Selten…

…habe ich mich über Blut so gefreut.

Der Alptraum hat endlich ein Ende.

Und ich habe in aller nur denkbaren Deutlichkeit erfahren, dass, obwohl ich dieses Kind ausgetragen hätte und es genauso willkommen und geliebt wäre wie alle anderen Kinder, ich die richtige Entscheidung getroffen habe.
Ich habe keine Kraft mehr, mit noch einem weiteren Kind alleingelassen zu werden.

Erleichterung, auf ganzer Ebene.

Dafür ein, zwei neue Baustellen, die nun aber in etwas hellerem Licht.

Das Geschenk?

Es erscheint mir mit meiner Vergangenheit so vermessen – so unglaublich undankbar – um das zu bitten, was ich mir wünsche.

Warten, einmal mehr. Auf? Ja, worauf eigentlich?
Kann eine Welt zusammenbrechen, wenn man ein Geschenk erhält?
Muss man für jedes Geschenk dankbar sein?

Darf man für ein Geschenk undankbar sein, wenn es doch immer gewollt und geliebt aber in diesem Fall nun einmal nicht freiwillig gewählt worden wäre?
Ich tue mich schwer damit.

Ich gehe jedem Gedankenspiel aus dem Weg, weil es mich innerlich auffrisst, zerreißt bald, diese Ungewissheit. Seit Tagen stehe ich neben mir, zähle Stunden, achte auf kleine Anzeichen und versuche dabei, nicht verrückt zu werden.

Ich kann das nicht.
Ich will das nicht.

Angst. Nackte Angst.

Erste Male

Dieses Jahr wird seit sieben Jahren das erste sein, in dem ich nicht schwanger bin.

Es lächelt in mir, wenn ich daran denke.

Unser Entschluss steht fest und er fühlt sich gut an.
So richtig. Jetzt weitergehen.

Zwischen Traum und Trauma

Seit 26 Stunden wach, davor 2 Stunden geschlafen, seitdem erst Wehen, dann Presswehen, seitdem Nachwehen. Und was für welche.
Ich bin hier die Einzige mit Brüsten, von daher ist meine Rolle klar und nach nun 4 Stunden Dauerstillen („der trinkt heute nix mit dem ganzen Fruchtwasser in der Lunge!“) ist der kleine Tuk kurz eingenickt und ich warte aufs nächste Schreien. Um 6 Uhr hat der große Mann mit einigen Unterbrechungen immerhin 6 Stunden geschlafen und ich werde ins Bett fallen.
Einfach so.
Weil ich es mir verdient habe.
Nach 30 Stunden Marathon.

Angefangen hat alles mit einem Traum.
In diesem Traum kamen viele Sterne vor, viel Frieden, viel Reise, viel Verbundenheit.
Und ich wachte auf und lächelte.
Das war 2 Uhr nachts.
Gestern.
Dann machte es „Poff“ – wie in einem Donald Duck Comic – und das wars mit der Fruchtblase.
Fünf Handtücher später schlug ich dem großen Mann vor, wir schlafen einfach weiter.

Nicht so der kleine Mann in der Fruchtblase.
Wehe folgte auf Wehe, wurde stärker, schneller, heftiger.
Aber von drei vorhergehenden Geburten weiß ich ja – ich habe eine Wehenschwäche.
Egal, wie viele da sind – sie bringen nichts für die Geburt.
Also habe ich die Ruhe weg.
Wir bleiben so lange wie möglich zuhause, bis wir die Hebamme anrufen.
Um 6 Uhr, damit sie ausgeschlafen ist und wir mit dem Tropf im Krankenhaus anfangen können.
Wie jedesmal.
Denn eigene Wehen – kann ich ja nicht.
Ja.

Als der Mann dann gegen kurz nach 7 Uhr mit unserem Auto, in dem sich drei unausgeschlafene Kinder befanden, mit Tempo 80 über rote Ampeln mitten im Berufsverkehr durch die Innenstadt heizte, während ich harmlose Passanten aus dem geöffneten Seitenfenster anbrüllte, weil ich die Wehen nicht mehr veratmen sondern nur noch rausschreien konnte, war der Plan ja eigentlich noch, vorher einen kurzen Abstecher zur Tagesmutter zu machen, um die Kinder rauszuwerfen.
Denn: wir haben ja Zeit. Kurz vor der Kreuzung schreie ich mitten in einer Wehe den Mann also an, ja nicht abzubiegen, sondern zum Krankenhaus weiterzurasen und röhre nach wie vor wie ein brünftiger Hirsch aus dem Fenster und kneife die Beine zusammen. Ist irgendwie anders als sonst, denke ich noch so.
Am Krankenhaus angekommen herrscht der Mann die Kinder aus dem Auto, ich wanke Richtung Fahrstuhl, aus dem eine Schwester hektisch mit weitaufgerissenen Augen zwei wehrlose Rentner wieder herauszieht, nachdem sie mich, den Mann und die Kinder erblickt und uns kommentarlos hineinschiebt, einen Knopf drückt und sowas wie viel Glück wünscht.
Ich schwanke zwischen Schmerzkoma und einem fassungslosen: Ich habe doch eine Wehenschwäche.
Vor dem Kreißsaal meine Hebamme, die mich an den Händen fasst und ein bisschen komisch ansieht, neben mir Schwestern und Ärzte, die die Kinder vor den nächstbesten Fernseher führen und ein Mann, der die Tür zum Kreißsaal hinter uns schließt.

Tropf, denke ich noch, als die Hebamme bei der Untersuchung was von 9 cm murmelt.
Wehenschwäche, denke ich und verlange einen Zugang.
Dann kann die Geburt ja endlich anfangen.
Es ist kurz vor 8 Uhr.
„Ich kann da keinen Zugang legen“, murmelt die Hebamme, als ich zwischen zwei Wehen meine Hand hinstrecke.
Also Armbeuge, nachdem die erste Ader platzte.
Die Wehen kamen gefühlt alle 10 Sekunden und hielten 3 Minuten.
Der Mann hielt meinen Arm, die Hebamme versuchte im Laufen, mit der Nadel eine Ader zu treffen, während ich im Raum umherwankte, Wehen aus mir herausstöhnte und mal dringend auf Klo musste.
Wehentropf, denke ich noch.

Irgendwann ist alles voller Blut, weil die Rahmenbedingungen nun mal eher suboptimal waren, ich bekomme noch ne halbe Binde um den Arm gewickelt, damit die Nadel nicht rausrutscht und soll zum CTG.

Gute Idee, denke ich.
Mal sehen, ob man die Wehen überhaupt aufzeichnen kann oder ob sie zu schwach sind.
Aber alles, was mir an den Bauch geklemmt wird, ist der Herztonkopf für das Baby.
Wehen, denke ich noch.
Da müssen wir doch was aufzeichnen, wenn wir gleich einleiten.
Ich schreie inzwischen ununterbrochen.

Der Mann kommt irgendwie durch die Wand aus Schmerz und teilt mir mit, dass die Tagesmutter am Krankenhaus ist und die Kinder abholt.
Er würde sie jetzt runterbringen und dann wiederkommen.
Wir haben ja Zeit, denke ich.
Und frage mich halb taub, ob ich das überlebe.
Wenn wir erst mal einleiten und die Wehen schlimmer werden.

Es ist 8 Uhr.

Ich schreie mir die Seele aus dem Leib, alles triggert, alles ist furchtbar, ich falle von einem Panikanfall in den nächsten, will Schmerzmittel und höre immer nur, es ist zu spät.
Ich brülle, ich kann nicht mehr, die Hebamme brüllt mich an, ich soll die Luft anhalten und pressen, ich brülle, ich bin noch nicht so weit, der Mann kommt zur Tür reingerannt, brüllt mich auch noch an und da platscht es schon aufs Bett.

08:06 Uhr.

Wehentropf, denke ich noch, als der Mann das Baby hochnimmt.
Und irgendwann lasse ich mir von ihm die Geschichte mal erzählen, wie sie aus seiner Sicht verlaufen ist.
Nicht heute.
Vermutlich auch nicht morgen.
Aber irgendwann sicherlich.

Willkommen auf der Welt, mein närrischer kleiner Tuk.
Es ist so schön, dass es dich gibt.

Körperlichkeit

Ich habe ein großes Problem mit meinem Körper.
Das heißt, eigentlich habe ich gar kein Problem mit meinem Körper, nur mit meiner Eitelkeit.
Dabei bin ich nicht mal ein besonders eitler Mensch.
10 Jahre, 9 Schwangerschaften.
Gleich die erste Geburt endete mit einem Kaiserschnitt, der dem Unterbauch eine für mich extrem hässliche Form gab und dafür sorgte, dass ich bis heute nicht wirklich Gefühl vom Nabel abwärts habe.

Nach der xten Fehlgeburt kam eine extreme Gewichtszunahme, dann wieder Abnahme mit der Geburt der Motte. Dann drei Fehlgeburten in Folge, Tod eines geliebten Menschens, Abschied von den Eltern, private Probleme, bei denen ich mir auch ziemlich viel Panzer zugelegt habe.
Das Gewicht ging Ende letzten Jahres wieder zurück, als ich beschloss, dass drei Kinder reichen.
In der Neujahrsnacht standen der Mann und ich vor dem Bett mit den drei schlafenden Kindern und nickten aus vollem Herzen: Ja. Das wars. Und es ist gut so.
Nur 29 Tage später legte ich den Schwangerschaftstest auf die Fensterbank und weigerte mich, zuerst draufzusehen. Das tat der Mann. Der Rest… naja. Ein paar Tage noch, dann sind wir zu sechst. Und eine Operation wird dafür sorgen, dass das auch so bleibt.

So langsam schnuppere ich Freiheit und damit verbunden ist die Frage, wie mein Körper nun wohl aussehen wird, wenn er erst mal leer ist und für den Rest meines Lebens mir alleine gehören wird. Es ist tatsächlich die erste Schwangerschaft, in der ich mich das frage. Ich bin der Meinung, dass man dem Körper einer Frau – Bauch, Brüsten… ansehen darf, dass er Kinder ausgetragen und ernährt hat.
Aber diesmal…
Ich muss dieser Tage manchmal an früher denken. An meine Arbeit mit und an meinem Körper.
Und das ist so weit weg, dieser Körper von damals, dass ich ungläubig lachen muss, wenn ich an diese Zeit denke. So surreal. Ich weiß noch nicht, wie ich in einem Monat meinen Körper im Spiegel betrachten kann. Ob ich mich aussöhnen kann. Liebe, Respekt oder zumindest Wohlwollen aufbringe.
Es gab Zeiten, in denen habe ich meinem Körper alles abgetrotzt, was ich wollte. Er war mir immer zu Diensten, ist immer geheilt… bis zu diesen Fehlgeburten.

Bis er versagte und ich das erste Mal ein totes Kind auf der Hand hielt.
Vieles hasse ich an meinem Körper, weil es meine Mutter erregt hat.
Vieles verachte ich an ihm, weil es gestandene Männer zum betteln brachte.
Vieles liebe ich an ihm, weil mein Mann es anbetet.

Aber das sind die Sachen, die von außen prägen.
Innen… da werden er und ich bald alleine sein und einen Weg finden müssen.

Einen Neuen.

Familienplanung

…abgeschlossen.

Oder so. Nein. Ja. Irgendwie. Doch nicht. Gezwungen. Gewählt.
Es ist das Beste so. Und doch wieder nicht.

Die Hoffnung stirbt zuletzt.
Nicht so lange warten wollen.
Sondern in Hoffnung, mit Zuversicht, eine Entscheidung… Alles doof. Alles wird gut.

Unser letztes Kind.
Unser letztes Kind?

Abschied

Der Abschied rückt näher. Nur noch ein paar Wochen, Tage nur noch, die gezählt werden können.

Es fällt mir schwer, mich damit anzufreunden und doch merke ich, wie Ruhe einkehrt. Die größte Wegstrecke ist geschafft.
 Neun Schwangerschaften.
Mein Körper hat sich diese Ruhe verdient. Ich möchte ihn nicht mehr zwingen.

Es ist gut wie es ist.

Die Sehnsucht bleibt.

Ich werde sie einfach mitnehmen, in dieses andere Leben.

Letzte Male.

Philosophien

Der Mann stählt Körper und Geist in friedvoller Kampfkunst, während ich hier unter Schmerzen überlege, was ich möglichst aggressiv kaputthauen kann, um mich zu erleichtern.

Dreck, blöder. Ich würd mit dem Fuß aufstampfen, wenn es nicht so weh tun würde.