Betrachtungsweisen

Es war einmal ein Mann, der mir immer sagte, ich sei zu schwer, um hochgehoben zu werden. Bis ein Mann kam, der mich einfach hochhob, spöttisch auf meinen Exmann sah und ihm mitteilte, dass es weniger um Gewicht als vielmehr um Kraft ginge.

Das saß und ich habe die Lektion nie vergessen.
Vieles heilte an diesem einen Tag, an dem mich einfach ein Mann hochhob. Viele Jahre Demütigungen durch Eltern und Exmann.

Ich musste an diesen Tag denken, als am Montag der beste Freund des Kobolds zu Besuch war. Er ist etwas kleiner als der Kobold und wiegt mehr als doppelt so viel. Der Kobold ist deutlich untergewichtig, der Freund deutlich übergewichtig.
Die beiden thematisieren das durchaus, allerdings positiv.
Der Kobold bewundert die Masse des Freundes, mit der so viel so schnell bewegt (und zerstört) werden kann und sein Freund die Wendigkeit und Flinkheit des Kobolds.

Am Montag schnappte ich mir beim Spiel draußen mit den Jungs den Kobold und warf ihn in die Luft, wir lachten und kasperten herum und plötzlich wurde der Freund ernst.

„Schade, dass ich zu dick dafür bin.“

Ich erstarrte innerlich.

Ich lächelte ihn aufmunternd an. „Wer sagt denn so etwas?“

„Meine Mama. Und mein Papa. Und die anderen halt. Ich bin einfach viel zu dick und schwer, um hochgehoben zu werden.“

Ich ließ den Kobold langsam sinken, grinste breit und ging auf ihn zu. Er sah mich ein wenig ängstlich an, zog die Augenbrauen hoch und nestelte nervös an seiner Brille. Ich sammelte all meine Kraft und fokussierte mich darauf, dass ich früher auch die Zentner-Säcke Zement ohne Probleme meinem Opa zugeworfen habe.

Es kam drauf an und es war wichtig. Schmerz in den Armen hin oder her. Ich schnappte ihn und hob ihn hoch in die Luft. Ich hörte seine Stimme von damals, die liebevoll in mein Ohr flüsterte: Es geht nicht um dein Gewicht. Für mich bist du nicht zu schwer. Siehst du?

Ich knickte die Arme ein, warf ihn hoch und wurde mit dem schönsten Geräusch belohnt, das ein Siebenjähriger lachen kann. „Wer ist hier zu schwer, hm?“, lachte ich aus vollem Herzen und fing an, mich mit ihm zu drehen. Er schmiegte sich einen Moment an mich und fragte zaghaft: „Kannst du das vielleicht noch ein einziges Mal machen?“

Ich warf ihn noch dreimal hoch und setzte ihn dann wieder neben dem Kobold ab. Er grinste wie ein Honigkuchenpferd.

Der Kobold sah ihn nachdenklich an. „Vielleicht sind deine Mama und dein Papa einfach nicht stark genug. Das ist doch okay. Nur sie DENKEN dann, du bist zu schwer, weißt du?“

Er nickte ernst.

„Ja. So habe ich das noch gar nicht gesehen. Da hast du Recht.“

Ich ließ die beiden draußen alleine und ging wieder ins Haus.

Nicht, ohne ein sehr demütiges „Danke.“ für diese Gelegenheit gen Himmel zu schicken.

Wortlos. Ratlos. [Stumm]

Was ist das Beste für zwei Kinder, deren Mutter stirbt?

Wie kann man das entscheiden?
Wer kann das entscheiden?
Die Mutter?
Der Richter?
Wir?
Andere?
Das Jugendamt?
Psychologen?

Die Nerven sind dünn.
Neuigkeiten, die keine sind.
Nachrichten, die man nicht hören will.

Kinder brauchen jemanden – eine oder zwei Menschen, die unerschütterlich daran glauben, dass sie genau so richtig sind, wie sie nun mal sind. Sie von Herzen lieben. An sie glauben. Ihnen vertrauen.
Wenn dieser eine Mensch, der das geleistet hat, nun stirbt… was dann?
Das kann nicht meine Aufgabe sein. Verdammt. Das kann doch nicht meine Aufgabe sein. Nicht diese.

Keine Worte, keine Tränen. Stumme Verzweiflung.

Gedankenschwere

Es ist schwer, der Melancholie zu entkommen.
Wie geht man mit jemandem um, der sterben muss und es weiß?
Was sagt man zu den Kindern?
Sagen wir irgendwann „Herzlich Willkommen“, wo kein „herzlich“ und kein „willkommen“ war?

Wie sehr kann man den Tod hassen?

Ich wünsche einem Menschen aus völlig eigennützigen Motiven, dass er so lange wie nur irgendwie möglich lebt.

Nein, ich kann im Moment nicht gut in den Spiegel sehen.

Mit der Tür ins Haus.

Mail geschrieben.
An diese eine Frau, die verstehen würde.
Gelöscht.
IchIchIch, steht in dieser Mail.
Ich will das nicht, ich kann das nicht, ich will das nicht, ich kann das nicht.
Beim Schreiben wurde mir klar, dass genau das mein Problem ist.
Das Leben hat eine Richtung eingeschlagen, in die ich im Leben nicht freiwillig gehen würde.
Was zur Hölle hat sich das Leben dabei gedacht?
WAS ZUR HÖLLE?????

Ich (schon wieder ich) will das nicht.

Lange Strecken

Die Gedanken kreisen.
Alles wirkt so absurd, alles so unwirklich.
Die Pizza im Ofen so sehr ein Sinnbild für Normalität, hier in unserer kleinen, geschlossenen Familie.

Wie mag es dort aussehen? So wie hier?
Alles normal, während im Kopf Welten zusammenbrechen?
Wie lange noch?
Wie lange haben wir Zeit, die Kinder auf den schlimmsten Fall vorzubereiten?
Wie lange sitzen wir noch zu sechst am Tisch?

Ein Jahr?
Zwei Jahre?
Drei Jahre?

Die Zeit spielt für und gegen uns.

Krebs

Vermutlich ist es egal, ob es Freitag der 13. ist, wenn man so eine Diagnose erhält. Es ist vermutlich auch jeden anderen Tag einfach nur beschissen.

Mich stört die Beiläufigkeit, mit der der Schwiegervater es erzählt. Darf er uns das überhaupt sagen? Ich kann es mir nicht vorstellen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie wollen würde, dass wir etwas so Intimes wissen.

Aber nun liegt es hier auf dem Tisch und wir starren es entsetzt an.

7 Leben

Heute vor 11 Jahren lag ich schon zwei Tage in den Wehen im Krankenhaus. Und es sollten noch mehr als 24 Stunden vergehen, bis die Ärzte einen Kaiserschnitt anordneten, um das Leben meiner Tochter zu retten.

Während der Operation verlor ich das Bewusstsein, nachdem man sie mir kurz zeigte und ich ihre drei Namen nannte. 

Ich starb Sekunden später.
Für wenig im Leben bin ich so dankbar wie für diese Reanimation.

Was hätte ich in diesen 11 Jahren verpasst…

Danke.

Gratwanderungen

Wenn man genau weiß, dass man ausgenutzt wird und sich mit diesem Umstand arrangiert, weil es unterm Strich das Richtige ist, das man tut, wird man dann noch ausgenutzt? Ich habe in den vergangenen zwei Wochen vieles gelernt und empfunden.

Dankbarkeit, vor allem.
Für mein Leben.
Meinen Mann.
Meine Kinder.
Unser Miteinander, das so frei von Gedankengift ist.
Ich habe einen Teil meines Herzens verloren.

An den kleinen Jungen, der knapp drei Jahre alt ist und am ersten Tag sein Schnuffelkissen nahm und dachte, wir würden alle auf dem Sofa schlafen. Weil in diesem Raum der Fernseher steht und er noch nie ohne fernsehen eingeschlafen ist. Der dann abends mit dem Maine Coon Kater meiner Tochter, der genauso groß ist wie er, gemeinsam auf einer Matratze lag – Kuschelkissen und Flasche in der Hand – und zu den Klängen der Stimme meines Mannes, der eine Geschichte vorlas, langsam eingeschlafen ist.

Der jeden Morgen beim Wecken die Augen einfach aufschlug, in einer komplett fremden Umgebung aufwachte und mich anlächelte. Einfach so. Der beim Abholen aus dem Kindergarten vor Freude laut juchzte und sich in meine Arme warf, als wäre das alles einfach immer schon so gewesen.

Und ich habe einmal mehr erfahren, dass die Gier und die Missgunst und die Niederträchtigkeit und die Unverschämtheit der Menschen unendlich ist.

Bleibt die Frage, welche dieser Erfahrungen ich in meinen Rucksack stecke und auf meinem weiteren Weg mitnehmen werde.

Scheidewege.

Grenzgänge [Gedankenschwere]

Wir stehen für uns auf dem Prüfstand.

Bereitschaftspflege heißt die Bezeichnung für das, was man kaum in Worte fassen kann, wenn es um das Wohl eines Kindes geht, das plötzlich aus seiner Familie herausgerissen werden muss. Schwer traumatisiert, unter Masken verborgen, alle Überlebensinstinkte vom Adrenalin so hochgepeitscht, dass die alten Wunden durch den schwersten Eingriff in eine Kinderseele – die gewaltsame Trennung von der Bezugsperson – erst einmal verschüttet werden. Und dann steht man da, nachts um halb 3, und holt ein kleines Kind von einer Polizeiwache, das eigentlich zuhause in einem kuscheligen Bett selig im Land der Träume schlummern sollte. Da ist kein Platz für Selbstzweifel, kein Raum für zu viel Nähe und erst Recht keine Zeit für Distanz, weil da ein kleiner Mensch um seine Seele kämpft.

Warten. Sehen. Annehmen.
Die eigene Hilflosigkeit, in erster Linie.
Aushalten, was kaum auszuhalten ist.
Hinsehen, wo man am liebsten die Augen schließen möchte.

Warten, wo man handeln will.

Nein, ich weiß nicht, ob ich das halten kann.