Friedhofsgeschichten

„Tochter, Kobold, Motte? Wir besuchen jetzt Uropa.“

K: „Abba Opa is doch bei den Steaanen!“

„Na, wir besuchen seine Urne.“

K: „Seine Uane?“

M: „Gah?“

„Ja, die ist doch hier begraben!“

K: „Begaaaben?“

„Begraben. In der Erde.“

M: „Gah?“

K: „In der Eade? Abba Opa is doch bei den Steaanen!!“

„Jetzt kaufen wir hier erst mal Blumen. Ich nehm eine Nelke!“

K: „Oh, ich will abba auch eine Welke!“

M: „Gah!“

Während wir den Weg über den Friedhof gingen, wurde mein Herz so schwer. Die Kinder führten mich mit ihrer Natürlichkeit und Ungezwungenheit, die kein Weglaufen möglich machten.

Meine Tochter trug das Rosengesteck und ihre eigene Blume, der Kobold hüpfte herum und fuchtelte dermaßen oft mit seiner rosa Nelke herum, dass zum Schluss nur noch der Stengel blieb und die Erdbeermotte biss in unregelmäßigen Abständen herzhaft ein Stück aus ihrer Blume heraus.

Ich dachte, der Weg wäre wichtig. Noch einmal zurückkommen, mit Abstand. Sich trauen. Was ich fand, war das Nichts. Es hätte dort leerer nicht sein können. Kein Opa, keine großartige Erkenntnis, kein Gefühlskino.

Nichts.

Er liegt dort nicht.

Er ist nicht da unten, er ist nicht tot.

Erdbeermotte

Das Mottenkind läuft seit eineinhalb Monaten. Bei uns gilt die Regel: wer laufen kann, wird weder geschoben noch getragen.

Als wir gestern Richtung Wald liefen, ist mir erstaunt klar geworden, wie unterschiedlich die Kinder diese Anfangslaufzeit bewältigen.

In diesem Laufstadium war es beim großen Tochterkind so, dass sie stramm marschiert ist. Am liebsten an der Hand, immer geradeaus. Die freie Hand zeigte begeistert auf die Umgebung mit einem begeisterten „da!“. Ab und an sind wir stehen geblieben und haben etwas bestaunt und sind dann weitergegangen.

Wir sind gewandert, haben Spaziergänge gemacht, ach, was war das wundervoll.

Ich war fasziniert, wie toll das ist, mit Kind durch die Gegend zu laufen.

Der Kobold war anders. Wie ein Brummkreisel auf Speed rotierte er um mich herum. Hier eine Pfütze, dort ein Grashalm, da hinten ein Stein. Ich lief einen Meter, er lief zehn Meter. Hin, zurück, um mich herum, von mir weg.

Alles mit wehendem roten Haar und lautem Gekreische.

Ich war fasziniert, wie anstrengend es sein kann, einfach nur ein wenig zu laufen. Womöglich noch geradeaus.

Und die Motte? Wir laufen zehn Meter, sie bummelt einen.

Sie läuft mit einer Gemütsruhe, die mich vermuten lässt, dass sie auch ohne weiteres dabei einschlafen könnte.

Jede Ameise wird mit einem begeisterten „Gah!“ begrüßt und die Motte lässt sich auf den dicken Hintern plumpsen, um ebendieser Ameise erst einmal einen Schwank aus ihrem Leben zu erzählen.

Gestern war bemerkenswert, weil wir sie überhaupt nicht animieren konnten, mit uns mitzugehen. Einen halben Meter ist sie weitergelaufen, hat eine Pfütze entdeckt und sich mitten in ihr niedergelassen.

Sich glücklich seufzend direkt hineingelegt und in den Himmel gesehen. Die Nase in den Regen gestreckt, die Augen zusammengekniffen und laut losgelacht.

Und ich bin fasziniert, wie sehr mich dieses Kind das Leben genießen lehrt.

Emi

Heute ist so ein Tag.

Vor vier Jahren starb der Zwilling des Kobolds in meinem Bauch.
Noch einige Stunden und es ist genau drei Jahre her, dass wir mit zwei Kindern und Blutspur und totem Baby in der Tasche umherirrten.

Vor zwei Jahren sagte ich dem Mann, dass ich wieder schwanger bin.
Letztes Jahr passierte überhaupt gar nichts.

Heute Morgen habe ich einen Schwangerschaftstest gemacht und heute Mittag lese ich das siebenjährige Tochterkind von der Straße auf und erfahre, dass es in seine erste Prügelei verwickelt war.

„Mama, ich hab nur zurückgeschlagen.“, sah es mich verunsichert an.

Und fügte Sekunden später kleinlaut hinzu: „Aber ziemlich feste.“

Gutes Kind.
Ich will Kämpfer, keine Opfer.

Kobold

Wenn mein Sohn breit grinsend an den großen Küchenschrank gelehnt da sitzt und es hinter ihm in besagtem Schrank ganz dolle rumpelt und er sich dabei einen Ast freut…

… dann hat er es wieder einmal geschafft, den dicken Halbperser in den Schrank zu locken und dort einzusperren.

Das Tier ist aufgrund weitreichender Erfahrung in dem Bereich nur leicht gestresst und wieder frei.
Der Kobold ist maulig, hat inzwischen die Tür für die zweite Katze geöffnet und wirft Käse in den Schrank.