Tanz mit dem Teufel

Ich schlafe mit Kopfschmerzen ein, ich wache mit ihnen auf.

Die ständigen Wechsel setzen mir zu, ich weiß nicht, wo und wie ich als nächstes wieder in dieses Leben falle und nur Sekundenbruchteile habe, mich zurechtzufinden und weiterzumachen. Angst. Angst, wohin ich sehe, gehe oder fühle. Ich lebe schon so lange mit diesen Wechseln und mit der Herausforderung, die damit einhergeht. Wir waren so lange stabil, so lange ein wirklich funktionierendes System, das einen kompletten Mensch bildete, dass mich die erneute Zersplitterung hart trifft.

Ich bin müde. So müde. Unendlich erschöpft.
Ich. Ausgerechnet ich werde so hintergangen. Der Narzissmus verteilt seine Ohrfeigen.

Das Kopfkino bringt mich um.
Warum tue ich das?
Wofür bestrafe ich mich?
Oder will ich mich zwanghaft erinnern, um nicht in der weichgespülten Harmonie und seinen hochheiligen Besserungs-Versprechen am Ende noch zu vergessen, zu was er fähig ist?
Und wie gnädig wäre das Vergessen, wenn es kein Erwachen mehr gäbe. Aber wie dumm wäre es, daran zu glauben, dass es nicht mehr passierte?
Ich liebe ihn.
Ich hasse ihn.
Ich habe mich entschieden, zu bleiben.
Auszuharren.
Auszuhalten.
Bis irgendwo wieder ein Licht zu sehen ist.

Mein Eheversprechen war tatsächlich Eines und wenngleich ich es mir nie vorstellen konnte, betrachte ich es tatsächlich zum ersten Mal in meinem Leben als meine Aufgabe, mich der Herausforderung der Vergebung zu stellen.

Der Liebe wegen, die er mit Füßen getreten hat.
Ich sehe die Ironie.
Ist es der falsche Weg?
Ich werde es irgendwann erkennen.
Und ich bete, dass ich es dann nicht bereue.

Nemesis

Es geschieht automatisch.

Die zutiefst zynische Abwertung aller Menschen, denen ich begegne.
Das ist in zweierlei Hinsicht fatal.
Ich kann zum Einen meinen Aufgaben nicht mehr gerecht werden und ich werde Tag für Tag in einen Strudel negativer Gedanken gezogen und versinke tiefer und tiefer in diesem sumpfigen Morast aus stinkender misanthroper Weltanschauung.
Ich lebe lange genug mit Depressionen, um das Loch inzwischen zu sehen, wenn ich darin sitze und nicht mehr erst in der Rückschau.
Allein, die Erkenntnis hilft nicht.

Jede Frau Konkurrenz.
Jeden Mann, dem ich begegne, verachte ich.
Frage mich, welche Frau er belügt und betrügt.
Welche verachtenswerten Moralvorstellungen er besitzt und wie vulgär wohl seine Gedanken sein mögen.
Jeder Mann ein Schwein.

Einer Berufung folgend, die vor allem auf Respekt, Achtung und Akzeptanz meines Gegenübers aufbaut, bleibt mir nur, mich zurückzuziehen. Ich sehe die Fragen in den Augen der Menschen, ich spüre ihre Unsicherheit, ihre Wünsche, aber ich kann nicht. Ich kann mit dieser Einstellung nicht bei ihnen sein und den Spagat aus Menschenhass und empathischer Zuhörerin schaffe ich beim besten Willen nicht. Vielleicht zeigt sich auch nur, wer ich wirklich bin.

Vielleicht geht es irgendwann vorbei.
Vielleicht wird es besser.
Vielleicht hört es irgendwann auf, so weh zu tun.

Ich weiß, du hast Angst,
aber ich weiß, was du kannst
und ich will, dass du tanzt – nimm meine Hand!
Ich weiß, du hast Angst,
aber ich weiß, was du kannst
und dass sich so was vertanzt – komm, zieh dich an!
Nimm meine Hand,
zieh dich an,
wir wollen tanzen gehen, Marie…

Dickes Fell, dünne Haut

Mein Körper verändert sich.
Häutet sich, schält sich.

Ich bin eine große Frau und war das immer schon.
Breite Schultern, Muskeln, Kraft, Energie.
Lange Jahre durfte das niemand sehen, ich wollte nicht.
Mir zum Schutz, ihm zur Treue.
Ich wusste immer um meine Wirkung, wenn ich mich öffne.
Ich weiß um meinen Blick, ich weiß um die Macht, die ich besitze, wenn ich ihr erlaube, sich zu entfalten.
Die Neugierde, das Interesse, die Erregung und die Obsession der Männer an mir begleiten mich, seit ich ein Kind bin.
Früh habe ich gelernt, mit dem Feuer zu spielen. Brandwunden gehörten dazu. Immer.

Inzwischen besitze ich mehr Kontrolle über diese ungezähmte Wildheit, die mir früher reichhaltige Erfahrungen und Verletzungen bescherte, derer ich keine einzige missen möchte. Kann sie bedecken, verstecken, im Zaum halten, aber nicht leugnen. Und so spüren die Männer sie instinktiv, wenn ich mir erlaube, sie anzusehen. Nicht flüchtig, nicht beiläufig, sondern so, dass ich sie wahrhaftig sehen kann.

Ich erkenne den Moment, in dem sie innerlich zusammenzucken.
Und ich spüre, wie es ihnen in die Lenden schießt, etwas, das sie weder benennen können noch begreifen – nur fühlen.
Gestern hat er das bei einem anderen Mann das erste Mal ebenfalls gesehen, der dunkle Engel.
Und er hat seinen Besitzanspruch geltend gemacht, laut und unmissverständlich.
Der andere Mann blickte mich wissend an, lächelnd, leise.
Er hat mir gefallen, sonst hätte ich ihn nicht sehen lassen.

Unmerklich nickte er dem dunklen Engel zu und verlagerte das Gespräch und unser beider Kommunikation wieder auf eine höhere Ebene.

Sekundenbruchteile.

Zeitalter.

Immer nur einen Schritt.

Loslassen, was ich nicht halten kann.

Freigeben, was ich nicht einsperren will.

Aufgeben, was ich nicht bekommen werde.

Ich werde lernen, mit dem Schmerz zu leben.

Mit der Aufgabe des Anspruchs, der immer so absolut wie falsch war.

Ich kann von niemandem verlangen, meine Moral- und Wertvorstellungen zu leben.

Es gibt niemand anderen wie mich.

Ich kann mich alleine glücklich machen.

Ich kann mich beruhigen.

Ich kann das überleben.

Irgendwie.

Warum weinst du, Mama?

Nur der kalte Wind, der in den Augen beißt.
Mir tun nur die Arme heute sehr weh, wird aber schon besser.
Ich habe nur eine Wimper im Auge.
Ich bin nur ein bisschen traurig.
Ich weine doch gar nicht.

Was werden sie wohl aus dieser Zeit mitnehmen?
In 10 Tagen ein viertel Jahr bald.
Eine Mutter, die sich grundlegend verändert hat, in einem Moment pragmatisch und funktional, im anderen Moment gelähmt und depressiv. Und immer diese Tränen.

Sehne mich jeden Morgen nach der Rückfahrt ohne Kinder, wenn ich die Tränen endlich laufen lassen kann. Merke, dass ich sie kaum zurückdrängen kann, wenn ich zu lange nicht geweint habe, weil sich dieser Schmerz immer tiefer in meine Seele frisst.

Die Kinder drängen auf Alltag, mein Umfeld auf eine normal funktionierende Person, der gefallene Engel auf eine Entscheidung.
Immerfort, immer wieder, unbarmherzig treiben sie mich durch den Sand der Zeit, in dem ich weder sehen noch fühlen kann.

Wie soll ich da funktionieren, wie soll ich sehen, wie soll ich mich entscheiden … bei einer Sichtweite, die gen Null tendiert?
Sie alle wollen etwas.
Und sie formulieren es.
Verbal.
Nonverbal.
Aber immer wollen sie mich vorwärts treiben – ausgerechnet mich, die ich keine Zeit und keine Normalität und keine Richtung mehr fühlen kann.
Ich kann es ihnen nur unzureichend geben.

Manches.
Einiges gar nicht.

Dabei wünsche ich mir einfach nur jemanden, der stumm neben mir ausharren kann und will.
Der mitträgt und sich dem Sturm nicht beugt.
Der mich weder herauszerren noch schützen will.
Der einfach nur ausharrt.

Geplatze Träume. Immer wieder. Jeden Tag.

Warum weinst du?

So wie du warst

Ich komme aus einer Welt, in der es keine Gnade gibt.
Kein Grau.
Kein Verzeihen.
Kein Verständnis.
Meine Welt drehte sich um das Schwarz und das Weiß. Um Rache. Vergeltung.
Und nun soll es ausgerechnet ich sein, die dazu ausersehen wurde, diese Dinge mit sich zu tragen?
Ohne Möglichkeit, das Schwarz über das Grau zu decken, noch es mit dem gnädigen Weiß einer verklärten Erinnerung zu bestatten?

Ich? Ausgerechnet ich?

Wo ich kaum atmen kann vor Schmerz, kaum denken vor Verzweiflung… ich? Ich sehe es an, dieses so viel ältere und reifere Ich des Jungen, den ich damals geheiratet habe und jeden Tag stockt mir aufs Neue der Atem ob seiner Attraktivität, Intelligenz und Erfahrung.

Und es wäre leicht, sich in genau diesen Mann zu verlieben.
Zu vergessen, zu verdrängen, zu verleugnen.
Nur das Heute zu sehen.
Und erneut das Unmögliche zu hoffen.
Aber würde ihm das gerecht werden?
Wieviel Unrecht tue diesmal ich uns beiden?
Er ist nicht nur sein Weiß. Er ist auch sein Schwarz und er hat ebenso ein Recht darauf wie ich.
Letztendlich bleibt das mir so verhasste Grau, das ich nie sein noch akzeptieren wollte.
Er. Ich. Wir.

So wie du warst, bleibst du hier
so wie du warst, bist du immer bei mir
so wie du warst, erzählt die Zeit so wie du warst
bleibt so viel von dir hier…

Oktoberkinder

Wer im Oktober Geburtstag hat, ist auf jede nur denkbare Art und Weise gesegnet.

Es ist der schönste, farbenprächtigste, außergewöhnlichste, wechselhafteste Monat des ganzen Jahreskreises.

In keinem anderen Monat liegen Anfang und Ende, Saat und Ernte, Leuchten und Verblassen, Licht und Dunkelheit so nah beieinander.

Ein Tag mit 25 Stunden. Nur für mich. Gesegnet.

Bewegung

Stillstand ist Rückschritt hämmert es in meinem Kopf, doch ich kann mich nicht bewegen. Keinen Millimeter. Weder nach vorne oder nach hinten noch zur Seite. Ich kann einfach nicht. Gelähmt.

Lauf zischt es unbarmherzig, doch ich kann nicht.
Der Schmerz ist nur still, nur teilnahmslos, nur atmend und verharrend zu ertragen. So wie die Wehen damals. In einer anderen Welt zu einer anderen Zeit. Wo sich das Universum nur noch auf den nächsten Atemzug konzentriert, weil man sonst verrückt werden würde, den Schmerz nicht aushalten könnte und ob der Ungewissheit der Dauer schier verzweifeln würde, würde man an mehr als nur ans Ein- und Ausatmen denken.

Ich kann nicht mehr. Ich will nicht mehr.

Lähmend

Will nur Ablenkung. Betäubung.
Die Zeit rumbekommen, bis ich wieder schlafen kann.
Tief und traumlos.
Dafür muss ich müde sein. Übermüdet, völlig am Ende.
Sonst kommen die Träume wieder.
Morgens kaum aus dem Bett kommen und die sinnlose Leere in meinem Leben erneut mit Ablenkung ertragen.
Das Minimum an Pflicht erfüllen.
Und dann warten.
Bis der Tag gnädigerweise zuende geht und die Nacht kommt.
Und das Vergessen.
Nur kurz. Nur ein paar Stunden.
Immer wieder.

So sinnlos.