Opa,

ich trage diese Frage in meinem Herzen und bekomme von dir keine Antwort. Dein Sohn fehlt mir. Mein Vater.

Mein Vater…

Weißt du noch, wie wir vor 6 Jahren gemeinsam Auto gefahren sind? Du, er, ich und meine erstgeborene Tochter? Wie wir plötzlich ganz still wurden, alle miteinander? Als uns bewusst wurde, dass wir vier – vier Generationen in einer Linie, gemeinsam dort saßen und dieses Band spürten?

Dieses starke unnachgiebige Band aus Blut.
Blutsbande. Hast du gesagt.
Wir vier. Hast du gesagt.
Wir werden ewig leben. Hast du gesagt.

Ich stehe hier vor den Scherben. Hinter mir die Brücken sind abgebrochen, als ich deine Asche in meinem Arm zum Grab trug. Da ist nichts mehr. Ich stehe mit dem Rücken zum Abgrund und es geht nur noch nach vorne.

Ich weiß, ich erschaffe Neues. Neues Leben, neue Traditionen, neue Geschichten. Aber er fehlt mir so. Völlig irrational überrollt mich dieses Gefühl, das vom Geist nicht zur Ordnung gerufen werden will.

Ich weiß ja nicht mal, ob du mich hörst. Ich weiß ja nicht mal, ob du noch da bist. Vielleicht haben wir einfach nur kalte Asche in der Erde verscharrt. Körper, Geist, Seele – tot. Tot. Einfach nur tot.

Er lebt noch. Dein Sohn. Er ist noch ganz lebendig und ich weiß, wie ich so oft als Kind wissen wollte, wie sich die Bartstoppeln auf seiner Wange anfühlen. Ich habe mich nie getraut, ihn mal zu streicheln. Ihn zu berühren. Heute würde ich mich vielleicht trauen. Nur einmal dieses Bedürfnis befriedigen. Nur einmal die Liebe, die immer totgeprügelt wurde, zeigen.

Einmal nur. Einmal nur das Herz öffnen und geben.
Vielleicht könnte ich ihn dann leichter gehen lassen.
Wir wissen beide (bist du noch da? Kannst du mich hören, verflucht noch mal???), dass das nicht sein kann.

Der Mann, den ich geliebt zu haben glaubte, existierte nie.

Den Mann, der er ist, kann ich nicht lieben.
Ich bräuchte jetzt mal ganz dringend deinen Rat.

Mein geliebter Mann,

wenn es nur noch Eines zu sagen gäbe, was ich dir sagen dürfte, dann dies:

Du hast mir Wurzeln und Flügel geschenkt als ich schon dachte, ich würde weder das Eine noch das Andere jemals bekommen.

Ich liebe dich.