Von Traumfrauen

Es ist inzwischen über 20 Jahre her, dass ich in die gymnasiale Oberstufe kam.

Von einem Tag auf den anderen hatten wir keinen kuscheligen Klassenverbund mehr, sondern nur noch Kurse. Ich fand das nicht gut. Ich mochte neue Gesichter noch nie.

Bis ich Ihres sah.

Meine erste Stunde Biologie-Leistungskurs fand im Labor statt und mein bester Freund saß schon neben seiner Freundin. Ich suchte einen freien Tisch – es gab keinen mehr, ich war wie immer zu spät. Aber es war noch ein Platz frei. Neben ihr.

Ich stand in der Tür und starrte sie einfach nur an.
Sie war deutlich kleiner als ich.
Ein Gesicht wie eine Puppe.
Zarter, weißer Teint.
Ebenmäßige Haut.
Keine Schminke.
Ein kleines Stupsnäschen, große hellblaue Augen und ein tiefroter Schmollmund. Ihre Figur so rund, dass ich das Gefühl hatte, eine alte Fruchtbarkeitsgöttin zu betrachten. Wohlgerundete Hüften, weicher straffer Bauch, große Brüste. Die pechschwarzen glatten Haare glänzten und fielen ihr wie ein Wasserfall bis auf den Po.

Mein Biologielehrer fragte, ob ich vielleicht die Güte hätte, mich ebenfalls zu setzen und ich ging langsam auf sie zu. Sie lächelte nicht. Wortlos nickte sie zu dem Platz neben sich. Sie lächelte auch die nächsten 3 Jahren bis zum Abitur nur sehr selten. Sie war eine ernste Seele, die sich völlig dem Lernen verschrieben hatte.

Astrophysik würde sie studieren (und ich weiß heute, sie hat auch) und dann die letzten wissenschaftlichen Rätsel der Menschheit lösen. Es dauerte einige Monate, bis sie auftaute. Sie traute den Menschen nicht.
Das machte sie nur umso bezaubernder.
Wir wurden Freunde.
Richtige Freunde.
Stundenlang konnten wir nebeneinander sitzen und über unsere Zukunft sprechen, spinnen oder einfach nur beieinander sein.

Ich liebte ihren Geruch, ihre Weichheit, aber auch ihre Härte, die sie stets den anderen zeigte. Sie liebte unglücklich meinen besten Freund. Und ich liebte sie.

Drei Jahre später – kurz vor dem Abitur – zog ich in den Nächten vor den Prüfungen mit meinen Freunden durch die Clubs und feierte das Leben.
Sie saß zuhause und lernte. Ich hatte Flirts und kostete meine Wirkung auf Männer in vollen Zügen aus. Es lenkte mich ab.

Am Tag bevor ich meine Abiturarbeit in meinem Paradefach Deutsch und kurz bevor sie ihre in ihrem Lieblingsfach Mathe schrieb, fasste ich mir endlich ein Herz. Ich gestand ihr vorsichtig meine Liebe.

Konnte nur noch daran denken, nur ein Mal diese wunderbaren Lippen küssen zu dürfen, von denen ich seit Jahren träumte. In all den Jahren vorher hatte ich dieses Szenario unzählige Male durchgespielt.
Immer endete es mit einem Kuss.
Sie sah mich verständnislos an.

„Wie meinst du das?“

Ich hatte zuviel riskiert, um jetzt einen Rückzieher zu machen und hoffte so sehr, dass unsere Freunschaft das aushalten würde. Ihr Gesichtsausdruck wandelte sich von Verständnislosigkeit zu Ekel. Die Worte, die sie daraufhin aussprach, zerrissen mein Herz. Es war unerträglich.

Meine Deutsch-Abitur-Arbeit vom Tag darauf ist mit 03 Punkten benotet worden. Mein Abitur schaffte ich nur, weil ich in den mündlichen Prüfungen alles wieder ausgleichen konnte.

Sie hat seit diesem Tag nie wieder ein Wort mit mir gewechselt und schnitt als Jahrgangsbeste ab.

11 Jahre

Heute vor 11 Jahren habe ich dich geboren.
Heute vor 11 Jahren bist du gestorben.

Ich weiß noch, wie ich mittags nach Hause kam.
Ich spürte das charakteristische Gefühl im Unterbauch, das nur eine reißende Fruchtblase verursachen kann. Ich rief deinen Vater an, dass er bitte ebenfalls nach Hause kommen solle, mir wäre gerade die Fruchtblase geplatzt.

Für den Herzschlag einer Ewigkeit freute ich mich – die Geburt würde losgehen. Ich würde ein Baby bekommen.

Unser Baby. So sehr gewünscht.
Bis der Kopf realisierte, dass dieses Reißen der Fruchtblase dein Todesurteil sein würde. Deine beiden großen Geschwister hielt ich auf meinem Schoß und sang mit ihnen alle Lieder der „Anne Kaffeekanne“-CD durch. Ich habe diese Lieder seit 11 Jahren aus dieser Familie verbannt. Es ist mir nicht mehr möglich, sie zu hören.

Nie wieder.
Es tut einfach zu weh.
Ich schaukelte das große Tochterkind und den Kobold und sang und wartete darauf, dass der Mann nach Hause käme.
Irgendwo zwischen Hoffen und Bangen und Leugnen.
Zwei Tage zuvor erst hatte ich das Gefühl, es wäre etwas mit dir nicht in Ordnung. Ich hatte das Gefühl, es stimmte etwas ganz und gar nicht.

Ich war bei meinem Frauenarzt.
Das CTG war prima.
Deine Tritte spürte ich ebenfalls.
Der Ultraschall zeigte dich, fröhlich umherrudernd.
Strampelnd.
Das Herz kräftig schlagend.
Ich ging wieder nach Hause.

Mit dem furchtbaren Gefühl, dass irgendetwas überhaupt nicht in Ordnung war.

Kurz nachdem der Mann zuhause ankam, hielt ich dich auf meiner Hand.
So winzig.
So perfekt.
So tot.

Alles war voller Blut.
Ich war in Panik.

Ich weiß nicht mehr, womit dein Vater die anderen Kinder abgelenkt hatte, aber alles, woran ich mich erinnere, ist, dass er wie ein riesiger Schild um mich herum war. Ich sah nur noch dich, hörte nichts mehr.

Der Mann hielt mich. Lange. Fest umfangen.
Das ist das vorherrschende Gefühl, das ich heute habe, wenn ich an diesen Tag zurückdenke. Die Festigkeit seiner Umarmung.
Das Gefühl von Schutz, das verhinderte, dass ich in meiner Verzweiflung ertrinke. Irgendwann ging ich durch den langen Flur ins Badezimmer und hinterließ große Blutlachen und blutige Fußabdrücke.
Als ich aus der Dusche kam, war davon nichts mehr zu sehen.

Ich hatte Schmerzen.
Nachwehen.
Wir fuhren zum Arzt.
Wir fuhren ins Krankenhaus.
Wir warteten.

Mit einem toten Kind in einer Tasche.

Irgendwann war ich es leid, inmitten von starken Nachwehen mit meinem toten Kind und zwei kleinen Kindern in der Notaufnahme eines Krankenhauses auf eine Ausschabung zu warten, während sich niemand um mich kümmern wollte.

Ich ging.
Nach Hause.
Ich bin heute noch sehr dankbar für den Weg, den das Schicksal für mich bereithielt.
Zuhause konnte mein Körper die Arbeit tun, für die er geschaffen wurde und heilen.

Du wogst zu wenig, um dich zu beerdigen.
Du wogst zu wenig, als dass wir dir einen Namen hätten geben dürfen.
Du wogst zu wenig, als dass anerkannt worden wäre, dass du existiert hast.

Ich habe dich so lange Wochen getragen und jeden Tag deine Bewegung gespürt und es war plötzlich, als hätte es all das niemals gegeben.

Das war das Schwerste.
Die Wochen und Monate danach waren schwarz.
So dunkel in meiner Erinnerung.

Vor einigen Jahren hat sich die Gesetzgebung geändert und so sind wir vor zwei Jahren mit klopfendem Herzen und einem Mutterpass in der Hand auf unser Standesamt gegangen.

Seit diesem Tag haben wir eine offizielle Urkunde.
Mit deinem Geburts- und Sterbedatum.
Mit deinen Namen für dich, für unser Kind.
Der Beweis, dass du da warst.
Hier bei uns, auf dieser Welt.

Gewollt, geliebt, geboren, gestorben.
So sehr gewollt. So sehr geliebt.

Und heute ist es in Ordnung, so wie es ist.
Und ich hätte dich so gerne kennengelernt.

Du fehlst hier.

Sie

Sie ist die Schwester, die ich nie hatte.

Und nun habe ich sie wiedergefunden.

Vor so vielen Jahren haben wir uns aus den Augen verloren, 2005 der letzte lose Kontakt, danach ging sie ins Ausland, ich verließ Mann und Haus und machte mich auf zu neuen Abenteuern und wir sahen und hörten nichts mehr voneinander. Die Liebe, die ich immer für sie empfunden habe, war von viel Neid geprägt. Nicht auf das, was sie hatte oder konnte, sondern für das, was sie meiner Mutter war.

Sie ist ein halbes Jahr jünger als ich und meine Mutter liebte sie, wie sie mich nie geliebt hatte. Ich liebte ihre Mutter, wie ich meine nie lieben konnte und so gingen viele Jahre ins Land. Gemeinsam sind wir aufgewachsen, unsere Mütter waren beste Freundinnen, so viele gemeinsame Urlaube, Besuche, gemeinsame Schritte in Pubertät und Jungs-Sachen. Sie war der leuchtende Stern, den meine Mutter so gerne als Tochter gehabt hätte. Sie konnte dieses und jenes viel besser als ich, war anmutig und zierlich und klug und witzig und der Star in der Schule, wollte weder Tätowierungen noch Piercings, liebte Auslandsreisen und man konnte so erwachsen mit ihr sprechen, sie wollte Architektur studieren und bekam ein Stipendium und ging ins Ausland und hatte so viel Erfolg.

Natürlich rissen sich alle Männer um sie und sie hatte einen vernünftigen ersten Freund, der vorzeigbar war und wollte in die Tanzschule und auf den Abiball und war der Stolz ihrer Eltern. Und der Stolz meiner Mutter.

Wann immer sie mit ihrer Freundin gesprochen hatte, bekam ich unmittelbar danach auf dem Silbertablett serviert, was sie alles wieder erreicht hatte und warum in Gottes Namen meine Mutter nicht eine Tochter wie sie bekommen hatte sondern mich. Meine Mutter nannte mich insgesamt 8 Jahre meines Lebens hauptsächlich „Kotzbrocken“ und „Arschloch“. Ich war am liebsten zuhause in meinem Zimmer, wollte auf ein normales Gymnasium und nicht auf das tolle Elite-Internat, ich liebte meine Tiere und hasste Ausflüge oder Urlaube. Ich hatte Flugangst, Panik vor Schiffsreisen, fuhr nicht gerne lange Auto und sprach nur 4 Sprachen. Mein erster Freund war nicht der nette Junge von nebenan, sondern ein erwachsener Mann, vorbestraft, berühmt und damals 13 Jahre älter als ich. Ich wollte nicht in der Weltgeschichte herumreisen, so wie sie das gerne gemacht hätte, sondern einfach nur meine Ruhe haben.

Meine Fortschritte zählten nicht und meine Erfolge blieben ungesehen.
Natürlich hatte ich auch ein Abitur, aber nicht mit 1,0.
Natürlich war ich auch begabt, aber nicht so lieblich dabei.
Natürlich konnte ich auch Instrumente spielen, war aber nicht so musikalisch.
Natürlich hatte ich auch Freunde, aber nicht so Elitäre und Hochbegabte.
Natürlich konnte ich auch reiten/surfen/kanufahren/klettern/schwimmen/sonstiges, aber mir fehlte die Anmut.
Der Lieblingssatz meiner Mutter war: „Aber bei IHR sieht das alles so leicht aus…“

Kurzum: Egal, was ich tat, ich konnte ihr einfach nicht das Wasser reichen
Mit unserer Freundschaft hat das erst nicht viel gemacht. Später jedoch, zu Beginn unseres jungen Erwachsenenlebens zog ich mich mehr und mehr zurück, um mir den Schmerz zu ersparen, den die Worte meiner Mutter wie Nadelstiche in meiner Seele hinterließen.

Gestern Abend habe ich sie durch Zufall im Internet gefunden.

Sie ist immer noch außergewöhnlich. Anmutig und wunderschön.
Sie ist beruflich äußerst erfolgreich und ihr Lebenslauf liest sich wie ein Bilderbuch. Von Urlaubsfotos lächelt sie abwechselnd aus türkisfarbenem Wasser, von Sandstränden, aus Safari-Jeeps, von Klettertouren im Himalaya oder aus tiefem Schnee. Genau wie ich wird auch sie bald 40 Jahre alt und ich habe mich gefragt, ob ich mein Leben heute anders leben würde, wenn ich noch einmal die Chance dazu bekommen würde.

Ob ich tauschen wollte.

Für mehr Glanz und Gloria und ohne Kinder und Mann und eine Visitenkarte, die mindestens in Gold eingefasst wird. Ich wünsche ihr sehr, dass sie glücklich ist. Wenn sie es ist, dann haben wir beide das erreicht, was wir schon als kleine Kinder immer wollten. Ein Leben nach den eigenen Maßstäben leben.

Was meine Mutter angeht… Ich habe lange und intensiv darum getrauert, dass ich keine wirkliche Mutter hatte. Dass sie mich weder geliebt noch je respektiert hat. Dass sie sich für sexuellen Missbrauch und psychische und physische Misshandlungen entschieden hatte.

Für ihre Anerkennung würde ich heute nicht mehr weit laufen.

Es ist schlicht nicht mehr von Bedeutung, ob sie auch nur irgendetwas aus meinem Leben gut oder schlecht findet. Oder überhaupt davon weiß.

Der Mauszeiger indessen schwebt noch sehr unentschlossen über der „Nachricht schreiben“-Schaltfläche ihres Profils.

Mein geliebter Held,

als ich noch klein war, da hast du immer gesagt:

„Wenn Oma mal tot ist und ich ganz alt bin, dann komme ich zu dir. Du kümmerst dich dann um mich.“

Und ich sagte jedesmal: „Na klar. Aber jetzt bist du ja noch fit!“

Dann nicktest du und deine großen Pranken schlossen sich wieder sanft um mich.
Jetzt ist 30 Jahre später, Opa.
Du hast dein Versprechen gebrochen.
Du hast gesagt, du stirbst nicht, bevor ich nicht bereit dafür bin.
Und du bist als erstes gestorben.

Oma wohnt jetzt hier.

Als wir vor fünf Monaten die Entscheidung getroffen haben, sie zum Sterben zu uns zu holen, da war es auch der Tribut an dich, der mir diesen Weg so leicht machte.

Ich glaube nicht, dass du Oma allein lassen wolltest.
Aber du bist eben auch schon 8 Jahre tot.
Also beschloss ich, dass ich nun für sie da sein würde.
Sie lag in den letzten Zügen. Hat sich verabschiedet.
Und ja, ihre letzten Tage sollte sie nicht in diesem tristen Heimzimmer verbringen, in dem sie seit einigen Jahren lebte und seit Ende letzten Jahres nur noch vor sich hinvegetierte.

Eine Begleitung auf den letzten Metern. Absehbar.
Das ist nun vier Monate her und ich weiß inzwischen gar nicht so recht, wer hier mit uns lebt.

Es ist nicht die Oma, die ich von früher kenne.
Es ist auch nicht die Oma, mit der du verheiratet warst.
Der wir beide so viele Schandtaten beichten mussten, die meine Kindheit so bunt gemacht haben.

Ich unterhalte mich manchmal mit ihr über dich, aber es scheint, als hätten wir nicht denselben Menschen gekannt.
Als wäre nur ich da, die dich so abgöttisch geliebt hat.
Sie hat es nicht getan.
Wenn sie über dich spricht, zerreißt es mir mein Herz.

Das bist nicht du.
Den Mann, der du für mich warst, den kennt sie nicht.

Es ist gerade schwer für mich.

Von der Sehnsucht

Ich spürte seine Anwesenheit hinter mir, bevor ich ihn hörte. Und ich musste mich umdrehen. Musste sehen, musste fühlen, dass nicht er es war, sondern ein anderer. Ich hörte das tiefe, volle, tönende Lachen und ich sah in ein lachendes Gesicht. Er ist es nicht., flüsterte eine atemlose Stimme in mir. Er ist tot. Lange schon. Geh weiter.

Aber ich konnte nicht. Ich sah.

Und ich stand mitten im Gang eines Supermarktes, starrte diesen Mann an und konnte mich nicht rühren. Er sah mich. Fragend, wundernd sah er mich an. Lächelte. Ich lächelte zurück und sah ihm hinterher, wie er an mir seinen Wagen vorbeischob und sich lauthals mit seiner Frau über die Angebote unterhielt. Dieselbe Stimme. Dieselbe Haltung. Ähnliches Aussehen. Und diese Liebe. In allen Worten diese Liebe.

Heiße Tränen schossen mir in die Augen und ich wandte mich dem Regal mit Schokolade zu, wo ich blinzelnd versuchte, meine Gefühle unter Kontrolle zu bekommen. Eine halbe Stunde bin ich hinter ihm und seiner Frau hergeschlichen. Habe mir beim Einkaufen Zeit gelassen und habe jedes Lachen, jedes Necken, jedes Wort in mein Herz geschlossen.

Ich kam mir albern vor. Gestört. Verstört. Verstörend. Aber ich konnte nicht anders. Als wir an der Kasse waren, warf ich einen langen letzten Blick auf ihn und winkte innerlich ein leises Lebwohl.

Wie damals schon.
Du fehlst mir.
So sehr.
Auch nach all den Jahren noch.

Selbstzweck

Ich verlange viel von meinen Kindern.

Dinge, die sie können müssen, bevor ich sie gehen lasse.
Dazu gehört nicht nur das obligatorische Schwimmen und Fahrradfahren, sondern noch so einiges mehr.

Meine Kindheit bestand aus dem Drill und der täglich immerwährenden zwanghaften Anspruchshaltung meines Vaters an mich, alles können zu müssen.

Egal, ob Segeln, Wasserski fahren, mit dem Bohrhammer umgehen, chemische oder mathematische Gleichungen lösen, mehrere Musikinstrumente beherrschen, mehrere Sprachen sprechen, auf ein Dach klettern, in einem Strudel nicht ertrinken, in einem fremden Land allein aus dem Wald finden, sich aus Gefangenschaft befreien, Schmerzen aushalten, Fahrzeuge beherrschen… die Liste ist so end- wie sinnlos (Ich habe in über 30 Jahren zum Beispiel noch nie gesagt: „Mensch, jetzt hilft nur noch Eiskunstlauf und dabei das Periodensystem der Elemente auswendig aufsagen, was ein Glück, dass man mir das beigebracht hat!“. Aber gut – ich könnte zumindest – ob ich damit jemanden rette oder die Welt zu einem besseren Ort mache, ist fraglich).

Ich musste es tun und ich musste es perfekt beherrschen.
Heute bin ich ein Mensch, der weiß, dass er so gut wie alles kann.
Das ist etwas Gutes.
Der Weg dorthin war es nicht.

Und so möchte ich für meine Kinder das Gute daraus weitergeben – nämlich zu Menschen heranzuwachsen, die ihre Fähigkeiten und Höchstleistungen kennen (der Inbegriff von Selbst-Bewusstsein) und bei Bedarf auch abrufen können.

Menschen, die verschiedenartige elementare Erfahrungen machen durften und die die daraus entstandende Sicherheit mit ins Erwachsenleben nehmen können.
Das bedeutet, dass sie andersartige Erfahrungen machen als es der Alltag der meisten Kinder hergibt.
Ganz ohne Schubs geht es oft dennoch nicht.
Im Idealfall bringt es ihnen Spaß.

Als die Kriegerin das erste Mal auf einem Pferd saß, hat man gesehen: Ja, dieses Feuer brennt.

Als Der Kobold das erste Mal auf einem Pferd saß, waren wir froh, dass hinterher das Pferd nicht brennt.

Reiten gelernt wird trotzdem.
Es gibt Dinge, die nicht diskutiert werden.
Ich frage ja auch nicht jeden Morgen, ob sie Lust haben, in die Schule zu gehen.
Aber es ist ein Unterschied, ob man die Kinder führt und begleitet, oder ob man sie existenziell bedrohlichen Erfahrungen alleine überlässt.

Und so kann man ein Kind unter Wasser drücken, damit es lernt, über zwei Minuten lang die Luft anzuhalten (und heute bei jedem Schnupfen Panikattacken bekommt), oder man kann in ihm den Ehrgeiz wecken, diese Dinge selbst erreichen zu wollen.

Man kann das Kind von einem Fremden überfallen lassen, damit es das Kämpfen um sein eigenes Leben lernt oder man integriert Kampfsport von klein auf ganz selbstverständlich in das Leben der Kinder. Weil 12 Jahre Übung unter der Führung eines erfahrenen Lehrers einfach einen Unterschied machen.

Wenn sie die Bewegungen so verinnerlicht haben, dass es in ihrer Natur liegt, ihren Körper zu schützen. Und weil sie nicht wissen, dass sie im Grunde genommen darauf trainiert werden, im Notfall einen Menschen zu überwältigen. Angst hat keinen Platz dort und das ist auch gut so.

Der Zweck heiligt eben nicht immer die Mittel.

Linien

„Die Brüste hängen so sehr.“

Ich weiß noch genau, wie beeindruckt ich von der Aussicht war. Frankfurt, Innenstadt. 20. Stock mit Blick über die gesamte Stadt. Gigantisch.

„Und der Bauch schwabbelt so. Diese schlabbrige Haut. Auch am Po muss Fett abgesaugt werden. Der ganze Körper sieht so widerlich aus, dass es mich bei jedem Blick in den Spiegel ekelt.“

Ich sehe irritiert in den Raum zu dem Mann, der mit geübtem Griff die Brüste meiner Mutter packt und hin und herwackelt. In seiner Hand hält er einen dicken schwarzen Stift, mit dem er Linien auf ihren Körper malt. Ich lege den Kopf schief und frage mich, warum wir hier sind. Ich bin 8 oder 9 Jahre alt.

„Schrecklich, diese Hängebrüste. Bald gehen sie mir bis zum Bauch. Ekelhaft.“ Der Mann hebt eine Brust hoch und malt noch mehr Striche. Ab und zu geht er zu seinem Schreibtisch und schreibt etwas auf einen Zettel. Er brummt. Ob zustimmend, vermag ich nicht zu sagen.

Ich bin weit weg von Zuhause und finde die Situation befremdlich. Affäre, geistert es durch meinen Kopf. Ich weiß nicht, was dieser Begriff bedeutet und doch kenne ich ihn. Jahre später soll ich erfahren, dass zu genau diesem Zeitpunkt die Ehe meiner Eltern auf der Kippe stand. Wegen einer Frau, die mein Vater kannte. Und liebte? Vielleicht. Wenn ihm das möglich war. Ich weiß es nicht.

Ich frage mich, ob meine Mutter jetzt mit diesem Mann zusammen ist. So wie er ihren Körper anfasst, begutachtet und bemalt kann das gut sein. So nah habe ich meine Eltern nie beeinander gesehen. Das mit den Strichen auf ihrem Körper kommt mir merkwürdig vor.

Wochen später sollte meine Mutter plötzlich verschwinden. Als sie wiederkommt, ist ihre Körpermitte merkwürdig verformt. Ihre Taille ist verschwunden. Ihr ganzer Bauch sieht so gestrafft aus wie eine langgezogene Gummimatte. Sie darf nichts heben und sich nicht bücken. Dafür ist sie glücklich. So kenne ich sie nicht. Große hässliche Narben zieren ihre Vorderseite. Breit, rot, grässlich und eiternd. Wann immer ich einen Verbandswechsel vornehmen muss und die Wundflüssigkeit abtupfe, dreht sie sich im Spiegel halbnackt hin und her. Und strahlt. „Jetzt sehe ich aus wie eine richtige Frau. Sieh nur, wie schön flach mein Bauch ist!“

Ich sehe auf die Gummimatte, die mit Haut nur noch so wenig zu tun hat und nicke. Es scheint etwas Gutes zu sein. „Nur die Brüste hängen noch so ekelhaft.“ An den Brüsten ist nichts verändert worden. Ich sehe keine Narben und sie sehen noch genauso aus wie vorher. Ich versuche, zu verstehen, was an ihnen ekelhaft ist. Es gelingt mir nicht. „Wenn du Pech hast, hast du auch diese widerlichen Hängebrüste geerbt.“

Ich erschrecke. Was heißt das? Was kann ich tun? Einen kurzen Augenblick lang drängt es in mir, sie zu fragen, was ich dann machen soll, aber sie wendet sich schon wieder ihrem Spiegelbild zu.

Es eitert aus der großen Bauchnarbe, die sich von Hüfte zu Hüfte zieht. Sie scheint es nicht zu bemerken. Gedankenverloren streichelt sie mit verliebtem Blick die gestraffte Haut darüber.

Gedankenkreise

Ich bin der Geist, der stets verneint! Und das mit Recht;…

Wieviele Jahre ist es her, dass er meine Lust an Leben und Wissen weckte? Und wieviele schier endlose Diskussionen über Sinn und Unsinn von Literatur später habe ich das erste Mal gemerkt, dass er bereit war, seine Frau und seine drei Söhne für ein paar aufregende Stunden mit mir zu verraten? Ich erinnere mich an jenen Abend, als wir aus dem Restaurant kamen – keine 4 Straßen von seinem Zuhause entfernt – und er mir wie immer den Vortritt ließ und sein Blick dabei auf die neue Tätowierung in meinem Nacken fiel.

Ich fühlte sein Aufstöhnen mehr als dass ich es hörte und schon damals war es ein zutiefst weibliches Wissen darum, was mir möglich sein würde.

Was und wen er verraten würde, wenn ich ihn nur dazu einladen würde.

Das Wissen um meine Macht erfüllte mich tief und vollkommen. Ich war es. Ich konnte das tun. Es lag in meiner Macht, dass dieser Mann alles aufs Spiel setzen würde. Seinen Ruf, seine Stelle, seine internationale Reputation, seine Ehe, seine Familie. Für eine 18jährige, der das Wort Liebe so fremd war wie ihm der Nervenkitzel im Laufe von 50 Jahren geworden war.

All die Jahre hat dies maßgeblich mein Männerbild geprägt.

Aufgewachsen mit einem Vater, der nie ein Mann von Ehre und zunächst einmal sich selbst und seinem Sadismus verpflichtet war und begleitet von Männern, die so schwach waren, dass ich nur mit Verachtung auf sie hinabsehen konnte. Männer, die bei jeder sich bietenden Gelegenheit ihre Frauen verleugneten, sich ihrer schämten und so gekonnt logen wie flirteten.

Selbst der strahlende Held meiner Kindheit lebte ein Leben, zu dem er sich aus freiwilliger Verpflichtung an eine Frau, die nur ein flüchtiges Abenteuer für ihn bleiben sollte und an ein Kind, das in der jugendlichen Unbedachtsamkeit einer feurigen Nacht entstanden ist, selbst verdammt hatte. Es gab andere Frauen für ihn, daran ließ er kaum einen Zweifel. Begehrenswertere. Schönere. Liebenswertere. Angemessenere. Und doch hat er über 60 Jahre lang seine Pflicht getan. Bis zu seinem Tod. Nein, er war mir in diesem einen Punkt kein guter Lehrer. Ein Mann sollte nicht nur ein Versorger sein. Es beschneidet seine Männlichkeit ebenso wie Angst und mangelndes Rückgrat.

Die Macht der Frauen und die Schwäche der Männer waren so allgegenwärtig, dass ich nie daran zweifelte. Nicht sehen könnend. Wenn ich nicht wollte, könntest du nichts dagegen tun… flüstert er mir heiser ins Ohr und die eiskalte Hand, die Herz und Magen seit 9 Wochen unbarmherzig umklammert hält, erhöht einmal mehr den Druck in meiner Mitte.

Antworten, die man nicht versteht, wenn man die Fragen stellen muss…

Ich kreise um mich selber, verändere mich, grüble, zweifle, frage… Und nun soll es nicht in meiner Macht liegen noch gelegen haben, den Einen halten zu können? So viel Angst.

Hilflos. Machtlos. Ohnmächtig.
Wer die Verantwortung übernimmt, hat die Macht.
Wissen ist Macht.
Wer fragt, der führt.
Wie Peitschenhiebe knallen meine Dogmen auf das geschundene Herz.

Und nun soll ich loslassen, was mich stets am Leben gehalten hat?

Nur ich.

Ich will nicht über Depressionen schreiben.
Nicht über Missbrauch.
Nicht über Folter.
Nicht über Traumata.
Über Flashbacks.
Nicht über Kinder.
Beziehung.
Zweifel.
Nicht über Hass.
Nicht über Leid.
Über Frust.
Über Wut.
Über Verzweiflung.
Oder Hoffnungslosigkeit.Aber wie könnte ich diese Dinge ausklammern, wollte ich über mich selber schreiben?

So sehnsüchtig zur Zeit wieder nach einem normalen Leben.
Nach normalen Maßstäben.
Nach Norm.
Nach Führung.
Ich will anerkannt werden.
Gesehen.
Gehört.

Ich will hinausschreien, was in mir gärt, immer und ewig.
Wovon ich nicht wegkomme, weil die Saat des Hasses so gründlich und grundlegend und allgegenwärtig in mir keimt.

Prägung.
Programm.
Trauma.
Das bin nicht ich, flüstert es.
Ich muss es nicht wiederholen, nicht aussprechen, nicht benennen, denn das bin nicht ich.

Und doch bin ich es.
Es ist ein Teil von mir.
Ungeliebt, ungewollt, unbenannt.
Ewiger unstillbarer Hunger nach Leid und Hass.

Meine Nemesis.

7 Leben

Heute vor 11 Jahren lag ich schon zwei Tage in den Wehen im Krankenhaus. Und es sollten noch mehr als 24 Stunden vergehen, bis die Ärzte einen Kaiserschnitt anordneten, um das Leben meiner Tochter zu retten.

Während der Operation verlor ich das Bewusstsein, nachdem man sie mir kurz zeigte und ich ihre drei Namen nannte. 

Ich starb Sekunden später.
Für wenig im Leben bin ich so dankbar wie für diese Reanimation.

Was hätte ich in diesen 11 Jahren verpasst…

Danke.