zwischen uns liegt – liegen darf. Wohl behütet neben und auch gerne auf dir. Und ich weiß, dass du oft deswegen fluchst, dass aber nie zur Debatte steht, ihn anders anzunehmen als er eben ist. Unser Kobold.

Vor vier Jahren hatten wir bereits ein Baby verloren, das du auch auf deinen Händen hieltest. Du hattest mich monatelang getragen, gezogen und auch geschubst, wenn ich nicht mehr weiterleben wollte oder konnte. Ich danke dir dafür, dass du mich wieder ins Leben zurückgeholt hast auch wenn es so verdammt weh getan hat.

Heute vor vier Jahren standen wir vor einem Standesbeamten, der dich fragte, ob du mich heiraten willst und du sagtest: Moment bitte… und bist weggegangen. Um unseren Kobold einzufangen, der gerade laufen lernte und mit Hilfe einer mannshohen Palme im Rollcontainer hinter dem armen verdutzten Mann her rollte und versuchte, aus dem Standesamt zu flüchten. Wir haben darum gebeten, den Zusatz „bis dass der Tod euch scheidet“ wegzulassen, weil er das nicht tun würde und wird.

Unser Ja ist kein Jaja.

Vor drei Jahren war ich hochschwanger mit unserer Motte, die vier Tage später zur Welt kommen sollte. Mitten in der Nacht, bei Sturm und Gewitter. Dieses Kind, das seinem Namen alle Ehre macht. Reißend wie ein Strom, unbändig wie eine Naturgewalt, wild wie ein Krieger und sanft wie eine schnurrende Katze. Sie lehrt uns das Leben noch einmal neu, wir vergöttern beide unsere Tochter und ich sehe in deinem Blick dieselbe Liebe, die auch ich empfinde. Drei Jahre nun begleiten wir sie schon und es ist wundervoll, wie verliebt du in sie bist. Du hast einen Narren an ihr gefressen und diese bedingungslose nachsichtige Vaterliebe ist ein unglaublich großes Geschenk für sie wie für mich.

Vor zwei Jahren und 8 Tagen standst du neben mir, als ich die Urne meines Großvaters trug. Auch vorher schon, als ich neben seinem toten Körper stand, ihn umarmt und gestreichelt habe. Als ich um Zeit alleine mit ihm gebeten habe. Du hast unsere Kinder an der Hand gehabt und warst einfach da. Im Aufbahrungsraum, auf dem Friedhof, vorher, hinterher, ganz allumfassend. Wir hatten Wochen vorher ein zweites Baby verloren und sollten einige Monate später ein weiteres Kind verlieren.

Doch vorher würden wir noch zwei Wochen lang unseren Hund beim Sterben begleiten. Jeden Tag sind wir auf den Berg gefahren, hast du ihn zum Schluss auf diese Wiese getragen, weil wir wollten, dass er in der freien Natur sterben darf. Lange hat er gekämpft, bis er schlussendlich auf deinem Arm starb.


Wir waren alle am Ende unserer Kräfte. Wir haben in diesem Jahr nicht sehr viel geredet. Wir standen Seite an Seite, manchmal auch Rücken an Rücken, uns immer berührend, aber wir hatten keine Kraft mehr, irgendetwas anderes zu tun als irgendwie weiter zu machen.


Vor einem Jahr fingen wir wieder an, Pläne zu machen. Leise, sachte. Vorsichtig, als wäre ein Übermaß an Enthusiasmus nicht angemessen und vielleicht wäre es das auch nicht gewesen. Als wir wieder anfingen, miteinander zu sprechen, stellten wir fest, dass wir so eng zusammengewachsen waren, dass viele Probleme gar nicht existent waren. Ich wurde schwanger. Und hatte eine Fehlgeburt.
Und dieses Mal gingen wir weiter.

Wir sprachen über ein Leben ohne weitere Kinder. Drei ist eine gute Zahl. Ist sie immer noch. Die Monate gingen ins Land, während derer die Sicherheit wuchs, dass es vielleicht einfach gut so ist, wie es ist. Der Abschied von unserem Traum war nicht leicht. Es tat weh und ich habe viele Tränen deswegen vergossen. Aber es war ein ruhiges Jahr und das tat uns gut.
Heute Abend endet das sechste Jahr.

Morgen beginnt das Siebte.
Ich trage unseren zweiten Sohn unter dem Herzen.

Unser siebtes Kind.
Ich liebe dich.