29.03.2026 [Heimkehr]

Es ist Sonntag. Ich wache mit fürchterlichen Schmerzen auf und das Kind ist vom gestrigen Tag so fertig, dass mein Angebot vom Sonnenaufgang am Meer nur leise grummelnd abgelehnt wird. Ich bin erleichtert. Ich habe kaum noch Kraft für irgendetwas. Wir lassen uns Zeit und räumen in Ruhe die Ferienwohnung auf, machen uns fertig, packen alle Sachen zusammen und tragen sie ins Auto.

Wir geben unsere Wohnungsschlüssel bei der Verwaltung der Ferienwohnung ab und freuen uns darauf, bei strahlendem Sonnenschein noch an den Hundestrand zu gehen. Henriette hat Spaß und tobt durch die Gegend. Genau wie die Tochter. Genau das Richtige vor der langen Fahrt, die uns bevorsteht. Ich habe reichlich Schmerzmittel genommen und ich weiß zwar noch nicht genau, wie ich die lange Fahrt bewältigen soll, aber mit vielen Pausen wird das schon irgendwie klappen.

Ich merke, dass Angst und Panik in den letzten Tagen so gut wie verschwunden sind. Durch die vielen Fahrten auf der Autobahn, das ständige Hin und Herfahren von Ort zu Ort fühle ich mich stabiler als in den ganzen letzten zwei Jahren zuvor. Vielleicht würde ich es nicht Vertrauen nennen, aber ganz leise ist da so etwas wie Zuversicht in mir, dass ich vielleicht irgendwann wieder ein normales Leben führen kann.

Wir genießen die letzten Stunden an der Ostsee. Irgendwann werfen wir einen letzten Blick aufs Meer und gehen langsam Richtung Auto. Die Heimfahrt wird gut sieben Stunden dauern, wenn nicht länger, und es ist an der Zeit, dass wir uns auf den Weg machen. Die Heimfahrt selber ist erstaunlich unspektakulär. Wir hören unser Hörbuch weiter, diskutieren und langsam befällt das Tochterkind eine Art von Schwermütigkeit, die für mich nur schwer auszuhalten ist.

Wir hatten so schöne Tage miteinander, nur wir beide. Und ich hoffe, dass sie etwas davon mitnehmen kann.

Ganz bald wieder?, fragt sie vorsichtig.

Und ich nicke. Ja, ganz bald wieder.

Ich will das auch.

Und ich will mein Leben zurück.

28.03.2026 [Ostsee und Lieblingsmenschen]

Irgendjemand [Ich] kommt auf die absolut hirnrissige Idee, den Sonnenaufgang an der Ostsee live miterleben zu wollen. Das Kind hat mit Henriette auf unserem mitgebrachten aufblasbaren Gästebett geschlafen und als ich einen guten Morgen wünsche, brummeln ein Teenager und ein Hund gleichzeitg von unter der Decke hervor. Dass sie sich ohne große Widerworte trotzdem aus dem Bett quälen, zeigt mir, dass ich mit meiner Idee so falsch nicht liege.

Und so stehen wir um kurz nach fünf Uhr morgens auf, packen uns dick ein, stapfen los und sind um halb sechs an der Ostsee. Wir sind leider nicht mit gutem Wetter gesegnet, so dass es einfach nur immer heller trüb wird, von Sonne keine Spur. Aber das ist egal. Wir sind bis auf einen zufällig aus dem Nebel gefallenen Jogger alleine am Strand. Wir schauen aufs Meer, Henriette tobt herum und die Welt ist einfach für einen Moment perfekt so, wie sie ist. Es fängt leicht an zu nieseln. Ich könnte geerdeter nicht sein.

Als wir nach anderthalb Stunden völlig durchgefroren den Rückweg zur Wohnung antreten, sehnt sich jeder von uns nach einer heißen Dusche. Na gut, Henriette vielleicht nicht, aber auch die steht inzwischen mit etwas zittrigen Beinen im kalten Meer und muss einsehen, dass Möwen weder dusselig noch langsam sind.

Wir machen noch einen kurzen Zwischenstopp beim Bäcker, damit wir nicht hungrig in den Tag starten und wärmen uns erstmal wieder auf.

Von 10 bis 15 Uhr sind wir auf einer Konfirmation zu Gast und danach geht es dann los. Zum Treffen mit all den Lieblingsmenschen, die gerade hier sind. Wir treffen uns am Nachmittag an der Promenade von Laboe und ziehen zu acht mit zwei Hunden durch die Gegend. Und es ist ein so schöner und dichter Nachmittag, dass ich noch lange davon zehren werde. Das sind genau die Menschen, mit denen ich meine Abende verbringe und die ich so gerne um mich habe. Unsere kleine WhatsApp-Gruppe, die mir den Alltag erhellt und erleichtert. Nur unterbrochen von ein bisschen Eis und Kaffee spazieren wir kilometerweit am Strand entlang, immer in wechselnden Konstellationen und es ist einfach nur schön. Die Stunden vergehen für meinen Geschmack viel zu schnell.

Wir sind alle erschöpft vom langen Tag, aber so richtig trennen möchte ich mich von diesen Menschen eigentlich nicht. Wir versprechen uns, uns bald wiederzusehen und nicht erst wieder zwei Jahre vergehen zu lassen. Und abends, als es schon dämmert und wir uns alle zum letzten Mal umarmen und zuwinken, da fühlt sich mein Herz an, als müsse es platzen vor lauter Glück und Frieden.

Ich bin so froh, dass ich hier bin. Das Tochterkind und ich gehen noch in einen Dönerladen, der eigentlich schon zu hat, aber der Besitzer ist so nett und bittet uns herein. Und so verbringen wir dort mit warmem Essen noch ein paar schöne Momente, bevor wir nach einem letzten Gang über den Strand wieder in die Ferienwohnung zurückkehren. Die Tochter sortiert mit Henriette ihre Pflanzen, die sie von Mandy geschenkt bekommen hat und denkt laut über die Leute nach, die wir heute getroffen haben. Für einen Sozialphobiker wie sie war das die Hölle und umso schöner finde ich es, welch warme und zugewandte Worte sie für die Menschen findet, die ich Freunde nenne.

Mir tut jedes einzelne Körperteil zum Schreien weh und ich habe keine Ahnung, wie ich am nächsten Tag den Heimweg schaffen soll, aber für den Augenblick ist das alles egal.

Um 21 Uhr blicke ich rüber auf das Gästebett, sehe ein noch komplett angezogenes Tochterkind darauf liegen, Henriette, die friedlich vor sich hinschnarcht, als Kissen unter ihrem Kopf. Um sie herum stehen Zimmerpflanzen, das Handy ist ihr aus der Hand gefallen und ich lösche lächelnd das Licht.

Ja, es ist gut.

27.03.2026 [Nordsee – Ostsee]

Bei Sonnenaufgang wecke ich das Tochterkind und frage, ob sie zum Meer möchte. Ich weiß, sie hat in fremder Umgebung nicht gut geschlafen und ihr fehlt ihr Schutzraum. Aber als ich frage, überzieht ein vorfreudiges Lächeln ihr Gesicht. Es ist manchmal schwer einzuschätzen, was ihre Dunkelheit erhellt, aber ich weiß, wir sind hier richtig. Also schnappen wir uns Henriette, fahren die paar Kilometer zum Deich und genießen Wind und Wetter und Nordseeluft. Im Laufen sehe ich, wie sich so viel Härte in der Kriegerin löst, sie innerlich weich wird. Es war eine gute Entscheidung, dass wir hierher gefahren sind.

Als wir uns auf den Rückweg machen, bittet sie mich, kurz stehen zu bleiben, im ersten Licht des Tages, in den ersten Sonnenstrahlen. Und sie stellt sich etwa zehn Meter entfernt hin und macht ein Bild von mir. Ungeachtet aller Vorbelastung bezüglich dieses Themas weiß ich, dass hier etwas Bedeutendes geschieht, dass eine Erinnerung festgehalten wird, die wir beide weitertragen, sie naturgemäß deutlich länger als ich. Es ist mir gar nicht wichtig, wie ich auf diesem Foto aussehe und auch das ist neu für mich.

Wir steigen ins Auto und holen noch Verpflegung vom Bäcker, bevor wir wieder zu Maike fahren. Ich mache mich fertig. während Maike, Amy, die Kriegerin und Henriette noch eine Hunderunde drehen, bevor wir dann frühstücken und zusammenpacken.

Ich hatte so sehr gehofft, dass wir als gemeinsames Abenteuer alle zusammen über die Elbfähre fahren, aber Maike entscheidet sich, über Hamburg und durch den Elbtunnel zu fahren. Und wir treffen uns dann an der Ostsee wieder. Die Tochter und ich haben es nicht eilig. Wir halten an so gut wie jeder interessanten Stelle an. Wir sammeln kleine keimende Eichen am Straßenrand. Wir sehen die ganzen Garagenflohmärkte, so viele interessante Dinge. Und wir kommen nach einer Stunde an der Elbfähre an, müssen auch nicht lange warten. sondern dürfen schon auf das zweite Schiff, das anlegt, rauffahren.

Als wir an an Bord aussteigen, kommt das Kindheitsgefühl von den großen Fähren wieder hoch. Ich bin auf unzähligen dieser Schiffe in meiner Kindheit gewesen und Geruch und ausgelöstes Gefühl sind immer noch gleich. Ich bin hier zu Hause, egal wie ich es drehe und wende. Die Überfahrt ist schön, dauert aber leider nur 20 Minuten. Wir haben noch ein gutes Stück Strecke bis zur Ostsee vor uns und müssen das meiste davon über die Dörfer fahren. Aber das ist gar nicht so schlimm.

Irgendwann am frühen Nachmittag kommen wir in Laboe an, parken erstmal irgendwo, schnappen uns Henriette und setzen uns an den Strand. Durch die frühe Jahreszeit sind auch gar nicht so viele Leute unterwegs.

Dafür haben wir die freie Auswahl an Leckereien entlang der Promenade. Henriette frisst einen ziemlich teuren Crepes und wir genießen unsere etwas langsamer. Einfach nur dort gemeinsam auf einer Bank sitzend, schweigend aufs Meer schauend. Ich merke, wie so viel Last der letzten Wochen und Monate von mir abfällt.

Wir haben den Rest des Tages für uns. Um 16 Uhr holen wir die Schlüssel zu unserer Ferienwohnung ab, kämpfen mit einigen Schwierigkeiten einer wirklich verhexten Tiefgarage und machen es uns in der Wohnung gemütlich. Zum Glück mit Terrasse und direktem Blick von der Terrasse aufs Meer. Es ist schon ganz prima, so wie es ist.

Abends verbringen wir eine lange Zeit mit Hetty am Hundestrand, sammeln Muscheln, bewundern Wattwurmhaufen und existieren einfach. Danach holen wir chinesisches Essen für alle und Maike und Amy kommen aus dem Nachbardorf noch mal für eine Stunde zu uns.

26.03.2026 [Nordsee]

Ich hatte solche Angst. Ich bin seit 2 Jahren nicht mehr selber Autobahn gefahren. Ich habe mir die kleineren Autofahrten über die letzten Monate nach PostCovid so hart zurück erkämpft. Jeden Tag ein bisschen mehr, ein bisschen weiter, ein bisschen stärkeres Zutrauen in das Leben, nachdem meine Welt so massiv gekippt ist.

Die Schwindelanfälle, die Kreislaufprobleme, die bleierne Müdigkeit. Erst kamen vor zwei Jahren die Nackenprobleme so konsequent wieder wie damals beim Bandscheibenvorfall in der Halswirbelsäule. Die chronischen Schmerzen. Das Misstrauen gegenüber meinem eigenen Körper und was er noch halten und leisten kann.

Dann die Diagnose mit katastrophalen Blutwerten im Sommer. Der Blick des Arztes, dass ich bitte sofort ins Krankenhaus soll. Dann die Tumordiagnose. Dann die fatale Covid-Erkrankung und 14 Monate Post-Covid.

Ich bin durch harte Arbeit an mir immer stabiler geworden. Aber vertrauen kann ich meinem Körper nicht mehr.

Also hatte ich Angst. Unsagbar. Ich habe mich entschieden, die Fahrt an die Ostsee zu teilen und heute erst zu Maike zu fahren. 349km.

Ich weiß, wenn ich nicht mehr kann oder die Welt kippt, fahre ich ran und rufe den Mann an. Er kann mit dem Sohn kommen und mich abholen, dann fahren die Zwei beide Autos und uns wieder nach Hause.

Die Kriegerin und ich haben Henriette an Bord und nach den ersten 100km kommt so etwas wie Vorfreude auf.

Vielleicht kann ich ja doch…?

Vielleicht schafft mein Körper das?

Vielleicht kann ich ihm doch ein kleines Stückchen weit vertrauen?

Verantwortung für die Tochter und Henriette geben mir Stabilität, mein ganzes System ist auf Sicherheit ausgerichtet und für Angst und Panik ist nur wenig Platz.

Ich schaffe das. Wir hören mein Lieblingsbuch – BIOS und diskutieren zwischendurch über moralische und ethische Verpflichtungen in Punkto Gentechnik. Die Stunden ziehen an uns vorbei, die Kilometer auch.

Als wir in Bremen sind, wird mein Herz weit. Endlich wieder zuhause.
Bald kommt das Meer.

Die Sonne geht langsam unter und auf den letzten Kilometern zu Maike verfahren wir uns noch so grundlegend, dass wir irgendwann verzweifelt auf einer Wiese stehen und ratlos auf Kühe kucken. Eine halbe Stunde Umweg später haben wir es dann geschafft.

Und Maike wäre nicht Maike, wenn sie auf „Wir wollen noch ans Meer!“ nicht einfach sagen würde: „Alles klar!“, ihren eigenen Hund einpackt und mit uns ans Meer fährt.

Und so stehen wir im fast Dunklen dann am Meer und es ist gar nicht so sehr Sieg über mich selber sondern eher Wiederankommen bei meinem eigentlichen Ich.

Die Tochter und Henriette verschwinden irgendwo im Schilf, ich lasse mir die Seeluft um die Nase wehen und fühle Frieden.

geschmiedet [Kriegerin]

Es gibt ein Schmuckstück, das kurz vor meiner Geburt aus dem Gold unserer Vorfahren für mich neu geschmiedet wurde, damit ich es an meinem 18. Geburtstag erhalte. Traditionell wird dieses Gold an das Kind weitergegeben, das die Linie fortführt. In meinem Fall gab es keine große Wahl, denn ich bin die Letzte; die Blutlinien so vieler Menschen enden bei mir. Alle Geschwister meiner Eltern und Großeltern sind unfruchtbar, früh gestorben oder haben ihre Kinder an Kriege, Krankheiten, Unfälle oder Zwischenfälle verloren.

Als ich zum ersten Mal schwanger wurde, habe ich es in seinem Versteck gelassen. Ich wollte es nicht neu schmieden lassen, es passte nicht. Auch in der darauffolgenden Schwangerschaft passte es nicht. In der Schwangerschaft mit der Kriegerin, viele Jahre später, als ich meinen Traum von ihr träumte, wie sie heute tatsächlich aussieht und ich ihren Namen wusste, da habe ich es an ihrem Hals gesehen. Ich hab es trotzdem in der Form gelassen, die für mich gemacht wurde. Mich berührt es. Die Gravur, die meinen 18. Geburtstag nennt. Ich wollte es nicht einschmelzen lassen. Es liegt seit so vielen Jahren an seinem Platz. In drei Monaten wird die Kriegerin 18 Jahre alt. Und etwas, das fast zwei Jahrzehnte keinen einzigen Gedanken wert war, erscheint plötzlich wieder in meinen Träumen. Ich weiß, dass sie es bekommen muss. Das war mir erst umso unverständlicher, weil bereits zwei meiner Kinder schon seit Jahren volljährig sind. Eines hat bereits die nächste Generation geboren und der Gedanke, dass es dort landet, ist eine romantische Vorstellung. Sie ist aber falsch. Ich denke an all die Geschichten, die meine Kindheit durchzogen, an all die Legenden, an die Namen unserer Vorfahren und dass es nie einfach dem erstgeborenen Kind übergeben wurde, sondern immer dem, das den Erzählungen am engsten verbunden war.

Meine große Tochter ist mein heller Spiegel. Alles Gute in mir findet sich um ein Vielfaches multipliziert in ihr wieder. So zielstrebig, emotional, in sich ruhend, der Welt verbunden. Wach und aufmerksam, aber nie der dunklen Seite zugewandt.

Mein großer Sohn ist etwas ganz Eigenes. Er wendet sich von Tradition und Überlieferungen ab und findet in seinem Tempo seinen ganz eigenen Weg.

Mein kleiner Sohn lebt in einer wiederum völlig anderen Welt aus Wissenschaft und Erkenntnis und Vernunft und Pragmatismus.

Die Kriegerin ist mein dunkler Spiegel. Sie trägt all das Potential in sich, mit dem ich mein Leben lang kämpfen musste. Segen und Fluch von Hochbegabung. Sie war seelisch bereits an den dunkelsten Orten und wir haben lange Jahre nicht gewusst, ob sie wieder ans Licht kommen würde. Sie ist das Dunkle. Rote Wut, schwarzer Hass. Sie ist die Verzweiflung, an eine Welt gekettet, in der ihre Fähigkeiten, ihr Potential, ihre Moral- und Wertvorstellungen nichts wert sind, weil die Menschheit schlecht ist. Weil das Gute immer verraten wird und Menschen schwach sind.

So dunkel ihre Seele ist, so hell wird ihre Flamme lodern, wenn sie sie entdeckt. Denn sie ist auch die Liebe. Sie ist die Leidenschaft. Das Feuer. Sie ist der Sturm, der alles hinwegfegt, was sich ihm in den Weg stellt. Bereit, für all jene einzustehen und zu kämpfen, die unter ihrem Schutz stehen. Sie sieht das noch nicht, aber ich kann es sehen. Konnte es immer schon.

Und darum weiß ich mit absoluter Sicherheit, dass unter meine Gravur die ihre gehört.

Nicht als Erstgeborene, nicht aus Pflichtgefühl, sondern weil dieses Schmuckstück, seine Geschichte, seine Kraft – und dieser Teil meines Herzens – nur ihr gehören.

18.03.2026 [Alles, was ich jemals wollte]

Die Worte, die da per WhatsApp so erschreckend leicht den Besitzer wechseln, könnten größer nicht sein.

Und ich fühle mich so geehrt, so geliebt, so gesehen, erkannt und wertgeschätzt, dass ich beim Lesen die Engelstrompeten vermisse, die mir diese Botschaft – von einem ausgerollten Pergament verlesen – verkünden.

Sie sind wie ein Schatz, den ich mein Leben lang hüten werde. Vielleicht die ultimative Liebeserklärung eines Kindes an seine Mutter. Und wenn ich sie so in mir klingen lasse, dann schließt sich in mir ein weiterer Kreis.

Ein weiteres Generationentrauma, das ich durchbrechen konnte.
Ich habe das gemacht.
Ich habe es geschafft.
Die Letzte, die all das ertragen und erdulden musste.

In den Worten, in denen meine Tochter mir jetzt so beiläufig zurückspiegelt, auf was ich Zeit ihres Lebens gehofft habe, aber nie in letzter Konsequenz glauben konnte, schwingt die elementarste Feststellung von allen mit:

Du hattest Bedeutung.
Du hast einen Unterschied gemacht.
Und ich trage diese deine Liebe nun weiter zu meinem Sohn.

Es ist, wie es ist.

Es wird, wie es sein soll.

14.03.2026

Krank. Bin seit Tagen richtig fies krank und es scheint mir, als hätte mein Körper dem Stress der letzten Wochen jetzt endlich nachgegeben. Ich huste, wache jeden Tag mit Kopfschmerzen oder wahlweise Migräne auf, habe mal wieder eine Nasennebenhöhlenvereiterung, die mir bei jedem nach vorne lehnen den Kopf explodieren lässt, zusätzlich zu Ganzkörperschmerzen, Schwindel und dem allgemeinen Gefühl, einfach gleich völlig unspektakulär zusammenzubrechen. Irgendwo in einer Ecke, damit es auch niemanden stört. Passend dazu lasse ich mein Handy inzwischen mal wieder ab und zu ganz vorsichtig auf höchster Lautstärke in einer Ecke liegen und hab es nicht mehr 24 Stunden an meinem Körper klebend, damit ich auch ja keinen verzweifelten Anruf eines weinenden Kindes verpasse, der Dauerstrom im Gehirn lässt ganz allmählich nach und das ist so nötig. Ich schlafe morgens, nachdem ich die Kinder aus dem Haus geschubst habe, ich schlafe mittags, wenn sie irgendwann in ihren Zimmern verschwunden sind, ich schlafe nachmittags bis ich Abendbrot kochen muss und ich gehe viel zu früh ins Bett um auch noch den nächsten Tag zu schaffen. Ich schlafe am Wochenende ganze Tage durch in der Hoffnung, dass irgendetwas davon besser wird, nachlässt oder vielleicht auch einfach nur aufhört. Die Sorgen bleiben. Meine Grenzen sind so deutlich fühlbar, was Arbeit angeht, dass auch hier nur noch Verzweiflung dominiert. Ich werde etwas finden. So lange verkaufe ich gerade Dinge, die in unserem Besitz und nicht mehr von Nöten sind. Ich zähle jeden Cent und so unangenehm die ganze Thematik auch ist, umso stärker werde ich aus ihr herausgehen. Die Ausbildung von Kindern ist  teuer. Das Leben mit Kindern und Tieren in einem Haus ist teuer. Wir wussten das. Der Preis muss gezahlt werden, so oder so. Ich hoffe, ich erhole mich einigermaßen schnell von dieser Krankheit, ich wollte, musste, sollte eigentlich noch mal zur Tochter zum Baby, in zwei Wochen ist schon Konfirmation ganz im Norden, zu der ich unbedingt hinwill, sind doch so viele Herzensmenschen dort. Auch hier Probleme, die noch gelöst werden müssen, ich bin so müde, allumfassend müde.

Ungebunden

Es ist anders als beim letzten Mal.
Das letzte Mal war da nur Schmerz.
Purer, heißer, verzweifelter Schmerz, der meine Seele in Agonie schreien ließ.

Diesmal ist es anders.
Da ist Ruhe. Spöttisches Wissen.
Und an keine Regeln mehr gebunden, von jedem Versprechen gelöst spüre ich in aller Deutlichkeit, dass da, wo jetzt noch Licht ist, bald nur noch Dunkelheit sein wird.

Und ich weiß, wozu ich dann werde.
Aber vielleicht sollte auch das so sein.

Vielleicht war es mir nie bestimmt, dieses kräftezehrende Leben zu leben, in dem ich die blutrote Schwärze in mir verleugnen muss, um in der Verletzlichkeit zu bleiben.

Verletzlichkeit war immer die letzte Bastion in mir gegen das Monster, das ich eigentlich bin.
Und die Kraft, die ich jetzt schon spüre, funkelt verführerisch in mir.
Ich muss sie nur wollen. Ihr Preis ist die Hoffnung.

06.03.2026 [zu müde für Überschriften]

Ich wache mit Migräne auf und Schwindel, Kopfschmerzen und Kreislaufbeschwerden multiplizieren sich mit jedem Kind, das die Treppe runtertrampelt. Meine Sorgen kreisen laut kreischend in meinem Kopf, während ich meine kleine Müslischale voller Medikamente als Frühstück zu mir nehme. Sofort wieder ins Bett ist nicht, ich muss mich gleich fertigmachen, absagen ist wie versagen, geht mich, mach ich nicht. Der erste Anruf des großen Kindes, ich halte aus, höre zu, bestätige, beruhige, vermisse, wäre gerne näher und weine ein paar stumme Tränen, das kann ich ja gut. Asgard hat gestern alle Probekekse für die Konfirmation gefressen, weil ein Kind die Küche aufgelassen hat, immerhin waren sie noch unverziert, sonst wären nicht nur teure Zutaten sondern auch Stunden an Arbeit für die Katz im Hund. Ludwig altert gerade massiv, er wird dieses Jahr 10 Jahre alt, ist grau, wird langsamer, doch so liebevoll ergeben, so aufmerksam, so pflichtbewusst und regeltreu wie eh und je, wann immer ich darüber nachdenke, ihn verlieren zu können, kommen wieder die Tränen. Ich weiß, man findet seinen Seelenhund immer nur einmal im Leben. Und ich weiß mit absoluter Sicherheit, dass er und ich einmalig sind. Nach ihm wird es keinen Hund mehr für mich geben. Die Kriegerin hat Henriette inzwischen komplett vereinnahmt, Henriette ist nicht mehr mein Hund. War sie vielleicht auch nie. Die Kinder sind allesamt so verliebt in sie wie in keinen der beiden sturen Bollerköppe, die mein Herz tragen. Hunde finden ihre Menschen, schätze ich. Es ist, wie es sein soll. Ich muss heute Cookies für den Schwiegersohn backen und eine riesige Lasagne für die große Tochter. Beides können der Mann und die Kinder morgen mitnehmen, wenn sie dorthin fahren, um das Baby kennenzulernen und zu bestaunen. Ich möchte auch wieder hin. Möchte mein Kind umarmen, bewundern, sicher sein, dass es ihm gut geht. Ich verfluche all die Mitgroßeltern, die nicht erkennen, wieviel emotionalen Druck sie gerade aufbauen, indem sie um ein Neugeborenes rangeln und die Grenzen der Mutter missachten. Ich hasse Menschen.

Der Schwiegersohn zeigt eine derart ausgeprägte emotionale Reife, dass mir die Luft wegbleibt. Er übernimmt so viel Verantwortung, zeigt Rückgrat, steht vor anderen Menschen für meine Tochter und ihre Bedürfnisse ein und stellt sich vor sie wie der Schild, der er ihr geschworen hat, zu sein.

Ich lerne gerade, ihn auf eine sehr besondere Art zu lieben.

05.03.2026

Ich trete nicht gegen Mechanismen an. Ich bin ein Mensch, dessen Traumaarbeit ihn gelehrt hat, dass er alles schafft. Es ist die Grundüberzeugung meines Lebens und sie wackelt nicht, egal, was andere sagen.

Ein Mensch, der mit derselben Vehemenz die Überzeugung vertritt, dass er eben nicht kann, eben nicht weiß, seinen Mechanismen hilflos ausgeliefert ist, wird sich von nichts und niemandem auf dieser Welt vom Gegenteil überzeugen lassen. Und ich weiß inzwischen, dass ich verliere, wenn ich es auch nur wage, dieses heilige Bündnis aus Trauma und Angst zu benennen. Ich kämpfe gegen eine gut eingespielte Einheit, die alles tun würde, um den StatusQuo nicht zu verlieren.

Also schweige ich. Halte aus. Halte durch. Und gehe irgendwann weiter.

Das große Kind und ich reden viel, lange. Ich sagte vorgestern Nacht zu ihr: Mutterwerden ist kein sanfter Prozess. Es ist brutal, umwälzend und zeigt dir all deine Grenzen. Du fühlst dich innen wie außen roh und wund und deine Welt bleibt stehen, während alle anderen Menschen lächelnd ihr Leben weiterführen, als wäre nichts passiert.

Ich bin demütig und dankbar, dass es diese Stunden zwischen uns gibt, in denen ich trotz meines Alltags hier in ihre Welt eintauchen darf und einen Moment mit ihr im Stillstand ausharre. Da, wo Körper und Seele wund sein dürfen. Im Schlafmangel, in den Zweifeln, in der Überforderung. Ich bin so stolz auf sie und höre, wie erschöpft sie ist. Weiß, ich kann, darf ihr nichts davon abnehmen, weil es der Beginn ihrer eigenen Geschichte ist. Aber ich kann da sein. Anerkennen. Die Tränen aushalten.

Vielleicht ist das das, was ich mir immer für mich gewünscht hätte. Dass jemand da ist, der aushält. Ohne Problemlösung. Ohne Trösten, ohne Aktionismus, ohne Angst, ohne Selbstzentrierung – jemand, der einfach die ganze Wut, den Schmerz und die Tränen aushält. Jemand, der mitfühlt, aber nicht mitleidet. Der sich an meine Seite begibt, aber weder an mir festklammert noch an mir zieht, noch von meiner Wucht davongetragen wird, weil er sich nicht selbst halten kann.

Der Konflikt zwischen dem großen Sohn und der großen Tochter ist für mich schwer auszuhalten. Ich kann beide Seiten in ihren Gefühlen anerkennen, aber es ist nicht an mir, das aufzuarbeiten. Ich spüre, wie groß die Verlustängste beim Kobold sind, wie nah die Erinnerungen, als die große Schwester damals einfach so gegangen ist. „Sie hat mich einfach so zurückgelassen“ Mein Herz zieht sich zusammen, wenn ich diese Worte höre. Ich fühle den Schmerz noch so lebendig in mir wie kaum etwas anderes. Ich habe das in den letzten Jahren mit ihr aufgearbeitet, die beiden müssen diesen Schritt noch gehen. Und es obliegt nicht mir, das zu steuern. Es sind zwei erwachsene Menschen, die ihre eigenen Konflikte austragen müssen. Übungsfeld. Sehr großes Übungsfeld.

Dazu kommt seine Sehnsucht nach dem Auszug. Ich verstehe ihn so gut und spüre, wie er kämpft, nach Möglichkeiten sucht und viel zu oft noch an seine eigene Limitierung glaubt. Ich habe Vertrauen, dass er seinen Weg finden wird, so wie er ihn bislang immer gefunden hat, auch wenn es einfach mehr Zeit braucht und oftmals verschlungene Pfade nimmt. Er ist mein Baby und wenngleich genau das immer mein oberstes Ziel war, ist es hart, ihn ziehen zu lassen. Wo ein paar hundert Kilometer weiter Mutterschaft gerade erst beginnt, endet hier einmal mehr meine unmittelbare Zuständigkeit und das ist herausfordernder als ich es mir jemals hätte ausmalen können.

Ich sehne mich so sehr nach Beständigkeit in meinem Leben.

Nach jemandem, der genau die Frau sehen kann, die ich heute bin.