Das Leben ist schön

Ich sitze hier mit einem Stück Kuchen in unserer sonnendurchfluteten Küche und nur ab und an bumst der Kobold mit seinem Kopf gegen die Tischplatte.

Wir waren gerade über eineinhalb Stunden lang draußen und haben das schöne Wetter genossen. Wir haben am Bach gesessen und die Natur gefühlt, gesehen, gehört.

Er auf einer warmen Unterlage saß dort wie der König höchstpersönlich und nahm Rinden, kleine Tiere und Pflanzen um sich herum in Augenschein (und in den Mund, woran ich ihn zumindest bei lebender Materie gehindert habe).

Dort saßen wir eine viertel Stunde, eine halbe Stunde und noch länger, und es war wunderschön.

Der Kobold ist bei Krabbelversuchen bergauf leider ein paar Schritte bergab gepurzelt, was seinem Entdeckerdrang aber keinen Abbruch tat. *g*

Der Rückweg war dank der Krankheit der letzten drei Wochen nicht sehr spaßig, aber ich denke, mit ein wenig Training schaffe ich in den nächsten Wochen gute Fortschritte. Ich war wohl gesundheitlich „nur“ durch so etwas wie eine Grippe noch nie so allumfassend angeschlagen – und das trotz sehr starker Medikamente.

So, und jetzt weiter mit den vielen Kleinigkeiten, die hier liegen geblieben sind, weil ich völlig schachmatt war.

Nackt

Zu den eher unangenehmen Momenten meines Lebens gehört das Sitzen auf einer Polizeistation um 2 Uhr nachts, in der mir die Jacke abgenommen wird, die wenigstens ein bisschen Wärme spendete. Beweismaterial. Bitte ausziehen und hier in den Sack stecken…

Ich sitze ohne BH in einem dünnen Pullover dort in eisiger Kälte und werde von Beamten befragt, wieviel Unterwäsche ich zum Zeitpunkt des Übergriffs denn überhaupt angehabt hätte.

Ein Traum. Kommt gerne auch mal als Alptraum wieder.

Der einzige Schutz, den ich damals hatte, war mein Hund. Als die Polizisten nachts in meine Wohnung kamen, mehrere Männer – verlangten sie als erstes, den Hund zu sichern.

Die zweite Aussage war ein anklagendes: „Warum haben Sie dem Hund denn das Blut von der Schnauze gewaschen?“

Ich hatte damals weder Kraft noch Mut, etwas zu entgegnen. War nur froh um dieses weiche helle Fellbündel, das endlich auch wieder sauber sein sollte. Das durfte ich leider nicht mitnehmen, als ich in einem großen Polizeiwagen in die Polizeistation gefahren wurde.

Hinten, wo die Verbrecher sitzen. Allein. Vorne die Männer, die sich lustig scherzend über ihren Abend unterhielten. Stunden später wurde ich genauso wieder nach Hause gekarrt.

Um weitere Stunden später am nächsten Morgen aus der Wohnung geklingelt zu werden, weil das BKA vor der Tür stand. Ein schwacher Trost, dass die wenigstens vernünftige Autos hatten, mit denen ich in ein Polizeigebäude gefahren wurde, in dem ich einige Stunden meines Lebens verbracht habe.

Nach zwei Stunden Verhör Protokoll wusste ich allerdings nicht mehr, wer nun der Täter und wer das Opfer war. Es folgten weitere Stunden, in denen jede einzelne Sekunde des Tathergangs immer und immer wieder wiederholt, hinterfragt und aufgeschrieben wurde. Von hinten – eher von hinten links oder eher von hinten rechts? Roch der Atem? Wonach? Roch der Körper? Welche Teile? Wonach? War er gewaschen? Schmutzig? Und alle halbe Stunde der Hinweis, dass eine Falschaussage strafbar sei.

Ich hatte später erschöpft und weinend meine Mutter angerufen. Es war der Punkt, an dem es tiefer nicht mehr ging und die einzige Sehnsucht war die nach einer Mutter. Nach Trost in seiner reinsten Form. Eine Mama. Ich kann nicht mehr, ich will nicht mehr. Hilf mir.

„Du schaffst das schon.“, sagte sie und verabschiedete sich in den Urlaub.

Die folgende Einsamkeit und Stille war ohrenbetäubend. Im wahrsten Sinne des Wortes. Ich hörte etwa zwei Wochen lang nichts mehr. Gar nichts. Mein Anker war mein Kater Timon. Er legte sich zu dieser Zeit immer wieder unbeirrbar – egal, wie oft ich ihn runterschubste – auf mein Herz und fing sofort an zu schnurren.

Irgendwann kapitulierte ich dann und schlief hemmungslos weinend vor Erschöpfung ein. Wachte ich auf, sah ich in zwei Katzenaugen, die mich wachsam ansahen. Er hat sich kaum von der Stelle gerührt, wenn ich schlief. War ich sehr unruhig, legte er sich an meine Schulter, hielt aber immer den Körperkontakt.

Der Hund machte es ähnlich. War er damals schon so weit erzogen, dass er eigentlich seinen Platz im Korb kannte, schlich er seit dem Tag immer wieder ins Bett und legte sich neben mich. Er drängte mich an die Wand, so dass er zwischen mir und der Tür liegen konnte. Wann immer ich im Halbschlaf zu ihm sah, lag er dort, majestätisch wie die Sphinx selber mit aufgerichtetem Kopf – die Ohren wachsam zur Tür gestellt. Manchmal knuffte er mich mit der Schnauze zur Beruhigung und nahm dann wieder seine Stellung ein.

Wenn jemand zu dicht an meiner Haustür vorbeiging, kam ein leises tiefes Grollen aus seiner Kehle und ich spürte, wie sich jeder einzelne Muskelstrang anspannte.

Aufbruch

Einige wenige Wochen, nachdem wir uns vor dem Standesbeamten und unseren besten Freunden ewige Treue und Wahrheit und Ehrlichkeit und den ganzen Schmonz geschworen hatten, war ich mit unseren Mitbewohnern in unserer Wohnung. Ich räumte ein bisschen herum und mir fiel mir ein kleines schwarzes Buch in die Hände. Es sah aus wie ein Tagebuch. Jetzt ist es so, dass – wenn man mit drei Männern zusammenlebt – es nicht immer eindeutig ist, wem was gehört. Ich ging also ins Wohnzimmer und fragte: Gehört einem von euch dieses Buch hier? und sah in zwei entsetzte Männergesichter.

Meine neugierige Seite dachte noch belustigt, dass ich bei diesen Gesichtsausdrücken besser hineingesehen hätte… Einer der beiden stürzte auf mich zu und riss mir das Buch aus der Hand. „Hast du reingesehen?? Das ist meins!“

Ich blickte ihn irritiert an und zu meiner Neugierde gesellte sich ein seltsames Gefühl. Ich sah in seine Augen.
Zu dem Buch.
In seine Augen.

„Du lügst mich an, Owi.“

Sein Augenausdruck bestätigte mir, dass ich Recht hatte.

„Du LÜGST! Gibt mir das Buch!“

Er nahm es fester in die Hand und verschränkte die Arme. „Nein.“

Für Moral, Anstand oder weiteres Denken war in meinem Kopf kein Platz mehr. Mein ganzes Dasein fokussierte sich darauf, dass ich den Inhalt dieses Buches kennen muss.

„Es gehört ihm, oder? Gib mir das Buch oder sag mir, was dort hineingeschrieben wird!“

„NEIN!“

Ich sah nur noch rot und mein Denken bestand nur noch aus schwarz und weiß. „Wenn du es mir nicht gibst, erzähle ich deiner Verlobten, dass du  am Wochenende auf dem Kneipenklo ihre beste Freundin gevögelt hast.“

In dem Moment, in dem ich es aussprach, wusste ich, dass unsere Bekanntschaft zuende war. Ich habe einen Preis zu zahlen. Immer. Und in der Tat, einige Tage später sollten wir unsere Wohngemeinschaft auflösen. Druck erzeugt immer Gegendruck. Er sackte in sich zusammen. Sein Fokus war wieder bei sich selber. „Woher weißt du das?“

„Du hast es mir gerade bestätigt. Gib mir das Buch.“

Hochrot und wutentbrannt schleuderte er mir das Buch entgegen und rannte aus der Wohnung. Die Tür fiel ins Schloss und es herrschte Totenstille. Ein Paar Männeraugen blickte mich an.

Sascha, der all das stumm verfolgt hatte, sah mich an und sagte nur leise: „Ich würde das an deiner Stelle nicht lesen, Süße.“

„Ich muss.“, sagte ich und er neigte den Kopf zur Seite und steckte sich eine neue Zigarette an.

„Ja. Vielleicht. Sei dir nur sicher, dass du mit der Entscheidung leben kannst.“

Ich blickte ihn an und hob das Buch auf.

„Soll ich gehen?“, fragte er und blies den Rauch in die Luft.

„Ja.“

Er stand auf, nahm seine Jacke von der Garderobe und blieb vor mir kurz stehen. Nahm meinen Kopf in seine Hände und drückte mir einen Kuss auf die Stirn. „Ich bin bei meinem Freund, wenn du jemanden brauchst, komm zu uns.“

Ich nickte.

Als ich allein war, setzte ich mich in meinen Sessel und holte tief Luft. Ich schlug das Buch auf. Ein Tagebuch. Das Tagebuch meines frischangetrauten Ehemannes. Ich überblätterte Kriegsberichte, kleine und größere Affären und irgendetwas trieb mich, die Zeit um unseren Hochzeitstag zu suchen. Da stand es. Dreiundzwanzigster Mai, geschrieben morgens, einige wenige Stunden vor unserer Hochzeit.

„Oh Gott, warum liebe ich Imme nur so? Warum kann Imme mich nicht genauso lieben wie ich sie? Ich brenne vor Sehnsucht und möchte ihren zierlichen kleinen Körper im Arm halten und ihr blondes Haar streicheln. Für immer. Mit ihr alt werden. Gestern Abend habe ich ihr alles gestanden und sie hat mich umarmt und mir Glück gewünscht. Sie liebt mich nur als besten Freund. Nicht mehr. Habe wieder die ganze Nacht von ihr geträumt…“

Ich blinzelte. Ich klappte das Buch zu. Und blinzelte noch mal. Ich stand auf und ging im Raum herum. Setzte mich wieder hin. Blinzelte, schlug das Buch auf und las noch mal. Und noch mal. Und noch mal.

Mir wurde kalt und ich saß dort. Stundenlang. Hatte weder Wut noch Trauer in mir, nur völlige Fassungslosigkeit. Mein Geist weigerte sich, diese Worte zu verstehen. Ich las immer und immer wieder, blätterte noch vor und zurück und entdeckte mehr Dinge, die mir das Blut in den Adern gefrieren ließen. Eiskalt.

Das war der Mann, der in der Nacht zuvor liebevoll geflüstert hatte: „Ich möchte ein Baby von dir.“ Das. Genau das.

Ich habe viel geblinzelt und noch mehr den Kopf geschüttelt, aber es wurde nicht besser. Ich nahm die Information nicht auf, die da gnadenlos immer wieder an mein Gehirn gesendet wurde. Irgendwann stand ich auf und wenige Minuten später hörte ich den Schlüssel im Türschloss. Er war zuhause. In voller Kampfmontur, Waffe noch am Körper.

„Ich hab dein Tagebuch gefunden und gelesen.“

Da macht man sich Gedanken, was man in so einer Situation tun würde, überlegt sich die hitzigsten Auftritte und dann kommt so ein schlaffer Satz aus dem Mund.

Ich sehe, wie sein Körper sich anspannt. Die Wut steigt hoch und die Adern fangen an zu pochen. Und ich fühle mich einfach nur wie ein nasser Sack.

„Ich hab auch die Stelle gelesen, an der du geschrieben hast, dass du Imme liebst. Und dass du beim Sex mit mir an deine Exfreundin Sandra denkst.“

Der Mann vor mir wuchs vor lauter Wut in Höhe und Breite. Ich war fast morbide neugierig darauf, was nun passieren würde. Egal war es mir in dem Moment allemal. Wie betäubt mein Denken und Fühlen. Er schrie. Ziemlich laut.

„Was hast du an meinen Privatsachen zu suchen???“

Ich war irritiert. Ich erfahre, dass er eine andere liebt und beim Sex mit mir an seine Exverlobte denkt und er macht sich Gedanken über so was?

„Du liebst Imme!“

„JA UND???“, schreit er mir voller Zorn entgegen. „WAS HAST DU AN MEINEN SACHEN ZU SUCHEN???“

Ich höre ihn, ich verstehe sein Problem nicht. Als ob er Imme nicht lieben würde, wenn ich es nicht gelesen hätte. Wo ist der Unterschied?

„Du hast dir am Tag unserer Hochzeit gewünscht, mit ihr zusammen zu sein!! Warum hast du mich denn überhaupt geheiratet???“

Das Gefühl kam langsam wieder.

„WEIL SIE JA NICHT WOLLTE!!!!“

Er stampfte an mir vorbei und mein Gehirn hatte wieder leichte Verarbeitungsprobleme. Der Abend und die Tage und Wochen und Monate die folgten, waren gelinde gesagt bizarr.

Ich war jung, ich war dämlich, ich hatte mir in den Kopf gesetzt, nicht kampflos gegen eine kleine blöde Blondine die Flinte ins Korn zu werfen und meine Ehe zu beenden. Nicht mit mir! Ich sollte Monate später erkennen, dass ich genau das tatsächlich war: Jung und dämlich und ich Idiot hatte den Falschen geheiratet.

Als ich ihm an einem  Montagmorgen im darauffolgenden Frühling mitteilte, dass in einigen Stunden das Umzugsunternehmen kommen würde, ich hätte eine neue Wohnung, sagte er nur: „Ja. Dann machs gut. Ich muss zur Arbeit.“

Meine Tante Erika war da und beruhigte die besorgten Möbelpacker, dass mein lautes Schreien und Weinen nichts mit ihnen zu tun hätte und reichte Brötchen mit Hack und Zwiebeln.

Meine Hälfte der Möbel war verstaut, wir waren fertig. Ein letzter Blick durch die Räume und ich schloss die Tür hinter mir und warf den Haustürschlüssel durch den Briefkastenschlitz.

Der kleine fünfmonatige Welpe neben mir, den mein Mann mir zur „Versöhnung“ geschenkt hatte, sprang an mir hoch und jappste danach aufgeregt die Treppen runter. Biss einen der Möbelpacker spielerisch ins Bein und sprang danach laut kläffend in den kleinen MiniCooper, den ich damals fuhr.

„Sind Sie dann soweit?“, fragte der Fahrer des Umzugslasters.

„Nein.“, antwortete ich. „Aber lassen Sie uns fahren.“

Der Brief

Ich habe eine Mail geschrieben. Und abgeschickt.

Ich mache seit einem Jahr Psychotherapie, um der unendlichen Wut in mir endlich auf den Grund zu gehen.

Vor einem Jahr habe ich herausgefunden, dass mein Ehemann mich schon länger belogen und betrogen hatte, mir und meiner Firma Geld veruntreut, Geld geklaut hat und generell nicht mehr allzu viel Lust auf unsere Ehe hat.

Meine Eltern führen sich auf wie die letzten Menschen und ich sehe durch die Augen meines Kindes zum ersten Mal die Ungeheuerlichkeiten, die sie mir angetan haben.

Mir wird übel, wenn ich darüber nachdenke, meiner Tochter auch nur das Geringste dessen anzutun, was mein Alltag war.

Mein Therapeut riet mir von dieser Mail ab. Dringend.

Zu recht, wie sich jetzt herausstellte.

Amuse-Bouche

Es ist Monate her, dass wir uns gesehen haben. Dementsprechend sorgfältig inszeniert ist mein Auftritt. Ich trage offene dunkelbraune Locken, einen bodenlangen grauen Mantel mit weißem Fellbesatz und hohe Stiefel. Als wir das Restaurant betreten, sind er und seine Frau schon da. Er steht auf, wie immer, wenn eine Dame den Raum betritt. Ich schätze das. Sein Sohn macht das nicht. Der Bauer.

Ich sehe, wie sich der Ausdruck in seinen Augen verändert, als er mich von oben bis unten ansieht. Du siehst gut aus. Er flüstert, während er mir aus dem Mantel hilft. Sein Sohn hat sich bereits hingesetzt und verlangt lautstark nach der Karte. Ich blicke mich kurz um. Ein unpassender Ort für einen so grobschlächtigen Menschen wie ihn.

Er wiederum tritt hinter meinen Stuhl, zieht ihn ein Stück zurück und schiebt ihn formvollendet an den Tisch, während ich mich setze. Seine rechte Hand streift meinen Oberarm und ich spüre seine Wärme durch die dünne Bluse auf meiner Haut. Die Berührung dauert einen Moment zu lange, wie so oft, wenn wir uns begegnen. Einen Sekundenbruchteil nur, nur den Moment eines winzigen Augenblicks.

Ich sitze ihm gegenüber, blicke in seine Augen und lasse die Sticheleien meiner Schwiegermutter an mir vorbeiziehen. Mein Mann ist innerhalb kürzester Zeit in ein Gespräch mit seiner Mutter vertieft.

Meine Karte liegt geschlossen vor mir. Ich streiche mit den Fingernägeln über den ledernen Einband und blicke zu ihm. Er hat seine Lesebrille auf und blickt von seiner geöffneten Karte zu mir, auf meine Finger und wieder zurück. Laut räuspert er sich.

Für dich Kalb, wie immer? Dann suche ich dir etwas heraus.

Ich nicke. Ich bin mir sicher, du weißt, was mir jetzt gut tun würde.

Unsere Blicke treffen sich. Blauer Stahl und orange glühendes Feuer.

Vielleicht vorher noch etwas zum Appetit anregen? Er lächelt. Es ist ein wissendes Lächeln, mit der gesamten Weisheit und Erfahrung seines Alters.

Ich grinse. Breit.

Als wir später spazierengehen, bietet er mir den Arm an. Sein Sohn und seine Frau laufen ein Stück voraus. Ich schmiege mich einen Moment mit der Wange an seine Schulter und atme den Duft seines Rasierwassers ein.

Kalte Winterluft schlägt uns entgegen und ich ziehe den Mantel enger um mich. Noch maximal eine halbe Stunde, dann würden sich unsere Wege wieder trennen.

Fürsorge

Du musst etwas essen.

Ich saß rittlings vollkommen nackt auf seinem Schoß. Er saß auf dem großen Ledersessel in seinem Wohnzimmer, vollständig angezogen. Mir lief der Schweiß in Strömen den Körper herab. Ich schüttelte den Kopf.

Er legte mir ruhig den Finger auf die Lippen. Ich weiß, du isst nur alleine. Ich habe heute Morgen Lasagne gemacht und in den Kühlschrank gestellt. Ich gehe gleich ins Schlafzimmer. Dann hast du Zeit.

Ich nicke. Seine Hand gleitet an meiner Wange entlang und umfasst halb meinen Kopf. Er stöhnt. Langsam zieht er meinen Kopf wieder näher an sich heran. Gesicht an Gesicht halten wir inne. Leuchtendes Blau sieht mich im Halbdunkeln hungrig an. Seine Finger gehen auf Wanderschaft. Er lockt, mit lasziver Trägheit. Keine Bewegung zu viel. Langsam. Genüsslich. Er hat keine Eile. Seine Stimme lässt meine Seele vibrieren. Ja, genau so. Gutes Mädchen.

Ich will meinen Rücken durchbiegen und den Kopf in den Nacken legen, doch er lässt mich nicht. Bleib bei mir. Sieh mich an.

Das Leuchten durchdringt mich tiefer als der Akt an sich es je tun könnte. Ich will dich sehen.

Mit letzter Kraft halte ich diesem Blick stand, keuchend, schwitzend, stöhnend, laut schreiend schließlich, bis ich erneut auf ihm zusammensacke.

Der erste Kuss

Ich kann sein Keuchen mehr spüren als hören, als ich meinen Körper gegen seinen schiebe. Er riecht nach Flieder. Nach Mann. Nach Lust. Jeder Millimeter seines Körpers ist hart. Unnachgiebige, harte Muskelmasse. Ich lasse meine Finger über seine Brust gleiten. Er greift fester zu. Seine Hände liegen an meinen Hüften und ziehen mich noch dichter heran.

Ich lege meinen Kopf in den Nacken und biete ihm meine Kehle dar. Die Nacht gehört uns. Immer schon. Direkt über mir der Komet, strahlend hell, ein Stück Ewigkeit im Wimpernschlag, den ich lebe. Ich schließe meine Augen. Sein Atem hat meinen Hals erreicht.

Zeig dich. Es ist nur ein leises Flüstern. Ich brenne lichterloh.

Ich spüre, wie sich die Fesseln lösen.

Da bist du ja. Er lächelt. Lass uns spielen gehen, meine Wölfin.

Die Welt dreht sich. Ich lasse mich hineinfallen. Weiche Lippen senken sich auf meine. Ein Stromschlag nach dem anderen fährt durch meinen Körper. Ich will kämpfen. Erobern. Besitzen.

Er lässt mich nicht. Unnachgiebig bestimmt er das Tempo, den Takt, unseren Rhythmus, bis ich mich ergebe.

Der Autor

Wir sind allein in der Bibliothek. Meine Bewegungen verlangsamen sich. Ich fixiere ihn.

Ich habe es gelesen. Ein … interessantes Buch. Ich blicke träge auf seine Lippen. Wieder in seine Augen. Er schluckt.

Hat es dich abgestoßen? Dem Meister der Worte kommt diese Frage fast zu hektisch über seine Lippen. Von dem Autoren mit Doktortitel, der mein Deutschlehrer ist, ist nicht mehr viel übrig.

Ich komme vor ihm zu stehen.
Ich beuge mich noch ein Stück nach vorne.

Nein.

Kaum noch Abstand zwischen uns. Ich senke kurz den Blick und beiße mir auf die Unterlippe. Das mag er. Im Unterricht macht es ihn verrückt. Seine Körperwärme ist deutlich spürbar. Noch ein paar Zentimeter und wir berühren uns. Aber keiner bewegt sich.

Ich würde mit Ihnen gerne über die verwendete Art der Metaphern sprechen, als er seinen Schwanz in der Hand hatte und sich hinter sie gekniet hat.

Ein rauhes Stöhnen kommt aus seiner Kehle.

Er zuckt zusammen als es klingelt.
Meine Freistunde ist zuende. Pause.

Bis morgen im Unterricht, flüstere ich noch, bevor ich mich umdrehe und gehe.