Muskelfaser- und Seelenrisse

Woche 8 nach dem Schwindel, Woche 8 nach der Sache mit den Muskeln und den Sehnen und der Halswirbelsäule und Woche 8, nachdem ich erkannt habe, dass mein Körper mir nicht mehr nur Warnschüsse vor den Bug setzt…

„Da.“, sagt meine Physiotherapeutin ganz unaufgeregt, während ich bei gefühlten 45 Grad unter der Wärmelampe schwitze und sie mir unnachgiebig ihre Finger in die Schultermuskeln bohrt.

Ich zucke zusammen und spüre die Tränen, die mir in die Augen treten.

Sie fasst auf die rechte Seite, wo der Muskel nicht gerissen, sondern „nur“ verspannt ist.

 „Da auch wieder.“, sagt sie und ich merke erst jetzt, wie hoch ich beide Schultern schon wieder ziehe.

„Wenn man denkt, man kann nicht mehr weglaufen, dann spannt man sich an und zieht die Schultern hoch. Zur Verteidigung. Sie schützen sich. Und wenn man über einen so langen Zeitraum seinen Fluchtinstinkt ignorieren muss, dann macht das was mit dem Körper. Und das tut Ihnen jetzt so weh.“, hatte sie mir vor Wochen gesagt.

Und ja, scheiße, ich kann nun mal nicht weglaufen.
Und ja, verdammt, ich muss mich schützen.
Vor so vielem, was meine Seele vergiftet.

Hier.
In meiner Burg, in meinem Rückzugsort, der keiner mehr ist.
In der ich alleine um die Sicherheit meiner Kinder kämpfen muss.
Jeden Tag.

Und darum sitze ich hier, heulend, mit einer gerissenen Muskelfaser, eingeklemmten Nerven und einem erneuten Bandscheibenvorfall auf C4.
Ich will unser Familienleben nicht mehr mit unserer Familientherapeutin besprechen.
Ich will keine Supervision, sondern meine Familie zurückhaben.
Ich will in meiner Freizeit mit dem Mann keine lösungsorientierten und sprachgewaltfreien Problemgespräche mehr führen, sondern Pausen haben.
Ich will das alles nicht mehr.
So.müde.
Meine Aufgabe ist es, wieder mehr auf mich zu achten.

Im vergangenen Jahr hatte ich zwei Bandscheibenvorfälle der Halswirbelsäule, ständig Schmerzen in Rücken, Nacken und Schultern, jetzt einen Muskelfaserriss und Schwindelattacken aus der Hölle, eingeklemmte Nerven und so gut wie jeden Tag Kopfschmerzen.

„Sie.müssen.loslassen.“, flüstert sie, während ich aufjaule, weil sie den Punkt an meinem Nacken erreicht hat, der meine Welt wieder dreht.

Der Raum kippt nach oben weg, ich halte mich an der Liege fest, versuche die Panik in den Griff zu bekommen und schließe die Augen.

Nachtgedanken

Alle Familienmitglieder sind inzwischen wieder zuhause und es fällt mir so schwer, dies als etwas Gutes zu betrachten. Man spürt an so vielen Dingen, dass wir so nicht komplett sind. Komplett waren wir die letzten eineinhalb Wochen, als Zwei fehlten.

Und es war wie früher, die Kinder waren ausgeglichen, ich war mit mir im Reinen, ich konnte loslassen. Hatte keine Angst vor den Übergriffigkeiten der Zusatzkinder. Musste nicht kämpfen, durfte nur sein. Mit meinen Vieren. Dem Mann. Den Tieren.

In den Tag hinein leben, ohne Distanzlosigkeiten, ohne Unverschämtheiten, ohne Drohungen, ohne Suizidankündigungen, ohne Fantasien, mich umzubringen, ohne versuchten Missbrauch. Heute bin ich traurig, dass wir nie wieder so komplett sein dürfen, wie wir einmal waren. Diese Zeit ist unwiederbringlich verloren.

Morgen fängt der Kampf des Alltags wieder an.
Therapie für die Zusatzkinder, Verteidigen meiner/unserer Grenzen, Erziehung, Schadensbegrenzung. Ich bin so müde.

So. verdammt. müde.

Der letzte Atemzug

Es ist heute genau 14 Tage her, dass ich wie jeden Morgen in Uromas Zimmer getreten bin und gehorcht habe, ob das „Gute Nacht, Oma, schlaf gut.“ am Abend zuvor das Letzte gewesen war.

„Einfach einschlafen und sterben!“, war immer genau das, was sie wollte.

Und wie jeden Morgen dieser Tage hoffte ich, dass sie es endlich geschafft haben würde. Heute war der 7. Tag ohne Flüssigkeit.
Sie schnurchte vor sich hin. Wie jeden Morgen.
Ich begann meine Morgenroutine und die Kinder tropften nach und nach ins Erdgeschoss. „Wie geht es Uroma?“, fragten nacheinander 6 Kinder.

– „Unverändert.“, war 6 Mal meine Antwort.

Die Tür zu Uromas Zimmer stand inzwischen immer offen, damit wir jede kleinste Äußerung von ihr auch mitbekommen würden. Den Notfallknopf an ihrem Handgelenk konnte sie schon seit Sonntag nicht mehr drücken, den hatten wir irgendwann abgemacht.

Um 8 Uhr begann es.
Ich hatte schon viel darüber gelesen, konnte mir aber nicht wirklich etwas darunter vorstellen: Rasselatmung.
Ich ging hinein und sofort danach entsetzt wieder aus dem Zimmer, weil ich meine eigenen Körperempfindungen kaum unter Kontrolle hatte.
Ich sammelte mich.
Das Geräusch ist kaum zu ertragen. Ich hatte permanent den Drang, mich zu räuspern, zu husten oder einfach nur weit wegzulaufen.

Es war grauenhaft.
Den Kindern ging es ähnlich.
Ich erklärte ihnen, was in Uromas Körper gerade vor sich ging.

Die Kinder räusperten sich permanent und ich sah, wie unwohl den meisten von ihnen war. Ich erkannte recht schnell, dass sich die Fähigkeit, an Uromas Seite zu bleiben, nach ihrer Empathiefähigkeit sortierte.

Der sensible Kobold, der ohnehin über viel zu viele Spiegelneuronen verfügt, flüchtete panisch aus dem Zimmer und ich hörte ihn auch zwei Stockwerke weiter oben noch krächzen und husten.
Misstrauisch verbrachte er die nächsten Stunden im ersten Obergeschoss und fragte nur noch vom Treppenabsatz aus, ob „Oma noch so komisch atmen würde“.

Der egozentrische kleine Tuk dagegen piekte Oma wie immer in die Seite und befühlte Temperatur und Konsistenz ihrer Hände. „Gutn Moaaaagn, Uaoma!“. krähte er und für ihn war alles wie immer.

Es war aber nicht wie immer.
Wir begleiteten nun schon seit einer Woche das Sterben.
Der Tod war schon da.
Es würde nur noch Stunden dauern, bis er sie mitnehmen würde.

Wir waren bereit.
Lange Tage schon.
Wir hatten geweint, wir hatten getrauert, geklagt, gebeten.
Meine Tränen waren versiegt.

„Heute ist Freitag, der 4. August, Oma. Morgen wird Papa 70. Morgen.“

Sie schlägt die Augen auf. Wie immer, wenn ich von ihrem Sohn redete. Mir tut es weh. Ganz elementar weh. Da ist so viel Hoffnung, so viel Sehnsucht. „Es geht ihm gut. Er wird aber nicht hierherkommen. Du darfst gehen, Oma. Du darfst ruhig gehen. Hier ist alles in Ordnung.“

Ich weiß nicht, ob sie mich hört. Sie hebt die Arme.
Atmet ruckartig ein.
Und nicht wieder aus.
Ich sehe ihre Halsschlagader pochen. Schnell.
Endlose Sekunden vergehen.

Dann atmet sie wieder aus. Rasselnd.
Ich muss mich zusammenreißen, um das zu ertragen.
Der Arzt ruft wieder an. Wie jeden Tag der vergangenen Woche.

Er erkundigt sich nach ihr, fragt, ob wir ihn brauchen, ob er etwas tun kann. Ich verneine und schildere kurz ihre Symptome.

„Sie halten sich gut.“, sagt er noch zum Abschied.

Am späten Vormittg wird Oma unruhig. Die Atmung wird unregelmäßiger und ich hole die Kinder alle wieder runter.
Dem Mann schicke ich eine Nachricht und er packt auf der Arbeit zusammen und kommt nach Hause.

„Uroma stirbt jetzt bald.“, sage ich und die Kinder stehen alle an ihrem Bett. Ich erkläre ein weiteres Mal, dass wir nicht wissen, welcher Teil des Körpers zuerst aufhören wird zu funktionieren.

Vielleicht die Atmung.
Vielleicht auch das Herz.
Wir wissen es nicht.
Die Rasselatmung wird deutlich leiser.
Stattdessen schnappt Oma nur noch sachte nach Luft und atmet dann wieder aus.

Das Herz galoppiert an ihrem Hals wie verrückt.
Die Kinder fragen noch einmal nach, ob sie Schmerzen haben könnte, das ist ihnen das Wichtigste zu wissen.

Ich verneine. Zeige noch einmal auf die hochdosierten Fentanyl-Pflaster auf Omas Arm, erkläre, dass sie heute Morgen erst wieder ganz viel Schmerz- und Beruhigungsmittel bekommen hat und dass sie überhaupt keine Schmerzen hat. Ich kann nur zu Gott beten, dass das auch stimmt.

Es ist 11 Uhr.

Der Mann ist endlich da.
Die Kinder reagieren ganz unterschiedlich
Das große Zusatzkind weint.
Ganz schrecklich.
Ich weiß, dass sie hier gerade heilt.
Sie, die letztes Jahr von ihrer sterbenden Mutter weggehalten wurde und nun das erste Mal in ihrem Leben dem Tod in die Augen sehen darf.

Der Kobold flüstert leise: „Gute Reise, Uroma!“

Das Mottenkind bittet mich, die Fenster weit aufzumachen, damit Uromas Seele gut in den Himmel aufsteigen kann. Ich erfülle ihr diesen Wunsch. Wir öffnen im gesamten Erdgeschoss die Fenster und Türen. Frische Luft weht durch das Zimmer und für einen Moment ist es ganz still.

„Tschüss, Uaomma!“, kräht der kleine Tuk und streichelt ihre Hand.

Das große Zusatzkind ist erschöpft und möchte sich einen Moment zurückziehen. Ich nicke und lächle ihr zu. „Es ist alles gut.“, flüstere ich. Sie nickt.
Die anderen Kinder ziehen sich ebenfalls stumm aus dem Zimmer zurück. Leise gehen sie nach oben.

Nur das große Tochterkind bleibt dicht an meiner Seite.
Sie hat bislang nichts gesagt.
Keinen Ton.
Der Mann, sie und ich sitzen, stehen an Omas Seite.
Es ist gleich viertel nach 11 Uhr.

Omas Atmung setzt aus.
Wir beobachten die Halsschlagader.
Sie pulsiert.
Langsamer.

Nach einer Minute wieder Atmung.
Mir laufen die Tränen über das Gesicht.
Ich kann nicht mehr.

Ich kann das alles nicht mehr ertragen.

„Wir sind hier, Oma. Wir sind hier bei dir. Es ist alles gut.“

Mit letzter Kraft verlassen die Worte meinen Mund.

„Du darfst gehen, Oma.“, sagt der Mann leise. „Machs gut!“

Die Atmung setzt wieder aus. Ich warte. Meine Nerven sind zum Zerreißen gespannt.

Das Tochterkind weint leise. „Gute Reise, Uroma.“

Wir blicken auf die pulsierende Halsschlagader.

Noch ein Herzschlag.

Noch einer.

Ruhe.

Ich schlinge die Arme um meine Tochter.
Wir alle weinen.

Ein kräftiger Windstoß weht durch das Zimmer und die Bäume vor dem Haus rascheln.

Gute Reise, Oma. ♥

Einäscherung mal anders

 „Was meinsu mit: Der Gestatter nimmt Uroma gleich mit, Mami?“

Es ist 6 Tage her. Der närrische kleine Tuk steht wie ein Häufchen Elend vor mir und sieht mich entsetzt an. Ich bin verwirrt.

„Der Bestatter kommt gleich mit starken Männern und dann packen sie Uroma ein und nehmen sie mit zum Krematorium. Uroma muss ja auch beerdigt werden. Wir können sie nicht noch länger hierbehalten.“

Ich sehe Unverständnis auf seinem Gesicht und merke, dass ich den Kernpunkt seiner Frage anscheinend nicht begriffen habe.

„Aber… Aber..!“ Tränen stehen in seinen Augen.

„Butzemann. Was ist denn los?“

„Aber Uroma will doch verbrannt werden!“, bricht es aus ihm heraus. Er schluchzt.

Ich sehe ihn verständnislos an.

„Ja. Deswegen kommt ja auch der Bestatter. Im Krematorium kann Uroma dann verbrannt werden.“

Er wirft sich verzweifelt in meine Arme und weint.

„Aber… Ich dachte, das könnten wir hier im Garten machen!“

Gelähmt

Wir warten.

Die Wartezeit wird abwechselnd in stoischer Gelassenheit, Wut, Zweifel, Geduld und Verzweiflung begangen. Es schmerzt, nichts tun zu können.
Es ist unerträglich, auf den Tod zu warten.
Einfach nur zu warten.

Die Marschrichtung ist klar.
Mit jeder Minute, die verstreicht, weicht mehr Leben aus ihr, doch sie ist zäh. Sie schläft. Meistens.
Manchmal macht sie die Augen auf und blickt mich an.
Aber sie sagt nichts.
Sie reagiert nicht auf meine Bitte um ein Zeichen.
Ein Händedruck, ein Blinzeln, irgendetwas.

Ich bin wütend.
Auf eine Sterbende.

„Papa wird nicht kommen.“, habe ich ihr vor einigen Tagen weinend gesagt.

Denn das wird er nicht.
Nicht für mich und nicht für sie.
Weil er weder mich noch sie jemals geliebt hat.

Ich habe das irgendwann vor Jahren begriffen.
Sie hat die Hoffnung nie aufgegeben.
Ich bin so wütend.
Auf ihn, auf sie, auf diese Kackwelt.
Sie hat gesummt.
So wie früher, wenn sie es besser wusste.

Ich möchte sie anschreien, wie sie da liegt und so weit weg ist.
Jede Flüssigkeit verweigert, jede Kommunikation, jede Antwort.

Sie will nicht mehr auf dieser Welt sein und ich akzeptiere das.
Aber wir – wir sind noch hier.
Und wir können ihr Sterben weder beschleunigen noch verschönern.
Nur aushalten.

Ich habe mir das anders vorgestellt.

Sie vermutlich auch.

Sterbewache

Ich bin unruhig.

Ich wasche Uromas Wäsche, was angesichts der Umstände völlig bescheuert ist. Aber so wichtig für mich. Ich räume auf, ich sortiere ihre Wäsche in den Schrank – ich habe das Gefühl, so wenigstens irgendetwas unter Kontrolle zu haben.
Um 1 Uhr nachts das letzte Horchen auf ihre Atemzüge, um 6 Uhr morgens das erste. Sie atmet noch. Anders als gestern, anders als vorgestern.

Wir halten Sterbewache.
Abwechselnd.

Die Kinder suchen sich 5 oder 10 oder 15 Minuten aus und sitzen an ihrem Bett. Ab und zu setzt die Atmung aus, dann geht es wieder weiter.

Es ist absehbar.

Aber ob wir noch 2 Stunden oder noch einen weiteren Tag wachen, das weiß nur der Tod.

Ich sitze an ihrem Bett, wenn die Kinder ihre Wachen beendet haben.
Ich wünschte, sie würde noch sprechen.
Ich bräuchte das noch.
So dringend.

Aber so bleibt nur, ihr zu versichern, dass wir da sind.
Und wenn ich wieder eine Pause brauche, gehen wir alle aus dem Zimmer. Es muss auch der Raum und die Zeit da sein, wenn sie alleine sterben möchte.

Wir wissen es nicht.
Wir werden es sehen.
So lange wachen wir gemeinsam.

Gleich bin ich wieder dran.

Agonie

Ich bin wach.

Deutlich vor meiner Zeit bin ich wach.
Ich betrete leise ihr Zimmer.
Das erste, das mir auffällt, ist der Geruch.
Dem Hund auch.
Leise jaulend steht er in der Tür und fiept mich an.
Er dreht sich um und flüchtet.

Es riecht… süß. Und faulig.
Es ist eine einmalige Kombination, und ich kenne sie.
Uroma schnurchelt leise vor sich hin.
Schnelle Atemzüge.
Augen, Schläfen und Wangen sind eingefallen, die Gesichtshaut fahl.

Aber sie sieht friedlich aus.
Ich lasse sie noch einen Moment schlafen.
Oder wird es mehr als ein Moment sein?

Ein Todeskampf ist das nicht.
Für heute Morgen wünsche ich uns Ruhe.
Einfach nur Ruhe.

Worauf wartet er?

Oder wartet sie?

gebären [Warten auf den Tod]

Wir warten.

Er ist schon hier. So greifbar, so spürbar. Überall.
In jeder Bewegung, in jedem Moment, in jedem Atemzug.
Sie keucht mehr als das sie atmet.
Von Zeit zu Zeit gehen die Augen auf.

„Wasser, Uroma?“

Nein. Die Bewegung ist kaum wahrnehmbar.
Aber es ist ein Kopfschütteln.
Sie ist klar in diesen Momenten.
Sie weiß, wohin der Weg führt und sie muss ihn nicht einmal mehr gehen.

Nur warten.
Er sieht uns zu.
Heute Nacht, als ich um halb 2 Uhr in ihr Zimmer geschlichen bin, um zu sehen, ob sie noch atmet, habe ich ihn spüren können.
Nicht kalt, nicht erschreckend.
Nur dort.

So wie er auch während meiner Geburten spürbar war.
Leben und Tod gehören untrennbar zusammen.
Er steht an ihrem Bett und wartet.
So wie wir warten.
Und sie.

Die Kinder gehen abwechselnd in ihr Zimmer.
Das Zusatzkind, das der eigenen Mutter letztes Jahr beim Sterben nicht zusehen durfte, holt hier nach, was ihre Seele braucht. Heilung.

Sie erzählt. Von Gott und der Welt.
Hält ihre Hand und weint.
So kostbar, diese Tränen.

Das große Tochterkind bricht seinen Urlaub ab und wird gleich mit seinem Vater und der Stiefmutter hier sein.
Und mit uns warten.
Die kleinen Kinder streicheln Uroma, gehen um ihr Bett und horchen auf ihre Atmung. Horchen auf ihren Herzschlag.
Begreifen den Tod ohne es zu wissen.

Wir warten. Gemeinsam.

Mein freier Tag

Die drei Chaoskinder sind momentan über Tag alleine mit mir und Uroma zuhause und haben sich etwas ganz Besonderes einfallen lassen.

Meinen freien Tag.

Nach 15 Jahren Mutterschaft gibt es nur zwei Sachen, die alle meine Alarmglocken gleichzeitig klingeln lassen: Wenn „nichts passiert!!!“ ist und wenn ich „nichts machen muss“.

Ich bekomme also von dem 11jährigen Kobold, der 9jährigen Kriegerprinzessin und vom 5jährigen närrischen kleinen Tuk eine Liste mit Fragen vorgelegt, in der ich alles eintragen soll, was ich essen und trinken möchte und was getan werden muss.

„Abba nicht Uroma den Popo saubermachen!“, kräht das kleinste Chaoskind und ich nicke ernst. „Abba sonst alles!“

Alle 10 Tiere versorgen, Frühstück, Mittagessen und Abendbrot machen, saugen und aufräumen und die Geschirrspüle aus- und einräumen.
Donnerwetter.
Die Drei hatten einen Plan.
Bislang kannte ich nur halbherzige Bekenntnisse und verschmierte Dinge, die in meinem Bett ausgekippt wurden, weil „alle Mamis lieben Frühstück im Bett, Mami!“.

Aber sie hatten sich wirklich Gedanken gemacht.
Einschließlich des Punktes: Mama darf in Ruhe frühstücken wo sie will.
Ich greife mir einen Kugelschreiber und grinse. Das könnte gut werden.

„Und ich darf den ganzen Tag machen, was ich will?“

Drei Köpfe nicken.

„Also – außer, es ist was mit Uroma. Dann kannst du natürlich nicht im Bett liegen oder so.“

„Na klar.“, sage ich.

Ich fülle das Formular gewissenhaft aus und freue mich ein wenig.
Der freie Tag bricht an und ich falle in der Morgendämmerung erst einmal von Omas Notrufklingel aus dem Bett. Aber gut, dann ist der freie Tag ja umso länger. Auch nicht schlecht. Die drei Chaoskinder stehen fertig angezogen und gewaschen mit Leergut und Einkaufstüten und einem Portemonnaie vor mir, als wir aufbrechen wollen. Der Kobold hakt die Checkliste ab und fragt mit strenger Stimme seine kleinen Geschwister ab:

Leergut? Check.
Tüten? Check.
Geld? Ich reiche lächelnd einen großen Schein in die Runde. Check.
Einkaufszettel? Check.
Wir fahren in unseren Lieblingssupermarkt und ich übe mich in Vertrauen, als ich die Drei völlig planlos durch die Gänge schliddern sehe. Wir sind dort natürlich sehr bekannt und mir geht das Herz auf, als ich sehe, dass sie sich ordentlich an die Mitarbeiter wenden, wenn sie Hilfe brauchen. Ich beschließe, noch ein Stück weiter loszulassen.

Ich kaufe mir ein paar Pflanzen, die es heute im Angebot gibt, lasse an der Kasse noch kurz die Information zurück, dass ich heute einen freien Tag hätte und die drei Kleinen gleich allein an die Kasse kommen würden und ich draußen im Auto warten würde, wenn was wäre. Gluckengefühle.

Die Kassiererin lächelt warm und winkt dem kleinsten Kind zu, das gerade mit einer großen Packung Eiscreme an der Kasse vorbeieilt und den Namen des großen Bruders ruft.

„Ihre Kinder sind so wunderbar.“

Ich nicke. Ja, das sind sie.
20 Minuten später kommen die Drei endlich aus der Tür und schieben stolz ihren Einkaufswagen zum Kofferraum.

„Wir haben alles bekommen!“

Mir wird ein Berliner und ein heißer Kakao gereicht und bedeutet, ich könne ruhig auf dem Fahrersitz sitzenbleiben und mein Hörbuch weiterhören, während sie einpacken.

Große Liebe.

[geschrieben beim Brunch am Computer mit einem Laugenbrötchen mit Mayonnaise (sehr viel) und Käse (zu wenig), einer Flasche Wasser, weil sie das falsche Getränk gekauft haben und einem weiteren Berliner. Mit Musik und fast ungestört bis auf einen Notfall, als der Hund fast einen halben Liter Cola getrunken hätte und viermal Notfallklingel zwischendurch von Uroma, weil sie immer noch nicht gestorben ist. Läuft.]

Zerfaserung

Es sind Sommerferien.

Ich erhole mich langsam von meinem Schwindel von vor drei Wochen und arbeite an der Stressreduktion. Es ist 7 Uhr morgens.
Die Notfallklingel klingelt. Laut.
Ich falle aus dem Bett und hetze zum Empfänger, um ihn auszuschalten, bevor die Ferienkinder davon wach werden.

T-Shirt an, Hose an, bei Uroma rein.
Mit Lächeln auf dem Gesicht.
Es fällt an vielen Tagen inzwischen schwer, aber das muss außer mir ja niemand wissen.

„Guten Morgen, was kann ich für dich tun?“

– „Weiß ich nicht.“

Gesicht zur Wand gedreht, mehr ein Krächzen als ein Flüstern.
Augen zu.
Es ist wieder einer dieser Tage.
Vor genau einem Monat hat sie ihren 90. Geburtstag gefeiert.
Seit drei Jahren wartete sie auf diesen Tag, weil mein Vater hoch und heilig versprochen hat, er würde sie dann noch einmal besuchen kommen.

Er kam nicht.
Zwei Tage später wurde sie bettlägrig.
Eine Woche später war der Arzt da.
Höhere Medikamentendosierung, Mobilisierung, Physiotherapie, Ergotherapie, weiß der Kuckuck was noch alles.

Verweigerung auf ganzer Linie.
Verweigerung bei der Körperpflege, Verweigerung bei der Lagerung, passive Aggression. Jeden Tag ein bisschen weniger.

Eine, zwei, drei, vier Wochen.
Nahrungsverweigerung.
Und dann schließlich: Medikamentenverweigerung.

Unser Hausarzt befragt sie und erklärt ihr die Konsequenzen.
Wir klären die rechtliche Lage, die persönliche, die emotionale.

Freier Wille. Ihre Entscheidung.

Und ja, wir begleiten das..
Hier stehen wir nun und sehen dem Verfall zu.
Im Hinterkopf fragt mich eine müde Stimme, warum ich jetzt aufstehen musste. Ich straffe die Schultern und lächle.

Wie jeden Morgen.

„Oma, du hast gerade geklingelt. Was können wir denn mal für dich machen?“

Schulterzucken. „Will sterben.“

„Ja, ich weiß.“, antworte ich.

Sie schweigt.

Wie jeden Tag.