Aufklärung

Der Kobold legt dem Butz brüderlich seine Hand auf die Schulter und beugt sich zu ihm.

„Und wenn du was wirklich Realistisches über Sex wissen willst, dann hast du ja auch jemanden in der Familie, den man echt ALLES fragen kann…“

[Ich lächle, zufrieden mit meiner offensichtlich großartigen Erziehung und dem Vertrauen meiner Kinder in mich, meine Erfahrung und meine Kommunikationsfähigkeiten.]

„… unsere große Schwester!“

Rechtlich

Butz kommt aus der Schule.

„Ich bin heute einfach durch die 11-Klässler durchgegangen, die gesagt haben, dass sie jeden mit Schnee einseifen, WEIL ICH NÄMLICH DAS RECHT DAZU HABE, DA LANGZUGEHEN!!!“

Hm. Und? Wie gut hat das mit dem Recht funktioniert?

„Nur so mittelgut.“

Ich helfe dem Butz, Schnee und Eis aus der Kleidung zu klopfen und rege an, dass man sich in solch absehbaren Gefahrensituationen vielleicht vorher überlegt, ob man Recht oder Unversehrtheit behalten möchte.

[Er denkt darüber nach.]

Lange Nächte

Stöhnen.

Ein Ächzen. Zusammenhangloses Gebrabbel. Ich nähere mich vorsichtig der Küche, in der ein zombiesk wankender Teenager gerade polternd verschwunden ist, um ihm zu sagen, dass da frische Minibrötchen sind.

Als ich um die Ecke biege, kauert er bereits zusammengesunken auf einem Hocker, die Schüssel wie einen Schatz an sich gezogen, die Hamsterbacken augenscheinlich bereits mit Minibrötchen befüllt, während er mich mit fahlem Gesicht verständnislos blinzelnd anblickt: „WAFF?“

Augenstern

Die Motte gesellt sich zu mir.

„Glaubst du, ich bekomme Papa dazu, mir jetzt Pfannkuchen zu machen?“

Du weißt doch, dass dein Vater dir ohnehin nichts abschlagen kann.

„Ach ja richtig. PAPAAAAAAAAAA!„

Erfahrung

Butz wittert die Chance, mich in philosophische Grundsatzfragen zu verwickeln, weil ich beim Backen nicht flüchten kann, aber mit dem geballten Wissen aus 22 Jahren Mutterschaft fragte ich diesmal vorher, ob ich irgendwann explodiere, wenn ich ’nie wieder kacken können‘ wähle.

Party hard

Der Butz appariert nach einer online-Partynacht mit seiner Gilde im Erdgeschoss, hundemüde, mit Chipskrümeln in den Haaren und nacktem Oberkörper, der komplett mit Glitter bedeckt ist.

Wilde Nacht, Butzemann?

„Schmöschte nicht darüber sprechen.“

[Verstehe ich.]

TRÖÖÖÖÖÖÖT

Das Spiel um den Neujahrskönig beginnt.

„Es gibt keinen zweiten Sieger, nur erste Verlierer!“

Die Kinder bringen sich in Stimmung.
Niemand ist ausgeschlafen, der Kobold hat bis 6 Uhr morgens eine Dokumentation über Seesterne gesehen um sich wachzuhalten.

Wir beginnen mit dem Klassiker: Exploding Kittens.

Erste koffeinhaltige Erfrischungsgetränke werden geöffnet. Mann und Kriegerin explodieren in den ersten Runden, ich spiele erbittert gegen die beiden Jungs.
Allen Katzenjoga-Entspannungskarten zum Trotz werde ich nur Dritter.

Klassiker seit Jahren: Mr. Pups.
Wir spielen die Version, dass jeder so oft drücken darf, wie er möchte, bevor er Mr. Pups dem nächsten Spieler aushändigt.

Natürlich wird am letzten Tag des Jahres alles, was an Weihnachten erinnert, entfernt und auf den Dachboden gebracht.
Danach wird dann für Silvester geschmückt.
Fotos von Hunden und Kindern sind gemacht, das jährliche Paarfoto steht noch aus.

Da wir auf der Suche nach neuen Herausforderungen sind, tritt der Mann in einer neuen Kategorie an einem außergewöhnlichen Austragungsort an. Die Notaufnahme. Wir nehmen mal kurz gedrückte Daumen und gute Wünsche.

Die Notaufnahme ist übrigens erfreulicherweise komplett leer und ich wünsche mir einfach wider besseren Wissens, dass es so bleibt. Das Aufregendste ist die summende Ärztin, die mit ihrem Silvesterhaarreif aussieht wie Galaktika von ‚Hallo Spencer!‘.

Nichts gebrochen! Alle Mitspieler sind sich sicher, dass der Mann durch den spektakulären Sturz und das laute Geräusch im ohnehin schon kaputten Knöchel nur Mitleidspunkte sammeln wollte. Ist gelungen, da er für alle Sportspiele ausfällt, bekommt er 100 Punkte gutgeschrieben.

Die Wurzel allen Übels war dieses Spiel, bei dem jeder bei Stroboskoplicht innerhalb einer Minute mit seinem Strohhalm Geldscheine ansaugend so viel Geld wie möglich quer durch den Raum von einem Eimer in den nächsten transportieren musste.

Während diskutiert wurde, ob wir ins Krankenhaus fahren oder nicht, erledigte die Kriegerin trotz des Stresses ein 100-Teile-Puzzle in 10 Minuten und 28 Sekunden.
Als wir wiederkamen, war der Kobold dran und hatte nach 15 Minuten Höchstzeit 12 Teile zusammengesetzt.
Immerhin.

Ein Partyspiel-Urgestein: Keks von der eigenen Stirn ohne Zuhilfenahme der Hände in den Mund befördern.
Nachdem wir mehrere Kekse an die Hunde verteilt hatten, springt der Kobold einfach auf, katapultiert seinen Keks von der Stirn in die Luft und schnappt zu.
100 Punkte.

Zwei Stunden und nur eine Runde Unstable Unicorns später: Die Nerven liegen blank.

Das bisher höchste Aufkommen an Schimpfwörtern trat bei der Runde „Dart im Dunkeln“ auf.

Wir spielen mit kurzen Unterbrechungen und einmal Notaufnahme seit 16 Stunden und haben noch eine ganze Handvoll Spiele offen.
Wir haben uns jetzt erstmal auf „Bett“ geeinigt und machen morgen weiter.
Der Kobold führt, dicht gefolgt vom Mann.
Ich glaube, ich bin Letzte.

Frohes neues Jahr alle miteinander!!

Weiter geht’s! Ein Butz steht mit dem Taschenrechner neben der Punktetafel, glüht mit Cola vor und stopft sich nebenher Erdnussflipps in den Mund. Asgard steht glücklich wedelnd mit offener Schnauze daneben.

Alle sind müde und körperlich erschöpft von gestern, bereits um 12 Uhr fordern alle Kinder ihre jeweiligen Hunde zur mentalen Unterstützung an.

Der knapp einen Meter hohe Dreifach-Jengaturm wackelt schon beim Aufbauen bedenklich, für noch ein bisschen mehr Nervenkitzel gibt es die 10-Sekundenregel.
Mehr Zeit hat man von der ersten Berührung bis zum Legen seines Steins auf den Turm nämlich nicht.

Memory geht immer, eines der wenigen Spiele ohne Zusatz- oder Sonderregeln.

Bei der Aufgabe, innerhalb einer Minute einen möglichst hohen Würfelturm mit entweder Essstäbchen oder zwei Plastikbechern über den Händen zu bauen, entscheiden sich erstaunlich viele Mitspieler für Essstäbchen.
Gewonnen hab dann ich mit meinen zwei Plastikbechern.

Für mehr Durcheinander spielen wir Balance-Tetris mit Würfeln, das verrückte Labyrinth und Otto den Eisbären gleichzeitig. Dieses Jahr ohne Stroboskoplicht, dafür mit inzwischen blanken Nerven.

Der Horrowürfel des Grauens, man kann 999 Punkte erreichen, ich komme meistens so bis 26.

Nach weiteren 5 Stunden und der spektakulären Darbietung, dass er stundenlang von der Wohnzimmerdecke hängt ohne müde zu werden, geht der Kobold dann auch mit über 5.000 Punkten in Führung und hebelt das erste Mal den Effekt aus, dass das letzte Spiel noch alles drehen könnte.

Wir haben nach 32 Stunden einen verdient gewonnenen Neujahrskönig 2024:

Den Kobold.

Er freut sich über 175 Euro Siegprämie, einen einjährigen Neujahrskönigszuschlag aufs monatliche Taschengeld und einen materiellen Wunsch nach Wahl.

Seine kleine Schwester überreichte den Pokal mit einer bissigen Rede und ein paar Tränen, der Butz eskaliert komplett, alles wie immer also.

Jetzt Wunden lecken, erholen, ausruhen.

Danke an alle, die hier mitgefiebert, gewettet und Daumen gedrückt haben!

Ein frohes, glückliches, erfolgreiches, gesundes und wunderbares 2024 euch allen!

Vorbereitungen

Der Kampf um den Neujahrskönig nähert sich.

Nachdem ich im Garten gerade beinahe von einem Übungsmesserwurf getroffen wurde, erwähne ich beiläufig, dass wir dieses Jahr wohl wieder Wetthängen machen und habe jetzt mehrere Kinder neben meinem Schreibtisch an den Deckengriffen hängen.

Das 1,95m lange Kind und das 1,50m kurze Kind hängen sich seit Minuten gegenüber und dissen sich hart.

„Fett biste am Bauch. Musst gleich loslassen, wonnich?“

„Ich weiß, du wiegst ja nicht so viel, es fehlt schließlich Gehirnmasse.“

Möge die Macht mit uns sein

Was ich heute unterm Baum gelernt habe: Ein Jungjedi kann sein Lase…Lichtschwert nicht einfach so bekommen, nein, das wäre zu einfach. Er muss erst durch die Minen von Moria oder das Tor nach Narnia, um dort ein Stück Kryptonit mit bloßen Händen aus der Wand zu beißen.

[oder so ähnlich]

Und ich dachte noch, man könne so ein Geschenk einfach auspacken, aber nein, der Mann – erbost ob dieses Frevels – riss das Schwert der Macht (das wegen wenig Akkuladung vehement „BATTERY LOW“ skandierte), an sich und führte in bester (T)obiwahn-Kenobi-Manier ein Ritual durch.

Während also die anderen Kinder bereits in Sesseln saßen und ihre Geschenke bewunderten, kniete der Mann auf dem Wohnzimmerteppich und referierte über die Macht, das Böse, Tapferkeit, Hingabe, Glaube und die Aufgabe, die mit diesem Lichtschwert auf den Butz übergehen würde.

Butz, der unterdessen heimlich zur Anleitung schielte, nickte gewissenhaft, nahm – ebenfalls auf dem Boden kniend – das heilige Schwert entgegen, versprach, es in Ehren zu halten und schaltete mit ein paar raschen Handgriffen diabolisch lachend die Klingenfarbe auf rot.

Neandertaler

Ich telefoniere mit dem großen Tochterkind und wir sprechen über den Besuch des Mannes mit dem Kobold, die ebenfalls ihren neuen Partner kennengelernt haben.

Der Mann hatte schon erzählt. Sie sind alle zusammen gemütlich essen gegangen, nettes Ambiente, gelungener entspannter Abend und gehe mit diesem Vorwissen ins Gespräch. Das Tochterkind stutzt.

„Haben Papa und der Kobold gar nicht erzählt, dass es da im Restaurant zu einem Showdown im Armdrücken mit meinem neuen Partner kam?“

NEIN?!?

„Oh. Ähm. Vielleicht hab ich dann auch nichts gesagt.“

[Ich lebe mit Steinzeitmenschen zusammen.]