Mein geliebtes Kind.

Herzlichen Glückwunsch zum 15. Geburtstag.

Vor 15 Jahren spürte ich, wie meine Fruchtblase riss.

Du wolltest geboren werden, mit aller Kraft.

Ich rief deinen Vater an, der bei der Arbeit alles stehen und liegen ließ und nach Hause eilte. Während der Wehen schaukelte ich deine beiden Geschwister auf dem Schoß, hielt sie fest, hielt mich an ihnen fest, summte ein Lied nach dem anderen, bis dein Vater da war.

Es war keine Zeit mehr für das Krankenhaus, ich gebar dich in meine eigenen Hände und du warst so winzig und unendlich perfekt.

Meine größte Angst war, dass du in der Kälte würdest sterben müssen, aber dein Herz hörte bereits in der Geborgenheit und Wärme meines Körpers auf zu schlagen.

Das war der letzte Dienst, den ich dir erweisen konnte und für mich der Wichtigste.

Dein Leben im Schutz meines Körpers dauerte nur wenige Monate und du warst geliebt, ersehnt, von ganzem Herzen gewollt.

Du trägst drei Namen, wie alle unsere Kinder.

Auch du teilst dir den dritten Namen mit allen deinen Geschwistern.

Deine Geburtsurkunde in unserem Familienstammbuch zeigt klar und deutlich, dass du da warst.

Du warst da. Und du hast tiefe Spuren in unseren Herzen hinterlassen.

Ich wünschte nur, man hätte uns ein wenig mehr Zeit geschenkt.

Bleibt alles anders

Die Diagnosen kamen unerwartet.

Wenn man sein Kind regelmäßig zu allen Vorsorgeuntersuchungen schleppt und der Arzt aufgrund von Vorerkrankungen kein Fremder ist, dann… ja was eigentlich? Dann erwartet man irgendwie, dass man eine neue Diagnose am Anfang erwischt, oder?

Nicht schon im Stadium: Oh, das ist jetzt kritisch, hier, ihr Schwerbehindertenausweis.

So eine Diagnose hat uns vor einigen Wochen für den Kobold erwischt und seitdem steht unsere Welt Kopf.

Vor allem unser Alltag, der seit 18 Monaten ohnehin keiner mehr ist.

Und hier kommt meine Baustelle hinzu: Wut.
18 Monate lang haben wir uns an alle Beschränkungen gehalten.
Wir haben seit 18 Monaten keinen Freund mehr getroffen, keinen Menschen mehr umarmt, nichts. Keiner von uns.
Als Haus, das immer mit Menschen voll war, die hier einfach vorbeikommen, mitessen, mitfeiern, mit uns sind… war das doppelt hart.
Wir haben keinen Geburtstag gefeiert, wir sind nicht rausgegangen, nicht essen, nicht ins Kino, nicht auf Partys, nichts.
Wir haben uns impfen lassen, als es möglich war und tun trotzdem immer noch nichts, um die Ungeimpften zu schützen.

Dann war am Ende der Sommerferien dieser Lichtblick auf Alltag da. Ein paar Stunden am Tag für mich, die Akkus wiederaufladen, die seit 15 Monaten dunkelrot blinken. Dauerhaft. Und dann tastet man bei einer Umarmung des Kindes etwas, das da so nicht hingehört und hat eine Woche später eine Diagnose, die den gesamten Alltag umkrempelt.

An diesem Punkt kommt die Wut. Wut ist in diesem Fall eigentlich nur Trauer, in eine Form gegossen, die man aktiv bewältigen kann, statt passiv an ihr zu verzweifeln. Und das macht sie so wichtig.

Weil man weitermacht.
Jeden verdammten Tag.
Jeden weiteren Schritt.

Die stundenlangen Fahrten zu Fachärzten, die Termine jeden Tag, die neuen Diagnosen, die dazukommen, die Aussicht auf monatelange Trennung vom Sohn, der Aufenthalt in der Klinik weit weg… all das ist mit Wut sehr viel besser zu bewältigen als mit Verzweiflung.

Wut hat den Vorteil, dass sie nicht erschöpft, solange sie brennt.
Man darf nur nie aufhören, nie innehalten, nicht ausruhen.
Sonst fällt alles in sich zusammen.
Auch dafür wird es eine Zeit geben.

Aber die ist nicht jetzt.

Augen auf bei der Berufswahl!

Nachdem unser erstes Kind in der Grundschule auf die Frage nach dem Beruf der Eltern mal stolz erzählte, sein Vater würde immer zum Sozialamt gehen, um Geld zu bekommen, konnte ich jahrelang unsere Wände mit Unterstützungsanträgen tapezieren.

Das zweite Kind hatte den Arbeitsplatz des Mannes mal gesehen und erzählte fortan, sein Vater würde bei der Post arbeiten.
So viele Briefe, Papier und Stempel!

Das dritte Kind hörte selektiv immer nur von den Katastrophenschutzeinsätzen des Mannes und behauptete jahrelang steif und fest, sein Vater würde Bomben entschärfen.
Oder legen.
Aber es dürfe eigentlich gar nicht darüber reden.

Das vierte Kind lebt in seiner ganz eigenen Welt und nachdem der Mann auf der Arbeit öfter mal Beträge in Millionenhöhe herumschiebt, hat sich beim Zuhören irgendwann festgesetzt, dass sein Vater wohl bei der Bank arbeiten würde.

Im Tresor.

Wechselwarm

Der Mann und ich sitzen nebeneinander.

Ich – kurzärmlig angezogen, dünner Stoff, keine Ärmel: Boah, ist das drückend und schwül heute. So schrecklich heiß. Schwitzt du auch so oder sind das meine Wechseljahre?

Er, dicker Winterpulli über dem T-Shirt, schwarze Jacke, zugeknöpft:

„…nee, ist heiß heute.“

Stachel

Ich bin es gewohnt, dass die Geschichten aus meinem Leben angezweifelt werden und ich kann Menschen keinen Vorwurf daraus machen.

Die meisten von ihnen können sich nicht einmal ansatzweise vorstellen, was ich erlebt habe und welche Absurditäten Teil meines ganz normalen Alltags waren oder immer noch sind.

Aber wenn ein Freund, dem man schon länger einen durchaus sehr persönlichen Einblick ins eigene Leben gewährt, und den man unterstützt, wo man kann, andeutet, dass er viele Erzählungen für schlichtweg erfunden hält, dann piekst das einen kurzen Moment so wie früher, als es so wichtig gewesen wäre, dass man mir geglaubt hätte, als ich um Hilfe gerufen habe.

Heute bin ich darauf nicht mehr angewiesen und muss keine Kompromisse mehr eingehen. Und will es auch nicht mehr.

Wer einen großen Teil meines Alltags anzweifelt, hat darin dann tatsächlich auch nichts mehr zu suchen.

Ups

Auftritt Kobold, maximale Dramaturgie.

„Mami, ich glaube, dass du einen diabolischen Tyrann herangezogen hast.“

– Ich liebe dich trotzdem, Spätzchen.

„Ich meinte MEINE SCHWESTER!!!“

[Irgs.]

Lieber Schwiegervater,

als wir uns das erste Mal trafen, war ich 18 Jahre alt und hatte gerade heimlich deinen 26jährigen Sohn geheiratet. Ich war ein Akt des Aufbegehrens gegen dich, das habe ich später verstanden.

Und was für einer.

Wir fochten von Beginn an auf einer ganz eigenen Ebene. Ich stand für alles, was deine gutbürgerlichen Pläne für deinen Sohn vereiteln würde und das hast du mich deutlich spüren lassen. Einer deiner ersten Sätze zu mir lautete: „Dein Platz ist in der Küche.“. Und ich sagte: „Nein.“ Und du hast mich fassungslos angestarrt. Weil das etwas war, was nicht sein durfte in deiner Welt.

Und ich hielt deinem Blick stand.

Immer.

Trotzig, provozierend, arrogant und voller Leidenschaft.

Jeden deiner Hiebe habe ich pariert und im Laufe der Jahre wich unsere Härte gegeneinander einer leisen Form von gegenseitigem Respekt. Ob wir Augenhöhe erreicht haben, wage ich zu bezweifeln. Aber ich habe mich bemüht.

Als ich deinen Sohn endgültig verließ, standen wir nachts in der Dunkelheit und schwiegen gemeinsam.

Du wandtest dich zu mir um, hieltst die Arme auf und fragtest: „Ein letzter Tanz?“.

Als unsere Körper sich berührten, ahnte ich für einen winzigen Moment, wie sich erwachsene Männlichkeit anfühlen würde. Selbstsicherheit, Führung, Wissen.

Die Luft brannte.

Es war, als würde sich der jahrelange Kampf zwischen uns in diesem einzigen Moment entladen. Wir tanzten auf der schmalen Schneide zwischen unseren Sehnsüchten und unseren Verpflichtungen.

Du warst es, der nach einer gefühlten Ewigkeit zurücktrat und Lebewohl sagte.

Nun hast du deine letzte Reise angetreten.

Heb mir einen Tanz auf, wenn wir uns wiedersehen.