Vor 21 Jahren

…habe ich meine Sachen in mein Auto geworfen, habe alle Bücher, meine Tochter und meinen Hund gepackt und bin zu dir gefahren.

Es war erst wenige Tage her, dass wir telefoniert hatten, wie immer nachts, unterm Sternenhimmel. Ich lag verwundet und traurig draußen im Garten auf der Liege und hielt mir das Telefon ganz dicht ans Ohr, um deine Stimme zu hören. Du wusstest nicht, dass der Mann, von dem ich schon seit Monaten getrennt war, mich an diesem Tag morgens ein letztes Mal vergewaltigt hatte. Ich wollte es dir nicht erzählen, weil ich solche Angst hatte, dass du Mitleid haben würdest. Und ich wollte dein Mitleid nicht. Ich wollte immer nur deine Liebe. Also habe ich es dir nicht erzählt. Erst Jahre später.

Bei diesem Telefonat ging es um uns beide. Wie sehr du mich vermisst. Wann wir uns wiedersehen. Wie einfach es sein könnte. Und dann, irgendwann nach Mitternacht, hast du gesagt: Ich liebe dich. Kommt doch einfach zu mir. Für immer.

Es gibt in meinem Leben nichts, wobei ich weniger gezögert habe.

Potential als Illusion

Never date potential heißt es, aber ich bin der Überzeugung, dass es fast unmöglich ist, in der Phase des Kennenlernens und Werbens den echten Charakter eines Menschen zu sehen, wenn man sich nicht schon vorher kannte oder freundschaftlich verbunden war.

In der Zeit des umeinander Werbens investieren Menschen unfassbar viel Energie, Fokus, Zeit, Aufmerksamkeit und allem voraus: Selbstkontrolle. Man sieht in einem Menschen nie wieder so deutlich sein Potential wie in der Zeit, in der er wirbt. Wir sehen ihre besten Seiten und nichts davon ist falsch, denn die Anlagen sind ja da. Sie setzen sich bewusst mit den Bedürfnissen ihres Gegenübers auseinander und sind bereit, eingefahrene Wege zu verlassen, um echte Verbindung herzustellen.

In dieser Phase decken wir erfahrungsgemäß auch alle Varianten von Liebessprache ab, selbst die, die wir im Alltag dann stark vernachlässigen.

Psychologisch gesehen handelt es sich um einen Zustand erhöhter Motivation, ohne dass dieses Verhalten bereits dauerhafter Bestandteil von Persönlichkeit geworden ist.

Wir lassen uns nur allzu gerne davon blenden.

Sobald Beziehung ihren Ausnahmezustand verlassen hat und Normalität Einzug hält, übernehmen Routinen, Stress, alte Mechanismen und unreflektierte Verhaltensweisen wieder die Führung. Das Potential, das bis dahin sichtbar war, ist noch vorhanden, aber es erfährt keine Entsprechung im Alltag.

Meistens ist es dann schon zu spät: Man ist verliebt und man hat ja am eigenen Leib erfahren, zu was dieser Partner in der Lage ist oder sein könnte, also verliebt man sich ein zweites Mal – in die Illusion, es würde sich etwas ändern. Man vergisst zu leicht, dass Menschen sich selten ändern wollen.

Und so ist Enttäuschung unvermeidbar.

Man misst seinen Partner an dem Standard, den er selber gesetzt hat, weil wir glauben, dass er dauerhaft so sein könnte. Potential ist aber nur eine Möglichkeit, keine Eigenschaft. Wer aufgrund der Werbungsphase unbewusst die Fähigkeiten, die Intelligenz, die emotionale Reife, die der Partner im hormonellen Ausnahmezustand gezeigt hat, als bereits vorhandene Charaktereigenschaft im Alltag voraussetzt, verstrickt sich schnell in Erwartungen, die der Andere gar nicht erfüllen kann, weil er noch kein Werkzeug besitzt, diese Möglichkeiten in sein tatsächliches Verhalten zu integrieren.

Das führt gezwungenermaßen zu Enttäuschung, Überforderung und Konflikten. Der Partner fühlt sich durchgehend überfordert und missverstanden, weil von ihm etwas verlangt wird, wozu ihm noch die Selbstreflexion, emotionale Regulation oder grundlegende Bereitschaft zu Veränderung fehlen.

Menschen entwickeln sich nicht allein dadurch, dass jemand ihr Potential erkennt.

Erst wenn ein Mensch bereit ist, Verantwortung für Entwicklung übernehmen zu wollen, statt nur auf Druck von außen zu reagieren – wenn er willens ist, kontinuierlich an sich zu arbeiten und neue Verhaltensweisen zu verinnerlichen, wird aus der außergewöhnlichen Version seiner selbst stabile Realität.

Die wenigsten von uns kommen dorthin.

Überraschung

Manchmal wird man zu einem Zeitpunkt, an dem man längst glaubt, alles vorhersehen zu können, doch noch mal überrascht und eines Besseren belehrt. Ich ahne, wieviel Mut es gekostet haben muss, dieses Risiko einzugehen. Ich will die Angst zurückdrängen, die versucht, vorherzusagen, dass es bald als Schema wiederholt wird oder genutzt wird, um in einen Raum einzudringen, der gerade nicht offen ist. Das bin ich uns schuldig.

Integrität

Es gibt einen Punkt, an dem Worte an Wert verlieren.

Sprache an sich versagt nur selten, aber wenn sie kein Echo in Form von Glauben erzeugen kann, weil Worte zu oft an derselben Stelle gebrochen wurden, dann werden Versprechen zu sinnlosen Wiederholungen, Entschuldigungen zu Gepflogenheiten und Beteuerungen zu leeren Worthülsen.

Irgendwann hört das Gegenüber nicht mehr, was gesagt wird, sondern schaut nur noch darauf, was geschieht.

Wenn Worte nicht mehr tragfähig sind, bleibt nur die Realität.
Integrität lässt sich auch durch Eloquenz nicht an den Haaren herbeiziehen.
Integrität ensteht ausschließlich dort, wo Wort und Handlung über einen langen Zeitraum deckungsgleich werden.

Es sind nicht die großen Gesten. Es ist das völlig unspektakuläre Einhalten der kleinen Dinge. Verlässlichkeit dort, wo man sie nicht einfordern muss. Erinnern, ohne erinnert werden zu müssen.

Grenzen sehen, spüren und respektieren, ohne dass der Andere sie Mal um Mal verteidigen muss.

Am Ende von Worten bleibt nur Handlung.

Mission to the Moon 1969

Buzz Aldrin und Neil Armstrong durften für ca. 2 Stunden und 15 Minuten auf der Mondoberfläche herumlaufen. Und genau so lang hatte man vom 16.07. bis zum 21.07. Zeit, den Antrag bei Swatch auszufüllen, um mit viel Glück eine Genehmigung auf das Kaufrecht für die Limited Edition der Mission to the Moon 1969 zu erhalten.

Ich habe mich nachts mit viel Freude durch die 32 Fragen geklickt und einige davon haben mich neben mathematischen Berechnungen und reinen Wissensfragen durchaus nachdenklich gestimmt.

Es ist keine Frage, wen ich mitnehmen würde, würde ich zum Mond fliegen dürfen. Meine Wahl wäre immer mein Mann. Egal, wie es zwischen uns steht, die Liebe und Faszination für Sterne, Raumfahrt und das Universum an sich hat uns ab der ersten Sekunde unseres Kennenlernens verbunden. Als die Frage kam, wo ich unabhängig von der Machbarkeit landen würde, kam für mich ebenfalls nur eine Antwort in Frage:

Die Regenbogenbucht im Mare Imbrium. Wir würden beim Aussteigen die Erde in Richtung des Mondrandes sehen und beim Blick auf unseren Heimatplaneten vielleicht endlich verstehen, wie klein und unbedeutend das Gestern und das Morgen tatsächlich sind.

Ich weiß nicht, ob ich unter den 1969 Personen sein werde, die ausgewählt werden, aber allein das Arbeiten durch den Antrag war ein Erlebnis für sich.

Danke dafür.

Immunbedingte Keratitis

Nachdem vor einigen Wochen Henriette plötzlich Probleme mit dem linken Auge bekam, sind wir von unserer Tierärztin mit der vorläufigen Diagnose Hornhautverletzung in die Tierklinik überwiesen worden, wo eingehende Untersuchungen schließlich nach mehreren Terminen Klarheit brachten: Chronische Keratitis (Pannus), immunbedingte Entzündung der Hornhaut, bei der ihr eigenes Immunsystem dauerhaft Entzündungsherde in die Hornhaut bringt. Kein Hornhautgeschwür, aber bereits hochgradige Gefäßeinsprossung im oberen Drittel des linken Auges.

Wir haben mit Antibiotika angefangen und cremen nun mehrfach täglich mit Ciclosporin und Pflegegel weiter, damit die falsch abgebogene Immunreaktion reguliert wird, auch wenn man davon ausgeht, dass eine echte Verbesserung wenn, dann erst in Monaten zu beobachten sein wird. Nicht heilbar, aber mit Glück kontrollierbar.

Das sind nach ihrer jahrelangen Dauerbehandlungsgeschichte mit den Ohren nicht die Neuigkeiten, die ich mir für Henriette gewünscht habe.

Aber man kann es sich nicht aussuchen.  Wir sind nun auch ausreichend damit beschäftigt, das dauerhafte Tragen einer Hundesonnenbrille zu etablieren, weil UV-Licht Gift für diese Art von Entzündung und Henriette nur so mittelbegeistert von der neuen Kopfbedeckung ist.

Neugierde

Es macht einen existenziellen Unterschied, ob jemand uns erlebt oder verbraucht.

Wer nur konsumiert wird, wird auf das reduziert, was er gibt: Zeit, Aufmerksamkeit, Fürsorge, Leistung, Regulation, Sicherheit, Unterhaltung. Es entsteht Nähe, ja, aber ohne, dass echtes Kennenlernen stattfindet. Ich merke das gerade wieder sehr zuverlässig in der Umgebung, die ich „Freundeskreis“ nenne. Die Dinge, die mich bewegen, über die ich mich freue, die mich beschäftigen, sorgen nicht für Nachfragen sondern maximal für das obligatorische „Oh wie schön für dich.“ oder „Ach wie schade.“ Das echte Interesse an mir bleibt aus.

Mit der Zeit hinterlässt das nicht nur Spuren, sondern auch Narben. Man fühlt sich austauschbar, übersehen und einsam – selbst inmitten von Freundschaft, Beziehung oder Familie.

Manchmal denke ich, ich werde nicht gesehen, ich werde nur betrachtet. Und hinterfrage meinen Anteil daran. Menschen, die denken, sie wüssten etwas über mich, weil sie meinen Social Media Kanälen folgen. Die völlig irrelevante Informationen über Insta, Twitter, TikTok ziehen und sich mir dann nahe fühlen, weil sie einen Einblick in mein „Leben“ haben. Ich bin generell ein offener Mensch, aber ich teile nur, was mich nicht anfasst. Um mich also wirklich sehen zu können, muss man in Beziehung zu mir treten, statt mich nur als RealityFormat zu betrachten, das man konsumieren kann. Es gibt Gründe, warum ich den großen Account gestoppt habe. Menschen, die mir wirklich etwas bedeuten, verwechselten die Projektionsfläche Jadekompendium mit Kati.

Um mich zu sehen, braucht es Neugierde. Interesse. Nachfragen und vor allem die Fähigkeit, zuhören und entdecken zu wollen, was hinter dem Offensichtlichen liegt.

Neugierde ohne Sensationslust ist eine hohe Form von Wertschätzung.

Sie sagt: Ich habe mehr Interesse an dir als nur an dem, was du für mich tust.

Und genau dort beginnt Verbindung.

Sommerferien

Endlich Sommerferien. Es war bis zuletzt tatsächlich eine Überraschung, ob das kleine Kind versetzt wird. Nach Elterngesprächen mit Lehrern war klar, dass der Ausgang des Schuljahres nun in seinen Händen liegt und seine unvergleichliche Art, mit diesen Dingen umzugehen und so vage wie nur irgend möglich zu bleiben, ließ mich in den letzten Wochen daran zweifeln, ob er es geschafft hat, das durchzuziehen, was er sich vorgenommen hatte. Die eher nachlässige Art, Noten vorzuzeigen bzw. die in seinem Alter kaum noch vorliegende Notwendigkeit seitens der Lehrer, Arbeiten unterschreiben zu lassen, ließ mich im Dunkeln tappen, auch wenn ich mal ab und an ein „Ich hab da eine Eins.“ oder „Ach, da hab ich eine Fünf, aber das ist unwichtig.“ zugeworfen bekam.

Prinzipiell müssen unsere Kinder selber wissen, wie sie mit dem Format Schule umgehen. Es ist nicht mein Weg. Es ist ihrer und er ist eine aktive Entscheidung. Ich lobe nicht für Einsen, ich tadle nicht für Sechsen. Ich habe meine Abschlüsse, ich habe meine Zeit abgesessen und Verständnis für jede nur denkbare Variation, einen eigenen Lebensweg gestalten zu wollen. Aber auch bei diesem Kind erleben zu müssen, dass es sich bequem durchlaviert nur um dann auf Abruf, wenn es auf der Kippe steht, eben ohne Mühe, Lernen oder Aufwand ein paar Einser zu schreiben, damit es weitergeht, ist aus Elternsicht stressig. Bis in letzte Konsequenz habe ich es wohl doch nicht losgelassen, wenngleich ich diese Dinge sehr viel gelassener begleite als beim ersten Kind. Aber nun haben wir es schwarz auf weiß:

Der Butz ist offiziell in Klasse 10 angekommen und jetzt packen wir auch gedanklich sechseinhalb Wochen alles weg, was nur irgendwie mit Schule zu tun hat.

Dr. Mastermind

Dr. Mastermind, das ist: Chronische Content-Unterforderung bei gleichzeitig pathologisch ausgeprägter Kompetenz.

Während andere Menschen eine Klasse auswählen, sie kennenlernen, Fehler machen, Guides lesen und irgendwann vorsichtig sagen: „Ich glaube, ich kann meinen Paladin inzwischen ganz okay“, hat Dr. Mastermind in derselben Zeit vier neue Charaktere hochgespielt, drei davon mythisch ausgerüstet und mit dem vierten die heroischen Raids ausgeräumt.

Seine Charakterliste wirkt dabei weniger wie eine Sammlung als wie ein mittelschwerer Identitätsnotstand. Lichtel, Sneakel, Kuhkain, Thiccel, Plutel, Röchel, Yamato, Syuuji – es erscheint fast menschenunmöglich, sich das alles in der richtigen Kombination zu merken, zumal hier eine Präferenz erkennbar ist, denselben Namen dreimal für verschiedene Klassen/Rassenkombinationen zu nutzen und einfach nur ein anderes diakritisches Zeichen zur Verzierung diverser Vokale zu nutzen – aber man erzielt eine recht hohe Trefferquote dabei, an alle möglichen Assoziationen zu Erscheinungsformen, Eigenschaften oder Körpermerkmale einfach ein „el“ anzuhängen. Lichtel, Thiccel, Röchel, hier ist eindeutig ein Schema erkennbar!

Psychologisch bemerkenswert ist dabei seine beinahe vollständige Abwesenheit spielerischer Besitzansprüche. Andere haben einen Main. Richel hat World of Warcraft.

Tank? Kann er. Heiler? Selbstverständlich. Nahkampf, Fernkampf, Leder, Platte, Dämon, Drache, Katze, Baum? Gib her. Nur beim Magier zieht er plötzlich eine vollkommen unerklärliche persönliche Grenze.
Offenbar muss selbst ein Universalgenie irgendwo Prinzipien haben.

Sein eigentliches Problem beginnt jedoch dort, wo für normale Menschen das Endgame anfängt. Die Gilde betritt ehrfürchtig den neuen Content – Richel kommt gedanklich bereits durch den Ausgang zurück. Während andere noch diskutieren, ob links oder rechts herumgelaufen wird, hat er vermutlich beide Varianten ausprobiert, den Boss besiegt, den Schlüssel hochgespielt und nebenbei sein Inventar aufgeräumt.

Und dann geschieht das Unvermeidliche: Er verschwindet.

Azeroth nährt ihn schlicht nicht mehr in dem Umfang, in dem er Hunger leidet.

Arthur

Arthur ist weniger Spieler als Naturereignis.
Andere Menschen betreten einen Dungeon, Arthur ereignet sich darin.

Seine Tankphilosophie folgt dabei einer bestechend einfachen Logik: Wenn noch Gegner herumstehen, wurden offenbar noch nicht genug Gegner gepullt.

Während der Heiler hinten bereits beginnt, sein restliches Mana testamentarisch zu verteilen, schreitet Arthur vorne mit jener unerschütterlichen Ruhe weiter, die nur Menschen besitzen, die fest davon überzeugt sind, dass dreißig Mobs im Grunde auch bloß eine etwas geselligere Gegnergruppe darstellen.

Das eigentlich Komische ist jedoch Arthurs moralische Konsequenz. Er will schützen. Immer. Alle. Notfalls vor ihrem eigenen vernünftigen Wunsch nach einer Trinkpause. Sein Paladinismus ist keine Spielweise, sondern Weltanschauung.

Als Heiler entdeckt derselbe Mann, der eben noch jeden Trinkversuch als Charakterschwäche betrachtete, eine sensationell fundamentale Wahrheit: Heiler brauchen Mana. Man kann förmlich hören, wie irgendwo im Hintergrund zwanzig ehemalige Heiler gleichzeitig von ihren Plätzen aufstehen, gerührt nicken und sehr langsam applaudieren.

Als Schadensausteiler fällt schließlich auch der letzte Rest defensiver Zurückhaltung weg. Was vorher „engagiertes Vorwärtsgehen“ hieß, bekommt nun Flügel oder ein Gewehr und springt oder schießt direkt in die nächste Gegnergruppe: „Ich hab die schon mal dazugepullt.“

Arthur ist jemand, der durchgehend Verantwortung übernimmt, Schwierigkeiten voraussieht, auffängt und seine Gruppe sicher durch Dungeons lotst. Seine Fürsorge ist lediglich ausgeprochen dynamisch und bewegungsorientiert. Und Bewegung bedeutet für Arthur immer genau eine Richtung: Vorwärts.

Arthur ist damit der seltene Spieler, der Sicherheitskonzept und Sicherheitsrisiko gleichermaßen sein kann.

[Und irgendwo in der hinteren Ecke der Arkantine sitzt ein Heiler, der mit einem leeren Becher in der Hand vor und zurückwippt und leise flüstert: „Ich wollte doch nur ein bisschen Mana…“]