Morgens nach dem Kindergarten um 10 Uhr vor dem Haus einparken, Motor ausstellen und dann erst mal 5 Minuten vor lauter Wut und Erschöpfung im Auto heulen, bis der Nachbar vorbeikommt und freundlich grüßt.
Wunderbar…
Morgens nach dem Kindergarten um 10 Uhr vor dem Haus einparken, Motor ausstellen und dann erst mal 5 Minuten vor lauter Wut und Erschöpfung im Auto heulen, bis der Nachbar vorbeikommt und freundlich grüßt.
Wunderbar…
Heute nur knapp eine Stunde.
Dafür waren die Motte und ich ungefähr 20 Mal Händewaschen. Große Panik in den Augen, widerwilliges loslassen, Erleichterung. Immer und immer wieder.
Ziel ist es, eine Art Abstumpfen und Sicherheit in einem zu erreichen.
Die Welt geht nicht unter, wenn ich alleine bin.
Mama kommt immer wieder.
So irgendwie.
Das Mottenkind krähte jedes Mal begeistert, wenn ich kurz mitteilte, dass wir jetzt unbedingt Händewaschen/auf Klo/den Kalender holen/was trinken müssen. Unsere Lieblingserzieherin lächelte mitleidig und kümmerte sich. Das hat heute gut geklappt.
Aber er war an der Grenze. Wir hören auf, wenn es gut läuft. Heute war es fast zu spät. Er hörte schon nicht mehr, ich vermute, das Adrenalin rauschte durch seine Adern und ich verkündete mitten im Spiel, dass wir jetzt sofort gehen.
Einen Schritt vor der Tür brach er dann zusammen. Ich nahm ihn wie ein Baby auf den Arm – den fast Vierjährigen – während die eineinhalbjährige Motte laut krähend nebenher lief.
Die Blicke. Ich ignoriere sie. Die wohlmeinenden Ratschläge der Muttis, die mit einem Kind natürlich wissen, was man alles besser machen könnte. Natürlich. Und ich spreche nicht über meinen Sohn, wenn er daneben steht.
Das muss nebenher noch ausgestanden werden. Die Ablehnung, der Schutzwall nach außen, während ich für ihn auf meinem Arm weich und offen sein muss. Der Spagat ist grauenvoll.
Ich trug ihn zum Auto und er wippte nur noch hin und her, um sich zu beruhigen. Das sind die Momente, in denen ich einfach loslassen möchte, mich ein bisschen an den Bordstein setzen und nur noch still vor mir hinweinen will. Manchmal ist der Gedanke übermächtig, dass es nicht weitergeht.
Dass wir uns immer nur auf der Stelle drehen…
Wir sind wieder zuhause und ein großer Anfall ist schon ausgestanden.
Kurz durcharmen, still sein, innehalten.
Gleich gehts weiter.
Wenn der Kinderarzt weitere Behandlung ablehnt und der Meinung ist, es wäre das Sinnvollste, der Kobold wird während eines einwöchigen stationären Aufenthaltes in einer Klinik am besten von einem 5köpfigen Ärzteteam begutachtet, dann reißt einem das schon mal den Boden unter den Füßen weg.
Manchmal hab ich keine Lust mehr.
Einfach nur keine Lust.
Ich habe mal wieder mit der Lieblingserzieherin telefoniert und wir haben wieder mal keine Lösung gefunden. Die Kindergartenerziehersituation lässt keine Einzeleingewöhnung zu und der Kobold braucht aber genau das. Stabilität und eine einzige Bezugsperson.
Ich hole die nächsten Tage mal ein paar Unterlagen ab. Mal sehen, wie der Kobold sich benimmt, ob er in Panik verfällt, sich einigermaßen entspannen kann oder es sogar zu einem Kontakt kommt.
Ich hasse dieses Thema. Es liegt mir so schwer auf der Seele und ich weiß einfach nicht mehr weiter. Ich verzweifle fast daran.
Wie soll ich ihn schützen?
Wie lange darf ich das noch?
Ich kann das kaum ertragen.
Ich weiß, wenn ich die Wälle wieder hochziehe und mich abhärte, wird das auch auf den Kobold wirken. Er muss momentan nicht hart sein, er darf ganz weich sein. Aber so kann ich ihn nicht in die Welt schicken.
Er braucht Grenzen. Enge Grenzen, die Stabilität und Sicherheit versprechen. Einen bis ins Kleinste durchgeplanten und geregelten Tagesablauf. Meine Härte, von der er zehren kann. Die auch auf ihn überspringt. Und so sehr mir das zuwider ist, so nötig scheint es zu sein. Ich will das nicht. Der größte Teil meiner Selbst möchte schreiend davon laufen, weil das nicht das ist, was ich will. Ich war doch so lange Jahre so. Und ich habe nicht das Gefühl, dass es schon Zeit für den Kobold ist. Vielleicht irre ich. Allein der Gedanke treibt mir Tränen in die Augen.
Aber vielleicht irre ich. Vielleicht sind wir an diesem ersten Punkt, an dem ich mich abgrenzen muss. An dem die Grenze nicht mehr weich und fließend sein darf zwischen uns. Sondern hart und abgrenzend. Ein Du und ein Ich. Kein Wir mehr.
Er ist mein besonderes Kind. Mein Kobold. Mein Baby. Ich will das nicht.
Der Mann muss arbeiten. Außer Haus. Das ist soweit gut und okay. Aber das Mottenkind ist krank. Richtig krank. Die ohnehin starke Fixierung auf den Papa vervielfacht sich in dieser Zeit.
Wacht sie morgens auf, sieht sie sich im Bett um, schluchzt auf und tapst verschlafen zur Haustür, um daran zu wackeln und “Papaaa” zu weinen. Es ist grausam für mich als Mutter, dass ich das nicht auffangen kann.
Es macht mich frustriert und wütend und hilflos. So hilflos.
Gestern war der große hübsche Mann morgens noch da, als die Motte aufwachte und es war, als hätte man ihr was ins Essen getan. Krank wie sie war, hoppste sie hier herum, quietschte hier entzückt und lachte da ein bisschen und freute sich. Ich dachte, ich seh nicht richtig.
Kaum war der Papa aus der Tür, hatte ich meine Maule-Motte wieder. Inklusive Herzschmerz, weil der Papa nicht da war. Ich kann das nur aushalten, nicht auffangen.
Heute also wieder Arztbesuch wegen stark verklebter Augen und Ohrenschmerzen. Der Mann und die Motte. Nicht ich. Sofern das alles klappt, nimmt er sich heute und morgen zwei der Krankheitstage, die ihm zustehen und kuriert die Motte aus.
Manchmal gehts nicht anders, auch wenn ich das gern allein schaffen würde. Dankbar, dass der große Mann mithilft.
Gestern hatte ich nach den letzten Wochen das erste Mal den Gedanken an unseren Kinderarzt. Kein Fieber, keine Lethargie, soweit alles prima. Nur das Gefühl… Gestern Abend der Gedanke an ein Antibiotikum und noch mal leise Zweifel, dass die Maus es diesmal allein schafft. Und in der Tat: am Abend wechselte der Schleim in den Augen seine Farbe von gelbgrün zu giftgrün.
Heute Nacht war bescheiden. Heute Morgen – wie jedes Mal, wenn ich meine Entscheidungen vom Arzt gegenprüfen lassen muss, die Frage, ob ich nicht früher hätte gehen müssen… Ich fürchte, das wird wohl auch auf ewig so bleiben. Wenn man die Kinder nicht für jeden Pups zum Arzt schleppt, muss man Verantwortung übernehmen. Und natürlich hinterfragt man das ständig. Aber nur um mich von der Verantwortung zu entbinden, setze ich die Kinder nicht einem unnötigen Arztbesuch aus. Mal ganz davon ab, dass unser Kinderarzt vermutlich herzlich lachen würde, wenn ich wegen Schnupfen oder Husten dort ankäme.
Dann Erleichterung: Das Mittelohr ist noch nicht betroffen, aber das Gefühl stimmte, die Ohren sind Dreh- und Angelpunkt der ganzen Sache. Noch nicht entzündet, aber so gereizt, dass genau jetzt der Zeitpunkt ist, wo die Motte alleine nicht mehr damit klar kommt. Also ein Antibiotikum und gut ist. Ihr erstes. Der Vormittag war gut.
Es geht bergauf.
Als ich schwanger war und wir wussten, dass wir einen Sohn bekommen würden, haben wir als Eltern natürlich auch einen Blick in die Zukunft geworfen.
Er kam zur Welt und wurde recht bald ein Kobold.
Ein Klabauter oft, aber meistens ein Kobold.
Für mich wird mit den Jahren immer klarer, dass ich damals ein Idealbild projiziert habe. Und es gibt diese stillen Momente im Leben, in denen die Zukunft der Kinder zum Greifen nahe ist.
Meine große Tochter wird sehr bestimmt ihren Weg gehen. Ich sehe sie in 20, 30 Jahren und das Bild, das ich seit ihrer Geburt habe, hat sich zwar ein wenig angepasst und wird das auch weiterhin tun, aber es ist in sich stabil geblieben.
Der Kobold dagegen ist ein Geheimnisbewahrer. Die kurzen Blicke, die ich erhaschen darf, zeigen nicht mal ansatzweise das Bild, das ich damals nach der Geburt zu sehen glaubte. Aber es gefällt mir. Sehr. Er ist so echt. So bei sich.
So stabil die Reise mit der großen Tochter ist, so abenteuerlich ist sie mit dem Kobold. Auf, Ab, Hin, Her. Die See ist stürmisch und ich erkenne die Bedeutung seines dritten Namens, den wir seiner Seele gaben: Zuflucht.
Die Motte trägt diesen Namen ebenfalls als dritten Namen.
Doch ich denke in anderer Bedeutung.
Ich bin gespannt.
Motte ist in einem Alter, in dem ich sie leider nicht mehr im Einkaufswagen fixieren kann, um nur zwei Chaoten beaufsichtigen zu müssen. Nein, sie kreischt vehement ihr Veto, sobald sie das Klapp-Ding auch nur sieht. Also läuft sie. So sehr ich es schätze, wenn Kinder laufen – alleine, beim Einkauf mit drei Kindern, von denen zwei innerhalb von Sekunden in den Berserkermodus wechseln können, ist das – suboptimal.
Ich danke jeden Tag für viele viele Jahre Hundeschule, denn – es ist das Gleiche.
Die wohl einschneidendste Veränderung in meiner Stimme, meinem Tonfall, meiner Haltung und meinem Denken verursachte mein Ausbilder, der grundsätzlich nur auffällig gewordene Kampfhunde zu sich nahm, die während des Unterrichts wie fromme Lämmchen hinter ihm herschlichen. Immer am linken Bein, der Rangfolge nach aufgestellt, immer mit gespitzten Ohren zu ihm. Jedes geflüsterte Kommando, jede Handbewegung wurde im Bruchteil von Sekunden ausgeführt, während wir Idioten mit unseren zerrenden Kuscheltieren an der Leine Mühe hatten, die Fellknäule zu irgendwas zu bewegen.
Es klappte alles nicht. Ich rasselte durch eine Prüfung nach der nächsten. Der Hund tat nicht das, was er sollte.
“Ich kann deine Angst hören.”, sagte der Ausbilder eines Tages leise. “Du kalkulierst mit ein, dass es eventuell nicht klappen könnte. So lange der Funken eines Zweifels da ist, wird niemand auf dich hören wollen.”
Es veränderte alles. Nicht nur die Hundeerziehung – mein ganzes Leben. Und dann schlussendlich auch das Leben mit Kind. Es ist harte Arbeit, jeden Tag. Jeden Tag ein enges Korsett aus Befehlen, Anweisungen, Forderungen. Es sind strenge und enge Grenzen, in denen meine Kinder die ersten Jahre verbringen. Sie müssen sich aufstellen. Sie müssen gehorchen.
Ich weigere mich, meinen Kindern hinterher zu laufen. Ich erwarte, dass bei meinem Wort alle stehen bleiben. Sich benehmen können. Die Rückschläge bringen uns voran. Ich dachte drei Jahre lang, mein Sohn würde niemals lernen, was das Wort Nein bedeutet. Umso fataler nach einer Tochter, die im Alter von 8 Monaten bereits sehr gut verstand, was dieses Wort ausdrückte.
Die Motte ist noch mal ganz anders wild. Der Kobold schlägt einfach nur quer. Wenn er unterwegs einen Anfall bekommt, ist eh meistens alles verloren, aber wer würde an dieses Kind schon normale Maßstäbe anlegen wollen. Dann schnuffelt er sich unter meinen Pullover und wir versuchen, ohne größere Unfälle nach Hause zu kommen. Früher ist er oft weggerannt. Aber das haben wir inzwischen gut im Griff. Er ist ein Träumer. Er lebt in seiner eigenen Welt, vor einem Jahr noch wesentlich extremer. Sieht er in einem Einkaufsladen Haie, muss er vor ihnen weglaufen, das ist für ihn sehr logisch.
Die Motte dagegen erfordert eine ganz andere Taktik. Sie lebt nur im Jetzt und Hier. Sie ist … eine Naturgewalt. Sie stürzt sich mit infernalischem Gebrüll in den Supermarkt wie Hochlandkrieger in die nächste Schlacht. Jedes Regal wird mitgenommen, jedes Teil will angefasst werden. Immer begleitet von lautem Gekreische, bummerndem Trampeln und einer Körpermasse, die auch schon mal ein paar Schilder mitreißt. Kollateralschäden inklusive.
Wenn sie läuft, sind meine Sinne in höchster Alarmbereitschaft. Alle paar Sekunden wird dieses Verhalten relativiert, gemaßregelt, bewertet. Immer in die Hocke, immer in die Augen kucken, das Lachen abwarten, bis der Ernst in ihre Augen tritt und sie mir zuhören kann. Es ist eine sehr schweißtreibende Angelegenheit. Es interessiert sie einfach nicht. Würde ich aufhören, daran zu arbeiten, wäre ich innerhalb kürzester Zeit eine dieser kreischenden Mütter, die hochrot durch den Laden hetzen und ihre Kinder nicht mehr finden. Sie hat einen enormen Dickkopf, mehr als ich jemals für möglich hielt. Das wird ihr irgendwann von großem Nutzen sein. Sie ist die geborene Führerin. Präsent, gewaltig, einnehmend, fordernd, willensstark und echt.
Aber wer führen will, muss dienen können…
Wenn die Zügel etwas gestrafft werden, laufen da tatsächlich drei ganz entzückende Kinder, die sehr viel “Ah”s und “Oh”s von ihrer Umgebung hören. Einschließlich des großzügig Hingekotzen: “Da haben Sie aber Glück, dass die drei so pflegeleicht sind und sich so gut benehmen können.”
Hmhm. Na klar. Sie machen viel Unsinn. Müssen sie. Dürfen sie. Aber eben nicht die meiste Zeit.
Die wahre Herausforderung ist die Gratwanderung, ihnen zu vermitteln, dass einige Befehle demütigen Geistes befolgt und Einige kämpferischen Herzens verweigert werden müssen.
Wir haben die Flaschen umgestellt und auch die Milch. Keine Pulvermilch mehr für den fast Vierjährigen, nur noch Milupino Kindermilch. Sauteuer, aber ich verspreche mir davon, dass er vielleicht von alleine seinen Speiseplan ausbaut. Die Flaschen haben nicht mehr den breiten Latexrand von NUK, an den man so toll sein Näschen drücken kann wie an eine Brust, sondern es sind so dünne Sauger, die der Kobold mit einigem Widerwillen in den Mund nimmt um zu trinken. Gutgut. Da geht noch was. Nun also inzwischen ein Abend, an dem Brot gegessen wurde.
Gestern Mittag immerhin Kartoffeln und ein paar Happen Fleisch. Beim Abendbrot war es dann schon wieder hinfällig und nach einem stressigen Tag blieb es dann bei der Scheibe Käse mit gefühlten 200g Margarine darauf. Heute Morgen immerhin ein bisschen trockenes Brötchen und einen halben Apfel mit Margarine. Und ne Flasche Milch.
Durch den großen Einbruch letzte Woche ist das noch sehr positiv zu bewerten. In der Vergangenheit war es oft so, dass nach Attacken erst mal komplett alle Nahrung außer Flaschennahrung verweigert wurde. Immerhin isst er weiter. Das Mottenkind kommt damit deutlich besser klar. Zwar trinkt sie im Moment viel Milch, weil sie erkältet ist, aber ich habe nicht das Gefühl, dass die Flaschen etwas sind, worauf das Kind nicht zur Not auch verzichten könnte.
Der Kindergarten, den ich so enthusiastisch im Februar in Angriff nehmen wollte, ist erst mal wieder ein oder zwei Monate nach hinten gerutscht.
Tausend Überlegungen, ob ich tatsächlich so lange warten kann. Was der Preis wäre, es mit Gewalt durchzusetzen. Ob ich die Motte einfach mit zwei Jahren schon hingebe, damit er mit Vier endlich gehen kann. Aber auf Kosten des jüngsten Kindes, das noch nicht die soziale Fähigkeit hat, sich anders als mit Gewalt durchzusetzen? Nein.
Aber die Geister beschwören ein Horrorszenario herauf, dass er mit Fünf noch nicht dort ist. Und ich kann das Kind nur ein Jahr von der Schule zurückstellen lassen, ohne mit ihm ein psychologisches Verfahren zu durchlaufen.
Der Kobold ist die Ruhe selbst. “Ich hab da Angst, MamiMausi. Jetzt noch nicht zum Kindergarten. Bald.”
Ich wünschte, ich könnte das einfach so annehmen. Ganz ruhig. In dem Wissen, dass wir schon so viel geschafft haben.
Aber die Praxis ist von der Theorie mal wieder ganz weit entfernt. Dass er auch zum Einschlafen in unser Bett zurückgekehrt ist, wo wir doch schon drüben waren und so sehr diese Nähe fordert, ich ihn auch tagsüber wieder tragen und wiegen muss, damit er ruhig wird, dass er wieder anfängt, seine Haut aufzuknabbern… ich wünschte manchmal einfach, ich könnte die Zeit zurückdrehen und Fehler ungeschehen machen. Und durch die extreme Bindung an den Mann und dessen Abwesenheit hier über Tag zählen diese Fehler doppelt und dreifach. Es ist so grauenvoll, einfach nur abzuwarten, nur aushalten zu können, wenn man etwas tun möchte. Ich mache auch viele Fehler mit ihm. Aber sie sind leichter wieder auszubügeln, weil die Fixierung auf mich nicht so stark ist. Der Kobold braucht für alles sehr viel Zeit. Ich weiß das.
Warum nur fällt es mir immer wieder so schwer, das zu leben?