Mir wird immer klarer, wo ich die kleinen Kinder und den großen Mann nebeneinander stelle, dass gewisse Überlebensgrundzüge, die antrainiert werden können, sich mit zunehmendem Alter immer schlechter in ein Leben implementieren lassen.
Würde ich um halb 3 Uhr nachts aufstehen und wie mein Vater „Feuer, Feuer, Notfallübung, die Uhr läuft!“ brüllen, würden hier mehrere Dinge passieren. Meine große Tochter würde vermutlich in Tränen ausbrechen. Die Kleinen verwirrt sein und aufgrund der Uhrzeit vermutlich auch nach mehreren Minuten anfangen zu weinen.
Der Mann würde sich vermutlich an den Kopf fassen, mich entsetzt ansehen, die Kinder trösten, sie wieder ins Bett bringen und danach ein ernstes Wort mit mir wechseln.
Im Alter meiner großen Tochter hatte ich sämtliche mögliche Szenarien dazu im Kopf. „Wo ist das Feuer, welche Wege sind noch frei?“, hätte ich im Aufstehen noch zurückgebrüllt und meine vorbereiteten Sachen angezogen. Die für Feuer, nicht die für die Diebe-sind-im-Haus-Übung. Ich hätte meine Tasche mit meinen Dokumenten an meinen Körper geschnallt, hätte einen Lappen mit dem Wasser an meinem Bett befeuchtet, wäre auf alle Viere gegangen und hätte mich je nach Brandherd und -position zielsicher über die Galerie abgeseilt, hätte die Treppe genommen oder wäre direkt aus dem Fenster im 1. Stock aufs Dach geklettert und wäre vom Vordach aus dann in den Vorgarten gesprungen.
Dort hätte mich mein Vater erwartet, die Zeit gestoppt, mir mitgeteilt, dass ich noch besser werden müsste und mir einen Vortrag gehalten, welche Brandverletzungen oder Rauchvergiftungen mit welchen Symptomen ich jetzt hätte. Danach wäre ich wieder ins Bett gegangen und hätte all das kein bisschen seltsam gefunden.
Tatsächlich habe ich erst mit Mitte 20 festgestellt, dass es Menschen gibt, die diese Art von Kindererziehung und Training komisch finden. Und dass es Menschen gibt, die von ihren Eltern nicht aus fahrenden Booten geschubst, unter Wasser gedrückt oder in Kisten eingesperrt werden, damit sie lernen, mit diesen Situationen umzugehen.
Jetzt kommt der Teil, der nur schwer für mich zu durchdenken ist. Weil ich nur meine Normalität als Maßstab anlegen kann. Ich bin meinem Vater unglaublich dankbar für all diese Dinge. Ich hasse Hilflosigkeit. Ich verabscheue Lähmung und Stillstand.
Jetzt kommt die Frage nach der Wahl der Mittel. Hätte ein anderes Trainingsprogramm ähnliche Effekte gehabt? Wäre mit weniger Drill und mit weniger resoluten Mitteln derselbe Mensch aus mir geworden? Und wenn nicht, würde ich das bedauern?
Was bedeutet es für meine Kinder, nicht in jeder Situation mit den schrecklichsten Konsequenzen und Gefahren konfrontiert zu werden, die sich aus ihrem Handeln ergeben könnten?
Ich wähle oft ähnliche Situationen wie mein Vater. Meine Kinder müssen wissen, wie sie aus einem geschlossenen Auto kommen. Was sie tun, wenn es brennt. Wohin sie gehen müssen, wenn mir etwas passiert.
Ich bemühe mich, diese Dinge behutsam zu transportieren, aber schlussendlich stelle ich fest, dass das Abrufen von Notfallplänen in den allermeisten Fällen nur mit Drill zu erreichen sein scheint. Meine Tochter muss erst nachdenken, wie die Telefonnummern von Polizei, Feuerwehr, Handy meines Mannes, etc. lauten. Das ist Zeit, die sie im Ernstfall nicht hat.
Ich bemühe mich um Geduld. Ich weiß, dass es einen Weg dazwischen geben muss.
Ich sehe ihn einfach nur noch nicht.