Baby

Durch die Schwangerschaft, die ich so eng erleben darf, ist die Babysehnsucht wieder sehr stark. Ich habe mich gestern noch durch die Fotos der frischgeborenen kleinen Kinder geklickt und die waren ja mal soooo klein und weich und wunderbar. Ich merke, dass ich die Neugeborenenfotos der großen Tochter mit Widerwillen betrachte. Ich sehe den riesigen blauen Fleck auf der Stirn und die Erinnerung ist so stark. Erinnerung an eine Sache, die ich nicht miterleben durfte. Ich weiß nicht, ob sie runtergefallen ist. Oder ob sie beim Kaiserschnitt verletzt wurde. Oder was sie mit ihr gemacht haben… Ich weiß es nicht und es schmerzt immer noch sehr.

Aber die Fotos, die in der Zeit danach entstanden, besänftigen wieder. Dieser Zauber des ersten Kindes, dieses Wunder, diese Ehrfurcht… Es ist unglaublich. Und so anders das mit jeder Geburt ist, der Zauber ist ein anderer, aber nicht weniger mystisch.

Es ist die dichteste Erfahrung, die man im Leben machen kann.

Geburt.

Gebären, Leben schenken.

Selber neu geboren werden.

Und die Sehnsucht regt sich. Nicht, dass sie jemals weg war. Aber die letzten positiven Schwangerschaftstests waren kein gutes Omen für mich.

Man kann an diese Sache nicht locker rangehen. Das ist Schwachsinn. Sich vorzunehmen, locker zu sein ist … Unsinn. Und diese wunderbare Schwangerschaft “nebenan” ist aber trotzdem so. Und sie gibt mir jeden Tag so ein Stückchen Leichtigkeit. Dieser Zauber ergreift mich.
Und wo nur dunkle Gedanken waren, bahnen sich nun Lichtstrahlen ihren Weg. Ich erkenne, warum das so gut und sinnvoll war, dass der Zeitpunkt nicht gleich war.

Weil ich erst noch Vertrauen fassen darf.
Ein Geschenk der Hoffnung.

Der Peter

Es ist 1998.

„Fickenblasenanalundwaskannichfürdichtun?“
Ich blinzelte. Starrte das Telefon an und legte vor lauter Schreck gleich wieder auf. Sah nochmal in die Zeitungsanzeige und tippte die dort stehende Nummer erneut.

„IchbinJasminundwillvondirgeficktwerdenundwerbistdu?“
Ich schüttelte den Kopf und ließ wieder fast den Hörer fallen. Zum dritten Mal las ich die Telefonnummer in der Anzeige, sprach die einzelnen Zahlen laut vor mich hin und tippte.

„AlleswasduwillstichbinJasminundwaskannichfürdichtun?“
Mein Gehirn verknotete sich so ein bisschen und ich vergaß, aufzulegen.
„Hallo???“

„Oh, äh, Entschuldigung, ich hab mich wohl verwählt.“

„Rufste auf die Anzeige an??“
*umpf*
„Äh. Ja. Aber dort steht, Sie suchen eine Sekretärin.“
„Ah, der Peter ist schon ein Lustiger. Wart, ich reich dich weiter!“
Bevor ich anmerken konnte, dass ich eigentlich gar nicht weitergereicht werden wollte, meldete sich schon eine tiefe Männerstimme.
„Oh?“
„Oh“ ist nun nicht gerade die Art, von der ich erwarte, dass ein potentieller Arbeitgeber sich am Telefon meldet, aber irgendwie kam ich aus der Sache nicht richtig raus.
Ich sagte mein Verslein auf, wie ich heiße, dass ich die Anzeige gelesen hätte und Berufserfahrung als Sekretärin vorweisen könne und mich nun vorstellen wollte.
„Japp.“
„Äh… Japp im Sinne von?“
„Ja, kommste her!“
Ich atmete und sammelte mich. Die letzten beiden Stellen, die ich hatte, waren eine Stelle als Sekretärin, bei der ich im Kostüm und mit Dutt schon fast aufreizend gekleidet war und bei der der Tonfall ein sehr steifer war und eine Stelle als persönlicher Chauffeur eines Geschäftsmannes und gleichzeitig dekorative Begleitung auf geschäftlichen Anlässen. Auch hier ein sehr formeller Umgangston.

Und nun konnte ich mit „Japp, kommste her“ nur schlecht umgehen.
Um welche Arbeit es sich denn genau handeln würde, fragte ich also und bekam die erfrischend ehrliche Antwort: „Ich hab nen Puff und hier ist Chaos. Ich brauch Hilfe.“
Ich war jung und wollte ja unbedingt die Welt kennenlernen…

Und so verabredete ich mich für den Abend mit „dem Peter“ im September in Bremen. Meine Lieblingskneipe.

„Der Peter“ war so sehr Klischee, dass ich ihn erst einmal konsequent ignoriert habe, weil ich dachte, das kann es nicht sein.
Tarnhose, enganliegendes Muskelshirt, Goldketten, dicke Uhr und gegelte Haare. Muskelberge, die darauf schließen ließen, dass auch viel Gehirn mit wegtrainiert wurde.

Atmen schien mit den vielen Muskeln ein echtes Problem zu sein.
Solariumhaut und blitzeweiße Zähne. Ich dachte, ich bin im falschen Film. Der Peter war es dann aber wohl doch und so ging ich hin und stellte mich vor.
Mit Vor- und Nachnamen und nettem Sprüchlein.
„Ich bin der Peter.“
Äh. Ja.
„Peter…?“

„Genau. Der Peter. Einfach nur der Peter.“

Ich setzte mich und legte meine Unterlagen auf den Tisch an die Seite. Der Peter blitzte mich mit seinen weißen Beißerchen an und strahlte.
„Was hastn da mitgebracht?“
„Bewerbungsunterlagen. Lebenslauf, Referenzen.“
„Achduscheiße.“
Oh. Die Reaktion war neu.
„Den Scheiß lassen wir weg. Ich muss dich mögen und dann kannste deine Bewerbungsscheiße dem nächsten Sesselpupser in den Arsch schieben. Und wenn ich dich nicht mag, dann mag ich dich nicht. Dann wird das auch mit der Unterlagenscheiße nix. Sach ich mal so.“

OhGott.

Ich blickte ein wenig fassungslos vor mich hin und fragte mich, wie ich aus der Situation wieder rauskam.

„Ey, Schnecke! Kaffee, aber Hopphopp!“

Ich zuckte zusammen und machte ungefähr so große Augen wie die Kellnerin, die angesprochen war. Das nächste, das ich bemerkte, war, dass ich mit Alkohol gerechnet hatte. Er bestellte aber Kaffee.

Der Peter grinste mich strahlendweiß an und fing an zu erzählen.
Ja, er hätte da so eine Idee gehabt und mit Nutten kann man nun mal viel Geld machen und das wär auch total toll und so und die Mädels sind total lieb und wenn man mal über eine drübersteigen wollte, wär das auch kein Problem, die „sind da nicht so“.
Ich überlegte derweil, wie ich am schnellsten nach Hause käme.
Ich lächelte unverbindlich und sagte, das wäre nicht so ganz das, was ich mir vorgestellt hätte und just in dem Moment klingelte dem Peter sein Handy.

„Jetzt heul doch nicht! Wenn er zu groß ist, ist er zu groß! Haste Gleitgel probiert? Was? Ja. Ja, nee, wenns nicht passt, passt es nicht. Hat er schon bezahlt? Will er nun alles zurück? War er denn schon so ein bisschen drin in der Muschi??“

Ich schloss die Augen und mir war sehr deutlich bewusst, dass die gesamte Kneipe sehr ruhig geworden war. Ich versuchte zu atmen und mich zu beruhigen und gleichzeitig nicht laut loszulachen. Ich wollte ja unbedingt mehr Abenteuer vom Leben. Hatte ich nicht erst vor einigen Wochen, als das Geld vom letzten Job alle war, darum gebeten, mal was Verrücktes machen zu können?

Der Peter war inzwischen sehr rot angelaufen und fuchtelte noch so ein bisschen mit seinen dicken kurzen Armen.
„Ja, was können denn wir dafür, wenn der so einen Pferdeschwanz hat? Geschäft ist Geschäft!“

Ich kicherte. Sehr unprofessionell, sehr kindisch. Aber mir war so.
Der Peter sprang auf und bedeutete mir zu folgen. Ich raffte meine Unterlagen zusammen und lief hinter ihm her. Auf dem Weg am Tresen vorbei steckte er der Kellnerin, die schon böse kuckte, einen Hunderter in den Ausschnitt und sagte: „Puppe, freundlicher!“

Ich lief hinter dem Peter her, bis wir draußen waren. Er beendete sein Telefonat und sah mich ratlos an.

„Ich braucht echt Hilfe, du. Und ich find dich toll.“
Der lebenshungrige Teufel in meinem Kopf übernahm die Führung und ich hörte mich fragen: „Wieviel?“
„200 Kröten am Tag. Grundgehalt. Plus Provision.“

Mir wurden die Knie weich.

„7 Tage die Woche. von 8 Uhr morgens bis 24 Uhr nachts.“
„7 Tage??? 300.“
„250“
„Morgens erst ab 9 Uhr“
„Im Nuttenoutfit“
„Hosenanzug“
„Tief ausgeschnitten!“
„Nein“
„Enganliegend“
„Figurbetont höchstens“
„Heute Abend anfangen.“
„Morgen Mittag.“


„Okay.“

Gewissensfrage

„Du, ich überlege, mit Bloggen aufzuhören“, sagte ich vor einiger Zeit dem Mann.

Und er blickte mich mit diesen tiefen graublauen Augen an und im Grunde muss ich nicht erklären. Er weiß schon.

So viel Positives würde ich zurücklassen. Aber eben auch sehr viel Negatives. Emails, die wie eine Faust in den Magen treffen, anklagen, verurteilen, verleumden.

Forenbeiträge, die mich in Frage stellen. Andere Blogs inklusive Seitenhiebe auf dieses Werk hier. Getuschel, hinter den Rängen, wie man es nur in der Schule erwarten würde.

Aber so viele wundervolle Menschen, von denen ich oft nur den Namen kenne, mit dem sie hier kommentieren. Ich habe mit dem Thema Freundschaft abgeschlossen, ich weiß, dass es anderes auf der Welt für mich gibt. Vielleicht ist da noch ein winziges Fenster mit jemandem, der eigentlich so gar nicht zu mir passt, zu dem ich mich aber nach wie vor so unglaublich stark hingezogen fühle. Er hat mir Post gesendet und ich weiß noch nicht, ob ich auch ihn abblocke, um keinen Fehler zu machen.

Vielleicht ist das die letzte Gelegenheit.

Meine Maske ist eine sehr Massive. Um mich und um meine Umwelt zu schützen. Die Disziplin, die so lange Jahre eine Frage des Überlebens war, umgibt mich wie ein Eispanzer.

Dahinter blickt – manchmal – mein Mann. Er hält aus.

Das Rohe, das Hässliche, die weinende und schreiende Fratze – die 1000 Bruchstücke meiner Seele, in die eine Kinderunschuld einst zerbrochen wurde.

Ich habe die wunderbare Nian kennengelernt, ich habe mit der zauberhaften Cecie telefoniert, ich habe Kim umarmt und mich so ein wenig verliebt und ich habe bei allem gemerkt, dass ich nicht in der Lage bin, abzulegen.

Ich bin, was ich bin.

Um am Leben zu bleiben, um meine Aufgabe zu erfüllen.

Ich habe eine sehr hohe Messlatte für mein Verhalten gegenüber meiner Umwelt, meinen Kindern.

Ich habe überlebt, damals, auf eine sehr absurde Weise.

Ich kenne niemanden, der dem standhalten könnte.

Und so bleibt nur die Einsamkeit.

Ich habe vor Monaten eine andere Person gefunden, die gleich ist. Und ich vermute, dass sie inzwischen tot ist – der Zweifel darüber frisst mich fast auf. Endlich ein Gleicher, endlich jemand, der verstehen könnte, der Fragen beantworten könnte…
Und ich laufe wieder ins Leere.

Allein.

Worte treffen tiefer als ein Schwert es jemals könnte.
Sie brennen sich ein.

Und so ist es vielleicht besser, dieses Gesamtwerk hier zu einem Ende zu bringen, bevor es zu etwas verkommt, das ich nie sein wollte.

Vielleicht hat alles seine Zeit.

Vielleicht beginnt etwas Neues, Besseres.

Jetzt.

2008

Zu meinen Neujahrsvorsätzen gehört auch, wieder regelmäßig Tagebuch zu schreiben. Also tue ich das nun auch.

Was mich momentan sehr mitnimmt, ist die Ich-Bezogenheit der meisten Menschen. Egal, mit welcher der anderen Mütter aus dem Kindergarten unterhalte, ich weiß innerhalb kürzester Zeit alles über private Probleme, Gewichtsprobleme, Ehesorgen, Haushaltssituation, finanziellen Gedanken und Kinderwünsche. Es ist einfach keine Herausforderung. Im Grunde reden alle Menschen am liebsten über sich selber und das ist wohl auch der wunde Punkt, weswegen sie nicht miteinander kommunizieren können. Sie können sich nicht aus ihrem kleinen Universum herausbewegen sondern können nur Themen bedienen, die sich unmittelbar auf ihr eigenes Leben beziehen. Womit eine Kommunikation unmöglich wird.

Wenn ich dabei stehe und nur freundlich kucke, werde ich Zeuge von einer Unmöglichkeit, in der sich zwei Frauen ihr eigenes Leben um die Ohren hauen. Ich habe dasunddas gemacht – und die andere erzählt dasselbe aus ihrem Leben. Höher, schneller weiter – oder im Hausfrauenjargon – billiger, dicker, sorgenreicher – es geht nur um das Selbst. Sie hören sich gerne reden und wenn dann jemand wie ich kommt, der nichts aus dem eigenen Leben preis gibt sondern tatsächlich mal nachfragt (was zuhause und bei „Freundinnen“ de facto nicht vorkommt), dann blühen diese Menschen auf. Und so werde ich unfreiwillig mit allen Facetten dieser Leben konfrontiert. Warum der Mann kein drittes Kind haben möchte, wie viel Unterhalt die Exfrau bekommt, warum die Schwiegereltern an den Eheproblemen Schuld sind oder wie genau sich der Dammriss bei der zweiten Geburt auf den Geschlechtsverkehr auswirkt. Es ist für jeden etwas dabei…

Ich wünsche mir oft, dass ich irgendwo irgendjemanden treffe, der eine Frage stellt.

Aber das ist mir nicht vergönnt. Und so manipuliere ich die Leute weiter, indem ich ihnen das gebe, was sie verlangen, nämlich Aufmerksamkeit für ihr kleines unbedeutendes Leben und die Sorgen darin.

Weihnachten

„Wenn Sie Hunger haben, nehmen Sie halt das Brötchen!“, produzierte sich die Frau vor dem Bettler und hielt ihm lieblos die Tüte hin. Sah gleichzeitig beifallheischend in die Menschenmenge, die als Schlange beim Bäcker vor dem Supermarkt anstand.

„Diese Penner!“, keifte sie noch beim Weggehen, als der Obdachlose stumm die Tüte nahm und auch noch das Gesicht verzog. Diese Anmaßung! Erst betteln gehen und dann auch noch Sonderwünsche haben. Angeblich Hunger haben und dann nicht mal das mitgebrachte Brötchen nehmen. Nur Geld haben wollen – dieser Abschaum der Gesellschaft.

Abschaum darf keine Allergien haben.
Keine Vorlieben.
Kein Nicht-Mögen.
Friss oder stirb, mehr gibt es nicht.
Ich gebe dir Geld und weil ich es mir leisten kann, arrogant zu sein, gebe ich dir noch ein joviales Aber-keinen-Schnaps-kaufen-ja? mit auf den Weg.

Meine Gedanken wanderten einige Jahre zurück, als ich am Weihnachtsabend in der Fußgängerzone neben einem Obdachlosen auf einer Bank saß. Sonst liefen wir gemeinsam ein Stück, aber heute saßen wir. War schon ein wenig her, dass unsere Wege sich das letzte Mal trafen.

„Sie fühlen sich unwohl auf der Bank?“ lächelte ich ihn an, weil er ständig hin und her rutschte.

„Ja .Gewohnheit. Die Leute müssen das Gefühl haben, auf mich hinabblicken zu können. Sonst geben sie nichts. Bänke sind nicht für Menschen wie mich.“

Ich antworte nicht, sondern gab ihm sein Weihnachtsgeschenk. Die Hälfte meines Gehaltes von diesem Monat.

„Ich würd gern was Schlaues sagen.“, flüsterte ich hilflos.

„Dann sag doch, ich soll mit dem Geld was Vernünftiges machen. Nicht saufen gehen.“

„Sind die Nächte sehr kalt im Moment?“

„Ja.“

…

„Du kannst noch sagen, ich soll mir doch ein Obdachlosenheim suchen.“

„Ja. Könnte ich. Schlafen Sie immer noch auf dem Friedhof?“

„Ja. Wenn sie mich nicht erwischen. Letztens musste ich die Nacht auf Station verbringen. Sie haben mich angeschrien, ich solle zur Vernunft kommen.“

Bitterkeit mischte sich in seine Stimme.

Ich erzählte, ich sei schon auf dem Weg zu meinen Großeltern. Weihnachten eben. Irgendwann schlich sich die Wehmut in sein Gesicht.

„Ich muss langsam los. Muss noch Alkohol kaufen für heute Nacht.“

„Würden Sie Ihrer Frau frohe Weihnachten von mir wünschen?“, fragte ich leise.

Er lächelte wieder.

„Ja. Vielleicht können wir nächstes Jahr schon wieder zusammen sein.“

Eine einzelne Träne lief über seine Wange, die er sachte wegwischte. Er blickte sich um, ob wir unbeobachtet waren und sah mir das erste Mal direkt in die Augen. Für einen Moment berührten sich unsere Seelen.

„Diese Erde zwischen uns, wenn wir nachts schlafen… sie ist fast unerträglich…“

Er verschloss sich wieder, stand auf, wandte sich ab und murmelte noch ein leises „Danke“, bevor er verschwand. Ich blickte stumm in die Dunkelheit.

Einige Zeit später betrat ich die helle und warme Wohnung meiner Großeltern. Meine Großmutter hatte rosig glänzende Wangen und strahlte und die laute tiefe Stimme meines Großvaters tönte mir entgegen.

„Kind! Es ist Weihnachten! Komm, lass uns zusammen spielen!“

Ich wurde sofort umfangen von dieser warmen leuchtenden Stimmung und legte den Mantel ab. Als die ersten Akkordeontöne erklangen, fiel mein Blick auf die offene Balkontür und meine Gedanken wanderten zu dem Friedhof, nicht weit und doch ganze Welten von uns entfernt.

Aufgewühlt, schockiert, entsetzt

Ich zittere immer noch vor Wut ob solcher Gleichgültigkeit.

Aber eine Stunde zurück.

Ich hole mit meinem Sohn das Töchterchen vom Kindergarten ab.

Auf dem Rückweg fahren die Autos vor mir plötzlich auf die Gegenfahrbahn, es hupt ganz wild, alle bremsen und scheren aus.

Ich sehe beim Bremsen, dass da ein Hindernis mitten auf der Fahrbahn liegt.

Und realisiere dann, dass es sich um einen Menschen handelt. Eine Frau.

Also, innerhalb eines winzigen Augenblickes entschieden, das Auto vor dieser Frau zu parken und auf Gott zu vertrauen, dass die beiden Kinder hinten im Wagen sicherer sind als die Frau auf der Straße, wenn ich das Auto erst weiter hinten abstelle und zwar meine Kinder in Sicherheit habe, aber die Frau weiter ungeschützt auf der Straße liegt.

Warnblinkanlage an, aus dem Auto gesprungen und fassungslos beim Laufen zu der Frau die weiterfahrenden und hupenden Autos irgendwo ganz hinten im Gehirn registriert.

Ich weiß nicht, was ich erwartet habe, aber als ich den Rollator von der Frau wuchte (mein Gott, wie schwer sind diese Dinger…) um sie mir anzusehen, schlägt sie die Augen auf.

Augen voll mit Tränen.

Plötzlich ist es ganz still, ich höre nichts mehr vom Straßenlärm und es gibt nur noch ihre Augen, die in Meine schauen.

„Es sind so viele vorbeigefahren“, flüstert sie. „Können Sie mir bitte aufhelfen?“

Mir wird klar, dass ich hier mitten auf der Hauptverkehrsstraße kniee, meine Kinder allein im Auto sind und diese Frau unbedingt aufstehen muss. Also hoch mit ihr.

Es gibt leider keinen Straßenrand oder Bordstein auf dieser Seite und auf die andere Seite komme ich nicht, weil die Autos immer noch schnell an uns vorbeifahren und ich keine Chance sehe, heil mit ihr da drüben anzukommen.

Während ich sie halb zu meinem Auto trage, halb stütze und gleichzeitig versuche, herauszufinden, was ihr alles fehlt, murmelt sie unzusammenhängende Sätze vor sich hin.

Sie hätte die Hitze unterschätzt, es war so kalt, sie hätte nicht die Jacke anziehen dürfen, ihre Augen, war da nicht mal ein Bordstein, ein Laster hat nur ganz knapp ihren Kopf verfehlt…

Ich versuchte unterdessen, sie in mein Auto zu setzen während sie versuchte, mich davon zu überzeugen, dass ich sie nur einfach wieder an ihren Rollator stellen und ihr sagen solle, wo der Bürgersteig sei, sie würde kaum noch sehen können, aber wenn ich es ihr sagte, würde sie den Weg nach Hause schon finden.

Einige Minuten später war das Schlimmste überstanden. Das Auto mitsamt allen Insassen stand am Straßenrand im Schatten, das Kindergartenwasser der Großen musste zur ersten Hilfe herhalten (und ich wette, die gute Frau hat das erste Mal aus einer Sigg-Flasche getrunken) und es kam Leben in die alte Dame.

Ich erfuhr, dass sie sich zu dick angezogen hatte, weil es so kalt war. Kurz nachdem ich mich innerlich gewundert hatte, wie sie um 14 Uhr mittags bei 25°C im Schatten darauf kommt, fragte ich sie, wann in aller Welt sie denn losgegangen sei.

Um 8 Uhr heute Morgen – seitdem hat sie nichts gegessen, nichts getrunken und ist nur Schritt für Schritt mit ihrem Rollator Richtung Supermarkt geschlichen, um Lebensmittel zu kaufen.

Sie wird 86 Jahre alt, kann nicht bis auf den Boden kucken, dazu reicht ihre Sehkraft nicht mehr. Sie kann nicht mehr richtig laufen, hat aber kein Geld für den Bus, das sie von den Lebensmitteln abknapsen könne. Sie hat keine Familie und die Nachbarn haben zwar angeboten, ihr zu helfen, aber sie möchte sie nur ungern stören, weil die Frau mit den zwei Kindern genug zu tun hätte.

Als wir bei ihr zuhause ankamen (ich habe auf meinen Kilometerstand gesehen – es waren noch gut 2 km – bergauf) und ich ihre Einkäufe in ihre Wohnung trug und den Rollator auslud, öffnete sie ihr Portemonaie und hielt mir einen 5-Euro-Schein hin.

Den ich abgelehnt habe.

Viermal.

Dann fing sie bitterlich an zu weinen und auf meine Nachfrage sagte sie ganz leise – dass ich mich vorbeugen musste, sie zu verstehen:

„Bitte – nehmen Sie das Geld, es ist die einzige Art und Weise, wie ich Ihnen danken kann. Bitte.“

Ich habe das Geld genommen. Mit einem sehr ambivalenten Gefühl.

Dann umarmt sie mich noch ganz kurz ganz fest und schiebt mich zur Tür hinaus.

„Sie müssen jetzt mit den Kindern nach Hause fahren. Ich würde sagen, Sie sind ein Engel, aber Sie sind nicht blond und tragen viel zu viel Schwarz dafür.“

Nachdenklich kneift sie die Augen zusammen und schielt noch kurz in meine Richtung, bevor sie die Tür schließt.

„Sie müssen bei den Pfadfindern gewesen sein.“

Ein Leben für den Müll

Vor einem Jahr ist er gestorben.

Der Mann von gegenüber, der immer so nett winkte, wenn ich hochschwanger mit riesigem Kugelbauch aus der Haustür kam.

Jetzt scheppert und knallt es auf der anderen Straßenseite und ein Mann einer Entrümplungsfirma hat mich gerade gebeten, mein Auto ein Stück weiter hinten zu parken.

Als ich da unten stand und zusah, wie bergeweise Müllsäcke aus dem Haus getragen werden und die Möbel aus dem Fenster fliegen, fasste ich mir ein Herz und fragte, ob die beiden Söhne noch kommen würden, um sich persönliche Dinge abzuholen.

Nein, lautete die Antwort. Die Familie will die Wohnung nicht mehr betreten und hat angewiesen, dass alles in den Müll kommt.

Ob ich denn vielleicht die rote Weihnachtsbaumspitze haben könnte, die im Wohnzimmer an der Wand hing, fragte ich. Diese Spitze hing das ganze Jahr über dort, nur an Weihnachten habe ich ein paar Tannenzweige um sie herum gesehen, als er Heiligabend dort alleine in seinem Sessel saß. Sie schien wichtig zu sein.

An sich gerne, sagte er. Nur hätte er die leider gleich zu Anfang mit einer Schranktür kaputt gehauen. Scheiß Glassplitter, sagte er noch.

Was bleibt … sind Scherben…

Gefangen im Parkhaus


Ich hab ja schon viel erlebt. Ich steckte in Fahrstühlen, in Garagen, Kellern, Bunkern, etc. fest, weil entweder die Technik versagte oder ich zu dusselig war, den Schlüssel mitzunehmen oder die Tür offen stehen zu lassen… Die Liste ist beliebig verlänger- und erweiterbar.

Was früher Abenteuer war und entscheidend zum Prägen des Charakters beigetragen hat, ist in einem Parkhaus nach einer Stunde Einkauf mit zwei recht ungehaltenen Kindern und ca. 20 Autos hinter einem in der Schlange (wo sonst nie jemand hinter mir steht) ein echter Albtraum.

Ich habe das Parkticket lochen lassen, ich habe es im Parkautomaten stempeln lassen und da saß ich dann und starrte fassungslos und ungläubig auf die Meldung:

Parkticket nicht gültig

Leider änderte auch das 4. Einführen nichts an dieser Meldung (genauso wenig wie das begleitende Hupen des Hintermannes) und die Schranke blieb unbarmherzig zu.
Die meisten wissen, was passiert, wenn man vorne vor einer Schlange steht, in der die Autos alle möglichst eng aneinander stehen und dann den Rückwärtsgang einlegt.

Gar nichts.

Ich musste nun aber leider ca. 3 Meter zurücksetzen, um überhaupt zur Seite fahren zu können.

Der nette Huper hinter mir bekam in seinem neuen tiefergelegten BMW anscheinend Panik, ich wolle ihn als Strafe für sein Hupkonzert jetzt rammen, ließ seinen Motor aufheulen und legte wohl den Rückwärtsgang ein, was wiederum seinen Hintermann zu einem empörten Aufhupen veranlasste.

Um es abzukürzen: Ich bin wieder ins Geschäft gerannt und habe der Informations-Tussi-Angestellten meine Misere geschildert. Die erzählte etwas von Prüfung und dem Bezahlen eines Tagessatzes (bitte, wie? weil der doofe Automat meinen Schein nicht richtig stempeln kann???) und rief erst mal einen Techniker. Es konnte sich also nur noch um Stunden handeln.

Nach eingehender Prüfung stand für den guten Mann fest, dass ich etwas grundlegend falsch gemacht haben muss. (Frauen. Technik. Haha.)
Er verabschiedete sich mit den Worten, dass er da auch nicht weiter wüsste und ließ seine unfähige Kollegin mit dem Problem (mir) allein.

Noch während ich mir anhören musste, dass so etwas eigentlich GAR NICHT möglich sei, wenn man alles richtig machen würde, kam die Mutter eines Tochterfreundes, die ebenfalls dort arbeitet, hinzu.

3 Sekunden später hatte ich einen neuen Parkschein und 2 Minuten später habe ich das Parkhaus verlassen. (Sonnenlicht! Oh du herrlicher Quell des Lebens!)

Was lerne ich daraus?
Automaten sind doof.
Parkhäuser auch.
Frauen verstehen nichts von Technik.
Der Kunde ist immer Schuld.
Beziehungen bringen einen im Leben IMMER weiter.

Diamanthochzeit in Bremen

Nur weil ein Bild nicht verwackelt sondern scharf ist, ist es noch lange nicht schön.

Manchmal habe ich das Gefühl, dass sie, sobald ihr ein scharfes Bild gelungen ist, so froh darüber ist, dass sie nichts anderes mehr sieht.

Sie darf einmal mehr über mich und meinen Körper entscheiden.

Bei der Hochzeitszeitung ist ein dermaßen misslungenes, verwackeltes Bild von mir, auf dem ich aussehe wie zu viel getrunken, jahrelang herumgehurt und nach einem schweren Drogenentzug. Werde ich gefragt, ob dieses Bild von mir verwendet werden darf? Nein, natürlich  nicht, warum denn auch, Hauptsache überhaupt eines der raren Bilder des Mädchens.

Und da wundert man sich, warum ich aus Überzeugung nicht auf ihren Fotos auftauchen will? Ist nicht wahr, oder?

Die Fotos von heute sind ein Dreck. Ich frage mich, wie viele Gedanken man sich gemacht hat, wenn man jemanden ablichtet, der gebückt vor einem steht, um ein Kind von einem Regal wegzuholen. Wie krank muss man sein um das als ein akzeptables (weil überhaupt vorhandenes) Foto in Erwägung zu ziehen???

Der Tag war lang. Und anstrengend. Und schmerzhaft. Ich möchte nach Hause, in mein Bett, in den Arm meines geliebten Mannes.

Und schlafen, schlafen, schlafen.