Dieses Kreischen. Dieses unerbittliche hohe, laute, nicht enden wollende Kreischen. Es macht mich wahnsinnig. Und so wütend. Das Getrampel. Das Umwerfen von Möbeln. Das Werfen von Sachen.
Und dieses Kreischen.
Dieses Kreischen.
Dieses Kreischen. Dieses unerbittliche hohe, laute, nicht enden wollende Kreischen. Es macht mich wahnsinnig. Und so wütend. Das Getrampel. Das Umwerfen von Möbeln. Das Werfen von Sachen.
Und dieses Kreischen.
Dieses Kreischen.
… ist der Teig.
Immer wieder.
Den fertigen Kuchen isst hier eigentlich kaum jemand. Der Kobold hat dem Tochterkind gerade den Kuchen weggenommen, die Motte klaut beim geklauten Teig und lässt ihre eigene Schüssel kurz unbewacht, was das Tochterkind nutzt, um daraus zu naschen.
Wenn ich sage: “Lasst uns doch einen Kuchen backen”, ist das allererste, das alle drei Kinder tun, an die Besteckschublade zu rennen und Probierlöffel zu holen.
Vorbereitung ist alles.
„Du bist doch noch ein Baby!“, möchte ich manchmal der Motte zurufen, sie zurückhalten, hemmen, ausbremsen.
Mit zwei größeren Geschwistern tut das Kind Dinge, die das erste Kind noch nicht getan hat, als es schon doppelt so alt war.
Ich möchte sie nicht bremsen, aber dieses immer vorwärts Drängen ihrerseits macht mir manchmal Angst.
Vielleicht wäre sie auch als zweites Kind so gewesen, vielleicht liegt es in ihrer Natur, sich die Dinge so schnell und komplex anzueignen.
„Ich bin noch nicht so weit.“
Diesen Satz habe ich bei jedem Kind mehr als einmal gedacht. Ausgesprochen nie. Sie werden schon wissen, was gut ist. Und ich geh einfach mit.
Im Moment ist alles im Wandel. Wir kämpfen an so vielen Fronten, dass es einfach nur Kraft zehrt. Der Kobold ist ein Zweimannbeschäftigungsunternehmen. Tagsüber, nachts, 24 Stunden am Tag.
Manchmal muss ich mich zusammenreißen, dass die Tränen erst einmal trocknen können, bevor Neue dazukommen.
So abgeklärt wie man sich das gerne einbildet, ist man ja meistens gar nicht. Das merkt man aber nicht bei Beurteilung fremder Situationen, sondern erst, wenn man mitten in etwas drinsteckt, das man sich so ganz anders vorgestellt hatte.
Vor einigen Jahren habe ich verklärt lächelnd verkündet, dass es für mich natürlich überhaupt kein Problem darstellen würde, wenn mein eventuell irgendwann vorhandener Sohn anders wäre. So richtig anders. So ganz grundlegend anders als man das für normal erachten würde. Wenn er so gar nicht dem Bild eines kleinen Rabauken entsprechen würde, als den man sich kleine Jungs nun mal so vorstellt.
Und selbst wenn er mit drei Jahren immer noch an Schnuller, Windel und Milchflasche hinge und so sensibel wäre, dass eine ganze Familie Kopfstände machen müsste, um das einigermaßen aufzufangen und ihn zu begleiten, würde ich das gerne und ohne Schwierigkeiten bewältigen.
Neinnein, kein Problem. Ach, ich doch nicht.
Ein Kind zu begleiten, dass sich jenseits jeder Norm entwickelt, bringt an Grenzen. Es zerreißt mich manchmal fast, mit dem Kobold unsere Drinnen-Welt zu verlassen und nach draußen zu müssen. Wo er angestarrt wird, diesem Druck ausgesetzt ist, die Normalität zu spüren.
Es wird alles besser. Jeden Tag ein bisschen. Manchmal gehen wir einige Schritte zurück, dann wieder vorwärts.
Dieser zarte flusige Kobold, der im Ballettröckchen auf der Straße tanzt, der so sehr er selbst ist, dass schon die Begegnung mit einer kleinen Gruppe Menschen, die Masken tragen, zu einer Feuertaufe wird und uns um Monate zurückwerfen kann – das ist meiner. Mein Sohn.
Er ist wie er ist, sagt der große hübsche Mann immer mit diesem verliebten Lächeln und ich frage mich, wieso es ihm so leicht fällt, wo ich mich manchmal so schwer tue.
Aber er muss mit ihm ja auch nicht ins Draußen.
Da muss ich mit ihm hin.
Und doch, wenn er einen der größeren Anfälle ertragen muss, abends, vor dem Schlafengehen, wenn ich die Mädchen in Sicherheit bringe, damit sie wohlbehütet schlafen können, dann weiß ich, dass auch er eine Grenze erreicht.
Warten können wir und das können wir nach über drei Jahren auch gut. Aushalten. Ertragen. Abwarten.
Wo es bei meiner Tochter so rasend schnell voranging, entdecken wir nun die Langsamkeit.
Es ist schwer, Grenzen zu ziehen, die ein normales Kind ohne Probleme ertragen könnte.
Zwei Jahre, zwei Wochen. Das ist exakt der Altersabstand zwischen dem Kobold und der Motte.
Ein Kind, das sowieso schon sehr besonders ist und dessen Charakter von Wut und Sensibilität durchzogen ist und eines, das immer gut gelaunt ist und mit dem Kopf auch gerne siebenmal mit voller Wucht gegen die selbe Wand rennt. Meistens gibt die Wand dann nach.
Beide Kinder sind gleich schwer. Gleich willensstark und gleich kräftig.
Und sie sind laut. Extrem laut. Gleich laut.
Wenn diese beiden Kinder sich balgen, habe ich das Gefühl, ich wohne einem Kampf der Titanen bei. Es kann sich nur um so etwas handeln. Sie reißen Möbel um, Dinge von der Wand, sie walzen Spielzeug platt, nehmen keine Rücksicht auf Verluste. Ich habe nie nie nie gedacht, dass Kinder so sein können. Dass das so wichtig sein könnte.
Sie streiten nicht. Sie sind nicht gemein zueinander.
Sie messen sich.
Ich habe da keine Kinder, keine süßen kleinen Wesen, keine Engel, nicht mal Teufel, nur Krieger.
Es sind nur wenige Minuten am Tag. Vielleicht dreimal 10 Minuten. Es ist nicht viel. Aber manchmal kaum zu ertragen.
Ich habe lange Wochen beobachtet, wie es anfängt, weil ich den Mechanismus durchschauen musste. Es fängt mit einem Glitzern in den Augen an. Die Motte blitzt den Kobold an und legt den Kopf etwas schief. Reagiert er nicht darauf, läuft das Ganze ins Leere und beide Kinder spielen ganz normal weiter.
Legt er den Kopf ebenfalls schief, geht auch ein kleines feines Lächeln über sein Gesicht. Sehr herausfordernd. Manchmal breitet er die Arme aus – der Startschuss.
Der folgende Angriff der Motte ist spektakulär. Sie rast mit voller Wucht auf ihn zu und knallt mit ihrem Brustkorb gegen seinen Bauch. Beide Kinder haben die Arme nach hinten gestreckt und lachen aus vollem Hals. Oft fällt der Kobold absichtlich nach hinten und die Motte hüpft auf seinen Bauch. Er zappelt und hält sie fest, so dass sie sich gemeinsam drehen. Beide Kinder wälzen über den Fußboden, ringen miteinander, wer die Oberhand behält. Einer drückt den anderen auf den Fußboden, versucht, oben zu bleiben. Es geht so lange, bis zwei hochrote und schnaufende Kinder mit schweißnassen Haaren immer langsamer werden im Kampf.
Manchmal sitzt die Motte zum Schluss auf dem Kobold, der sich nun nicht mehr wehrt, sondern nur noch selig lächelnd dort liegt. Dann kippt sie einfach nach vorne und kuschelt sich an ihn.
So wie eben, als er sagte: „Moment, Motte, ich hol nur schnell die Decken.“
Dann holt er die Bettdecken aus dem Schlafzimmer, wuchtet die Motte auf die Matratze in seinem Zimmer und bettet sie sanft auf sein Kissen, bevor er mit seinem Kopf die andere Hälfte belegt. Deckt sie noch zu und zieht seine rosa Dora-Decke über sich und dann liegen sie da.
Friedlich, zufrieden, glücklich.
Ich habe versucht, diese Kämpfe zu unterbinden. Mit dem Erfolg, dass zwei Kinder laut schreiend völlig aus dem Gleichgewicht geraten sind. Sie streben trotz des Altersunterschieds enorm zueinander. Oft habe ich das Gefühl, es würde sich bei beiden um Zwillinge handeln. Sie sind gleich. Sie teilen sich ihren dritten Namen. Zu Recht.
Wir haben inzwischen Regeln, mit denen auch ich gut leben kann. Nicht, dass sie sie bräuchten. Keine Schlagwerkzeuge.
Fliegenklatschen sind Schlagwerkzeuge.
Nicht in Möbel klettern oder von Möbeln auf den anderen draufspringen.
Schubsen ist erlaubt, wenn das Kampfgeschehen es erfordert.
Schlagen, beißen, kneifen ist verboten.
Spielzeug werfen ist verboten.
Kissen werfen ist erlaubt.
Es ist anstrengend. Es ist schwierig. Es ist manchmal das, was ich am allerwenigsten möchte. Ich erkenne an, dass sie sich gegenseitig ergänzen. Sich anspornen, helfen, lieben. Sich ausgleichen.
Gerade der Kobold, der so starke Entwicklungsprobleme hat, bei dem kein Normmaß angelegt werden kann, holt auf. Sie ist für ihr Alter sehr weit, er für sein Alter weit hinterher.
Ich bin ein Einzelkind. Ich habe große Probleme, das so nachzuvollziehen, wie das ist, unter Geschwistern.
Der große Mann hilft – er hat einen Bruder und kennt durchaus auch dieses Kräftemessen.
Vielleicht hat das alles seinen Sinn.
Ja, unser Sohn kann mit Messer und Gabel essen. Ja, er kann ganze Sätze bilden. Er kann sich alleine anziehen. Und ausziehen. Und waschen. Und auf Toilette gehen. Und ein Brot schmieren. Und kleinschneiden. Und er kann Kuchen backen.
Er ist dreieinhalb.
Und ja – er bekommt noch ein Milchfläschchen. Mit Sauger. Manchmal muss er dabei ganz still an meiner Brust liegen und sein Gesicht verstecken, um keinen Anfall zu bekommen.
Und ja, manchmal muss er sich bis aufs Blut in unseren Armen festbeißen, um weder sich noch anderen wehzutun.
Manchmal reicht eine winzige Berührung aus, um einen zweistündigen Schreianfall auszulösen und manchmal muss einer von uns mit den anderen Kindern weggehen, während der andere im selben Zimmer bleibt und so sorgsam wie mit einem wilden Tier aufpasst, dass er sich dabei nicht verletzt, ohne ihn in die Ecke zu drängen.
Ja. Das ist unser Sohn.
Und wir sagen Ja zu ihm, von ganzem Herzen.
Das ist nicht immer leicht zu tragen, aber wir gehen mit ihm.
An seiner Seite.
„Mama, kann ich auch Geld ham?“, fragte der Kobold in der Bremer Fußgängerzone, nachdem das Tochterkind dem russischen Seemannschor etwas in den Kasten gepackt hatte.
Ich nicke und gebe ihm auch eine Münze in die Hand.
Er geht drei Schritte vorwärts und just in diesem Moment bringen die fünf Männer mit Wucht und Lautstärke ein herzzerreißendes Lied zu seinem Höhepunkt.
Der Kobold springt entsetzt quiekend einen halben Meter zurück und flüstert:
„Ich trau mich das nich so alleine! Die Männers sind so laut!“
Ich schmunzle ein bisschen, will etwas sagen, aber das Tochterkind nimmt ihn schon in den Arm und sagt:
„Komm, wir gehen zusammen. Ich pass auf dich auf!“
„Auch mit die Männers?“
„Ja, auch bei den Männern.“
Ganz früher, als ich noch keine Kinder hatte und mir welche gewünscht habe, da hatte ich sehr genaue Vorstellungen von meinem zukünftigen Leben. Immer nur Ausschnitte, aber die auch sehr detailliert.
Ich würde mit den Kindern tanzen und singen. Viel singen. Laut. Ganz oft. Wir würden im Auto sitzen und singen. Uns Geschichten erzählen. Musik hören.
Wir würden malen und herumschmieren, einfach weil es Spaß bringt. Und Plätzchen backen. Und ich würde in bemehlte Kindergesichter sehen, mit roten Bäckchen und zufrieden strahlend.
Wir würden Kuchenteig rühren und naschen, bis uns die Bäuche weh tun. So wie ich das früher mit meiner Oma gemacht habe.
Und wir würden rausgehen und Kastanien sammeln. Und bunte Blätter. Und Kaulquappen.
Und ein Picknick im Regen machen und dabei lachen, weil das Leben so schön ist.
Morgens würden wir durchs Bett toben und noch schmusen und kuscheln und warme und weiche Kinder würden sich vertrauensvoll in meinen Arm schmiegen und ich würde das Glück dieser Welt erfahren.
Abends würde ich die Bettdecke zurechtziehen und noch einmal ganz nah bei ihnen sein – ihrem Atem lauschen und mein Herz verschenken.
Wir würden durch Pfützen springen und bei Wind und Wetter draußen sein. Durch Wälder streifen. Auf Berge klettern. Steine sammeln und Schnecken bestaunen.
Wir würden einkaufen gehen. Alle gemeinsam. Jeder holt seinen Teil, alle harmonieren perfekt miteinander.
Wenn wir zuhause wären, würden die Kinder im Haushalt helfen und kleine Geschenke und Überraschungen basteln und mir überreichen. Ich würde mich freuen und an ganz vielen Stellen in der Wohnung selbstgemalte Kinderbilder aufhängen.
Käme ein weiteres Geschwisterkind dazu, würden alle sehnsüchtig der Geburt entgegenfiebern und sich um das Kleine kümmern und es verhätscheln und lieben. Niemand wäre eifersüchtig, alle wären voller Liebe und Zuneigung.
Natürlich wäre da auch mal Streit. Und nach jedem Streit würden sich die Kinder oder wir uns alle in den Arm nehmen und es wäre wieder gut.
Die Kinder würden gegenseitig auf sich acht geben. Hätte eines eine Verletzung, würden die anderen kommen und helfen. Der eine holt ein Pflaster, der andere pustet und tröstet schon mal.
Sie würden manchmal alle nebeneinander sitzen, miteinander kuscheln und wenn ich um die Ecke komme, mir zublinzeln und im Chor rufen: „Wir haben dich SOOOO lieb, Mami!“
Wann immer ich jemandem einen kleinen Einblick gab, wie ich mir das Leben mit Kindern so vorstellen würde, erntete ich ein leicht amüsiertes bis spöttisches: Na, da sprechen wir uns in ein paar Jahren noch mal.
Und ich verstand nicht.
Inzwischen sind viele Jahre vergangen und ich würde die Menschen gerne noch mal treffen, die meine Träume und Vorstellungen damals ins Reich der Utopie schoben.
Und sagen:
Seht her.
Letzte Woche im Krankenhaus ist etwas sehr Bemerkenswertes vorgefallen.
Sonst sehr scheu und leicht völlig aus der Fassung zu bringen, wenn man ihn aus seiner eigenen Welt holt, rettete der Kobold seine kleine Schwester.
Eine Krankenschwester flirtete über den Flur mit der Motte und sagte mit einem Mal: „Na komm mal her, du Süße!“
Dem Kobold entglitten sofort sämtliche Gesichtszüge und er fasste die Motte ziemlich unsanft am Kragen, zog sie nach hinten und fuhr die Krankenschwester an: „Das DARF die KenzoMausMotte nich! Wir kennen uns ja ga nich!“
Man sah, wie Angst und Beschützerinstinkt hart miteinander kämpften.
Umso stolzer bin ich, dass er dermaßen über sich hinausgewachsen ist.
Als das Mottenkind mir beim Toben im Bett gestern irgendetwas fieses Hartes an die Schläfe knallte und danach triumphierend kreischend den Rückzug antrat, sank ich in die Kissen und jaulte so ein bisschen herum.
Der Kobold sieht mich nachdenklich an, fragt, was er kennt:
„Mama, hassu Bauchweh?“
und informiert den großen hübschen Mann fachmännisch über mein Leiden.
„Mama tut der Bauch weh, Papa!“
„Der Kopf!“, seufze ich theatralisch.
„Mama hat Bauchweh, Papa!“, lässt der Kobold sich nicht irritieren.
[Ärzte wissen ja immer alles besser]
„Am KOPF tut es weh!“ brülle ich entrüstet.
Der Kobold nickt ein wenig so, als wäre ich geistesgestört, sieht zu seinem Vater hoch und setzt nach:
„Papa, Mama hat Bauchweh am Kopf!“