Müll.

Wir besitzen keinen einzigen Stuhl, der nicht irgendwo am Straßenrand von uns abgeholt und aufgearbeitet wurde.

Ursprünglich war ich auch heute wieder auf Stuhlsuche, weil dieses Haus einfach zu viele Räume hat, in denen wir auch mal einen Stuhl benötigen, als ich einen alten Einzelschultisch fand, der geradezu perfekt für den Kobold und seine Hausaufgaben aussah.

Wie so oft, wenn ich mit Baby am Straßenrand Möbel ordentlich aufeinanderstaple, um an ein bestimmtes Stück heranzukommen, kam auch heute Morgen die Besitzerin nach draußen.

Langsam, auf einen Stock gestützt.

Eine graue alte Dame, die so tiefe Sorgenfalten im Gesicht hatte, wie ich das nur selten in meinem Leben gesehen habe.

„Guten Morgen!“, wünschte ich und Herr Honig grinste mit zerzaustem Lockenkopf ein bisschen hinter einem Sofa hervor.

Sie lächelte leise. „Wonach suchen Sie denn?“

Ich zeigte auf den Schultisch und nickte anerkennend. „So ein wunderbares Stück. Mein Sohn ist 7 und ich glaube, das ist genau das Richtige für ihn. Ist es okay, wenn wir ihn mitnehmen?“

Völlig überrascht blickte ich sie an, als ich ein tiefes Schluchzen hörte.

Die Tränen standen in ihren Augen und ich legte meine Hand auf ihre Schulter.

Langsam ließ sie sich auf das alte Sofa nieder, auf dem Herr Honig gerade herumturnte und ich setzte mich völlig verdutzt daneben.

Die Tränen liefen ihr inzwischen über die Wangen.

„Unser Sohn war damals auch sieben Jahre alt. Ein Rabauke. Hat die Schule gehasst. Nur Flausen im Kopf gehabt. Ein typischer Junge.“

Ich lächelte.

„Ich hab das Zimmer nach seinem Tod einfach so gelassen. Konnte die Sachen nicht wegräumen. Mein Mann hat mich immer so dafür geschimpft. Aber ich konnte nicht. Verstehen Sie das?“

Ich erstarrte. Aber ja, natürlich verstand ich.

„Und jetzt sind mein Sohn und mein Mann schon so lange tot. Und ich gehe ins Heim. Unten, in der Stadt. Kann nicht mehr in der Wohnung alleine leben. Und ich kann nur so wenig mitnehmen, wissen Sie?“

Das Schluchzen wurde lauter.

Die Autos fuhren an uns vorbei und ich hielt ihre runzelige alte Hand fest, die sich an mich klammerte.

Die Minuten vergingen.

Ich holte das Foto aus meinem Portemonnaie und reichte es ihr.

Sie wischte sich über die Augen. „Meine Güte. Vier?“ Sie schmunzelte mit tränennassem Gesicht. „Um Himmels Willen. Erzählen Sie mir von ihnen.“

Es war halb neun Uhr morgens und so saßen wir da nebeneinander auf dem Sofa auf dem Bürgersteig und erzählten von unseren Familien.

„Ich bin müde, ich gehe wieder hinein. Gott segne Sie.“, sagte sie irgendwann. strich Herrn Honig noch einmal über die Haare und stand langsam auf. Ich sah ihr gedankenverloren nach, packte den Tisch vorsichtig ins Auto und fuhr nach Hause.

[Anne]

Worte, die sich zu Bildern auftürmen.

Schwarz, dunkelgrau, schwer, nass.

Ich spüre den Drang, sie endlich zu schreiben, weil ich es loswerden möchte, nicht, weil es noch von Bedeutung wäre, dass du mich verstehst.

Ich kann es hier nicht formulieren, es käme mir so falsch vor, weil es nicht mehr hierhin gehört. Nicht mehr, nie wieder.
Doch es treibt mich.

Ich denke ab und an noch über das Unrecht nach, das du mir getan hast, indem du mich, uns, dich auseinanderanalysiert hast. Worte, die nie dir galten, auf dich bezogen hast.

Fehlende Kommunikation, lächelt dein freudsches Ich, doch ich muss dir widersprechen. Sage ich „du bist nicht gemeint“ und kann in deiner Welt meine Aussage nur eine Lüge sein, weil es anders nicht in dein Weltbild passen würde, dann führst du Kommunikation ad absurdum.

Du als allwissendes, allsehendes Medium wolltest nie einen Partner, nur einen Spielball für dein gelangweiltes narzisstisches Ich.

Das bin ich nicht.

andere Menschen

Während ich knietief durch Kotze und Durchfall wate, klingelt es an der Tür.

Der Tischler, unangekündigt, der jetzt den Fenstergriff austauschen wollte, weil er eh gerade hier in der Gegend war.

Ich sehe ihn etwas verdutzt an, da wir um eine Terminabsprache gebeten hatten und er fragt (um halb neun Uhr) augenzwinkernd und chauvinistisch lächelnd tatsächlich, ob er mich aus dem Bett geklingelt hat.

Augenzwinkernd.

Mein Adrenalin wäre kurz vorm Überschwappen, wäre ich wach genug…

Ich antworte:

[Jetzt hör mir mal zu, Jungchen. Du warst vor zwei Tagen hier und hast gesehen, dass ich vier Kinder habe. Eines davon läuft gerade aus allen Körperöffnungen aus. Seit 16 Stunden. Ich habe nicht geschlafen. Ich habe heute Nacht um 2 Uhr neben einem weinenden Kind vor der Dusche gestanden und gewartet, bis sich ein Magen und ein Darm völlig entleert haben und glaub mir, es passt viel rein in so ein Kind. Ich habe heute Nacht ununterbrochen beruhigende Geräusche von mir gegeben, habe unbequem neben einem Baby gelegen und bin 12 Mal Kotze wegtragen gewesen, habe mehrfach ein Bett und ein Kind neu bezogen und habe dem großen Sohn den Kopf gehalten. Außerdem ist so ziemlich alles in diesem Haus nun mit Kot oder Mageninhalt beschmiert. Ich habe keinen vernünftigen Haushalt. Wir leben auf einer Baustelle. Und du kleiner Muck, der du fast mein Sohn sein könntest, fragst mich, ob ich Hausfrau und Mutti, die sonst nichts zu tun hat, gerade dekadent aus dem Bett gefallen bin?]

– kurze Disziplinierung meinerseits –

„Nein haben Sie nicht, aber Sie können hier jetzt leider nicht herein, Sie würden sich sonst eventuell mit Noroviren infizieren.“

Entsetzen breitet sich in seinem Gesicht aus und er weicht zurück, als hätte ich ihm Pest, Lepra und Cholera an den Hals gewünscht.

„Oh Gott…“, stammelt er bleich.

Dass er kein Kreuz und Knoblauch hochhielt, war eigentlich alles.

[Ich wäre so gerne eine Insel…] [so müde manchmal]

Männer!!!

Der Elektriker und der Mann stehen beide groß und breit vor mir und argumentieren gemeinsam von oben herab für einen kleinen normalen Herdanschluss mit 220 Volt.

„Für 380 Volt müssten wir einen Drehstromzähler setzen. Und beantragen. Man KANN den Herd OHNE Probleme mit 220 Volt betreiben. GAR kein Problem! ÜBERHAUPT nicht.

Der ist dann nur nicht so leistungsfähig, aber WIRKLICH alles SUPER! GAR kein Problem!!!“

Ich sehe entgeistert beide Männer an und sehe mein Steak bei mittlerer Hitze langsam vor sich hinköcheln, weil der Herd schlapp macht, wenn ich alle Platten gleichzeitig anhabe und sage „Nein.“

„Aber das ist wirklich total sicher! Und super! Und überhaupt kein Problem!“

(bei meinem Mann weiß ichs ja, bin mir aber nun auch beim Elektriker sicher, dass er nicht kocht)

„NEIN!“

Die beiden kucken so ein bisschen pikiert (weil es ja nun ECHT so ÜBERHAUPT kein Problem ist bis auf die Leistungsfähigkeit der Platten) und murmeln irgendwas, während ich nach oben gehe.

Meine Güte.

Ich kann mich daran erinnern, dass der Autoverkäufer und der Mann letztes Jahr genau andersherum argumentiert haben, als es darum ging, den neuen Wagen mit 100 PS mehr zu nehmen… Männer!

Zuviel.

Zuviel Gefühl, zu viele Sinneseindrücke, zu viele Gedanken.

Und alles in einer euphorischen Grundstimmung, die mich einige Zentimeter über dem Boden schweben lässt. Der Renovierungsstau des Hauses ist deutlich schlimmer als ich durch die Besuche (mit Möbeln) bislang geschätzt habe. Nachdem ich gestern das Haus einmal fast unmöbliert gesehen habe, türmen sich gedanklich Arbeitslisten und Rechnungen übereinander.

Als wir gestern dort waren, befanden sich ca. 20 Menschen in unserem Haus und Garten und es geschah Zweierlei: einmal wurde ich völlig erschlagen von den Dingen, die dort passierten und war fast so etwas wie pikiert, als eine Gruppe von 6 Menschen mit Spaten bewaffnet riesige Löcher in meinen Garten buddelten, weil sie kreuz und quer Pflanzen, Sträuche und Bäume ausgruben und im zweiten Atemzug wurde mir klar, dass das dort tatsächlich alles eine Familie ist.

Für mich als Einzelkind, das keine größeren Familientreffen kennenlernen durfte, sehr beeindruckend. Alle fünf Kinder waren dort, mit Ehemännern bzw. -frauen und ihren jeweiligen Kindern.

Das Familienoberhaupt hat ihr Elternhaus verkauft.

Und wie sie ameisenstaatgleich hier ein Foto machten, dort einen Stein mitnahmen, Geschichten austauschten und überall im Garten ihre Lieblingspflanzen ausgruben oder Ableger abschnitten – von Pflanzen, die die vor einigen Jahren völlig unerwartet gestorbene Mutter geliebt hatte – überkam mich großes Mitgefühl.

Die Irritation wich, als mir klar wurde, wie viele Leben und Erinnerungen dort geboren wurden. Ich nehme aus dem gestrigen Tag eine Menge Gefühl, Respekt und Ehrfurcht mit.

Und Informationen über eine schier unglaubliche Masse an Gartenplätzen, an denen große Tiere vergraben wurden.

Medaille [zwei Seiten]

Der Mann unterhielt sich heute Morgen mit dem Vorbesitzer des Hauses, der auch aktuell noch dort wohnt.

Und noch 10 Mal schlafen verblasst gegen nie wieder dort schlafen dürfen.

Wie gut ich seine Tränen verstehen kann. Ich gönne ihm diese letzten Tage von ganzem Herzen, kann nur erahnen, wie viel Schmerz gerade in ihm bewegt wird.

Dreistigkeit

Zu helfen, ist eine Sache.

Ohne Zustimmung dazu verpflichtet zu werden, eine andere.

Und definitiv nicht meine.

„Ich habe Sie schon eingetragen. Sie helfen doch, oder?“

– Wir können dieses Jahr leider nicht.

„Aber Sie helfen doch jedes Jahr!“

– Wir können dieses Jahr nicht.

„Aber Sie sind doch immer…“

– Wir ziehen da um. Nein. Wir. können. nicht.

„Vielleicht nachmittags…?“

– ….

Blüte [Christiane]

Mir wurde heute Morgen Hilfe angeboten.

Ganz ohne Not, ohne enge Beziehung, einfach nur aus Nächstenliebe.

Und das ist grandios.

Ich merkte, wie alles gleich ein wenig heller und leichter wurde, einfach, weil da jemand war, der sich um mich Gedanken machte, tatsächlich Zeit aufwandte, um sich zu überlegen, wie er mir helfen könnte, den Umzug etwas weniger stressig zu gestalten, obwohl er selber körperlich eingeschränkt ist.

Was für ein Geschenk.

Toleranz vs. Tellerrand

Habe einen sehr abfälligen Facebook-Eintrag einer Person über einen Fünfjährigen mit Schnuller gesehen.

Es folgten zustimmende Kommentare über Kieferprobleme, Ersatzbefriedigungen, Verantwortungslosigkeit der Mutter, etc.

Die Themenstarterin vertrat die Meinung, dass ab einem bestimmten Alter ein Schnuller nur noch für die Eltern bequem sei.

Ich muss dabei an die Freundin meiner Tochter denken, die nach der Schule im Auto ebenfalls von ihrem Vater ihren Schnuller ausgehändigt bekommt. Ihn in den Mund steckt, ihre Schnuffeldecke umklammert und dann erst einmal entspannt in den Sitz zurücksinkt.

Sie ist jetzt 11 Jahre alt.

Ich weiß, wie geheim sie diesen Schnuller halten muss.

Jeder kann sich die Konsequenzen vorstellen, die es hätte, wenn ihre Freunde oder Freundinnen davon erfahren würden.

Ein bisschen Vertrauen darin, dass die Dinge, die wir sehen, einen Grund haben.

Dass es diese eine Seite gibt, die wir eben nicht sofort sehen können.

Aber das ist wohl zu viel verlangt.

Neugierde

Ein sehr weiblich neugieriger Teil meines Selbst fragt sich ja doch ab und an, womit der Nachbar von unten seine mürrische Freundin jeden Tag mehrfach derartig laut zum Stöhnen bringt.