Kurz vor Alltag

Wir genießen die letzten Ferientage als Familie ohne Zeitplan oder Termine, sind ganz eng und ganz dicht zusammengerückt und verbringen eine wunderbare Zeit miteinander.

Mein Kalender für 2020 kam heute so spät wie noch nie aus der Druckerei – ich hatte vorher einfach keinen Druck verspürt, ihn schon fertigzumachen. Ich nehme diese geschenkten Tage vor Beginn in ein umwälzendes 2020 gerne an und sauge alles auf, um möglichst lange von diesem Ruhegefühl zehren zu können.

Dieses Jahr werden zwei Kinder volljährig, ein weiteres beginnt eine Ausbildung, die Kleinen sind so selbständig wie nie zuvor und ich habe weitreichende Pläne für meine persönliche und berufliche Zukunft.

Alles fühlt sich gut und richtig an wie es gerade ist.
Herausfordernd – ja.
Schwierig – bestimmt.

Aber gut und richtig.

Adventskalendertürchen Nr. 24

Nr. 24 – Ich

Dieses ist das wichtigste Türchen.

Es handelt sich um den allerwichtigsten Menschen in meinem Leben – mich selber. 

Ich bin in diesem Jahr an vielem gewachsen, das ich mir selber ausgesucht habe.

Und noch mehr an dem, das ich mir nicht ausgesucht habe.
Ich habe meine Vorsätze für dieses Jahr bis auf Einen alle erfüllt.
Ich bin denen gerecht geworden, die mir wichtig waren.
Ich habe mich nicht verletzt.
Ich habe alle depressiven Phasen ausgehalten.
Ich habe trotz Angst und Panik abwarten können.
Ich habe meine Gefühle in Worte gefasst statt sie in mich hineinzufressen.
Ich konnte Fehlschläge wegstecken ohne das Handtuch zu werfen.
Ich habe eine neue Sprache gelernt.
Ich habe Sport gemacht.
Ich bin gesünder geworden.
Ich habe mich Menschen geöffnet.
Ich habe mein Muttersein zugunsten meines Ichseins zurückgeschraubt, damit ich die Kinder nicht erdrücke.
Ich habe oft Nein gesagt.
Ich habe neue Freunde gefunden.
Ich habe geholfen, mich aber nicht darin verloren.
Ich war offen, aber habe mich nicht verkauft.
Ich kenne meine Fehler und zähle sie nicht mehr zu meinen Schwächen.

Ich habe weniger gehasst und mehr geliebt.

Ich bin dankbar für meinen Weg, mein Leben und meine Erfahrungen. In diesem Jahr wurde ich 41 Jahre alt und bin der beste Mensch, der ich heute sein kann.

Adventskalendertürchen Nr. 21

Nr. 21 – Rechtliches

Ich bin ein Mensch, der allem voran auf Sicherheit bedacht ist. Ich mag meine Angelegenheiten gerne geordnet.

Wir sind schon sehr gut abgesichert, wir haben einen fachlich kompetenten, gelassenen und menschlich ganz wunderbaren Notar und Anwalt, der uns von allem abschirmt, was in rechtlicher Hinsicht auf uns zugekommen ist und noch zukommen könnte und der seine Feuertaufe längst hinter sich hat.

Wir besitzen ein umfangreiches Testament, Vorsorgevollmachten, Lebensversicherungen, haben von A-Z so ziemlich alles geregelt, was man nur regeln (lassen) kann. Mich lässt das gut schlafen.

Das Einzige, vor dem wir uns die letzten Jahre ein wenig gedrückt haben, war der Ehevertrag. Eheverträge unterschreibt man am besten nicht in der ersten Verliebtheit und auch nicht erst kurz vor der Scheidung. Eine Ehe, die nach 14 Jahren und mit etwas Abstand zur letzten Katastrophe in relativ ruhigen Gewässern segelt, ist ganz gut dafür geeignet.

Also hat unser Notar uns auch in dieser Hinsicht beraten, Vorschläge gemacht, Denkanstöße gegeben. Wir sind in die sehr absurde Diskussion eingestiegen, wie wir uns das eigentlich vorstellen würden, so ohne einander, auch wenn wir doch das Gegenteil geschworen haben.

Das war seltsam aber für unser Miteinander sehr befreiend.

Ende 2019 kann ich sagen: Wir haben unseren Scheiß geregelt.

Und das ist ein gutes Gefühl.

Versprochen ist versprochen

Ich mache nicht gerne Versprechen.

Und ich bekomme auch nicht gerne welche.

Mein Leben und meine Erfahrung zeigen mir, dass nur die allerwenigsten Menschen achtsam mit dem umgehen, was sie zusagen. Und ein Versprechen – die stärkste und wohl erwartungsbehaftetste Form der Zusage – ist oft den Atem nicht wert, der darauf verschwendet wird, sie auszusprechen.

Mir stellen sich die Nackenhaare zu Berge, wenn Eltern von ihren Kindern Versprechen einfordern – wie soll Kindern möglich sein, woran die meisten Erwachsenen scheitern? Umgekehrt ist es so, dass ich meine Kinder, die alle in einem gewissen Alter die Floskel „Ich verspreche es“ mal mir gegenüber formuliert haben, mit Händen und Füßen davon abhalte, genau das zu tun. Ich will keine Versprechen. Ein Versprechen muss erfüllt werden. Wird es das nicht, war es nichts wert. Sind Worte irgendwann nichts mehr wert. Und dagegen wehre ich mich.

Ich bin ein sehr verbindlicher Mensch. Ich tue, was ich sage. Dass das unter Umständen nicht mit der Lebensrealität der Anderen übereinstimmt, ist erst einmal nicht mein Problem. Wenn ich ein Versprechen gebe, dann halte ich es. Um jeden Preis. Da ich um den Druck weiß, den das auslöst, mache ich nur sehr sehr wenige davon. Nur die, die ich will. Und von denen ich weiß, dass ich sie erfüllen kann und werde.

Ich verspreche den Kindern nur selten etwas, anderen Menschen schon mal gar nicht und dem Mann nur Eines. Das ist gleichzeitig das umfangreichste Versprechen von allen und ich habe es vor Zeugen abgelegt.

Verbindlicher geht wohl nicht mehr.

Fallen

Die Dinge, die uns lange Jahre so unverrückbar, unbezwingbar, unantastbar erschienen – sie fallen. Sie zerfallen, zerfasern, lösen sich auf. Und ungläubig staunend sehe ich zu, wie die Dinge sich ordnen. Eins ums Andere.

Lange Zeit konnten wir nur Weichen stellen, ohne jemals die zukünftige Strecke auch nur erahnen zu dürfen.

Wir haben monate- und jahrelang auf etwas zugearbeitet, das wir nicht sehen und kaum greifen konnten.

Jetzt sind wir dort. Und sehen. Begreifen, wofür es sich gelohnt hat.

Die Trauer um die Vorstellung, wie wir es uns als Familie gewünscht hätten, ist allerdings blass geworden.

Wir gehen nun eben einen anderen Weg als wir uns vorgestellt haben. Und vielleicht ist alles gut so, wie es passiert ist.

Vorfreude

Und dann geschehen Dinge in einer derart liebenswürdigen Nonchalance, dass man zunächst zweifelt, ob sie nicht vielleicht nur einem wirren, anderthalb Jahrzehnte alten Wunschtraum entsprechen. Aber nein, tun sie nicht. Und jetzt freue ich mich auf Ende September. Sehr.

Trauer

Die Tage, die in Trauer versinken, werden weniger, aber es gibt sie noch.

Tage, an denen das Aufstehen einem Kampf um Leben und Tod gleicht. Das Weitermachen, das Kümmern, das Dasein mehr eine Existenzfrage denn Alltag ist. Tage, an denen ich mein Unglück und meine Trauer laut herausbrüllen möchte und doch stumm bleibe. Weil es niemanden gibt, der versteht. Kein Kind zurückkommt, nur weil ich es rufe. Unsere Zeit vorüber ist. Die Tage, an denen alles in Frage steht und nichts eine Berechtigung zu haben scheint bis auf das rohe blutige Gefühl von Hass, Verzweiflung, Wut und Trauer um etwas, das auf ewig zu mir zu gehören schien. Die Liebe sitzt katatonisch in ihrer Ecke und ist weder Ruf noch Echo. Nichts mehr.

Nur Stille.

Sommerferien deluxe

Offizieller Tag 4 der Sommerferien und diesmal ist alles ein wenig anders.

Das große Tochterkind hat einen Ausbildungsplatz und fängt in 13 Tagen mit der Arbeit an. Bis dahin sind noch so 3629 Dinge zu erledigen, für die man ein bisschen mehr Zeit hätte, wenn es ein paar Tage vor Ferienbeginn nicht plötzlich gehießen hätte: „Ach, ich mache übrigens doch kein Abitur!“

Zusatzkind1 hat nach erfolglosen Gesprächen mit dem Jugendamt, der Psychiatrie, Freunden, Verwandten und Gott weiß noch mit wem erkannt, dass niemand sie hier herausholen wird, so unmenschlich wir auch sind, wenn wir verlangen, dass sie Dinge tut wie … ihren Teller vom Tisch abräumen. Oder mal das eigene Zimmer saubermachen. Oder ähnliche Dinge, bei deren Kenntnis Amnesty International sofort eine Kampagne zur Rettung privilegierter 16jähriger starten würde.

Also lautet ihr aktueller Plan: ausziehen. So schnell wie möglich. Das geht aber leider nur mit Ausbildung. Oder Geld. Und für beides muss man arbeiten. Das Leben ist schon verdammt unangenehm. Immerhin ist das Kind so auch endlich mal mit etwas beschäftigt. Eine Win-Win-Situation also.

Kind4, 5 und 6 tun das, was sie am besten können: Chaos verursachen. Sich streiten, sich liebhaben, Abenteuer unternehmen und im Pool plantschen. Läuft.

Zusatzkind2 kann wie erwartet mit so viel freier  und unstrukturierter Zeit ohne minutiös ausgearbeitete Tagespläne überhaupt nichts anfangen und steht kurz vor dem Kollaps. Ich versuche, so etwas wie Entspannung in meinen Alltag zu bringen und erfreue mich fürs Erste jeden Tag daran, dass ich erst um 7 Uhr aufstehe.

Wird.

Töten verlernt man nicht

Das Töten ist mir nie sonderlich schwer gefallen. Es gehörte Zeit meines Lebens dazu wie das Atmen. Willst du Fleisch essen, musst du vorher ein Tier töten. So einfach war das. Das Töten selber verlernt man auch dann nicht, wenn Jahrzehnte vergehen. Es sind immer die gleichen Handgriffe. Ein sanfter Griff, eine sichere Hand.

Alles zurechtgelegt, damit es niemals hektisch wird. Die Vorbereitung war immer mein Ritual. Mit jedem Schritt, mit jedem Atemzug werde ich ruhiger. Wenn ich alle meine Dinge beisammen habe, sind Herzschlag und Atmung vollkommen im Einklang. Alles muss ordentlich sein, alles ruhig. Es geht um Frieden in diesem grausamen Akt. Alles liegt bereit, alles nur einen Wimpernschlag voneinander entfernt.

Ich habe viele Tiere sterben sehen. Und hören. Viele haben grausam geschrieen, wenn sie herausgezogen wurden, an den Hinterbeinen hochgerissen, bis der Tod als Erlösung kam.

Ich war noch sehr sehr klein, als ich mir geschworen habe, dass kein Tier, das jemals durch meine Hand sterben würde, einen solchen Tod erleiden würde.

Und so kam es. 
Ich habe gegenüber meinem Vater und auch meinem Großvater früh eine Grenze gezogen, dass ihre Art des Tötens nicht die Meine sein würde. 

„Einen stillen Tod gibt es nicht, Kind!“, sagte mein Großvater streng zu mir, bis er mir das erste Mal zusah. Danach haben wir nie wieder davon gesprochen

Was erst im Laufe meines Erwachsenenlebens hinzukam, ist die überwältigende Ehrfurcht.

Der Moment mit dem Tier zum Zeitpunkt seines Todes.
Die Intimität.
Die Dankbarkeit.

Demut.

[Nachtrag: Interessanterweise war der Anlass für diesen Beitrag, dass ein Tier von seinen Qualen erlöst wurde. Nicht, um es zu essen.]

Gebundene Hände

Es ist endlich soweit. Post vom Anwalt und Notar ist da – das Amtsgericht hat den Erbschein ausgestellt.

Knapp 10 Monate nach dem Tod von Uroma. 

Aufgrund seines Wohnsitzes im Ausland hatte mein Vater 6 Monate Zeit, das Erbe auszuschlagen und hat diese Zeit auch genutzt. 

Den Rest der Zeit verbrachten wir mit eidesstattlichen Erklärungen vor einem Notar, Anträgen, Einreichungen, Beantragung meiner Geburtsurkunde bei einem Standesamt, das es gar nicht mehr gibt, dem Bezahlen von Gebühren, dem Hinterhertelefonieren hinter unseren Anträgen und … Warten. 

Warten, warten, warten.

Nun der erlösende Brief, mit dem wir Omas rechtliche Seite bearbeiten dürfen. Jetzt darf dieses Kapitel nach langer Zeit zu seinem Abschluss kommen. Auch wenn es hauptsächlich darum geht, alle Außenstände bezahlen und Omas gesammelte Aktenordner endlich schließen zu dürfen.

Was lange währt…