Die Schießbude

Wir waren noch nicht sehr lange zusammen, da bummelten der große hübsche Mann und ich über eine Festwiese.

Fahrgeschäfte, Imbissstände, Spielbuden wohin man sah.

Und ich betete und hoffte inständig, dass der Status unserer Beziehung, der noch zu einem großen Teil aus Werben und Beeindrucken bestand, trotzdem nicht dazu führen würde, auch in dieser Beziehung den Supergau erleben zu müssen:

Die Schießbude.

Wir schlenderten also so umher und kamen an einigen Schießbuden vorbei und nach jeder konnte ich etwas weiter aufatmen. Gottseidank…

Mit Grausen erinnerte ich mich an die Male, die ich im strömenden Regen neben irgendeinem wütenden Mann stand, der verzweifelt versuchte, ein Schaf, einen Stern oder sonstwas abzuschießen.

Das eine Mal, das ich noch Geld leihen musste, um weitere Schüsse zu finanzieren, damit ich auch das bekomme, was ich mir ausgesucht hatte.Es hat nie geklappt.

„Die ist total verzogen.“ „Die schießt nicht richtig“ „Was ist denn das für ein billiges Ding“ – ich kenne alle Ausreden, denn ich habe sie alle schon gehört. Dabei bin ich nie sonderlich scharf drauf gewesen, an so einem Stand zu stehen. Aber es scheint ein Männergen zu geben, dass Männer beim Anblick von Waffen, Plüschtieren und weiblicher Begleitung dazu animiert, auf kleine Plaketten schießen zu wollen.

„Such dir was aus, ich schieß es dir!“ ist definitiv mein meistgehasster Satz in einer Beziehung.

Einmal sind wir als vier Pärchen auf einen Rummel gegangen und mein Freund war der Einzige, der exakt nichts getroffen hatte. Er bekam dann eine dieser zerfledderten Plastikrosen, die er mir auch noch überreichen wollte.

Ich zog eine Augenbraue hoch und er ließ sie in den nächsten Mülleimer fallen. Die Beziehung dauerte nicht mehr allzulange.

Im Grunde hätte es vielleicht ein Omen sein können, dass der Soldat an meiner Seite, der mit markigen Sprüchen gegenüber Schießbudenbesitzer und mir, dass er schon ganz andere Dinge erschossen hätte, keine einzige Plakette traf. 400 nachgekaufte Schüsse später war mir kalt, meine Laune im Keller und ich nahm das erste Mal in meinem Leben mit einem gequälten Lächeln 27 Plastikrosen, die ich zuhause entsorgte und sagte: „Das war ziemlich beeindruckend, Hase.“

Ich hätt den Mann vielleicht nicht auch noch heiraten sollen.
Übrigens war die Waffe schuld. Natürlich.

Der Mann davor war ein sehr bekannter Kickboxer, der so ziemlich alles und jeden traf und bei dem ich mir relativ sicher war, dass er auch den rosa Plüschelefanten bekommen würde, den ich mir aussuchen sollte.
Er hatte mehrere Tage danach Erektionsprobleme und auch als ich irgendwann mit ihm Schluss machte, steckten die Plastikrosen vom Desaster noch hinter dem einen Bild, wo er sie nach meiner Ablehnung untergebracht hatte. Ich war 18 und es war eine völlig neue Erfahrung, einen Mann wegen einer Plastikrose weinen zu sehen.

Ohne dass ich es wollte, hatten sich Schießbuden für mich zu einer Art Beziehungsindikator entwickelt.

Ablehnen führte meistens zu einem handfesten Streit, weil die Männer da irgendwie borniert sind oder zu dem noch fordernderem Drängen, mir doch bitte irgendein großes Plüschtier auszusuchen.

Also akzeptierte ich diesen seltsamen Teil meines Lebens, ohne ihn zu befürworten. Kurzum: ich hatte ein Trauma.

Beim großen hübschen Mann war es mir wichtig, dass es gar nicht so weit kommen würde. Und so hatten wir das Ende des Rummels auch schon erreicht und ich dankte Gott, dem Himmel, allem, was ich so hatte, dass dieser Kelch an mir – uns – vorüberging. Überlegte, ob ich noch einen kandierten Apfel mit auf den Heimweg nehme und wartete auf den allerletzten Stand, der meines Wissens nach ein Süßwarenstand war.

War er nicht.

Es war eine Schießbude.

„Süße?“

Ich überlegte, eine Ohnmacht, einen Wadenkrampf oder etwas anderes Lebensbedrohliches vorzutäuschen, antwortete mit einem vorsichtigen: „Hm?“

Er beugte sich zu meinem Ohr und flüsterte:

„Such dir mal was aus, ich schieß es dir.“

Ich rang mit mir selbst und der Teufel gewann.

Alles oder nichts.

Ich verdrehte also innerlich die Augen und warf einen Blick auf die Hauptgewinne. Der größte war ein riesiges unglaublich hässliches Opossum-Plüschtier aus IceAge2. Das Vieh war über einen Meter lang und das Grässlichste, das ich jemals gesehen hatte.

„Den da bitte.“, fügte ich mich in mein Schicksal lehnte mich an einen Pfosten.

„Wieviel Schuss möchten Sie haben?“, fragte der Verkäufer den Mann und ich warf ein sehr spöttisches ‚Na, ein Schuss wird ja wohl reichen…‘ zwischen die Männer.

Der Mann zog die Augenbraue hoch und sagte: „Ein Schuss wird reichen, meint die Lady.“

Ich überlegte derweil, wie man möglichst echt einen Schwächeanfall simuliert, um ihm die Blamage zu ersparen. Man musste ja auch nur so ein hüpfendes kreiselndes Dingsda treffen, das ab und an auch noch verschwand.

Der Mann richtete sich zu seiner vollen Körpergröße von fast 2 Metern auf und spannte sich. Ich war beeindruckt ob dieses Anblickes, auch wenn ich noch drüber nachdachte, ihn anzurempeln, um die Schuld auf mich zu ziehen. Aber ich fügte mich in mein Schicksal und schloss die Augen.

Es klickte und ich hielt die Augen krampfhaft geschlossen.
Nicht diese Beziehung auch noch.

Als ich mich entschieden hatte, die Plastikrose einfach anzunehmen und lieb zu lächeln, öffnete ich die Augen und blickte in eine riesige und unglaublich hässliche Opossumschnauze.

Steingraue Augen blitzten mich an und das attraktive Männergesicht vor mir lächelte süffisant.

„Das ist ein ziemlich hässliches Ding, das du dir da ausgesucht hast…“, grinste er, drückte es mir in den Arm und nahm meine Hand, um weiterzugehen.

Emi

Heute ist so ein Tag.

Vor vier Jahren starb der Zwilling des Kobolds in meinem Bauch.
Noch einige Stunden und es ist genau drei Jahre her, dass wir mit zwei Kindern und Blutspur und totem Baby in der Tasche umherirrten.

Vor zwei Jahren sagte ich dem Mann, dass ich wieder schwanger bin.
Letztes Jahr passierte überhaupt gar nichts.

Heute Morgen habe ich einen Schwangerschaftstest gemacht und heute Mittag lese ich das siebenjährige Tochterkind von der Straße auf und erfahre, dass es in seine erste Prügelei verwickelt war.

„Mama, ich hab nur zurückgeschlagen.“, sah es mich verunsichert an.

Und fügte Sekunden später kleinlaut hinzu: „Aber ziemlich feste.“

Gutes Kind.
Ich will Kämpfer, keine Opfer.

Ruth

Die Frau, zu der ich kommen sollte, würden meine Eltern sterben, wurde von mir sehr geliebt.

Sie war eine entfernte Verwandte meines Vaters und Mutter eines Mädchens, das acht Jahre jünger ist als ich. Seit ich denken kann, war sie immer die Frau, bei der ich wohnen darf, wenn meine Eltern sterben.

Meine Eltern hatten nicht viel für den Firlefanz übrig, ihrem Kind die Sicherheit zu vermitteln, zu der eben auch eine relative Unsterblichkeit der eigenen Eltern gehört. Zumindest in jungen Kinderjahren. Kam diese Frau zu Besuch, blühte ich auf. Sie war fürsorglich, wunderbar, sauber, respektvoll – sprich das Gegenteil meiner Mutter.

Sie befingerte mich nicht, ich musste sie nicht anfassen, sie war liebevoll ohne Liebe zu fordern. Ein Traum. Pure Utopie, damals.

Dann bekam sie ein Kind. Ein kleines Mädchen, in das ich vernarrt war. Fortan überdeckte ein Schatten ihre Besuche bei mir. Ich sah, wie sie mit ihrer Tochter umging. Und mit den Jahren reifte ein Gefühl dessen, was mir alles vorenthalten wurde.

Ich saß auf unserem Badewannenrand und sah, wie sie ihrer Tochter das Haar bürstete, ihr das Gesicht eincremte, sich kümmerte. Ich sah eine Mutter-Tochter-Beziehung, wie sie ferner von meiner eigenen nicht sein konnte.

Ich hörte die stolzen Kommentare meiner eigenen Mutter, dass sie selber diese Dinge niemals für ein Kind tun würde. Sie wäre schließlich nicht mein N****r. Den Satz hab ich oft gehört. Neben vielen anderen.

Meine Eltern haben mich früh allein gelassen. Mittags, wenn ich aus der Schule kam, war ich seit meinem fünften Lebensjahr alleine. Abends, wenn sie etwas unternahmen, ebenfalls.

Oft habe ich da gesessen und habe mich in Fantasien ergangen, dass ihnen etwas zugestoßen sei. Das hat mir so ein bisschen Angst gemacht, aber weniger aus Liebe als vielmehr aus der Befürchtung, meine Freunde zu verlieren, wenn ich zu meiner geliebten Patin ziehen würde.

Eines Abends tobte ein fürchterliches Gewitter über dem Haus, meine Eltern waren weg, ich hatte keine Ahnung, wo sie hingefahren waren und es war dunkel, kalt und nass. Plötzlich knallte die Sicherung raus und es war schwarz. Von meinem Vater auf sämtliche Katastrophenszenarien gedrillt hatte ich zwar Angst, wusste aber dennoch, was ich tun müsste, sollte das Haus anfangen zu brennen oder Ähnliches. Ich holte in stockfinsterer Nacht die Kerzen und machte mich auf den Weg in mein Zimmer. Holte meinen großen Koffer und fing an zu packen.

Ich weiß gar nicht warum, aber in diesem bedrohlichen Endzeitgewitter erfasste mich die Gewissheit, dass meine Eltern vom Blitz getroffen worden waren und tot wären. Ich war mir so sicher wie ich nur sein konnte.

[Rückblickend weiß ich nicht, was mich zu dieser unbeirrbaren Sicherheit verleitet hat, denn meine Überlegungen haben für einen Erwachsenen doch ziemliche Logiklücken.]

Ich packte im Kerzenschein meine Sachen zusammen, die ich unbedingt mitnehmen wollte. Ich hatte keine Ahnung, wie schnell die Polizei kommen würde, um mich zu meiner Patin zu bringen, aber ich wollte dann auch nichts zurücklassen müssen, das mir wichtig war.

Ich wuchtete meinen riesigen Koffer die Treppe runter in den Flur vor der Haustür, holte meinen Hamster und die Waffe meines Vaters und setzte den Hamster auf die Schulter und nahm die Waffe in die Hand. Einbrecher nutzen Gewitter mit Stromausfall, um die Alarmsysteme von Häusern zu umgehen, einzubrechen, Männer abzuschlachten und Frauen und Mädchen zu vergewaltigen. Regel Nummer weißichnichtmehr meines Vaters.

Ich war also mit meinem Gepäck, meinem Hamster und der Waffe gut vorbereitet.

Und schlief ein.

Ich erwachte von lautem Gepolter, das ich nach wenigen Sekunden schon als das vertraute Geräusch meines volltrunkenen Vaters klassifizieren konnte.

Die Enttäuschung kam erst sehr viel später.

Nachdem ich in Windeseile diesen verflucht schweren Koffer in mein Zimmer geschleppt hatte und ihn unter dem Bett verschwinden ließ, lag ich mucksmäuschenstill in meinem Bett und hoffte, ich würde am nächsten Tag meinen Hamster wiederfinden.

Mama?

Manchmal wünsche ich mir eine Mutter. Eine richtige Mama. Erinnerungen an eine Kindheit voller Wärme und Liebe und Nähe.

Ich versuche, meinen Kindern eine gute Mutter zu sein. Ich weiß aber nur aus Büchern, was eine solche Mutter überhaupt ausmacht. Ich habe Filme gesehen, Geschichten gelesen, andere Kinder gesehen, die von ihren Müttern ohne jegliche sexuelle Ambitionen in den Arm genommen wurden. Getröstet wurden, ohne dafür bezahlen zu müssen.

Ich habe immer dieses brennende Gefühl des Neides gespürt, wenn ich eine solch augenscheinlich intakte Mutter-Kind-Beziehung gesehen habe.

Früh war ich der Meinung, dass ich gar keine richtige Mutter bräuchte. Es war schon okay so – wie hätte ich es auch ändern sollen. Ich traf meine Vorsichtsmaßnahmen. War immer angekleidet. Keine nackte Haut zeigen, keine Sehnsucht nach Nähe. Unnahbar sein und gerne in Kauf zu nehmen, das tägliche „Ich finde dich so zum Kotzen“ zu hören. Weil das bedeutete, dass niemand meine Haut berührte. Niemand würde mich gegen meinen Willen küssen. Niemand würde mich an Stellen berühren, die zu intim waren um sie überhaupt auszusprechen.

Die Kunst, in einem Haushalt zu existieren und den größtmöglichen Abstand zu einem Familienmitglied zu halten, das seinerseits versuchte, den ganzen Tag mit „zufälligen“ Berührungen zu füllen. Meine Brüste habe ich lange abgebunden, damit ich keine Berührung empfinden kann. Durch mehrere Lagen Binde merkt man auf der Haut kaum noch etwas. Sehr pragmatisch. Und mein Alltag.

Als ich älter wurde, merkte ich, dass ich mich nicht nur „anstellte“, wie es mir sooft vorgehalten wurde. Dass andere Kinder nicht nackt für ihre Mütter posieren mussten. Dass andere Kinder dann nicht auch noch angefasst wurden. Aber wenn man nur falsch kennt, empfindet man das automatisch als normal und nicht zu ändern. Das kommt erst später.

Zurück zu meinen Kindern. Bei meiner Tochter tat ich mich sehr schwer mit der Pflege im Säuglingsalter. Ich traute mich kaum, sie zu berühren. Sie sauber zu machen. Ihre Windel zu wechseln. Sah ich doch diese normalen Tätigkeiten in Erinnerung an meine Kindheit schon als Grenzüberschreitung. Es hat lange gedauert, bis ich sie ohne Seelenqual waschen konnte. Auch das Stillen war sehr davon belastet, ihr „das“ nicht zumuten zu wollen. Ich wollte sie nicht zwingen, etwas in den Mund zu nehmen, was in meiner Erinnerung einfach nur eklig war. Für normale Menschen ein kaum nachvollziehbarer Gedanke. Und so war auch das neben vielen anderen ein Grund, es schnell wieder sein zu lassen.

Als ich schwanger war, brauchte ich nach langer Zeit mal wieder eine Mutter. Ich träumte von einer gesunden Mutter-Tochter-Beziehung. Dass ich ihre Hand ganz unschuldig auf meinen Bauch legen könnte, damit sie ihr Enkelkind spüren könnte. Im Vorbereitungskurs war eine Frau mit ihrer Mutter, die sie auch mit zur Geburt nehmen wollte. Ich war neidisch. Glühend eifersüchtig. Ich hatte keinen Mann zum Anlehnen und meine Mutter… naja. Sie hat nicht einmal meinen Bauch berührt. In keiner Schwangerschaft hätte ich das zugelassen, solange ich noch einen Atemzug tun kann. Aber gewünscht hab ich mir das. Eine richtige Mutter. Eine Mama zum Anlehnen. Zum Teilen.

Eine, die Erfahrung weitergeben kann. Auch jetzt ist der Wunsch nach einer mütterlichen Bezugsperson sehr stark. Ich möchte jemanden haben, der seine Erfahrung mit mir teilt.

Auch jemand, dem ich meine Kinder anvertrauen könnte. Ich war so gerne bei Oma und Opa früher – meinen Kindern fehlt diese Erfahrung völlig.

Nackt

Zu den eher unangenehmen Momenten meines Lebens gehört das Sitzen auf einer Polizeistation um 2 Uhr nachts, in der mir die Jacke abgenommen wird, die wenigstens ein bisschen Wärme spendete. Beweismaterial. Bitte ausziehen und hier in den Sack stecken…

Ich sitze ohne BH in einem dünnen Pullover dort in eisiger Kälte und werde von Beamten befragt, wieviel Unterwäsche ich zum Zeitpunkt des Übergriffs denn überhaupt angehabt hätte.

Ein Traum. Kommt gerne auch mal als Alptraum wieder.

Der einzige Schutz, den ich damals hatte, war mein Hund. Als die Polizisten nachts in meine Wohnung kamen, mehrere Männer – verlangten sie als erstes, den Hund zu sichern.

Die zweite Aussage war ein anklagendes: „Warum haben Sie dem Hund denn das Blut von der Schnauze gewaschen?“

Ich hatte damals weder Kraft noch Mut, etwas zu entgegnen. War nur froh um dieses weiche helle Fellbündel, das endlich auch wieder sauber sein sollte. Das durfte ich leider nicht mitnehmen, als ich in einem großen Polizeiwagen in die Polizeistation gefahren wurde.

Hinten, wo die Verbrecher sitzen. Allein. Vorne die Männer, die sich lustig scherzend über ihren Abend unterhielten. Stunden später wurde ich genauso wieder nach Hause gekarrt.

Um weitere Stunden später am nächsten Morgen aus der Wohnung geklingelt zu werden, weil das BKA vor der Tür stand. Ein schwacher Trost, dass die wenigstens vernünftige Autos hatten, mit denen ich in ein Polizeigebäude gefahren wurde, in dem ich einige Stunden meines Lebens verbracht habe.

Nach zwei Stunden Verhör Protokoll wusste ich allerdings nicht mehr, wer nun der Täter und wer das Opfer war. Es folgten weitere Stunden, in denen jede einzelne Sekunde des Tathergangs immer und immer wieder wiederholt, hinterfragt und aufgeschrieben wurde. Von hinten – eher von hinten links oder eher von hinten rechts? Roch der Atem? Wonach? Roch der Körper? Welche Teile? Wonach? War er gewaschen? Schmutzig? Und alle halbe Stunde der Hinweis, dass eine Falschaussage strafbar sei.

Ich hatte später erschöpft und weinend meine Mutter angerufen. Es war der Punkt, an dem es tiefer nicht mehr ging und die einzige Sehnsucht war die nach einer Mutter. Nach Trost in seiner reinsten Form. Eine Mama. Ich kann nicht mehr, ich will nicht mehr. Hilf mir.

„Du schaffst das schon.“, sagte sie und verabschiedete sich in den Urlaub.

Die folgende Einsamkeit und Stille war ohrenbetäubend. Im wahrsten Sinne des Wortes. Ich hörte etwa zwei Wochen lang nichts mehr. Gar nichts. Mein Anker war mein Kater Timon. Er legte sich zu dieser Zeit immer wieder unbeirrbar – egal, wie oft ich ihn runterschubste – auf mein Herz und fing sofort an zu schnurren.

Irgendwann kapitulierte ich dann und schlief hemmungslos weinend vor Erschöpfung ein. Wachte ich auf, sah ich in zwei Katzenaugen, die mich wachsam ansahen. Er hat sich kaum von der Stelle gerührt, wenn ich schlief. War ich sehr unruhig, legte er sich an meine Schulter, hielt aber immer den Körperkontakt.

Der Hund machte es ähnlich. War er damals schon so weit erzogen, dass er eigentlich seinen Platz im Korb kannte, schlich er seit dem Tag immer wieder ins Bett und legte sich neben mich. Er drängte mich an die Wand, so dass er zwischen mir und der Tür liegen konnte. Wann immer ich im Halbschlaf zu ihm sah, lag er dort, majestätisch wie die Sphinx selber mit aufgerichtetem Kopf – die Ohren wachsam zur Tür gestellt. Manchmal knuffte er mich mit der Schnauze zur Beruhigung und nahm dann wieder seine Stellung ein.

Wenn jemand zu dicht an meiner Haustür vorbeiging, kam ein leises tiefes Grollen aus seiner Kehle und ich spürte, wie sich jeder einzelne Muskelstrang anspannte.

Aufbruch

Einige wenige Wochen, nachdem wir uns vor dem Standesbeamten und unseren besten Freunden ewige Treue und Wahrheit und Ehrlichkeit und den ganzen Schmonz geschworen hatten, war ich mit unseren Mitbewohnern in unserer Wohnung. Ich räumte ein bisschen herum und mir fiel mir ein kleines schwarzes Buch in die Hände. Es sah aus wie ein Tagebuch. Jetzt ist es so, dass – wenn man mit drei Männern zusammenlebt – es nicht immer eindeutig ist, wem was gehört. Ich ging also ins Wohnzimmer und fragte: Gehört einem von euch dieses Buch hier? und sah in zwei entsetzte Männergesichter.

Meine neugierige Seite dachte noch belustigt, dass ich bei diesen Gesichtsausdrücken besser hineingesehen hätte… Einer der beiden stürzte auf mich zu und riss mir das Buch aus der Hand. „Hast du reingesehen?? Das ist meins!“

Ich blickte ihn irritiert an und zu meiner Neugierde gesellte sich ein seltsames Gefühl. Ich sah in seine Augen.
Zu dem Buch.
In seine Augen.

„Du lügst mich an, Owi.“

Sein Augenausdruck bestätigte mir, dass ich Recht hatte.

„Du LÜGST! Gibt mir das Buch!“

Er nahm es fester in die Hand und verschränkte die Arme. „Nein.“

Für Moral, Anstand oder weiteres Denken war in meinem Kopf kein Platz mehr. Mein ganzes Dasein fokussierte sich darauf, dass ich den Inhalt dieses Buches kennen muss.

„Es gehört ihm, oder? Gib mir das Buch oder sag mir, was dort hineingeschrieben wird!“

„NEIN!“

Ich sah nur noch rot und mein Denken bestand nur noch aus schwarz und weiß. „Wenn du es mir nicht gibst, erzähle ich deiner Verlobten, dass du  am Wochenende auf dem Kneipenklo ihre beste Freundin gevögelt hast.“

In dem Moment, in dem ich es aussprach, wusste ich, dass unsere Bekanntschaft zuende war. Ich habe einen Preis zu zahlen. Immer. Und in der Tat, einige Tage später sollten wir unsere Wohngemeinschaft auflösen. Druck erzeugt immer Gegendruck. Er sackte in sich zusammen. Sein Fokus war wieder bei sich selber. „Woher weißt du das?“

„Du hast es mir gerade bestätigt. Gib mir das Buch.“

Hochrot und wutentbrannt schleuderte er mir das Buch entgegen und rannte aus der Wohnung. Die Tür fiel ins Schloss und es herrschte Totenstille. Ein Paar Männeraugen blickte mich an.

Sascha, der all das stumm verfolgt hatte, sah mich an und sagte nur leise: „Ich würde das an deiner Stelle nicht lesen, Süße.“

„Ich muss.“, sagte ich und er neigte den Kopf zur Seite und steckte sich eine neue Zigarette an.

„Ja. Vielleicht. Sei dir nur sicher, dass du mit der Entscheidung leben kannst.“

Ich blickte ihn an und hob das Buch auf.

„Soll ich gehen?“, fragte er und blies den Rauch in die Luft.

„Ja.“

Er stand auf, nahm seine Jacke von der Garderobe und blieb vor mir kurz stehen. Nahm meinen Kopf in seine Hände und drückte mir einen Kuss auf die Stirn. „Ich bin bei meinem Freund, wenn du jemanden brauchst, komm zu uns.“

Ich nickte.

Als ich allein war, setzte ich mich in meinen Sessel und holte tief Luft. Ich schlug das Buch auf. Ein Tagebuch. Das Tagebuch meines frischangetrauten Ehemannes. Ich überblätterte Kriegsberichte, kleine und größere Affären und irgendetwas trieb mich, die Zeit um unseren Hochzeitstag zu suchen. Da stand es. Dreiundzwanzigster Mai, geschrieben morgens, einige wenige Stunden vor unserer Hochzeit.

„Oh Gott, warum liebe ich Imme nur so? Warum kann Imme mich nicht genauso lieben wie ich sie? Ich brenne vor Sehnsucht und möchte ihren zierlichen kleinen Körper im Arm halten und ihr blondes Haar streicheln. Für immer. Mit ihr alt werden. Gestern Abend habe ich ihr alles gestanden und sie hat mich umarmt und mir Glück gewünscht. Sie liebt mich nur als besten Freund. Nicht mehr. Habe wieder die ganze Nacht von ihr geträumt…“

Ich blinzelte. Ich klappte das Buch zu. Und blinzelte noch mal. Ich stand auf und ging im Raum herum. Setzte mich wieder hin. Blinzelte, schlug das Buch auf und las noch mal. Und noch mal. Und noch mal.

Mir wurde kalt und ich saß dort. Stundenlang. Hatte weder Wut noch Trauer in mir, nur völlige Fassungslosigkeit. Mein Geist weigerte sich, diese Worte zu verstehen. Ich las immer und immer wieder, blätterte noch vor und zurück und entdeckte mehr Dinge, die mir das Blut in den Adern gefrieren ließen. Eiskalt.

Das war der Mann, der in der Nacht zuvor liebevoll geflüstert hatte: „Ich möchte ein Baby von dir.“ Das. Genau das.

Ich habe viel geblinzelt und noch mehr den Kopf geschüttelt, aber es wurde nicht besser. Ich nahm die Information nicht auf, die da gnadenlos immer wieder an mein Gehirn gesendet wurde. Irgendwann stand ich auf und wenige Minuten später hörte ich den Schlüssel im Türschloss. Er war zuhause. In voller Kampfmontur, Waffe noch am Körper.

„Ich hab dein Tagebuch gefunden und gelesen.“

Da macht man sich Gedanken, was man in so einer Situation tun würde, überlegt sich die hitzigsten Auftritte und dann kommt so ein schlaffer Satz aus dem Mund.

Ich sehe, wie sein Körper sich anspannt. Die Wut steigt hoch und die Adern fangen an zu pochen. Und ich fühle mich einfach nur wie ein nasser Sack.

„Ich hab auch die Stelle gelesen, an der du geschrieben hast, dass du Imme liebst. Und dass du beim Sex mit mir an deine Exfreundin Sandra denkst.“

Der Mann vor mir wuchs vor lauter Wut in Höhe und Breite. Ich war fast morbide neugierig darauf, was nun passieren würde. Egal war es mir in dem Moment allemal. Wie betäubt mein Denken und Fühlen. Er schrie. Ziemlich laut.

„Was hast du an meinen Privatsachen zu suchen???“

Ich war irritiert. Ich erfahre, dass er eine andere liebt und beim Sex mit mir an seine Exverlobte denkt und er macht sich Gedanken über so was?

„Du liebst Imme!“

„JA UND???“, schreit er mir voller Zorn entgegen. „WAS HAST DU AN MEINEN SACHEN ZU SUCHEN???“

Ich höre ihn, ich verstehe sein Problem nicht. Als ob er Imme nicht lieben würde, wenn ich es nicht gelesen hätte. Wo ist der Unterschied?

„Du hast dir am Tag unserer Hochzeit gewünscht, mit ihr zusammen zu sein!! Warum hast du mich denn überhaupt geheiratet???“

Das Gefühl kam langsam wieder.

„WEIL SIE JA NICHT WOLLTE!!!!“

Er stampfte an mir vorbei und mein Gehirn hatte wieder leichte Verarbeitungsprobleme. Der Abend und die Tage und Wochen und Monate die folgten, waren gelinde gesagt bizarr.

Ich war jung, ich war dämlich, ich hatte mir in den Kopf gesetzt, nicht kampflos gegen eine kleine blöde Blondine die Flinte ins Korn zu werfen und meine Ehe zu beenden. Nicht mit mir! Ich sollte Monate später erkennen, dass ich genau das tatsächlich war: Jung und dämlich und ich Idiot hatte den Falschen geheiratet.

Als ich ihm an einem  Montagmorgen im darauffolgenden Frühling mitteilte, dass in einigen Stunden das Umzugsunternehmen kommen würde, ich hätte eine neue Wohnung, sagte er nur: „Ja. Dann machs gut. Ich muss zur Arbeit.“

Meine Tante Erika war da und beruhigte die besorgten Möbelpacker, dass mein lautes Schreien und Weinen nichts mit ihnen zu tun hätte und reichte Brötchen mit Hack und Zwiebeln.

Meine Hälfte der Möbel war verstaut, wir waren fertig. Ein letzter Blick durch die Räume und ich schloss die Tür hinter mir und warf den Haustürschlüssel durch den Briefkastenschlitz.

Der kleine fünfmonatige Welpe neben mir, den mein Mann mir zur „Versöhnung“ geschenkt hatte, sprang an mir hoch und jappste danach aufgeregt die Treppen runter. Biss einen der Möbelpacker spielerisch ins Bein und sprang danach laut kläffend in den kleinen MiniCooper, den ich damals fuhr.

„Sind Sie dann soweit?“, fragte der Fahrer des Umzugslasters.

„Nein.“, antwortete ich. „Aber lassen Sie uns fahren.“