Leichte Hilfs- und Zuarbeiten, 8 Stunden in der Woche, Trinkgeld, wie klingt das, Mausi?
„Das ist mir jetzt schon wieder zu körperlich. Ich muss ja auch auf meine Gesundheit achten.“
[Ich atme.]
Leichte Hilfs- und Zuarbeiten, 8 Stunden in der Woche, Trinkgeld, wie klingt das, Mausi?
„Das ist mir jetzt schon wieder zu körperlich. Ich muss ja auch auf meine Gesundheit achten.“
[Ich atme.]
„Unterstützt ihr mich denn weiter, wenn ich keine Arbeit finde?“
Natürlich, Spätzchen. Du kannst hier frei Wohnen mit Heizung, Wasser, Internet und Essen.
„Ich meine so … mit Geld?“
Wer Geld will, muss arbeiten gehen.
„Ich HASSE Erwachsensein!“
[Ich fühle das, mein Kind.]
Da ich den ganzen Morgen schon seinen Telefonaten zuhöre, bitte ich mal um eine Extraportion Geduld für die Mitarbeiter.
„Möchten Sie zum Schwerbehindertenausweis ein paar Röntgenbilder sehen? Nein? Wirklich nicht? Sind Sie sicher? Die sind spektakulär!“
Gelegentlich verweigert eines der Kinder den Übergang vom Nestling zum Ästling und mit aller Liebe, zu der ich fähig bin, schubse ich dann eben so fest ich kann.
Ein Tag, der damit beginnt, dass das Kind, das sich mit sozialen Interaktionen schwer tut, vor meinem Bett steht, was ohne Anklopfen per se schon nur im Notfall passieren darf, mich dann aber auch noch eindringlich fragt, ob der Mann arbeitet und das dann auch schon der gesamte Gesprächsinhalt gewesen sein soll, während ich mühsam versuche, meine Aggressionen in den Griff zu bekommen und mich auf meine Rolle als Mutter zu besinnen, kann ja im Grunde nicht sehr gut weiterlaufen.
Und prompt setzt die selbsterfüllende Prophezeiung Migräne als das Mittel ihrer Wahl ein, die mir nur noch ein kleines Fenster Zeit lässt, mich irgendwie zum Medikamentenschrank durchzukämpfen. Auf dem Weg dahin plaudernde große Kinder, die früh wach und grausam motiviert sind, gemeinsam Sport zu treiben. Ich sehe das große Kind erstmals wieder seit Wochen seinem schwarzen Sumpf entsteigen und wenngleich es nicht Aufgabe der kleinen Schwester sein darf, ihn da rauszuholen, ich bin gerade einfach dankbar, dass es sich jetzt so ergeben hat.
Ich kenne die Unsicherheiten und Ängste, die er kultiviert und in einer Familie voller Menschen, die einfach anpacken, was sie sich vornehmen und dann auch erfolgreich sind, ist sein Standpunkt vermutlich der Schwerste.
Und so oft ich mich bemühe, in leichter Sprache zu bleiben, alles runterzubrechen, immer meinen eigenen Anteil zu verstecken – er sieht mich ja mit seinen Geschwistern – erlebt das intellektuelle PingPong, die andere Sprache, die andere Humorebene, die Themen, mit denen er nichts anfangen kann und ich sehe den Frust, nichts verstehen zu können, so sehr er sich auch bemüht. Und in einer Welt, die Menschen wie die Kriegerin und den Butz hofiert, weil sie intellektuell nicht nur der Norm entsprechen, sondern das augenscheinlich wertvollste Gut dieser Gesellschaft – intellektuelle Leistungsfähigkeit – mit der groben Kelle zugeteilt bekommen habe, hat er es doppelt und dreifach schwer. Die Jahre Schule haben ihre Spuren hinterlassen.
Der Wert, den er verzweifelt sucht, liegt schon in ihm.
Und er sieht es noch nicht. Es macht mich hilflos, als Mutter daneben stehen und zusehen zu müssen, wie er gegen die Wände anrennt, die für ihn gar nicht relevant sind.
Es könnte alles so einfach sein.
Schon von Weitem sieht die Kriegerin das Pärchen, das genau auf uns zusteuert.
„Mami. Wenn du jetzt wieder ne halbe Stunde zuhörst, wie die beiden ihre Magenoperationen bedauern, fresse ich vor deren Augen das gesamte Balisto aus unserem Einkaufswagen.“
[Die macht keine Gefangenen.]
Wie kann es sein, dass bei so vielen IQ-Punkten KEINE davon auf Orientierungssinn verteilt wurden?
Sitze hier und hoffe, dass Butz 4 Kilometer Fußweg von hier entfernt seine Klasse findet und in den richtigen Bus steigt.
Baby, wir haben 5 Brücken in der Stadt. Du zählst einfach beim Vorbeilaufen: An der 3. Brücke gehst du über den Fluss, läufst dann am Fluss entlang in die eine Richtung und kurz vor der 4. Brücke ist der Treffpunkt.
„Welche Brücken?“
[Wir wohnen hier seit seiner Geburt.]
Ich bin nicht gut in dieser Abnabelungssache der Kinder.
Momentan ist es schwer, die Dinge einfach durch mich hindurchfließen zu lassen. Aber wer bin ich denn, dass ich Kritik üben würde, zu Zeiten, in denen man sich selber ausprobieren muss, in denen man dringend notwendige Fehler machen muss, weil sie nur zu diesen Zeiten machbar sind? Nur weil ich es besser weiß? Weil ich gegen dieselben Wände angerannt bin? Und was hätte mich aufgehalten?
Nichts, ich weiß das wohl. Auch mit der Erfahrung drei weiterer Lebensjahrzehnte kann ich mich nicht hinstellen und den Finger heben, weil die Beziehung zu ihnen immer wichtiger sein wird als der vermeintliche Schutz, den ich ihnen damit angedeihen lassen wollte. Denn wieviel sind ungemachte Fehler wert? Nichts. Man fühlt den Schmerz nicht und man lernt nicht nachhaltig genug aus den Erfahrungen anderer.
Das Leben kann nicht theoretisch gelebt werden.
Und so stehe ich hier und sehe wissend zu, wie der härteste Lehrer die Bühne betritt. Wenn ich hoffen darf, ihnen auch nur irgendetwas mitgegeben zu haben, dann bete ich, dass es die Sicherheit ist, dass man nichts bereuen sollte, was man jemals nach bestem Wissen und Gewissen entschieden hat. Dass man eher Dinge bereut, die man nicht getan hat. Dass überraschende Chancen die Einladungen des Lebens sind, die man ohne Zögern mitnehmen sollte.
Dass alles seine Zeit hat.
Dass diese Zeit kommen wird.
Und dass am Ende alles gut wird.
Das Dunkle hat zum Geburtstag von ihren besten Freunden eine Trauerkarte bekommen, in der wortwörtlich steht, dass alle sehr froh sind, dass es sich nicht umgebracht hat und keiner jemals „in echt“ eine solche Karte schreiben möchte.
Und ich weiß, es ist wichtiger Teil der Aufarbeitung der letzten Jahre innerhalb ihrer Peergroup, aber da hatte ich einen wirklich dicken Kloß im Hals.
[Und habe mal wieder bemerkt, wie viel Strecke wir inzwischen zurückgelegt haben.]
Kind1: „Meine Lieblingsmama, nicht nur heute, sondern eh für immer, mein Vorbild, liebe dich über alles, alles Liebe zum Muttertag!“
Kind2: „Ohne mich wärst du ja ohnehin nicht glücklich, also eigentlich muss ich gefeiert werden!“
Kind3: „LiebdichWeißteja.“
Kind4: „Was ist heute?“