Großmutter, mütterlicherseits

Das Hamburger Staatsarchiv hat angerufen und meine Telefonphobie wurde sehr früh heute Morgen von einem wasserschwallartig Wörter von sich gebenden, rede- und wortgewandten, leicht plattdeutsch sprechenden und sehr sympathischen Mann niedergerungen, der aber offensichtlich gelernt hat, in minimal zu Verfügung stehender Zeit die maximale Menge an Inhalt zu transportieren.

Eigentlich wollte er mir nur persönlich mitteilen, dass er meinen Antrag auf Schutzfristverkürzung ablehnen wird.
Uneigentlich haben wir danach eine halbe Stunde nach einer Antwort gesucht, die weitere Fragen aufwirft.

Es gibt zwar eine Möglichkeit, wie ich an die Informationen zu meiner Großmutter komme, aber das Heiratsdatum wirft eine ganz andere Frage auf: Wie konnte eine Romni Ende 1943 – zum Zeitpunkt systematischer Verfolgungen und Deportierungen und während des Verbotes von Eheschließungen mit sogenannten „Deutschblütigen“ in Hamburg offiziell eine Ehe mit genau so einem Menschen schließen?

Es gibt inzwischen also mehrere Arbeitshypothesen:

Vielleicht wurde sie nicht als Romni erkannt oder erfasst (ich habe heute den Begriff „Rassehygienische Forschungsstelle“ gelernt und bin einmal mehr entsetzt über diesen Teil unserer Geschichte).

Vielleicht kannte man ihre Herkunft, ordnete sie innerhalb der absurden NS-Rassenkategorien aber so ein, dass eine Ehe möglich war.

Vielleicht gab es eine Ausnahmegenehmigung oder einen besonderen Verwaltungsvorgang.

Die damals auch als Auflage für die Hochzeit erzwungene Sterilisation von „Mischlingen“ fällt hierbei ziemlich sicher raus, da sie nach der Eheschließung mehrere Kinder bekommen hat.

Und schließlich die schlichteste und fatalste Variante: Sie war keine Romni.

Bevor ich mich damit auseinandersetze, was das mit meinem ethnischen Selbstverständnis tun würde, warte ich nun mehr oder weniger geduldig auf die Post, die in ein paar Wochen hier ankommen soll.

20 Jahre

20 Jahre.

Meine Güte. Was hätten wir erlebt haben können. Wannimmer ich an dich gedacht habe, musste ich um die Zukunft trauern, die wir nie gehabt haben. 20 Jahre. Du wärst erwachsen. Inzwischen läge ein ganzes junges Leben zwischen dem heute und dem gestern.

Es blieb uns verwehrt.

Ich habe meinen Frieden gefunden, als wir dich nach Jahren endlich offiziell benennen durften. Du besitzt eine Geburts- und eine Sterbeurkunde. Du warst da. Du trägst 3 Namen, wie alle deine Geschwister. Du trägst denselben 3. Namen wie die anderen Kinder, die dein Vater und ich auf diese Welt brachten.

Du gehörst zu uns.
Und dann doch wieder nicht.
Du hast diese 20 Jahre nicht mit Erinnerungen füllen dürfen.

Wenn ich an deine Geburt denke, ist inzwischen vieles dem Wabern der Erinnerung gewichen. Was immer noch präsent ist, ist der breite Brustkorb, gegen den ich mein Gesicht gedrückt habe. Die Arme, die mich umschlossen haben, als ich dich tot in Händen hielt und das Blut durch meine Ohren rauschte und aus meinem Körper floss. Dein Vater hat mich gehalten, so allumfassend gegen alles abgeschirmt, dass wir beide diese kostbaren Momente für uns hatten, in denen die Welt draußen blieb.

An den Rest möchte ich heute nicht mehr denken, es tut weh.
Immer noch. Und für immer.

Du warst so gewollt. So geliebt. So ersehnt.

Es ist wie es ist.