Und dann muss man sich plötzlich fragen, ob der Partner das überlebt hat und alles andere wird unwichtig.
Heute ist ein guter Tag.
[auch wenn der Mann das wohl erst in absehbarer Zeit sagen wird]
Und dann muss man sich plötzlich fragen, ob der Partner das überlebt hat und alles andere wird unwichtig.
Heute ist ein guter Tag.
[auch wenn der Mann das wohl erst in absehbarer Zeit sagen wird]
Helfen ist ja an und für sich okay.
Besonders, wenn man dafür nicht aus seiner Komfortzone heraustreten muss. Und ebenfalls, wenn man Zeitpunkt, Ort und die Intensität des Helfens selber bestimmen kann. Vielleicht ist das aber gar keine wirkliche Hilfe. Vielleicht doch.
Ich persönlich weigere mich zu glauben, Hilfe sei nur etwas wert, wenn man dafür ein Opfer bringen muss. Das ist Unsinn. Manchmal reicht es aber nicht, kein Opfer bringen zu müssen und hier trennt sich die Spreu vom Weizen. Sehr viele – viel zu viele – Menschen entscheiden sich an diesem Punkt dafür, in ihrer persönlichen Komfortzone zu bleiben.
Keine Zeit, keine Kraft, keine Nerven, kein Geld, keine Lust…
Vielleicht wird es für dieses Mädchen, diesen Jungen, diese Frau, diesen Mann, diesen Menschen in 20 Jahren einen Unterschied gemacht haben, dass ich heute Ja gesagt habe.
Ich habe ein sehr klares Bild davon, was passieren würde, wenn ich heute sterben würde.
Und frage mich, wieso ich mir eigentlich in den letzten Jahren so viel Mühe gegeben habe, wenn davon nichts hängenbleibt.
Ich geh dann mal ewig leben.
Sie war die ganze Grundschule hindurch die beste Freundin des Tochterkindes.
Das erste Mal traf ich sie auf der Party zum 6. Geburtstag meiner Tochter in der ersten Klasse. Große traurige Augen, die von unten zu mir hinaufsahen und alles Leid dieser Welt zu verkünden schienen. Das erste, das sie zu mir sagte, war nicht „Hallo“ oder irgendetwas, es war: „Ich habe letztens geträumt, dass ich zu Tode gewürgt werde. Das ist kein schöner Tod.“
Äh.
Ich war mittelmäßig irritiert, gewöhnte mich aber im Laufe der Jahre an sie. Dunkle Haare, große blaue Augen, immer hängende Mundwinkel und ein Wesen wie Wednesday Addams in ihren besten Momenten. Nachdem sie nicht mit auf das Gymnasium durfte und in einer Ganztagsschule untergebracht wurde, verlor sich der Kontakt, bis wir sie gestern im Supermarkt trafen, als sie versuchte, ihren großen Bruder von hinten zu Fall zu bringen.
Heute ist sie hier.
Ich war gerade dabei, das Kinozimmer zu streichen, als sie mit dem Tochterkind eintrat und ihr Gesicht sich aufhellte. Man kann auch freundlich die Mundwinkel nach unten ziehen, wie ich bemerkt habe.
„Schwarz wie der Tod und rot wie Blut. Hallo.“
Sie war gerade drei Wochen am Meer bei schönstem Sonnenschein und ihre Haut ist so weiß wie ein Bettlaken. Ich habe seit ihrer Ankunft aus dem Zimmer der Tochter, aus dem bei Besuch immer reichlich lautes Gekicher und Gekreische ertönt, exakt nichts gehört. Gerade kam sie die Treppe runter und bog Richtung Badezimmer ab. Nicht, ohne innezuhalten und mich lange starr zu fixieren.
Ich fragte leicht amüsiert: „Na, lebt ihr noch?“ und merke mit dem ersten Wort auch schon, dass die Frage falsch ist.
Sie stand dort und antwortete leise, langsam und nachdenklich: „Ja. Noch. Aber wir werden alle sterben. Irgendwann. Einige früher, einige später.“
[So ein Herzchen.]
Dieser Tag verläuft seit neuneinhalb Stunden absolut katastrophal.
Nichts verläuft wie geplant, nichts funktioniert wie es soll, keiner macht, was ich sage
Und doch … als der Großvater und der Vater meiner Kinder draußen lachend nebeneinander im strömenden Regen stehen und den Grill unter dem kaputten großen Sonnenschirm bewachen während vier Kinder um sie herum durch den Regen tollen, da stehe ich still und dankbar unter der großen Buche und sehe diese beiden so gleichen Männer an, die sich vor 8 Jahren das letzte Mal gesehen haben und seit einigen Wochen so viel nachholen.
Ich erhasche einen kurzen Blick auf meinen eigenen Mann in 30, 40 Jahren und mir gefällt, was ich sehe. Sehr.
Ich sehe die Unsicherheiten auf beiden Seiten. Die fragenden Blicke. Die Sehnsucht. Die Männlichkeit. Zärtlichkeit. Jedes Mal. Immer wieder.
Mein Herz quillt über vor Dankbarkeit, diese Momente miterleben zu dürfen. Und meine Gedanken wandern kurz zu der Frau, die meinen Mann geboren hat.
So abscheulich sie auch war, ich wünsche ihr, dass sie irgendwo da draußen ihren Frieden gefunden hat. Als ich ihm auch dieses Mal wieder etwas zu essen mitgebe, sieht er mir lächelnd in die Augen und fragt leise: „Ich bewahr die Schüssel wieder auf bis zum nächsten Mal, ja?“
Ich lächle und nicke.
Beim Abschied ergreife ich seine Hand und kann der Ähnlichkeit zu meinem Mann kaum widerstehen.
Seine Bewegungen … seine Körperhaltung … sind mir so vertraut.
Ich ziehe ihn sanft an mich heran und lege meine Wange an seine.
„Bis bald.“
Du hast heute Geburtstag.
Du wirst 66 Jahre alt und ich frage mich oft, wie du wohl aussiehst.
Ich merke, wie meine Erinnerung dein Aussehen an meine Wunschvorstellung anpasst und wenn ich liebevoll an dich denke, dann bist du ähnlich faltig wie dein eigener Vater in dem Alter, dessen Aussehen ich als Kind so sehr geliebt habe. Kraftvoll, erfahren, faltig, weise, nachsichtig. Ich stelle mir dich mit weißen Haaren vor, die sicherlich sehr licht geworden sind. Weißer Vollbart, kurz geschnitten. Weißes Brusthaar hattest du damals schon, als ich dich vor Jahren das letzte Mal gesehen habe. Ich gönne mir und genieße aus vollem Herzen die paar Momente, in denen ich mir vorstelle, dir zum Geburtstag zu gratulieren und mit einem liebevollen Lächeln in die Arme geschlossen zu werden.
Keine Angst, ich weiß, das wird nicht passieren.
Ist es nie.
Wird es nicht.
Du hast inzwischen vier Enkelkinder.
Eines davon sieht haargenau aus wie du auf Kinderbildern.
Ich weiß, dass dir dein Vater ein schlechter Vater war.
Der Mann, den ich abgöttisch geliebt habe, war der Albtraum deiner Kindheit und deiner Jugendjahre.
Ich weiß das inzwischen.
Du hattest viele Jahre Gelegenheit, diesen Kreis zu durchbrechen.
Ich habe immer gewusst, dass du ein großartiger Opa sein könntest, obwohl du so ein sadistischer Vater warst.
Du hast dich anders entschieden als dein Vater damals.
Der Hass hat dich zerfressen und du hast es zugelassen.
Das ist okay und ich habe akzeptiert, dass ich dich nicht wiedersehen werde.
Gewünscht habe ich mir immer etwas anderes.
Ich habe dich einmal geliebt.
Und ein Teil meines Herzens tut das immer noch.
Ich wünsche dir alles Gute für diesen Tag.
Wir sind in den Ferien angekommen. Alle. Zwei volle Wochen hat es allerdings gebraucht, bis keiner mehr wusste, welcher Wochentag eigentlich ist. Da der Mann gerade intern eine neue Stelle angetreten hat, ist Urlaub mit allen Familienmitgliedern diesen Sommer nicht drin und wird verschoben bis in den Herbst.
Das Mottenkind hat noch eine Woche Kindergartenferien und möchte dann auch wieder hingehen. Vorschulkind und so. Außerdem kommt der attraktive Jüngling angehende Erzieher dann noch einmal zu Besuch, der beim Praktikum so viele Herzen gestohlen hatte.
Die Schulkinder machen mit allem Pause. Schwimmen, Kampfsport, Fußball, Turnen, Ballett, was es alles so gibt. Einiges davon läuft zwar in den Sommerferien weiter, aber Ferien sind Ferien.
Habe letzte Woche eine Mutter getroffen, die ihrem Kind tägliche Übungsaufgaben gibt, damit es „nicht außer Übung kommt“. In meinen Augen ist das Quälerei. Wie soll man denn da abschalten?
Das immer-mal-wieder-Tageskind wird ohne Vorwarnung ab und an hier abgegeben und irgendwann wieder abgeholt. Es ist nicht leicht, aber immer noch das Richtige.
Unsere Nachbarn wollen uns kennenlernen. Leider sind unsere Söhne in derselben Klasse und leider ist ihr Kind auch oft hier, aber das ist wirklich kein Grund, beim ersten Treffen darauf zu bestehen, dass wir gemeinsam baden. Ich weiß, der Pool ist neu und ich weiß, sie zeigen ihr Geld gerne, aber nein. Nein, danke. Ich sehe, die neue Nachbarschaft hat zwar weniger Kriminalität, dafür deutlich mehr Narzissmus.
Meine alten Nachbarn fehlen mir ein bisschen. Das Gestöhne und Gewackel von unten. Das ältere Ehepaar, das immer wollte, das die Kinder sie mit Tante und Onkel ansprechen. Unsere portugiesischen Lieblingsnachbarn, die mir in 8 Jahren wirklich ans Herz gewachsen sind. Die Herzlichkeit. Das Gegrüße.
Hier sind viele Witwen und ältere Ehepaare und Neureichs von schräg gegenüber und alter Geldadel auf der anderen Straßenseite und grüßen kann ich hier höchstens Gärtner oder den Postboten. Der Postbote ist immerhin derselbe geblieben. Egal, ich ziehe hier nie wieder weg. Ein Garten und im Haus ein Geräuschpegel, der wirklich jeden Menschen zu Ohrenschutz zwingen würde, wenn er nicht gerade auch Kinder hat, die trampeln, brüllen, schreien, juchzen, tanzen, hoppsen, Spaß haben.
Und ich genieße es mehr als alles andere, das nicht mehr reglementieren zu müssen. Was mir da an Lebensqualität verloren gegangen ist im Laufe der Jahre mit der einen klopfenden und klingelnden Nachbarsfamilie – ich möchte nicht mehr drüber nachdenken.
Übermorgen der nächstlogische Schritt. Ich bin so weit zur Ruhe gekommen, dass ich eine 10 Jahre dauernde Internetfreundschaft tatsächlich in mein Leben lasse. Und das auch gleich so konsequent, dass mich mein Mut selber überrascht.
Aber ich habe keine Angst mehr. Da ist ganz viel. Vorfreude, Aufregung, Nervosität, alles. Aber keine Angst. Sie weiß von so vielen Narben in meinem Leben, dass es gar nicht mehr darauf ankommt, ob sie vielleicht die auf meiner Haut sehen wird.
Sie kennt sie ja schon.
Alles wunderbar.
Leben.
Liebe.
Und so.
Noch vor einigen Jahren hätte ich nicht einmal eine Sekunde gezögert.
Jung, muskulös, intelligent, charismatisch, gutaussehend.
„Eine Nacht nur…“, flüstert er heiser, als ich mich von ihm verabschiede und ihm alles Gute wünsche.
Die Lust auf fremde Haut war immer da. Immer lockte das Verbotene, das Aufregende, das, was zuhause nicht zu finden war.
Große Schwänze, andersfarbige Haut, fremde Kultur, Leidenschaft, Spiel, Lust…
Er ist ein Welpe. 15 Jahre sind es und ich würde lügen, wenn ich sagte, ich wäre nicht geschmeichelt. Bin ich. Mehr als nur das.
Es gab Zeiten, da hätte ich ohne zu zögern zugegriffen. Habe ich.
Ich bin in bislang jeder Beziehung fremdgegangen.
Ohne Reue.
Das Leben ist kurz. Viel zu kurz.
Ich habe mir geschworen, auf meinem Sterbebett nur einen einzigen Satz zu sagen:
Ich bereue nichts.
Das muss man allerdings auch leben.
Man muss es sich trauen – jenseits aller Moral, aller Bedenken, aller anerzogenen Werte sein eigenes Bedürfnis zu erkennen.
Und dazu Ja sagen.
Ob ich alt geworden bin, fragte ich mich, als ich in diese hellen jungen blauen Augen sah und leise lächelnd ein letztes Mal den Kopf schüttelte.
Ich fand die Antwort heute erst Stunden später, als mein eigener Mann von der Arbeit nach Hause kam, mich wie jeden Tag seit 8 Jahren besitzergreifend packte, mich küsste und ich die Härte und Erregung seines Körpers an meinem spüren konnte.
Alles wonach ich mich jemals gesehnt habe vereint dieser Mann auf sich und ich darf ihn besitzen und gehöre ihm.
Nein. Ich bin nicht alt geworden.
Ich bin angekommen.
Wenn mein einjähriger Sohn fröhlich zur Treppe zum Kindergarten läuft und direkt neben einem Papi und zwei Mamis auf das Steinpflaster fällt und laut kreischend liegenbleibt, dann werde ich schnell. Ich gehöre zu den Müttern, die zwar auch erst einmal abwarten, ob es überhaupt weh tut, aber es gibt diese Schreiintensität, bei der jeder Mensch laufen sollte. Schnell. Sofort.
Der Papi unterdessen lacht los und tönt laut vor den anwesenden Frauen: „Na los, steh wieder auf! Ein echter Indianer kennt kein Schmerz!“
Ich ignoriere ihn und hebe mein Kind vorsichtig an. Es kreischt. Hoch, ununterbrochen. „Der hat doch nix! Nicht immer gleich hingehen!“, sagt die Mutti, die daneben steht. Mein Sohn holt Luft und das Blut läuft ihm aus dem Mund. Schwallweise. Ich sehe aus dem Augenwinkel, wie sie alle einen Schritt zurückweichen. Niemand sagt mehr etwas.
Ich drücke meinen Sohn erst einmal an mich und wiege ihn hin und her, während ich Gesicht und Mund untersuche. Lippe der Länge nach aufgeschlitzt, Zahn halb gespalten, Stück abgebrochen.
Ich scheuche die Motte hoch, damit ich in die Kindergartenküche komme, wo ich ihn hinlegen, saubermachen und die Blutung stillen will.
Der Papi berührt mich an der Schulter.
Ich muss mich beherrschen, nicht zuzuschlagen.
Meine Maske ist so dünn, dass ich meine natürliche Aggression und meinen Jähzorn kaum noch disziplinieren kann.
Das Schluchzen meines Sohnes hält mich in der Welt.
Er hat erschöpft den Kopf an meine Schulter gelegt.
Das Blut läuft meinen Arm entlang und tropft auf den Boden.
„Kannst du vielleicht dein Auto eben noch etwas umparken, dass ich loskann? So wie du jetzt stehst, muss ich rückwärts… „
„Nein.“
Ich drehe mich um und gehe die Treppe hoch, während er zusammenhangloses Zeug stammelt. Es interessiert mich nicht.
Nicht schreien, nicht beleidigen, nicht schlagen, nicht töten…
Das Mantra wiederholt sich automatisch.
Kind wiegen, trösten, nicht gewaltätig werden.
Programme und Instinkt kämpfen erbittert miteinander.
Die Mutter gewinnt.
Eine halbe Stunde später ist sein Auto nicht mehr zu sehen, als ich mit einem fast schlafenden Baby voller Blutflecken wieder nach Hause fahre.
Wenn vielleicht jemand für den weiteren Tagesverlauf die Idioten von meinem Montag entfernen könnte?
Fünf Tage Klassenfahrt mit Gleichaltrigen und anscheinend völliger Narrenfreiheit haben einen Entwicklungsschub ausgelöst, der hier wohl mehrere Monate gebraucht hätte. Und so stehe ich seit drei Tagen vor diesem Wesen, das mir so vertraut scheint und so fremd ist. Mühsam nur meine eigenen Verwirrtheitsgefühle beherrschend, die mich mal 25 Jahre zurück katapultieren und mal in einer ungewissen Zukunft verharren lassen, die so … anders … zu sein schien.
Will sie nicht gängeln und doch ist die Nicht-Reaktion die Schwerste. Immer noch, immer wieder. Ich kann kaum nichts sagen, weil es mich so verrückt macht. Also beiße ich mir auf die Zunge. Immer und immer wieder, wissend, dass die Situation vorbei geht, dass Verwirrung über eine verwirrte Mutter immer noch besser ist als das Schwert, das Worte hervorholten und sie kleinhalten würde. Es fällt schwer.
Schwer, die Führung abzugeben. Ich wurde dafür nicht gemacht.
Das quietschende Stimmchen, das die Unsicherheit verrät und auch die Nähe zu den Tränen der eigenen Verwirrung hilft ein wenig. Heute zumindest. Eine normale Frage, die sofort das eben noch vor Selbst-Bewusstsein strotzende überhebliche Wesen zum Kleindkind schrumpfen lässt. Ratlosigkeit. Verwirrung. Wut.
Gratwanderungen.