Sommerferien

Ein Tag, der damit beginnt, dass das Kind, das sich mit sozialen Interaktionen schwer tut, vor meinem Bett steht, was ohne Anklopfen per se schon nur im Notfall passieren darf, mich dann aber auch noch eindringlich fragt, ob der Mann arbeitet und das dann auch schon der gesamte Gesprächsinhalt gewesen sein soll, während ich mühsam versuche, meine Aggressionen in den Griff zu bekommen und mich auf meine Rolle als Mutter zu besinnen, kann ja im Grunde nicht sehr gut weiterlaufen.

Und prompt setzt die selbsterfüllende Prophezeiung Migräne als das Mittel ihrer Wahl ein, die mir nur noch ein kleines Fenster Zeit lässt, mich irgendwie zum Medikamentenschrank durchzukämpfen. Auf dem Weg dahin plaudernde große Kinder, die früh wach und grausam motiviert sind, gemeinsam Sport zu treiben. Ich sehe das große Kind erstmals wieder seit Wochen seinem schwarzen Sumpf entsteigen und wenngleich es nicht Aufgabe der kleinen Schwester sein darf, ihn da rauszuholen, ich bin gerade einfach dankbar, dass es sich jetzt so ergeben hat.

Ich kenne die Unsicherheiten und Ängste, die er kultiviert und in einer Familie voller Menschen, die einfach anpacken, was sie sich vornehmen und dann auch erfolgreich sind, ist sein Standpunkt vermutlich der Schwerste.

Und so oft ich mich bemühe, in leichter Sprache zu bleiben, alles runterzubrechen, immer meinen eigenen Anteil zu verstecken – er sieht mich ja mit seinen Geschwistern – erlebt das intellektuelle PingPong, die andere Sprache, die andere Humorebene, die Themen, mit denen er nichts anfangen kann und ich sehe den Frust, nichts verstehen zu können, so sehr er sich auch bemüht. Und in einer Welt, die Menschen wie die Kriegerin und den Butz hofiert, weil sie intellektuell nicht nur der Norm entsprechen, sondern das augenscheinlich wertvollste Gut dieser Gesellschaft – intellektuelle Leistungsfähigkeit – mit der groben Kelle zugeteilt bekommen habe, hat er es doppelt und dreifach schwer. Die Jahre Schule haben ihre Spuren hinterlassen.

Der Wert, den er verzweifelt sucht, liegt schon in ihm.

Und er sieht es noch nicht. Es macht mich hilflos, als Mutter daneben stehen und zusehen zu müssen, wie er gegen die Wände anrennt, die für ihn gar nicht relevant sind.

Es könnte alles so einfach sein.

Eskalationsstufen

Schon von Weitem sieht die Kriegerin das Pärchen, das genau auf uns zusteuert.

„Mami. Wenn du jetzt wieder ne halbe Stunde zuhörst, wie die beiden ihre Magenoperationen bedauern, fresse ich vor deren Augen das gesamte Balisto aus unserem Einkaufswagen.“

[Die macht keine Gefangenen.]

20 Prozent

„Es ist nur ungefähr in jedem fünften Fall bösartig.

Oder wenn der Knoten über eine gewisse Größe…“ Ich sehe ihn hektisch auf dem Ultraschallmonitor herumklicken. Er misst inzwischen den vierten Knoten aus. Und die Größe ist genau wie bei den vorherigen Dreien bereits doppelt so groß wie das, was er mir vorher als harmlos genannt hat. „Und ihr Vater hatte genau diese Krebsart?“ Ich nicke.

„In welchem Alter?“ – Anfang 40.

Er macht viel Hmhm und murmelt und misst alles noch mal nach. Er macht sich Notizen. Er findet einen weiteren Knoten. „Ja. Das sollten wir dringend abklären lassen. Aber wie gesagt…“

Ich will es nicht hören. Ich ahne, dass das genau die Reaktion sein wird, die ich in nächster Zeit öfter zu hören bekomme und ich habe keinen Nerv mehr für toxischen Optimismus als Universalschablone für Menschen, die nicht wissen, wie sie mich trösten sollen. Ich erhalte alle meine Überweisungen und telefoniere im Auto die Krankenhäuser durch, die in Frage kommen. Im nächsten Jahr hätten sie einen Termin. Dezember. Ich sitze eine halbe Stunde, eine Stunde im Auto, wähle mich in Warteschleifen und lasse den Arztbesuch sacken.

September. Endlich. Mit Option auf Warteliste und Vorrücken. Nehme ich.

Das ist ungefähr der Zeitpunkt, an dem ich beschließe, dass ich niemandem irgendetwas erzählen werde. Ich kann die Panik fühlen, die dabei in mir hochsteigt, die Gefühle anderer Menschen regulieren zu müssen, an einer Operation komme ich ohnehin nicht vorbei und ich kann in diesem Zustand kein „Alles wird gut“, „80 Prozent – das ist doch was“ oder „Daumen sind gedrückt“ aushalten. Ich will nicht und ich kann nicht. Menschen, die nicht wissen, wann sie mal die Fresse halten müssen und wann es mir hilft, wenn man sich einfach nur schweigend in der Dunkelheit zu mir setzt, habe ich zuhauf um mich herum.

Danke, aber nein danke.

Ich kaufe mir sicherheitshalber noch einen Kalender.

Ich habe das Gefühl, ich könnte ihn in nächster Zeit brauchen.

Sehnsucht

Manchmal willst du nur jemanden, der so sehr in seiner Intuition ruht, dass er dir die Maske vom Gesicht reißt – jemanden, der nicht zurückweicht, wenn er die hässliche Fratze dahinter sehen kann. Der nicht zurückschlägt, wenn ich austeile, ein Fels, der standhält, stoisch, gleichmütig, nicht weich, sondern hart wie Beton, gegen den ich so lange anstürmen kann, bis ich verletzt und erschöpft zu Boden sinke und keine Mauer mehr steht und die Tränen endlich laufen dürfen, weil da nichts mehr ist, was sie zurückhält. Jemanden, der mein gesamtes Denken ausschaltet, weil ich darauf vertrauen kann, dass er führt, dass er das Geschrei in meinem Kopf verstummen lässt. Das Geschrei, die Panik, die ständige Kontrolle, das obsessive Regelwerk, die Rituale, die Beständigkeit, das Stahlskelett aus Disziplin und Kontrolle über alles, was Emotion ist. Der die darunter liegende Verzweiflung aushalten kann und der mich trägt.

Diesen zerflossenen Haufen Mensch, der ich einmal werden sollte und der nie die Chance bekommen hat, in einem anderen Modus zu existieren als im Überleben.

Stumm

Ich habe überlegt, sie anzurufen. Es ist lange her, dass wir gesprochen haben und das hat Gründe. Sie versucht nach wie vor einmal im Monat mit mir zu sprechen – ich sehe ihre Nummer auf dem Display und überlege mir jedes Mal stumm, ob ich in meine Tiefen hinabsteigen will und die Antwort der letzten eineinhalb Jahre war immer nein. Jetzt gerade locken sie.

Ich blocke alles, was tiefer als Oberfläche geht und ich bräuchte so dringend jemanden, der mich in meiner ganzen Schwärze sehen kann. Der mich spürt, der mich spiegelt, der es aushalten kann, Echo meines Schmerzes zu fühlen. Authentisch. Jemanden, der selber auf diesen Pfaden wandelt.

Um mich herum sind pragmatische Menschen, Intellektuelle, Emotionsverhärtete, die, die nicht können oder nicht wollen, weil sie diesen Teil ihres Innern nicht preisgeben. Das hilft mir nicht.

Also bewahre ich ein Geheimnis, bis ich es so lange gefühlt habe, dass ich ihre Reaktionen ertragen kann, die im Gegensatz zu dem, was es für mich bedeutet, so enttäuschend rational sein werden, dass ich sie ein weiteres Stück hassen werde. Und damit das nicht die Liebe zerfrisst, die ich ebenfalls für sie empfinde, warte ich, bis ich damit umgehen kann.

Die letzten zwei Jahre und besonders die letzten 10 Monate haben mir einen guten Eindruck von dem vermittelt, was ich erwarten kann.

Wer durch die Risse blickt und passende Momente findet, in denen ich sie weiter öffnen kann, ohne zu verzweifeln. In seiner Gesamtheit ist es entmutigend und ich habe weitestgehend mit dieser Beziehungssache zu anderen Menschen abgeschlossen. Die Mauern, die ich aufgebaut habe, sind zu hoch. Die Hürden, überhaupt bis dorthin zu kommen, anscheinend unüberwindbar. Der große Traum ausgeträumt.

Jetzt muss ich nur noch einen Weg finden, mir einzureden, dass es sich lohnt, bis zum Ende zu bleiben.

Verloren

Wie kann es sein, dass bei so vielen IQ-Punkten KEINE davon auf Orientierungssinn verteilt wurden?

Sitze hier und hoffe, dass Butz 4 Kilometer Fußweg von hier entfernt seine Klasse findet und in den richtigen Bus steigt.

Baby, wir haben 5 Brücken in der Stadt. Du zählst einfach beim Vorbeilaufen: An der 3. Brücke gehst du über den Fluss, läufst dann am Fluss entlang in die eine Richtung und kurz vor der 4. Brücke ist der Treffpunkt.

„Welche Brücken?“

[Wir wohnen hier seit seiner Geburt.]