Muttertag

Seit zwei Jahren Mutter zweier Kinder, die sich jeden Tag wünschen, dass ich anstelle ihrer Mutter tot wäre. Und mich das auch spüren lassen.

Das ist etwas, das ich mir nicht ausgesucht habe und mit dem ich trotzdem leben muss. Weil die Entscheidung damals … richtig… ? war.

Manche Tage sind schwerer als andere.

Muttertag heißt aber auch: Seit 16 Jahren Mutter der wundervollsten Kinder, die ich mir jemals wünschen konnte.

Erden- wie Sternenkinder. So gesegnet.

Vom Hinterlassen

Wer die Lebenden zurücklässt, sollte etwas von sich hinterlassen.

Das können Traditionen sein oder Erinnerungen von Erlebnissen, von Momenten. Und für mich von besonderer Bedeutung sind die letzten Worte. Worte, die ein Mensch bewusst für den Fall seines Sterbens hinterlässt. Worte an geliebte Menschen. Partner, Kinder, Eltern, Freunde.

Als mein Großvater starb, hatte er solche Worte. Für mich.

Als wir alleine waren, in seinem Zimmer, und der Mann mit den drei Kindern schon rausgegangen war, da bekam ich seinen Segen für mein Leben. Seinen Stolz, seine Anerkennung und seine Liebe. Dankbarkeit für mich. Dieser Moment war so tief, so bewegend, so rund und seelisch so sättigend, dass ich bis heute davon zehren kann. Ich bewahre die letzte Begegnung wie einen Schatz in meinem Inneren.

Er wusste, dass er stirbt.
Es gibt dieses letzte Foto, auf dem seine Augen mich direkt anblicken.
Fast blauweiß, wissend, voller Liebe.
Ein Abschied.
Er hat sein Leben gelebt, voller Höhen und Tiefen.
Den Krieg nie vergessen.

Als er anfing zu fallen, konnte er alleine mit Oma nicht mehr leben und im Altenheim war es für ihn grauenhaft. Also formulierte er, dass er das nicht wollen würde, da würde er lieber sterben, als so zu leben. Und das tat er dann auch 4 Wochen nach seinem Umzug dorthin. Im Beisein meiner Großmutter an seinem Bett.

Als die Mutter der Zusatzkinder starb, hatte sie davor zweieinhalb Jahre Erkrankung Zeit, ihre Dinge zu regeln. Und damit meine ich nicht das Chaos und den Berg von Schulden, den sie ihren Kindern hinterlassen hat. Das sind äußere Umstände. Die Inneren meine ich.
Das, was aus ihr heraus noch hätte weitergegeben werden können.
Sie hat sich dagegen entschieden.
Als sie im Februar ins Hospiz kam, hatte sie noch Zeit für fatale letzte Worte. Sie hat zwei Monate an ihrer Grabrede gearbeitet, die so voller Bitterkeit war, dass ich immer noch schlucken muss, wenn ich mich an die Worte erinnere.

Kein Wort hat sich an ihre Kinder gerichtet. Keines.
Sie hat ihnen nichts hinterlassen, nichts geschrieben, sich nicht verabschiedet. Keine Anweisungen für die Zukunft, keine Wünsche für Hochzeiten, Erwachsenwerden, Kinderkriegen, Meilensteine, kein letztes „Ich liebe euch“, nichts. Diese letzten Worte voller Verbitterung und ungelöster Wut und schwärendem Hass sollten das Letzte sein, das von ihr bleibt. Wir haben Fotos zusammengesucht, entwickeln lassen, versuchen immer noch, ihre Erinnerung aus Erzählungen lebendig zu halten, aber es gelingt nicht gut. Es ist, als wäre sie nie dagewesen. Die Kinder suchen im Nichts nach Etwas. Und so verschwimmen ihre Umrisse immer weiter bis zur Grenze des Fassbaren für ihre Kinder.

Als Uroma starb, da ging dem ganzen Sterben ein rapider Verfall voraus. In Absprache mit dem Arzt hat sie sich für das Sterben entschieden. Erst mehrere Wochen Medikamentenverweigerung, dann Essensverweigerung, dann Flüssigkeitsverweigerung und dann dauerte es noch einmal lange 6 Tage, die wir hier mit dem Tod verbracht haben, bis ihr Herz das letzte Mal schlug. Und als es absehbar war, da habe ich mir so sehr noch einen Rat gewünscht. Etwas, das sie mir mit auf den Weg gibt. Auch meinetwegen ein Fazit aus ihrem Leben, aber da war nur Platz für die Enttäuschung  und verschmähte Liebe für ihren eigenen Sohn, der das letzte Versprechen gebrochen hat, zu ihrem 90. Geburtstag ein letztes Mal in seinem Leben nach Deutschland zu kommen.
Sie antwortete nicht mehr und alles, was wir hörten, war die Sehnsucht nach dem Tod. „Ich will endlich sterben“, war alles, was wir über Wochen hörten. Zum Schluss noch einmal den Namen meines Vaters.
Es war hart und es war für unser Weiterleben nicht gut.
Wir haben sie begleitet, aber sie hat sich von uns, von mir und vom Leben nicht verabschiedet. Ihr Herz war schon lange gebrochen, als sie schließlich starb.

Als meine Mutter letzten Monat starb, hatte sie zuvor drei Monate Zeit, sich auf ihren Tod vorzubereiten. Mein Vater schrieb mir, sie hat nichts hinterlassen außer dem Wunsch, dass ich nicht benachrichtigt werden würde. Die Erinnerung an sie wird immer die bleiben, die ich so sehr fürchten und hassen gelernt habe.

Mein Vater indes regelt seine letzten Angelegenheiten im wahrsten Sinne des Wortes. Ich habe ein umfangreiches Regelwerk zugeschickt bekommen, wie ich die Klospülung in einem fremden Haus in einem fremden Land reparieren kann, wenn er stirbt.

Ich bin die Alleinerbin, ich habe mehrere Seiten Kontaktdaten, Übersetzungshilfen und Anweisungen bekommen, wie nach seinem Tod zu verfahren ist. Das ist jetzt nicht das, was ich mir gewünscht habe. Da steht nichts Persönliches, nichts Versöhnliches, kein Gefühl, kein Rückblick, nichts. Nur ein 247-Punkte-Plan, wie ich mit Wasserleitungen im Winter, der Stromabmeldung und seinen Konserven zu verfahren habe. Welche Erinnerung soll ich daraus mit mir in mein weiteres Leben tragen? Meine Versuche, meinen Vater als Erwachsene kennen- und verstehen zu lernen und damit auch einen anderen Blickwinkel auf meine eigene Kindheit bekommen zu dürfen, sind allesamt gescheitert.
Ich weiß nicht, wer dieser Mensch war.
Und was ihn bewegt hat.

Auf meinem Computer und dessen Sicherungen befinden sich meine letzten Worte an den Mann und die Kinder, sollte ich plötzlich aus dem Leben gerissen werden. Ich überarbeite sie alle zeitlang und heule dabei Rotz und Wasser. Es ist wichtig.

Es ist mir so wichtig, dass er sie lesen kann, wenn es mir nicht mehr möglich sein sollte, sie ihm selber zu sagen.

Und als Konsequenz der Ereignisse der letzten Monate habe ich angefangen, meine Tagebücher zu ordnen und lasse sie drucken. Sie kommen an unseren sicheren Ort, so dass sie erst nach meinem Tod gelesen werden können. Mein gesamtes Leben, meine Erlebnisse, meine Beweggründe, meine Gedanken. Mich.

Äußerlich haben wir alles geordnet und geregelt. Wir haben ein ausführliches Testament, wir haben Vormünder bestimmt, Eventualitäten geregelt, einen Nachlassverwalter für die Kinder, sollten sie noch unter 25 sein. Aber das werden unsere Kinder nicht im Herzen tragen.

Ein echtes Erbe braucht ein Stück eines Selbst, das man weitergeben kann, wenn man diese Erde verlässt.

Schall und Rauch

Als ich den Umschlag öffne, steigt mir kalter Zigarettenrauch in die Nase.

Abgestanden.
So wie es bei uns immer roch.
So wie er immer roch.
Entweder nach Bier oder nach Zigaretten.
Ich nehme 20 computerbeschriebene Seiten aus dem Umschlag und fange an zu lesen.

Mit jeder Seite steigt meine Fassungslosigkeit.
Ich setze mich.

„Mama?“

Als ich aufblicke, blicke ich in drei Gesichter, die mich fragend ansehen.
Besorgt.
Ich schüttle den Kopf und stecke die Seiten wieder in den Umschlag.

Später.

Rätsel

Er will mir etwas schicken.

Und noch mehr schreiben. Der Kontakt zu meinem Vater sprengt an reiner Quantität gerade alles, was wir in den letzten 20 Jahren miteinander kommuniziert haben.

Was will er mir denn schicken? Es war der Wunsch meiner Mutter, dass ich nicht benachrichtigt werde. Drei Monate hatte sie anscheinend den Tod vor Augen und wollte mich ausdrücklich nicht informieren.

Was kann jetzt noch kommen? Erbstücke, die liebevoll von einer Generation an die nächste weitergegeben werden, haben wir nicht. Das würde auch schon am liebevoll scheitern.

Post vom Anwalt, damit ich nicht auf meinen Pflichtteil klage? Geschenkt. Unser Anwalt bereitet bereits alles vor, damit ich jedes Erbe wirksam ausschlagen kann. Ich will nichts von ihnen.

Versöhnliche Worte? Ein Brief vielleicht? Das innere Kind hüpft ein wenig auf und ab, aber – nein. Das wird es nicht sein. Alles, aber nicht das.

Was dann? Eine letzte hasserfüllte Attacke aus dem Grab heraus? Das würde zumindest passen. Ich werde sehen.

Und ich hatte so sehr gehofft, dass sie beide ihren Frieden dort gefunden hätten.

Trotz allem.

Bis in den Tod

Fassungslos starre ich auf meinen Posteingang.

Da.

Eine Nachricht von ihm. Ich sperre innerlich mein Kind weg, atme tief durch und klicke auf „öffnen“. Ich muss blinzeln, um den Sinn der Worte zu erfassen, die dort stehen. Ja, es ist wahr. Meine Mutter ist gestorben. Nicht plötzlich, nicht überraschend.

Sie hatte Zeit. Sie hatte Zeit, sich vorzubereiten. Sie hätte Zeit gehabt… Für… für was? Für eine Versöhnung? Für letzte Worte? Für überhaupt ein Zeichen, dass sie irgendetwas von meinem Schmerz anerkennt? Dass sie nur ein einziges Mal die Verantwortung für den größten Verrat übernimmt, den eine Mutter begehen kann?

Ich blinzle Tränen zurück. Das innere Kind spickt über die Mauer.
Das soll es nicht.

Ich hatte meinen Vater nicht gefragt, warum er mir nicht Bescheid gesagt hat. Er hat mir zwischen den Zeilen trotzdem geantwortet. Er habe sich bemüht, ihre letzte Wünsche bezüglich der Benachrichtigung über ihren Tod zu erfüllen.

Der Geschmack in meinem Mund wird bitter. Hatte ich gehofft? Trotz allem? Auf was? Ich will das nicht.

Hier endet es also.

Die Geschichte ist vorbei.

Fragen an den Tod

Ich habe es getan.

Ich habe meinem Vater eine Mail geschrieben. Mit Fragen, die das ungeliebte Kind in mir wissen will. So sehnsüchtig. Ob ich eine Antwort bekomme? Ich weiß es nicht.

Auf meine Mails von vor drei Jahren, dass ich mir Kontakt zu ihm wünsche, hat er auch reagiert. Zwar nicht so, wie ich mir das gewünscht habe, aber reagiert hat er. Über die Verachtung im Inhalt schweige ich an dieser Stelle. Vielleicht folgt auch diesmal nur Häme. Vielleicht nur eine nüchterne Information. Vielleicht auch gar nichts. Ich bin gewappnet.

Und muss so nicht irgendwann bereuen, es nicht wenigstens versucht zu haben.

Über sechs Ecken

Ein Anruf am frühen Samstag Abend.

Meine erste Schwiegermutter ist am Apparat.
Ihre Halbschwester hätte sie angerufen.
Ob wir informiert wurden, dass meine Mutter tot ist.
Es hämmert in meinem Kopf.

Sie ist tot. Meine Mutter ist tot.

Ich spüre, wie mein Herz sich weitet.
Ganz leise, ganz groß, ganz hell.
Meine Gedanken sind diffus. Warum? Wann? Wieso?
Sie ist noch viel zu jung zum Sterben.
Ich sehe die verhärmten Gesichtszüge meiner Mutter vor meinem geistigen Auge. Den Hass, den Ekel und die Verachtung in ihren Augen.

Die Kälte, die in mir so viel zerbrochen hat.
Die Erinnerung wird hinweggeweht.
Einfach so.

Das letzte Mal, dass wir sie am Telefon gehört hatten, ist ein halbes Jahr her, als Uroma starb. Als wir meinen Vater darüber informierten, dass seine Mutter gestorben ist. Irgendwann Ende Januar sei sie gestorben, höre ich. Das ist nun schon mindestens 14 Tage her.

Ich denke an meinen Vater. Er hat sich anscheinend entschieden, mich nicht zu informieren. Das ist einerseits völlig nachvollziehbar, auf der anderen Seite…. ein geradezu kindischer Trotz streitet mit meiner Vernunft darum, ob ich ein Recht darauf habe, zu erfahren, ob meine eigene Mutter gestorben ist.

Das ungeliebte Kind fragt sich, ob es in ihren letzten Minuten oder Stunden noch eine Rolle in ihren Gedanken gespielt hat.

War da Sehnsucht?

Oder Reue?

Und würde das Wissen darum irgendetwas ändern?

Fassungslos [Anne]

Ich sehe immer noch jeden Tag auf deine Seiten.

Immer und immer wieder.
Es ist 7 Jahre her, dass wir uns voneinander gelöst haben.
Es war unschön. Sehr. Es ist viel passiert.
Das Jahr, das ich mit dir verbracht habe, war eines der intensivsten meines Lebens. Ich habe dich so sehr geliebt. Vergöttert.

Unendlich begeistert, dass ich tatsächlich einen Gleichen gefunden hatte. Niemals hätte ich das für möglich gehalten.
Wir haben uns gestützt. Hochgeholfen.
Und wehgetan. So furchtbar weh.

Meine Computerdateien zeugen von diesem Jahr.
Da sind nämlich keine. Kaum Fotos, keine Blogeinträge, nur der Austausch mit dir. Das war alles, was zählte. Ich habe dir so viel zu verdanken. So.verdammt.viel.

Du warst ein Ausnahmemensch, nicht nur für mich.
Und du hast schwer an deiner Last getragen.

„Ich weiß, dass ich früh sterben werde.“

Das ist ein Satz, der mich nie mehr losgelassen hat.
Ich habe ihn abgetan, ich konnte das nicht gut annehmen.
Und du hast ihn wiederholt. Eindringlicher.

 „Ich weiß, dass ich früh sterben werde.“

Es war dir bitterernst. Du hast mir von deinem Mann erzählt, der schon einmal seine Frau gehen lassen musste. Und dass du alles nur Menschenmögliche tun würdest, damit diese Geschichte sich nicht wiederholen würde. Es ist dir nicht gelungen.

Und es lässt mich fassungslos zurück, wie das Leben so ungerecht sein kann. Immer wieder.

Die vielleicht bitterste Erkenntnis des Lebens ist, dass nicht alle Geschichten gut enden.

Egal, woran wir glauben.
Egal, wie hart wir kämpfen.
Ich vermisse dich.
Seit 7 Jahren.
Seit fast zwei Monaten.
Schon immer.
Für immer.

Niemand nach dir, habe ich dir damals versprochen und das fällt mir leicht.

Du bist und warst einzigartig.

Zwei Monate

Es ist zwei Monate her, dass wir den letzten Atemzug von Uroma begleitet haben.

Vieles ist leichter geworden seitdem.
Mein Alltag, vor allem.
Ich kann wieder atmen, ich habe wieder Luft.
Vermisse ich dich, Oma? Ich weiß es nicht.
Ich hätte mir nie vorstellen können, was Pflege am Rand der Erschöpfung mit Beziehungen machen kann.

Das arbeitet noch in mir.

11 Jahre

Heute vor 11 Jahren habe ich dich geboren.
Heute vor 11 Jahren bist du gestorben.

Ich weiß noch, wie ich mittags nach Hause kam.
Ich spürte das charakteristische Gefühl im Unterbauch, das nur eine reißende Fruchtblase verursachen kann. Ich rief deinen Vater an, dass er bitte ebenfalls nach Hause kommen solle, mir wäre gerade die Fruchtblase geplatzt.

Für den Herzschlag einer Ewigkeit freute ich mich – die Geburt würde losgehen. Ich würde ein Baby bekommen.

Unser Baby. So sehr gewünscht.
Bis der Kopf realisierte, dass dieses Reißen der Fruchtblase dein Todesurteil sein würde. Deine beiden großen Geschwister hielt ich auf meinem Schoß und sang mit ihnen alle Lieder der „Anne Kaffeekanne“-CD durch. Ich habe diese Lieder seit 11 Jahren aus dieser Familie verbannt. Es ist mir nicht mehr möglich, sie zu hören.

Nie wieder.
Es tut einfach zu weh.
Ich schaukelte das große Tochterkind und den Kobold und sang und wartete darauf, dass der Mann nach Hause käme.
Irgendwo zwischen Hoffen und Bangen und Leugnen.
Zwei Tage zuvor erst hatte ich das Gefühl, es wäre etwas mit dir nicht in Ordnung. Ich hatte das Gefühl, es stimmte etwas ganz und gar nicht.

Ich war bei meinem Frauenarzt.
Das CTG war prima.
Deine Tritte spürte ich ebenfalls.
Der Ultraschall zeigte dich, fröhlich umherrudernd.
Strampelnd.
Das Herz kräftig schlagend.
Ich ging wieder nach Hause.

Mit dem furchtbaren Gefühl, dass irgendetwas überhaupt nicht in Ordnung war.

Kurz nachdem der Mann zuhause ankam, hielt ich dich auf meiner Hand.
So winzig.
So perfekt.
So tot.

Alles war voller Blut.
Ich war in Panik.

Ich weiß nicht mehr, womit dein Vater die anderen Kinder abgelenkt hatte, aber alles, woran ich mich erinnere, ist, dass er wie ein riesiger Schild um mich herum war. Ich sah nur noch dich, hörte nichts mehr.

Der Mann hielt mich. Lange. Fest umfangen.
Das ist das vorherrschende Gefühl, das ich heute habe, wenn ich an diesen Tag zurückdenke. Die Festigkeit seiner Umarmung.
Das Gefühl von Schutz, das verhinderte, dass ich in meiner Verzweiflung ertrinke. Irgendwann ging ich durch den langen Flur ins Badezimmer und hinterließ große Blutlachen und blutige Fußabdrücke.
Als ich aus der Dusche kam, war davon nichts mehr zu sehen.

Ich hatte Schmerzen.
Nachwehen.
Wir fuhren zum Arzt.
Wir fuhren ins Krankenhaus.
Wir warteten.

Mit einem toten Kind in einer Tasche.

Irgendwann war ich es leid, inmitten von starken Nachwehen mit meinem toten Kind und zwei kleinen Kindern in der Notaufnahme eines Krankenhauses auf eine Ausschabung zu warten, während sich niemand um mich kümmern wollte.

Ich ging.
Nach Hause.
Ich bin heute noch sehr dankbar für den Weg, den das Schicksal für mich bereithielt.
Zuhause konnte mein Körper die Arbeit tun, für die er geschaffen wurde und heilen.

Du wogst zu wenig, um dich zu beerdigen.
Du wogst zu wenig, als dass wir dir einen Namen hätten geben dürfen.
Du wogst zu wenig, als dass anerkannt worden wäre, dass du existiert hast.

Ich habe dich so lange Wochen getragen und jeden Tag deine Bewegung gespürt und es war plötzlich, als hätte es all das niemals gegeben.

Das war das Schwerste.
Die Wochen und Monate danach waren schwarz.
So dunkel in meiner Erinnerung.

Vor einigen Jahren hat sich die Gesetzgebung geändert und so sind wir vor zwei Jahren mit klopfendem Herzen und einem Mutterpass in der Hand auf unser Standesamt gegangen.

Seit diesem Tag haben wir eine offizielle Urkunde.
Mit deinem Geburts- und Sterbedatum.
Mit deinen Namen für dich, für unser Kind.
Der Beweis, dass du da warst.
Hier bei uns, auf dieser Welt.

Gewollt, geliebt, geboren, gestorben.
So sehr gewollt. So sehr geliebt.

Und heute ist es in Ordnung, so wie es ist.
Und ich hätte dich so gerne kennengelernt.

Du fehlst hier.