Gedankenkreise

Ich bin der Geist, der stets verneint! Und das mit Recht;…

Wieviele Jahre ist es her, dass er meine Lust an Leben und Wissen weckte? Und wieviele schier endlose Diskussionen über Sinn und Unsinn von Literatur später habe ich das erste Mal gemerkt, dass er bereit war, seine Frau und seine drei Söhne für ein paar aufregende Stunden mit mir zu verraten? Ich erinnere mich an jenen Abend, als wir aus dem Restaurant kamen – keine 4 Straßen von seinem Zuhause entfernt – und er mir wie immer den Vortritt ließ und sein Blick dabei auf die neue Tätowierung in meinem Nacken fiel.

Ich fühlte sein Aufstöhnen mehr als dass ich es hörte und schon damals war es ein zutiefst weibliches Wissen darum, was mir möglich sein würde.

Was und wen er verraten würde, wenn ich ihn nur dazu einladen würde.

Das Wissen um meine Macht erfüllte mich tief und vollkommen. Ich war es. Ich konnte das tun. Es lag in meiner Macht, dass dieser Mann alles aufs Spiel setzen würde. Seinen Ruf, seine Stelle, seine internationale Reputation, seine Ehe, seine Familie. Für eine 18jährige, der das Wort Liebe so fremd war wie ihm der Nervenkitzel im Laufe von 50 Jahren geworden war.

All die Jahre hat dies maßgeblich mein Männerbild geprägt.

Aufgewachsen mit einem Vater, der nie ein Mann von Ehre und zunächst einmal sich selbst und seinem Sadismus verpflichtet war und begleitet von Männern, die so schwach waren, dass ich nur mit Verachtung auf sie hinabsehen konnte. Männer, die bei jeder sich bietenden Gelegenheit ihre Frauen verleugneten, sich ihrer schämten und so gekonnt logen wie flirteten.

Selbst der strahlende Held meiner Kindheit lebte ein Leben, zu dem er sich aus freiwilliger Verpflichtung an eine Frau, die nur ein flüchtiges Abenteuer für ihn bleiben sollte und an ein Kind, das in der jugendlichen Unbedachtsamkeit einer feurigen Nacht entstanden ist, selbst verdammt hatte. Es gab andere Frauen für ihn, daran ließ er kaum einen Zweifel. Begehrenswertere. Schönere. Liebenswertere. Angemessenere. Und doch hat er über 60 Jahre lang seine Pflicht getan. Bis zu seinem Tod. Nein, er war mir in diesem einen Punkt kein guter Lehrer. Ein Mann sollte nicht nur ein Versorger sein. Es beschneidet seine Männlichkeit ebenso wie Angst und mangelndes Rückgrat.

Die Macht der Frauen und die Schwäche der Männer waren so allgegenwärtig, dass ich nie daran zweifelte. Nicht sehen könnend. Wenn ich nicht wollte, könntest du nichts dagegen tun… flüstert er mir heiser ins Ohr und die eiskalte Hand, die Herz und Magen seit 9 Wochen unbarmherzig umklammert hält, erhöht einmal mehr den Druck in meiner Mitte.

Antworten, die man nicht versteht, wenn man die Fragen stellen muss…

Ich kreise um mich selber, verändere mich, grüble, zweifle, frage… Und nun soll es nicht in meiner Macht liegen noch gelegen haben, den Einen halten zu können? So viel Angst.

Hilflos. Machtlos. Ohnmächtig.
Wer die Verantwortung übernimmt, hat die Macht.
Wissen ist Macht.
Wer fragt, der führt.
Wie Peitschenhiebe knallen meine Dogmen auf das geschundene Herz.

Und nun soll ich loslassen, was mich stets am Leben gehalten hat?

Trugbild

Es gibt sie nicht, ich weiß das. Es gibt keine Sicherheit. Keine Wahrheit.
Nichts Absolutes kann auf dieser Welt Bestand haben.
Nicht einmal die Liebe.
Aber es gibt die trügerische Illusion einer Sicherheit, die den meisten Menschen reicht, um sich wohlig seufzend in etwas sinken zu lassen, das den Naturgesetzen nach gar nicht existent sein kann.

Auch ich lag in dieser sehr bequemen Hängematte und würde mich nur zu gerne wieder dorthinbegeben, wenn da nicht der tiefe Schnitt in meinem Fleisch wäre, der schwärend schwarz und blutrot – stinkend vor Misstrauen und Schmerz – vor sich hinfaulen würde.
Ich bin nicht allein in meinem Leben. Vier weitere Leben hängen an meiner Verfassung, meinem Leben, meiner Wahl. Und das noch weitere 8-15 Jahre.

Ich habe auf Basis einer mir leichtgläubig zurechtgezimmerten Illusion von Sicherheit Entscheidungen getroffen und Verantwortung übernommen, die ich heute im Leben nicht mehr so annehmen würde.

Allein, was bringt mir diese Erkenntnis?

Gebranntes Kind.

Abgesagt

Ich habe keinen Hunger. Ich quäle mir Löffel für Löffel meiner Tagesportion Nahrung in den Mund und bin froh, als ich um 8 Uhr morgens damit fertig bin, alle notwendigen Nährstoffe zu mir genommen zu haben. Nun nur noch 2 Liter Wasser über den Tag verteilen und dann habe ich den nächsten Tag geschafft.

Ich weiß, ich muss essen. Darum tue ich es. Aber ich habe weder Hunger noch Appetit. 35kg sind es jetzt. Die Gelenkschmerzen sind verschwunden, die Nervenschmerzen auch. Dafür schreit das Herz, blutig, zerschunden. Die Panikattacken begleiten mich durch den Tag und ich versuche lange Strecken einfach nur zu atmen. Mich nicht mitreißen zu lassen in den dunklen Strudel der Verderbnis, den meine Depressionen nur zu willig bereitstellen.

Komm zu uns in die Schatten, hier bist du sicher, wispern sie und ich weiß um ihre Verlockung und ihren Schutz. Ich habe getan, was mir vor Wochen noch undenkbar erschienen wäre: Ich habe die beiden Termine für heute morgen abgesagt. Ich kann nicht. Egal, was sie über mich denken. Egal, was sie reden, egal, wie das aussieht. Nicht einmal mehr die Maske, die so makellos ist, passt mir mehr. Wozu die Lüge eines perfekten Lebens aufrechterhalten?

Es bleibt nichts mehr. Nur Angst.

Dieser Moment

Als ich gestern in der Kirche neben ihm stand, den Schein wahren, vor meinem Gott und unserer Gemeinde und mich diese Sehnsucht schier überwältigte, als ich seinen tiefen Bass hörte; wie er mitsang, in dieser Stimmlage, in der er sonst nur meinen Namen stöhnt.

Alles hätte ich gegeben, in diesem Glück, in der Illusion dieses perfekten Momentes sterben zu dürfen.

Ballast abwerfen

Lauf.

Der Gürtel wird inzwischen vier Löcher weiter zugezogen, die Jeans trägt sich unangenehm, bald zu weit, bald zu viel Stoff, ein paar Kilo noch, bis sie mir endgültig von den Hüften rutschen wird, auch mit Gürtel.

Und die Haare sind ab. 70 Zentimeter dunkle Locken. Abrasiert. Kahlgeschoren. Endlich ich.

Ich bin alt genug und habe genug mitgemacht, endlich mein wahres Ich zeigen zu dürfen. Neue Narrenfreiheit. Was soll mir noch passieren?

Ich muss nicht geliebt werden. Ich habe die Liebe meines Lebens verloren und habe nur noch mich. Mich und diese Angst.

Mir kann nichts mehr passieren.

Lauf.

Ende

„Wenn du wirklich solche Schmerzen hättest, dann würdest du deinen Alltag ja nicht so bewältigen können, wie du das tust.“

Stiche ins Herz, wenn solche Worte von einem vermeintlichen Gefährten kommen. Seelenwund. Lange Wochen, lange Monate. Immer halte ich den Mund, wenn es um diese Schmerzen geht, jene, die ich schon so lange trage und die mich so weit an den Rand meines Lebenswillens bringen. Ich ertrage stoisch jeden groß gefeierten Schmerz der einzelnen Familienmitglieder, wenn sie eine Wunde, ein verstauchtes Gelenk, einen schlimmen Schnupfen, ein was auch immer haben und ich tröste, Zuspruch gebe, halte, aushalte, ausharre, während jede Bewegung schmerzt. Jeder Gedanke am Tod klebt, weil das Leben so unlebenswert geworden ist.

Für mich bleibt keine Zeit. Keine Aufmerksamkeit. Ich halte zusammen, ich organisiere, ich leite und ich führe, ich muss stehenbleiben. „Du darfst dich auch mal fallen lassen“, spottet es in mein Ohr und ich spüre den Hass aufsteigen.

„Fallen lassen“, damit ist gemeint, dass ich am Wochenende mal ein Mittagsschläfchen machen kann.

Also schweige ich und bleibe stumm.

Schmerzhaft stumm. 5 Jahre Dauerschmerz. Bewegungseinschränkung. Stechende schreiende Schmerzen bei jedem Handgriff. Kreischende Gelenke, kaputte Muskeln, Nervenkrämpfe. Nur ein Arm, denke ich und mache weiter. Nur ein Scheißarm. Nicht einmal mein Hauptarm. Ich bin bei einer Mutter mit nur einem Arm aufgewachsen und nun stelle ich mich so an?

Möchte mich fallen lassen. Richtig. Kompromisslos.

„Wenn die Schmerzen wirklich SO stark wären…“

Es hämmert in meinem Kopf. Stell dich nicht an. Andere haben es schlimmer als du. STELL dich nicht so an.

Ich geh dann mal mein Leben aufräumen.

Katharsis

Ich bin die Falsche, denke ich unablässig, als mein Name vor Gericht als zuverlässige beständige Betreuungsperson für dieses Kind genannt wird.

Ich kann das nicht.
Zu viel Druck, zu viel Verantwortung, zu viel Verpflichtung.
Wer A sagt, muss auch B sagen.
Ich will das nicht.
Du hast gesagt, dass du da bist, hämmert es in meinem Schädel.

Alles verschwimmt zu einer verworrenen Suppe aus Schuldgefühl, Verantwortungsgefühl und Annahme einer Lebensaufgabe.
So hatte ich es mir nicht vorgestellt.

Aber das Leben hat wohl erst mal andere Pläne. Scheiße.

Nur ich.

Ich will nicht über Depressionen schreiben.
Nicht über Missbrauch.
Nicht über Folter.
Nicht über Traumata.
Über Flashbacks.
Nicht über Kinder.
Beziehung.
Zweifel.
Nicht über Hass.
Nicht über Leid.
Über Frust.
Über Wut.
Über Verzweiflung.
Oder Hoffnungslosigkeit.Aber wie könnte ich diese Dinge ausklammern, wollte ich über mich selber schreiben?

So sehnsüchtig zur Zeit wieder nach einem normalen Leben.
Nach normalen Maßstäben.
Nach Norm.
Nach Führung.
Ich will anerkannt werden.
Gesehen.
Gehört.

Ich will hinausschreien, was in mir gärt, immer und ewig.
Wovon ich nicht wegkomme, weil die Saat des Hasses so gründlich und grundlegend und allgegenwärtig in mir keimt.

Prägung.
Programm.
Trauma.
Das bin nicht ich, flüstert es.
Ich muss es nicht wiederholen, nicht aussprechen, nicht benennen, denn das bin nicht ich.

Und doch bin ich es.
Es ist ein Teil von mir.
Ungeliebt, ungewollt, unbenannt.
Ewiger unstillbarer Hunger nach Leid und Hass.

Meine Nemesis.

Besuch

Wir bekommen heute Besuch von einem Kind, das nicht rennen, springen, hüpfen, toben, sich anstrengen, normale Nahrung essen, krabbeln oder sich körperlich zu intensiv mit irgendwas beschäftigen darf.

Ich habe mehrere Stunden medizinische Details mit der Mutter abgeklärt, habe Anweisungen bekommen, die an einen mehrtägigen Lehrgang erinnern und fühle mich irgendwie immer noch komisch.

Nicht, weil ich mir das nicht zutraue, sondern weil es so gar nicht unsere Welt ist. Meine Kinder können zwar je nach Vorliebe auch stundenlang lesen,  am Tisch sitzen und basteln oder Spiele spielen, aber ich muss sie auch nicht daran hindern, wenn sie mal toben wollen. Ein quirliges vierjähriges Kind präventiv ruhig zu halten, damit sich eine Krankheit nicht verschlimmert, finde ich so unnormal wie es mir nur vorkommen kann.

Eine gewisse Grundunruhe verschwand heute Morgen, als mir eben dieses Kind im Kindergarten erklärte, dass heute wohl der allerschönste Tag sei, weil es uns besuchen dürfte.

Wird schon.

Besitz

Wieviel geringer muss die Liebe sein, die wir unserem Partner entgegenbringen gemessen an der, mit der wir unsere Kinder lieben? Darf man Liebe aneinander messen? Ist Liebe mit Anspruch noch Liebe? Wir würden nie auf die Idee kommen, von unseren Kindern zu verlangen, dass sie nur uns lieben dürfen. Wir erfreuen uns an jedem neuen Menschen, der für sie wichtig und von Belang ist und von dem sie ebenfalls geliebt und geschätzt werden und breiten die Arme aus, weil wir doch wissen, dass Liebe mehr wird, wenn man sie teilt.

Wir würden sie nicht einsperren, ihnen keine Blicke verbieten, sie nicht bei uns behalten wollen, wenn sie bereit sind zu gehen. Im Gegenteil.

Wenn sie bereit sind, dann lassen wir sie los zum Fliegen und nicken weise in dem Wissen, dass sie uns verlassen müssen, um zu wachsen. Unsere Arme bleiben offen, immer in dem Versprechen, dass sie jederzeit zurückkehren können in die absolute Sicherheit, wenn sie das brauchen. Auch nur kurz, auch länger … auch gar nicht mehr. Liebe eben.

Und nicht einmal einen Bruchteil dessen gewähren wir unserem Partner.