Einundvierzig

Am Samstag war es soweit – ich hatte Geburtstag!

Da ich mich immer noch von einer über drei Wochen andauernden Grippe erhole, gingen wir es ruhig an. Lieblingskuchen zum Frühstück, Geschenke auspacken, Faulenzen.

Ein wenig konnte ich bereits mein Lieblingsgeschenk ausprobieren – den lang ersehnten Elektrotacker. <3 

Es war herrlichstes Herbstwetter – alle Blätter verfärbt, strahlender Sonnenschein, warmer Wind. Und so nutzen wir die Gelegenheit zu einem ausführlichen Spaziergang mit den Hunden auf dem Berg durch Wiesen und Felder.

Alles in allem der schönste Tag seit langem mit der Sehnsucht, bald endlich wieder mehr unternehmen zu können.

Ein Jahr Schnuppe

Heute vor einem Jahr war Montag und wir warteten schon seit Tagen sehnsüchtig darauf, ob eine unserer Häsinnen tatsächlich Junge zur Welt bringen würde. Nest war gebaut, Unruhe war da, viel ziegiges Verhalten gegenüber den anderen Häsinnen und eine Zutraulichkeit uns gegenüber, die wir bis dahin nicht kannten.

Und an diesem Morgen ging ich nach draußen, um die Hasen rauszulassen und kontrollierte wie jeden Tag die große Wurfbox, die im Stall stand, und der sich schon seit Tagen kein anderer Hase mehr nähern durfte.

Eine hektische Mama, die mir folgte und mir den Weg in die richtige Ecke zeigte, verriet schon die Neuigkeit: Ein dicker, properer Milchkeks lag da geschützt in haufenweise Wolle gepackt trocken, satt und leise schnaufend im Nest.

Wir hatten ein Hasenbaby.

Heute ist Schnuppe eine ansehnliche junge Hasendame, die ihre eigene kleine Gang anführt. Ihre Best Buddies sind der hektische Frodo und der trottelige dicke Zombit. Als Dreiergespann haben sie den höchsten Scheißelkramfaktor im Gehege. Aber auch mit der Mama und dem Papa unternimmt sie noch viele Ausflüge oder kuschelt sich zwischen die beiden. Ihre Ziehtanten und der dicke Onkel Hasi, der sie mit aufgezogen hat, sind eher ein sicherer Hafen, aber keine Partner. Da sieht man den Altersunterschied sehr deutlich. Mit den Bezugshasen wird gekuschelt oder dort Schutz gesucht, mit den Kumpels unternimmt man Ausflüge oder halbherzige Putschversuche. Es gibt wohl nichts Schöneres, als ein Tier in einer stabilen Gruppe aufwachsen zu sehen und beobachten zu dürfen, wie es in das soziale Gefüge integriert und von jedem ein wenig miterzogen wird.

So soll es sein und so ist es ganz wunderbar.

Der kleine Trottel

Der kleine Eisbär, der mal ein Hund werden will, ist … nicht die hellste Kerze im Leuchter.

Ich weiß nicht genau, was bei ihm schiefgelaufen ist, aber er ist der Inbegriff des liebenswürdigen begriffsstutzigen Trottels. Ich tue das, was man bei Kindern niemals tun sollte: Ich vergleiche die Hunde miteinander. Der kleine Braunbär, der einmal ein Hund werden wollte, war in diesem Alter schon sehr viel agiler, aufmerksamer, lernfreudiger und temperamentvoller. Und größer. Wesentlich. Man sollte meinen, wenn man zwei reinrassige Hunde derselben Rasse vergleicht, sollten es nicht solche Unterschiede geben, aber es gibt sie. Beide Väter stammen aus der Arbeitslinie, sind große stolze Rüden und beide Mütter sind ein traumhaftes Abbild ihres Rassestandards. Trotz gleicher augenfälliger Charaktereigenschaften im Welpenalter ist der Braunbär ein dominanter, selbstbewusster und temperamentvoller Hund mit der Fähigkeit zu eigenständigen Entscheidungen, der auch die kleinste Abweichung vom Protokoll sofort registriert und erst einmal skeptisch beäugt – und der kleine Eisbär ist eher so der pummelige, leicht aufsässige und manchmal auch sehr selbstverliebte Klassentrottel, der einen Einbrecher vermutlich auch dann nicht bemerken würde, wenn dieser ein Schnitzel nach ihm werfen würde.

So oder so. Ich lieb die beiden und bin so dankbar für jeden Tag, den ich mit ihnen verbringe.

Mein Kobold

Der Kobold wird heute 13 Jahre alt.

Mein erster Sohn und das Kind, das ich als Erstes selber auf die Welt bringen durfte. Ich verfalle schon lange nicht mehr in jede Erinnerungswehmut, die mich durch die Kleinkindjahre der Kinder begleitet hat, sondern es ist Raum für etwas Neues, Größeres gewachsen.

Das ehrfürchtige Staunen, einen Jugendlichen auf dem Weg zum Erwachsensein begleiten zu dürfen. Mein großer Sohn ist ein Mensch mit unglaublich viel Humor. Einer, der mich zum Lachen bringt. Mit einem extrem feinen Sinn für Situationskomik. Ich liebe es, wenn er seine langen schlacksigen Arme um mich legt und ich mich frage, wie lange es wohl noch dauert, bis er mich an Körpergröße überholt hat. Er ist das Kind, das mir wohl am meisten Kopfzerbrechen bereitet hat und dasjenige, bei dem sich die meisten meiner Grübeleien und Sorgen irgendwann einfach in Luft auflösen. Ich bemühe mich, gelassener zu sein, mehr Nachsicht zu haben und ihm vor allem mehr Zeit zu geben, weil er kein Freund von Eile ist. Es ist, als würden für ihn die Uhren immer einen Tick langsamer laufen, so wie sie für mich immer einen Tick schneller zu laufen scheinen. Das ist sehr herausfordernd.

Ich sehe in keinem anderen Kind so sehr meinen Vater als kleinen Jungen und meinen Großvater in seinen Gesichtszügen.

Ich liebe es, mit welcher Vehemenz er seine Freunde und seine Geschwister verteidigt.

Wie er im Laufe der Jahre mit wachsender Kraft und Körpergröße den Mann immer weiter mit Angriffen herausfordert und an diesem Kräftemessen wächst. Wie er gelassener wird und lernt, seine enorme Körperkraft zu zügeln. Ich bewundere sehr, dass er völlig in seiner eigenen Zeit und Realität versinken kann, aber sofort spürt, wenn es wichtig ist und er Präsenz zeigen muss.

Er hat es in den letzten Jahren nicht leicht gehabt – vom zweiten Kind zum Vierten herabgestuft zu werden. Trotzdem hat er diese Situation bewältigt. Und die Rolle rückwärts – zum Ältesten in unserem Alltag – die hat er ebenfalls mit Bravour gemeistert.

Mein Baby, mein Kobold, mein wunderbarer großer Sohn.

Vorfreude

Heute in zwei Wochen kennen und lieben der Mann und ich uns 14 Jahre.

Sind dann verheiratet seit genau 12 Jahren.

Holen an diesem Tag einen kleinen Eisbären ab, der mal ein Hund werden möchte und der am Geburtstag meines verstorbenen Großvaters geboren wurde.

Ich glaube, dieser Tag in zwei Wochen wird sehr sehr nahe an perfekt rangieren. Und ich freue mich unglaublich über diesen Kurs, den unser Leben gerade einschlägt.

So viel Sehnsucht, so viel Vorfreude, so viel Glück.

Muttertag

Duftender Flieder und Geschenke zum Frühstück.

Drei wunderbare Kinder, die mich als Mutter anscheinend recht gerne mögen. Drei Stunden Autofahrt, auf der wir dank abgestürztem Navi beinahe die niederländische Grenze überqueren. Ein wunderbarer Besuch bei Hundemenschen.

Mein Hochzeitstagsgeschenk aussuchen [ein kleiner Eisbär].

Glücklich sein. Zwei Stunden zurückfahren (ohne auch nur in die Nähe der Grenze zu kommen). Aufgedrehte Kinder umarmen. Eis essen. Schlafen gehen.

Die Geburt in der Kaninchengruppe

Seit Schnuppe auf der Welt ist, ist sie Teil der Kaninchengruppe.

Was leider immer noch völlig unüblich ist – die trächtige Häsin in ihrer Gruppe zu belassen – ist hier jeden Tag ein Wunder, das zu beobachten ein Geschenk ist. Der Nestbau hatte für einige Aufregung gesorgt – die Mama hat sehr klar gemacht, dass die große Wurfbox im Stall „ihr“ gehört und auch kein anderes Kaninchen diesen Raum betreten darf. Das haben die anderen recht schnell kapiert – wer legt sich schon freiwillig mit einer werdenden Mutter an…

Nach der Geburt lag die Schnuppe in ihrem Nestchen und bekam zwei- bis dreimal am Tag Besuch von der Mama zum Milch trinken und putzen. Soweit, so gut. Die anderen Hasen hielten sich weiter von der Box fern.

Als das Baby langsam mobil wurde und schon aus dem Nest krabbelte, das Stroh raschelte und sich auch hörbar etwas tat, wurden die anderen Kaninchen neugierig. Da steckte schon mal einer den Kopf in die Box um zu sehen, was passiert. Mehr aber auch nicht. Meistens kam sofort die Mama angehoppelt und sah nach dem rechten.

Erst als das Baby gelernt hatte, nicht nur aus dem Nest, sondern auch aus der Wurfbox herauszupurzeln und den Stall erkunden konnte, wurde es aufregend. Die anderen Kaninchen fanden das kleine flauschige Wesen zunächst nämlich äußerst irritierend.

Wann immer sich alle großen Tiere auf Strohballen, auf Tischen, in Pflanzkübeln und auf Baumstämmen in Sicherheit brachten, war klar: Der Keks ist gerade auf Tour. Die Mama hielt sich immer in Reichweite, damit das Baby auch keinen Unsinn macht. Oder die anderen Hasen. Aber die sahen ja hauptsächlich von oben zu und fragten sich, was das für ein Ding sei.

Inzwischen sind 25 Tage seit der Geburt vergangen und die Schnuppe hat den Stall und auch schon fast das gesamte Außengelände erkundet. Sie ist ein selbstverständlicher Teil der Gruppe (und es passiert nur noch selten, dass sich mal einer erschreckt, wenn der Fellfloh in seinem Übermut jemandem auf den Po springt). Wann immer ein anderer Hase Kontakt zu ihr aufnimmt (so wie im Bild), unterwirft sie sich sofort. Legt die Ohren nach hinten, duckt sich und schiebt ihr kleines Köpfchen unter das Kinn der Großen. Als Belohnung wird ihr meistens ein- oder auch zehnmal über den Kopf geleckt.

Und wenn sie richtig Pech hat, bekommt sie eine Ganzkörperwäsche von einer der Tanten oder dem Ziehvater.

Bei der Mama hingegen ist sie ziemlich aufsässig. Rennt beim Putzen weg, versucht doch noch an Milch zu kommen, wenn Mama gerade frühstückt oder beißt ihr einfach frech ins Ohr.

Schön, dass sich das zumindest auch bei Tieren so durchzieht…

Von Kindheitsträumen

Mein geliebter Großvater hat – seit ich denken kann – Kaninchen gezüchtet.

Nicht diese winzigen Viecher mit Schlappohren, sondern Deutsche Riesen zur Fleischgewinnung. Und jeder der seltenen und wunderbaren Besuche bei meinen Großeltern war geprägt von der Versorgung seiner zeitweise über 100 Tiere.

Der Gang am frühen Morgen zu den Ställen, seine beruhigenden Lockrufe, wenn er nach den Jungen sehen wollte und eine garstige Mutter ihm den Weg versperrte, seine Erzählungen, was die Tiere für Eigenheiten haben – das war meine Welt, da war ich glücklich, da war ich zuhause. Seit ich 10 bin, halte ich selber diese Tiere.

Und ich liebte und liebe jedes Einzelne davon. Große Kaninchen sind für mich Seelenbalsam. Inzwischen in ein großer Traum in Erfüllung gegangen, seit wir das Gesindehaus komplett zum Stall umgebaut haben und eine Kaninchengruppe dort lebt. Wenn ich früh morgens diese Tür öffne und unsere Kaninchen in den Garten hoppeln und ich von ihnen neugierig begleitet werde.

Das ist das Allerschönste, das ich mir für meinen Garten vorstellen kann.

Ein Freitag

Seit vielen Monaten darf heute bei uns mal wieder ein normaler Freitag sein.

Freitag – das heißt, es kommen Gäste. Viele Gäste. Die auch alle hier schlafen. Das bedeutet auch Unmengen an Essen, die ich für alle Kinder und alle Besucher anschleppe. Umräumen, zusammenrücken, den Tisch ausziehen, Filmnächte, Spiele-Battles, Raufereien und Kämpfe. Da verlaufen die Grenzen zwischen Geschwistern und Freunden plötzlich fließend.

Da finde ich den besten Freund des Sohnes plötzlich bei der großen Tochter wieder, die ihm Computerdinge oder sein Handy erklärt, da gehen die Freunde des Sohnes plötzlich mit der Kriegerprinzessin in den Kaninchenstall und ich finde 3 laute Testosteronbolzen plötzlich uhhh, sind die flauschig-flüsternd im Garten wieder.

Da wirft sich der närrische kleine Tuk in Schale und attackiert in kompletter Ninja-Nerf-Gun-Ausrüstung in einem Überraschungsüberfall plötzlich die älteren Geschwister samt Freunden, die johlend durchs Haus flüchten und sich Verstecke suchen.

Das Haus ist laut – noch lauter als sonst, es vibriert förmlich vor Abenteuer und Energie und ich liebe es.

Als mein Bandscheibenvorfall so akut war, ging das nicht mehr.
Ich hatte solche Schmerzen, ich konnte kaum irgendjemanden ertragen.
Und dann schon gar nicht Besucher, die mir nachts entgegengeistern.
Nach zwei Monaten gingen Besucher über Tag wieder einigermaßen, aber nur einzeln.
Mehr konnte ich nicht ertragen, meine Nerven waren so unglaublich dünn. Seit die Nervenschmerzen weg sind – seit Weihnachten – konnten die besten Freunde der Kinder wieder hier schlafen.

Ich kenne sie alle seit Jahren und die Monate ohne sie waren irgendwie seltsam. Meine Kinder haben ihre Freunde zwar getroffen, aber eben nicht mehr hier. Sie waren dann außer Haus und so notwendig das für meine Ruhe war, so seltsam war es eben auch.

Aber zurück zu den Freitagen.
Freitage sind besonders.

Kinder gehen, Kinder kommen, besonders der große Sohn veranstaltet Wochenend-Events, bei denen er zwei bis fünf Freunde einläd und dann halbstarke pubertäre Jungs durch mein Haus poltern, brüllen, auf ihre ganz eigene unnachahmliche Art und Weise Kuchen backen („Alter, man muss das Ei 3 Minuten unterrühren, du Opfer! Sogar der Hund sieht, dass das Kacke ist!“) und auch ansonsten jede Menge Spaß haben.

Wir sind das einzige Haus, das diese Veranstaltungen jede Woche möglich machen kann.

Anfang dieser Woche habe ich dem Sohn mitgeteilt, dass ich mich – glaube ich – bereit fühle, wenn seine Freunde diesen Freitag das erste Mal wiederkommen würden und ein großes breites Strahlen ging über sein Gesicht.

Ich weiß zwar noch nicht, wie es mir morgen geht, aber heute freue ich mich erst einmal darauf, sie alle wieder hier zu haben.

Das Erbe

Heute vor 5 Monaten hat Uroma ihren letzten Atemzug getan.
Und ich habe sie begleitet.

Das Prozedere danach war unschön.
Wir mussten meine Eltern verständigen – mein Vater ist der einzige Sohn und damit der Erbe meiner Großmutter. Das Gespräch verlief so, wie meine Eltern nun mal sind. Ohne Gefühl und auf ihren eigenen Vorteil bedacht. Kurz danach die Frage, wie viel Geld noch da sei und dass wir das doch alles wohl noch zu ihren eigenen Gunsten abwickeln würden…

Sie würden sich mit dem Papierkram nicht befassen wollen.
Der Mann sagte ruhig „Nein.“ und das war es dann mit dem Gespräch. Oma wurde abgeholt und wir hatten bereits vor dem Gespräch mit meinen Eltern unseren Anwalt informiert.

Wir haben aus der Vergangenheit gelernt.

Oma wurde beerdigt und meine Eltern verfügten irgendetwas Beliebiges mit billig, anonym und schnell. Weil uns klar war, dass wir dort nicht würden erscheinen dürfen, verabschiedeten wir uns hier zuhause ausführlich von Uroma.

Der Bestatter unterdessen bewies ziemlich viel Courage und ließ mich alle Entscheidungen fällen, die meine Mutter an ihn abgegeben hatte. Und so kam Oma sowohl zu ihrer geschmückten weißen Urne mit Rosen, die sie ihr Leben lang so sehr geliebt hatte, als auch zu einer Beisetzung, bei der wir alle anwesend sein konnten. Oder wie der Bestatter es ausdrückte: „Ich bin zu dieser Zeit an diesem Ort. Und wenn ich dort wie beauftragt allein für die Urnenbeisetzung stehe und es gesellen sich zufällig anteilnehmende Menschen dazu, dann ist das doch etwas Schönes, nicht wahr?“

Während meine Eltern sich vor, während und nach der Beerdigung mit unserem Anwalt auseinandersetzten und wir jede Mail von ihnen ignorierten, egal wie unverschämt sie war, packte ich Omas Sachen in Kisten. Mit viel Herzschmerz. Es gab so viel davon, was mir lieb und teuer war. Sie sagte immer, ich solle nach ihrem Tod behalten, was ich will, aber rechtlich geregelt haben wir das nie. Und mit jedem Teil, das mir so viele Erinnerungen bescherte, wurde mir das Herz schwer.

Es gehörte jetzt nun einmal meinem Vater. Der würde es zwar wegwerfen oder verkaufen, aber wenn es fehlen würde, hätten wir innerhalb kürzester Zeit wieder ihre Anwälte auf dem Hals.

Ich packte also alles sorgfältig in Kisten, verabschiedete mich auf diese Art von den greifbaren Erinnerungen an meine Großmutter. Alles wurde genau in Listen eingetragen, ich verbrachte mit den Kindern noch mehrere Tage in Uromas Zimmer. Bei jedem Stück, das mir eine Geschichte erzählte, gab ich diese an die Kinder weiter. Es war gut und es war heilsam.

Unser Anwalt übermittelte die genaue Auflistung von Omas Besitz an meine Eltern.

Und es passierte nichts.

Omas Sachen füllen ein großes Zimmer, das eigentlich unser Esszimmer ist. Wir hatten Anfang letztes Jahres das Esszimmer ins Wohnzimmer verlegt, damit wir Platz haben. Und nun stand dieses Zimmer mit Möbeln, Kisten, Rollstühlen und anderen Gegenständen voll. Nicht lange, überlegten wir uns, sobald mein Vater rechtskräftig geerbt hätte, würden wir von ihm verlangen können, dass er die Sachen abholt. Ich freute mich Ende August darauf, dass wir Weihnachten endlich wieder mehr Platz haben würden. Endlich wieder Platz im Wohnzimmer, endlich den 1 x 2,50 m langen Esstisch wieder in einen eigenen Raum…

Endlich.

In der Zwischenzeit versuchten meine Eltern allerlei Dinge, um uns auf den wertlosen Sachen sitzen zu lassen, sehr wohl aber an verkaufbare Dinge zu kommen, ohne das Erbe offiziell anzunehmen oder auszuschlagen. Es funktionierte nicht.

Ich liebte den Mann und unseren Anwalt noch mehr als ohnehin schon, während ich versuchte, wieder gesund zu werden und bei jeder neuen Mail meiner Eltern nicht in Panik zu geraten. Die Frist zur Ausschlagung des Erbes verlängerte sich von den erwarteten 6 Wochen auf unerträgliche 6 Monate, weil meine Eltern ihren Hauptwohnsitz im Ausland haben.

Dann – kurz vor Weihnachten – eine weitere Mail an uns, mein Vater würde das Erbe vielleicht annehmen, aber dann müssten wir uns um alles kümmern. Das wenige Geld nähmen sie, wir bekämen dann die Sachen, die zu nichts mehr zu gebrauchen sind. Zum Verkaufen. Oder zum Entsorgen. Oder so. Die Rechte an allem würde aber natürlich mein Vater behalten.

Es ist immer wieder bemerkenswert, wie ihre Welt sich dreht.
Der Anwalt schrieb einen wirklich feinen Brief zurück, dass ich den Teufel tun würde. Ich lese diese Worte auch heute noch sehr gerne.

Die Zeit verging und wir feierten Weihnachten im Wohnzimmer mit unserem riesigen Esstisch und einem noch größeren Baum und ich hoffte einfach auf das nächste Jahr. Ich stellte mich darauf ein, dass wir dann ab nächstem Monat die Räumung des Zimmers anmahnen würden. Die Katzen schliefen inzwischen hoch oben auf Uromas riesigem Pflegebett und wir hatten zumindest ein paar Stühle ins Zimmer gestellt, die sonst im Weg waren.

Wir hatten uns nach fünf langen Monaten mit dem vollgestellten ehemals schönsten und hellsten Zimmer im Erdgeschoss arrangiert. Und dann ging ich gestern zum Briefkasten, als ich mit dem Hund im Garten trainierte und zog Unmengen von Katalogen daraus hervor. Dazwischen ein dicker Brief vom Amtsgericht.

Mein Herz klopfte laut, als ich ihn öffnete. Regen fiel auf den Text, der Hund sprang nass und dreckig um mich herum und da stand es, schwarz auf weiß:

Der erste Erbberechtigte hat die Erbschaft ausgeschlagen.
Ich stehe an zweiter Stelle der Erbfolge.

Als ich später am Abend eine der zugeklebten Kisten öffne, schlägt mir der vertraute Geruch meiner Großmutter entgegen. Ich hatte eine Kiste mit Handtüchern erwischt. Handtücher, an denen sich mein Großvater und ich nach unseren Abenteuern schon abgetrocknet haben. Viele davon sind zerschlissen, einige sehen noch genauso aus wie vor 35 Jahren, als ich 5 war.

Handtücher, die mir von Kindesbeinen an so vertraut sind, weil sie mit Geschichten verknüpft wurden. Mit Lachen, mit Geborgenheit, mit Spaß und Abenteuer, mit Müdigkeit und warmen Sommertagen im Garten.

Und nun gehören sie mir.

Und niemand kann sie mir mehr wegnehmen.