Kein Baby mehr?

Das Aussprechen eines momentan sehr stark vorhandenen Gefühls, nämlich dem, dass es sich so sehr rund anfühlt, hat mir mehr Freiheit gegeben, als ich jemals für möglich hielt. Älterwerden ist ein Thema. Und die Frage, ob wir tatsächlich noch mal von vorne beginnen wollen.

Oder ob der Gedanke zugelassen werden darf, dass wir einfach so perfekt sind.

Vier Jahre

Kopfschmerzen, Zahnschmerzen, Wurzelentzündung, vereiterte Nasennebenhöhlen, Husten, Grippe, drei Kinder, die betreut werden müssen, ein Mann, der ungerührt schläft und voller Trauer um meine tote Tochter an diesem Tag. Allein.

Er hat gute Chancen, der beschissenste Tag des ganzen Jahres zu werden.

Leere Worthülsen aus toten Versprechungen sind schon was Feines.

Vermissen

Nichts fasse ich an, ich werde nichts tun. Vielleicht morgen, so Gott mir einen Mann erspart, der am Abend nach der Arbeit alles wegräumt, weil er das Chaos nicht ertragen kann. Mein Chaos.

Meine wirren Gedanken zu Flucht und einem eigenen Leben und Affen und Klopapier und Fruchtzwergen auf dem Flurboden. Wer weiß es schon so genau, wo das Ich aufhört und das Außen anfängt.

Wohnraum als Metapher der inneren Ordnung. Aufräumen als Selbstgeißelung. Bis es blutet. Aber warum ist es wichtiger, sich um das Geschirr als um mich zu kümmern? Mich kann man im Gegensatz zur Wäsche auf dem Fußboden anscheinend in meiner Verzweiflung einfach liegenlassen. So sehr scheine ich in meinem Schmerz zumindest nicht den geregelten Tagesablauf zu stören.

Und ich lese Texte von genervten Müttern, die alle ihr Schicksal beklagen und sich Kinder- und Babyklappen herbeisehnen und ein Leben als Single und ohne Verpflichtung und nicke geistig ununterbrochen mein Hohelied der Verzweiflung, bis der unsägliche Teil kommt, in dem das Kind abends zuckersüß murmelt: Ich hab dich lieb, Mami.
Und alles ist wieder rosa.

Vielleicht ist das die wahre Lüge. Liebe und Zahnpastaschnuten reichen nicht. Nicht hier. Nicht für mich. Nicht mehr. Die Freiheit schreit lautstark nach Befriedigung und die pure Lust pulsiert durch mein Gehirn allein bei dem Gedanken, nicht zurückzublicken.
ur weitergehen. Lauf, Jane, lauf.

Rosa Zuckerwatte klebt nicht alles fest. Ich bin schon in der Phase mit dem Waschlappen und der Seife.

Ich will mein Baby zurück.

Erinnerungen

Die Wehmut lässt auf sich warten. Erinnerungen sind da, aber sie sind nicht wehmütig, nicht sehnsüchtig, nicht seufzend. Sie sind klar und rein.
Ich bereue nichts, möchte ich schreien und das ist wohl das Passendste zu jenem Tag vor vier Jahren.

Es war wie es war. Nicht perfekt, aber es war vollkommen.

Rund, mit allen Zweifeln, Schreien, mit aller Wut und Wucht, mit aller Liebe, mit jedem Stück Hingabe, mit dem Vertrauen, dem letzten Blick in die blauen Augen des Mannes, der nickte und sagte:

Ja. Ich sehe ihn.
Wir machen weiter.

Liebe.

Dad

Es könnte so einfach sein: „Weißt du was? Ich vermiss dich. Deine Tochter.“

Ich würde dafür genauso abgestraft werden wie all die Male zuvor in all den Jahren und Jahrzehnten vorher. Das Wissen macht das Herz nicht leichter.

Vor wenigen Jahren erst hat mein Psychologe mir gesagt, dass ich erst in dem Moment frei sein würde, in dem ich solche Dinge sagen und mitteilen könnte, ohne mir über das „danach“ Gedanken zu machen. Nichts zu erwarten, einfach nur in den Raum stellen. Um danach weiterzugehen. Sich treu bleiben.

Was hält mich noch?

Ich verschwende so wertvolle Gedankenarbeit an diese Beziehung, die nie eine war. Und doch… Auch Fesseln bedeuten Bindung.

Habe ich geistig doch schon begriffen, dass ich meinen Vater nicht mehr sehen werde, nicht mehr mit ihm sprechen werde. Er hat eine Entscheidung getroffen, ich habe eine Entscheidung getroffen. Sehr erwachsen. Hat ja aber niemand behauptet, dass es einfach werden würde.

Wie er sich denn verändert habe, woran ich glauben oder worauf ich hoffen würde, fragte der große hübsche Mann gestern. Meine Antwort war so einfach wie erschreckend. „Er ist mit den Jahren immer weniger grausam geworden.“

Ich weiß ganz tief in mir, dass das kein Maßstab sein kann, sein darf.

Utopie

Ganz früher, als ich noch keine Kinder hatte und mir welche gewünscht habe, da hatte ich sehr genaue Vorstellungen von meinem zukünftigen Leben. Immer nur Ausschnitte, aber die auch sehr detailliert.

Ich würde mit den Kindern tanzen und singen. Viel singen. Laut. Ganz oft. Wir würden im Auto sitzen und singen. Uns Geschichten erzählen. Musik hören.

Wir würden malen und herumschmieren, einfach weil es Spaß bringt. Und Plätzchen backen. Und ich würde in bemehlte Kindergesichter sehen, mit roten Bäckchen und zufrieden strahlend.

Wir würden Kuchenteig rühren und naschen, bis uns die Bäuche weh tun. So wie ich das früher mit meiner Oma gemacht habe.

Und wir würden rausgehen und Kastanien sammeln. Und bunte Blätter. Und Kaulquappen.

Und ein Picknick im Regen machen und dabei lachen, weil das Leben so schön ist.

Morgens würden wir durchs Bett toben und noch schmusen und kuscheln und warme und weiche Kinder würden sich vertrauensvoll in meinen Arm schmiegen und ich würde das Glück dieser Welt erfahren.

Abends würde ich die Bettdecke zurechtziehen und noch einmal ganz nah bei ihnen sein – ihrem Atem lauschen und mein Herz verschenken.

Wir würden durch Pfützen springen und bei Wind und Wetter draußen sein. Durch Wälder streifen. Auf Berge klettern. Steine sammeln und Schnecken bestaunen.

Wir würden einkaufen gehen. Alle gemeinsam. Jeder holt seinen Teil, alle harmonieren perfekt miteinander.

Wenn wir zuhause wären, würden die Kinder im Haushalt helfen und kleine Geschenke und Überraschungen basteln und mir überreichen. Ich würde mich freuen und an ganz vielen Stellen in der Wohnung selbstgemalte Kinderbilder aufhängen.

Käme ein weiteres Geschwisterkind dazu, würden alle sehnsüchtig der Geburt entgegenfiebern und sich um das Kleine kümmern und es verhätscheln und lieben. Niemand wäre eifersüchtig, alle wären voller Liebe und Zuneigung.

Natürlich wäre da auch mal Streit. Und nach jedem Streit würden sich die Kinder oder wir uns alle in den Arm nehmen und es wäre wieder gut.

Die Kinder würden gegenseitig auf sich acht geben. Hätte eines eine Verletzung, würden die anderen kommen und helfen. Der eine holt ein Pflaster, der andere pustet und tröstet schon mal.

Sie würden manchmal alle nebeneinander sitzen, miteinander kuscheln und wenn ich um die Ecke komme, mir  zublinzeln und im Chor rufen: „Wir haben dich SOOOO lieb, Mami!“

Wann immer ich jemandem einen kleinen Einblick gab, wie ich mir das Leben mit Kindern so vorstellen würde, erntete ich ein leicht amüsiertes bis spöttisches: Na, da sprechen wir uns in ein paar Jahren noch mal.

Und ich verstand nicht.

Inzwischen sind viele Jahre vergangen und ich würde die Menschen gerne noch mal treffen, die meine Träume und Vorstellungen damals ins Reich der Utopie schoben.

Und sagen:

Seht her.

Oma

Ich habe mit meiner Großmutter telefoniert. Sie isst wieder nicht. Schläft viel. Fällt hin.

Und ich habe es nicht geschafft, sie einzuladen. Ich habe so lange gegrübelt, warum. Vielleicht wäre das das letzte Eingeständnis, dass er tatsächlich tot ist.

Einfach nur tot.

Friedhofsgeschichten

„Tochter, Kobold, Motte? Wir besuchen jetzt Uropa.“

K: „Abba Opa is doch bei den Steaanen!“

„Na, wir besuchen seine Urne.“

K: „Seine Uane?“

M: „Gah?“

„Ja, die ist doch hier begraben!“

K: „Begaaaben?“

„Begraben. In der Erde.“

M: „Gah?“

K: „In der Eade? Abba Opa is doch bei den Steaanen!!“

„Jetzt kaufen wir hier erst mal Blumen. Ich nehm eine Nelke!“

K: „Oh, ich will abba auch eine Welke!“

M: „Gah!“

Während wir den Weg über den Friedhof gingen, wurde mein Herz so schwer. Die Kinder führten mich mit ihrer Natürlichkeit und Ungezwungenheit, die kein Weglaufen möglich machten.

Meine Tochter trug das Rosengesteck und ihre eigene Blume, der Kobold hüpfte herum und fuchtelte dermaßen oft mit seiner rosa Nelke herum, dass zum Schluss nur noch der Stengel blieb und die Erdbeermotte biss in unregelmäßigen Abständen herzhaft ein Stück aus ihrer Blume heraus.

Ich dachte, der Weg wäre wichtig. Noch einmal zurückkommen, mit Abstand. Sich trauen. Was ich fand, war das Nichts. Es hätte dort leerer nicht sein können. Kein Opa, keine großartige Erkenntnis, kein Gefühlskino.

Nichts.

Er liegt dort nicht.

Er ist nicht da unten, er ist nicht tot.

Abschied

Gestern Abend habe ich das erste Mal nach seinem Tod Bilder der letzen Jahre von meinem Opa angesehen. Hier im Wohnzimmer an der Bilderwand hängen zwar auch einige, aber da es sich um mehrere hundert Bilder handelt, kann man die mit Opa auch ganz gut übersehen.

Gestern habe ich mich bewusst gestellt.

Vor 7 Jahren, wie er meine erstgeborene Tochter vorsichtig in seinen riesigen Pranken hielt, immer Angst hatte, ihr weh zu tun. Er hielt die Hände wie eine Schale, das Neugeborene darin gut behütet, das kleine Köpfchen lugte noch hervor, der Rest lag in seinen Händen. Meine Tochter war da erst wenige Tage alt.

Verunsichert sah er mich immer wieder an, dieser große starke Fels, der durch ein flaumweiches neues Menschlein ganz schön ins Schlingern geriet. Mir wurde erst Jahre später bewusst, dass er meinen Vater in diesem Alter nie auf dem Arm hatte. In den Nachwehen des Krieges gab es andere Dinge zu tun. Auch mich hatte er als Neugeborenes nicht auf dem Arm. Erst bei meiner Tochter schloss sich etwas.

Vor 6 Jahren war er zu Besuch und meine gerade einjährige Tochter wurde von ihm heimlich mit Vanillepudding gefüttert, weil diese Pampe, die sie sonst bekam, ja nichts wäre, wovon so ein Kind satt werden könnte. Wir haben uns damals ziemlich in die Haare bekommen, weil ich sehr strikt meine Vorstellungen durchsetzen wollte. Er warf mir an den Kopf, dass sein Sohn im Alter von zwei Wochen bereits Bratkartoffeln gegessen und das auch prima überlebt hätte. Ich fuhr ihn an, dass das aber nicht das Maß aller Dinge sei und es nun immerhin über 50 Jahre später wäre. Er hatte das nicht verstanden und lenkte trotzdem ein.

Vor 5 Jahren bei seinem Besuch hatte meine Tochter erste Worte und ihren eigenen Kopf entdeckt und nuschelte ganz herzallerliebst ein zartes „Uaopapa?“ mit einem Augenaufschlag, wenn sie etwas von ihm wollte. Auf den Bildern ist er sehr kräftig, gut gelaunt. Ich sehe meine schwache Oma dagegen, der es gerade zu dieser Zeit überhaupt nicht gut ging und ich erinnere mich, dass mir das Sorgen machte.
Er mir überhaupt nicht.

Die darauffolgenden zwei Jahre habe ich ihn überhaupt nicht gesehen. So viel ist passiert in diesen Jahren, wir bewegten und alle sehr voneinander weg.
Vor zwei Jahren hat er schließlich den Kobold das erste Mal gesehen. Dieses ständig schreiende und brüllende Kind, das keine fremden Menschen mag, kletterte aufs Sofa und hoppste meinem Opa in die Arme, als würden sie sich schon Ewigkeiten kennen.

Bilder von Oma und Opa, wie sie einträchtig nebeneinander auf dem Spielplatz mit uns sitzen, kräftig, gesund, gut gelaunt. Niemand dachte an den Tod. Da war viel zu viel Leben. Mein Opa plante weiter Operationen zur Verbesserung seines Allgemeinzustandes. Hier noch ein neues Knie, da noch eine kleine Erneuerung, er hatte schließlich noch viel vor.

Letztes Jahr fing es mit den kleinen Wehwehchen an. Die Motte wurde geboren und wir waren alle sehr beschäftigt.
Dieses Jahr dann dieses Gefühl.

Der völlig überstürzte Aufbruch von uns in das Heim, in das er aus dem Krankenhaus gekommen ist, weil er sich plötzlich überhaupt nicht mehr selbst versorgen konnte. Dieses Gefühl.

Die Aussage von Ärzten und Pflegern, es sei alles in Ordnung. Alles im Rahmen, alles prima. So schnell stirbt es sich nicht. Aber dieses Gefühl.

Die Erleichterung bei der Ankunft, ihn zu sehen. Diese hellen Augen, die mal so blau waren und mich sanft ansahen, ohne dass ich verstand. Die großen Hände, die die kleinen Füße der Erdbeermotte zart berührten. Die Finger, so beweglich einst, die steif und voller Schmerzen waren. Mein Opa. Mein Mut, ihn nach 10 Jahren das erste Mal wieder zu umarmen und das Gefühl, dieses warme, helle, leuchtende Gefühl, dass sich ein Kreis schließt.

Dass es gut ist.

Es gibt ein Foto, das ich gar nicht bewusst nur von ihm gemacht habe. Wir saßen im Heim alle vor dem Fernseher, den mein Mann für ihn eingestellt hat. Er wollte so gerne fernsehen, hatte aber keine Ahnung, wie man das Gerät richtig einstellt. Also hat der große Mann das gemacht. Opa saß in seinem Sessel, mein Mann mit der Motte auf dem Schoß daneben, die mit ihrem Fuß immer gegen die kitzelnde Hand meines Opas stupste. Daneben auf einem Stuhl der gespannte Kobold und das Tochterkind, die dachten, sie würden durch göttliche Fügung gleich in den Genuss von SpongeBob kommen und fasziniert auf das grauwuselnde Bild blickten.

Ich wollte nur diese Situation mit der Kamera festhalten, keiner sah in meine Richtung und ich drückte auf den Auslöser. Später, viel später sah ich mir dieses Bild wieder an und mir schoss das Adrenalin in die Adern.

Mein Opa sieht mich auf diesem Bild mit seinen fast weißen Augen direkt an. Nicht zufällig.

Wissend.
Ein wenig müde, aber sehr liebevoll lächelnd.
Dankbar.

Zum Abschied.

Es ist das letzte Foto von ihm.

Emi

Heute ist so ein Tag.

Vor vier Jahren starb der Zwilling des Kobolds in meinem Bauch.
Noch einige Stunden und es ist genau drei Jahre her, dass wir mit zwei Kindern und Blutspur und totem Baby in der Tasche umherirrten.

Vor zwei Jahren sagte ich dem Mann, dass ich wieder schwanger bin.
Letztes Jahr passierte überhaupt gar nichts.

Heute Morgen habe ich einen Schwangerschaftstest gemacht und heute Mittag lese ich das siebenjährige Tochterkind von der Straße auf und erfahre, dass es in seine erste Prügelei verwickelt war.

„Mama, ich hab nur zurückgeschlagen.“, sah es mich verunsichert an.

Und fügte Sekunden später kleinlaut hinzu: „Aber ziemlich feste.“

Gutes Kind.
Ich will Kämpfer, keine Opfer.