2008

Zu meinen Neujahrsvorsätzen gehört auch, wieder regelmäßig Tagebuch zu schreiben. Also tue ich das nun auch.

Was mich momentan sehr mitnimmt, ist die Ich-Bezogenheit der meisten Menschen. Egal, mit welcher der anderen Mütter aus dem Kindergarten unterhalte, ich weiß innerhalb kürzester Zeit alles über private Probleme, Gewichtsprobleme, Ehesorgen, Haushaltssituation, finanziellen Gedanken und Kinderwünsche. Es ist einfach keine Herausforderung. Im Grunde reden alle Menschen am liebsten über sich selber und das ist wohl auch der wunde Punkt, weswegen sie nicht miteinander kommunizieren können. Sie können sich nicht aus ihrem kleinen Universum herausbewegen sondern können nur Themen bedienen, die sich unmittelbar auf ihr eigenes Leben beziehen. Womit eine Kommunikation unmöglich wird.

Wenn ich dabei stehe und nur freundlich kucke, werde ich Zeuge von einer Unmöglichkeit, in der sich zwei Frauen ihr eigenes Leben um die Ohren hauen. Ich habe dasunddas gemacht – und die andere erzählt dasselbe aus ihrem Leben. Höher, schneller weiter – oder im Hausfrauenjargon – billiger, dicker, sorgenreicher – es geht nur um das Selbst. Sie hören sich gerne reden und wenn dann jemand wie ich kommt, der nichts aus dem eigenen Leben preis gibt sondern tatsächlich mal nachfragt (was zuhause und bei „Freundinnen“ de facto nicht vorkommt), dann blühen diese Menschen auf. Und so werde ich unfreiwillig mit allen Facetten dieser Leben konfrontiert. Warum der Mann kein drittes Kind haben möchte, wie viel Unterhalt die Exfrau bekommt, warum die Schwiegereltern an den Eheproblemen Schuld sind oder wie genau sich der Dammriss bei der zweiten Geburt auf den Geschlechtsverkehr auswirkt. Es ist für jeden etwas dabei…

Ich wünsche mir oft, dass ich irgendwo irgendjemanden treffe, der eine Frage stellt.

Aber das ist mir nicht vergönnt. Und so manipuliere ich die Leute weiter, indem ich ihnen das gebe, was sie verlangen, nämlich Aufmerksamkeit für ihr kleines unbedeutendes Leben und die Sorgen darin.

Weihnachten

„Wenn Sie Hunger haben, nehmen Sie halt das Brötchen!“, produzierte sich die Frau vor dem Bettler und hielt ihm lieblos die Tüte hin. Sah gleichzeitig beifallheischend in die Menschenmenge, die als Schlange beim Bäcker vor dem Supermarkt anstand.

„Diese Penner!“, keifte sie noch beim Weggehen, als der Obdachlose stumm die Tüte nahm und auch noch das Gesicht verzog. Diese Anmaßung! Erst betteln gehen und dann auch noch Sonderwünsche haben. Angeblich Hunger haben und dann nicht mal das mitgebrachte Brötchen nehmen. Nur Geld haben wollen – dieser Abschaum der Gesellschaft.

Abschaum darf keine Allergien haben.
Keine Vorlieben.
Kein Nicht-Mögen.
Friss oder stirb, mehr gibt es nicht.
Ich gebe dir Geld und weil ich es mir leisten kann, arrogant zu sein, gebe ich dir noch ein joviales Aber-keinen-Schnaps-kaufen-ja? mit auf den Weg.

Meine Gedanken wanderten einige Jahre zurück, als ich am Weihnachtsabend in der Fußgängerzone neben einem Obdachlosen auf einer Bank saß. Sonst liefen wir gemeinsam ein Stück, aber heute saßen wir. War schon ein wenig her, dass unsere Wege sich das letzte Mal trafen.

„Sie fühlen sich unwohl auf der Bank?“ lächelte ich ihn an, weil er ständig hin und her rutschte.

„Ja .Gewohnheit. Die Leute müssen das Gefühl haben, auf mich hinabblicken zu können. Sonst geben sie nichts. Bänke sind nicht für Menschen wie mich.“

Ich antworte nicht, sondern gab ihm sein Weihnachtsgeschenk. Die Hälfte meines Gehaltes von diesem Monat.

„Ich würd gern was Schlaues sagen.“, flüsterte ich hilflos.

„Dann sag doch, ich soll mit dem Geld was Vernünftiges machen. Nicht saufen gehen.“

„Sind die Nächte sehr kalt im Moment?“

„Ja.“

…

„Du kannst noch sagen, ich soll mir doch ein Obdachlosenheim suchen.“

„Ja. Könnte ich. Schlafen Sie immer noch auf dem Friedhof?“

„Ja. Wenn sie mich nicht erwischen. Letztens musste ich die Nacht auf Station verbringen. Sie haben mich angeschrien, ich solle zur Vernunft kommen.“

Bitterkeit mischte sich in seine Stimme.

Ich erzählte, ich sei schon auf dem Weg zu meinen Großeltern. Weihnachten eben. Irgendwann schlich sich die Wehmut in sein Gesicht.

„Ich muss langsam los. Muss noch Alkohol kaufen für heute Nacht.“

„Würden Sie Ihrer Frau frohe Weihnachten von mir wünschen?“, fragte ich leise.

Er lächelte wieder.

„Ja. Vielleicht können wir nächstes Jahr schon wieder zusammen sein.“

Eine einzelne Träne lief über seine Wange, die er sachte wegwischte. Er blickte sich um, ob wir unbeobachtet waren und sah mir das erste Mal direkt in die Augen. Für einen Moment berührten sich unsere Seelen.

„Diese Erde zwischen uns, wenn wir nachts schlafen… sie ist fast unerträglich…“

Er verschloss sich wieder, stand auf, wandte sich ab und murmelte noch ein leises „Danke“, bevor er verschwand. Ich blickte stumm in die Dunkelheit.

Einige Zeit später betrat ich die helle und warme Wohnung meiner Großeltern. Meine Großmutter hatte rosig glänzende Wangen und strahlte und die laute tiefe Stimme meines Großvaters tönte mir entgegen.

„Kind! Es ist Weihnachten! Komm, lass uns zusammen spielen!“

Ich wurde sofort umfangen von dieser warmen leuchtenden Stimmung und legte den Mantel ab. Als die ersten Akkordeontöne erklangen, fiel mein Blick auf die offene Balkontür und meine Gedanken wanderten zu dem Friedhof, nicht weit und doch ganze Welten von uns entfernt.

Ja

Unser Ja ist ein Ja.

Unser Ja ist kein Jaja.
Unser Ja ist kein möglicherweise,
kein unter Umständen,
kein probeweise.
Unser Ja ist kein Naja.

Unser Ja ist ein Ja zu uns,
wie wir sind
und wie wir werden können.

Maaamaaa?

Ja?

Du, Gott ist doch überall, oder?

Ja.

Auch bei den Sternen, wo meine tote Babyschwester ist, ne?

Ja, auch dort.

Auch in Afrika, bei den Löwen, ne?

Ja, Gott ist auch in Afrika.

Auch am Südpol? Und auch in Schweden?

Ja, auch dort.

Hm… (kurzes Schweigen) Maamaaaaa?

Hm?

Ich finde, dass Gott voll cool ist.

[Ja, das ist er…]

Kobold

Wenn mein Sohn breit grinsend an den großen Küchenschrank gelehnt da sitzt und es hinter ihm in besagtem Schrank ganz dolle rumpelt und er sich dabei einen Ast freut…

… dann hat er es wieder einmal geschafft, den dicken Halbperser in den Schrank zu locken und dort einzusperren.

Das Tier ist aufgrund weitreichender Erfahrung in dem Bereich nur leicht gestresst und wieder frei.
Der Kobold ist maulig, hat inzwischen die Tür für die zweite Katze geöffnet und wirft Käse in den Schrank.

KATZEN!!!

Ich habe ganz entzückende wunderbare Katzen, seit nunmehr 12 Jahren.

Ich möchte in Ruhe duschen, ohne von Mister Orange mit Fell – ich-muss-immer-dann-auf-Klo-wenn-du-duschen-gehst gestört zu werden.

Und täusche also vor, nicht duschen gehen zu wollen, warte seine Morgentoilette ab und mache die Tür zu. Für genau 10 Minuten.

Vor der Tür stehen drei Wäschekörbe mit frischgewaschener Wäsche, die ich eben zusammenlegen wollte.

WAS passiert??

Genau, Mister orangefarbener fetter Halbperser macht in ALLE drei Wäschekörbe. 

ICH MÜSSTE ES DOCH NACH SO VIELEN JAHREN BESSER WISSEN!!!

HARGH!!! Katzen.

Ich.bin.so.doof.

Ach wie fein

war der heutige Morgen.

Jetzt sind zwar alle ein bisschen spät aus dem Haus gekommen, dafür waren wir heute Morgen für eine kurze wundervolle Zeit mal nur Paar, weil die lieben Kinder tatsächlich die Morgendämmerung verschlafen haben.

Wenn man normalerweise beim ersten Tageslicht (also mitten in der Nacht quasi) in zwei Paar Kinderaugen sieht, die schon SEHR wach kucken können, sind solche Begegnungen umso kostbarer.

Ich beneide Menschen mit Kindern, die lange und viel schlafen.

Kreativ am Morgen

Ich habe ein grellgelbes Kleid fertig genäht, dessen Stoff man keine 3 Sekunden betrachten kann ohne Augenschmerzen zu bekommen, einen zugegeben sehr kreativen Rock erschaffen und die Tochter ist glücklich.

Was will man mehr.

Ich sprudle vor lauter Ideen, aber der Kobold ist momentan so empfindlich, dass ich zu nichts komme.

Es kann nur besser werden.

Grund zur Freude

Die gibt es heute.

Heute ist ein ganz wunderbarer Tag, an dem meine andere Hälfte und ich etwas furchtbar wundervoll Symbolisches tun. Und dann gibt es kein Halten mehr. Oder so ähnlich…

Dann habe ich mal wieder gemerkt, dass man lieber ein gutes Original als eine schlechte Kopie macht. Ich sehe schlechte Kopien und  erfreue mich daran, dass das, was ich mache, zwar anders ist aber eben – original.

Wenn man Geld mit etwas verdienen will, gilt diese Regel gleich doppelt.

Das Wochenende naht und ich habe Schreckliches über die Erdbeerfelder gehört.

Also werden am Wochenende die eingemachten Blaubeeren dran glauben müssen.

Das Leben ist schön.

Aufgewühlt, schockiert, entsetzt

Ich zittere immer noch vor Wut ob solcher Gleichgültigkeit.

Aber eine Stunde zurück.

Ich hole mit meinem Sohn das Töchterchen vom Kindergarten ab.

Auf dem Rückweg fahren die Autos vor mir plötzlich auf die Gegenfahrbahn, es hupt ganz wild, alle bremsen und scheren aus.

Ich sehe beim Bremsen, dass da ein Hindernis mitten auf der Fahrbahn liegt.

Und realisiere dann, dass es sich um einen Menschen handelt. Eine Frau.

Also, innerhalb eines winzigen Augenblickes entschieden, das Auto vor dieser Frau zu parken und auf Gott zu vertrauen, dass die beiden Kinder hinten im Wagen sicherer sind als die Frau auf der Straße, wenn ich das Auto erst weiter hinten abstelle und zwar meine Kinder in Sicherheit habe, aber die Frau weiter ungeschützt auf der Straße liegt.

Warnblinkanlage an, aus dem Auto gesprungen und fassungslos beim Laufen zu der Frau die weiterfahrenden und hupenden Autos irgendwo ganz hinten im Gehirn registriert.

Ich weiß nicht, was ich erwartet habe, aber als ich den Rollator von der Frau wuchte (mein Gott, wie schwer sind diese Dinger…) um sie mir anzusehen, schlägt sie die Augen auf.

Augen voll mit Tränen.

Plötzlich ist es ganz still, ich höre nichts mehr vom Straßenlärm und es gibt nur noch ihre Augen, die in Meine schauen.

„Es sind so viele vorbeigefahren“, flüstert sie. „Können Sie mir bitte aufhelfen?“

Mir wird klar, dass ich hier mitten auf der Hauptverkehrsstraße kniee, meine Kinder allein im Auto sind und diese Frau unbedingt aufstehen muss. Also hoch mit ihr.

Es gibt leider keinen Straßenrand oder Bordstein auf dieser Seite und auf die andere Seite komme ich nicht, weil die Autos immer noch schnell an uns vorbeifahren und ich keine Chance sehe, heil mit ihr da drüben anzukommen.

Während ich sie halb zu meinem Auto trage, halb stütze und gleichzeitig versuche, herauszufinden, was ihr alles fehlt, murmelt sie unzusammenhängende Sätze vor sich hin.

Sie hätte die Hitze unterschätzt, es war so kalt, sie hätte nicht die Jacke anziehen dürfen, ihre Augen, war da nicht mal ein Bordstein, ein Laster hat nur ganz knapp ihren Kopf verfehlt…

Ich versuchte unterdessen, sie in mein Auto zu setzen während sie versuchte, mich davon zu überzeugen, dass ich sie nur einfach wieder an ihren Rollator stellen und ihr sagen solle, wo der Bürgersteig sei, sie würde kaum noch sehen können, aber wenn ich es ihr sagte, würde sie den Weg nach Hause schon finden.

Einige Minuten später war das Schlimmste überstanden. Das Auto mitsamt allen Insassen stand am Straßenrand im Schatten, das Kindergartenwasser der Großen musste zur ersten Hilfe herhalten (und ich wette, die gute Frau hat das erste Mal aus einer Sigg-Flasche getrunken) und es kam Leben in die alte Dame.

Ich erfuhr, dass sie sich zu dick angezogen hatte, weil es so kalt war. Kurz nachdem ich mich innerlich gewundert hatte, wie sie um 14 Uhr mittags bei 25°C im Schatten darauf kommt, fragte ich sie, wann in aller Welt sie denn losgegangen sei.

Um 8 Uhr heute Morgen – seitdem hat sie nichts gegessen, nichts getrunken und ist nur Schritt für Schritt mit ihrem Rollator Richtung Supermarkt geschlichen, um Lebensmittel zu kaufen.

Sie wird 86 Jahre alt, kann nicht bis auf den Boden kucken, dazu reicht ihre Sehkraft nicht mehr. Sie kann nicht mehr richtig laufen, hat aber kein Geld für den Bus, das sie von den Lebensmitteln abknapsen könne. Sie hat keine Familie und die Nachbarn haben zwar angeboten, ihr zu helfen, aber sie möchte sie nur ungern stören, weil die Frau mit den zwei Kindern genug zu tun hätte.

Als wir bei ihr zuhause ankamen (ich habe auf meinen Kilometerstand gesehen – es waren noch gut 2 km – bergauf) und ich ihre Einkäufe in ihre Wohnung trug und den Rollator auslud, öffnete sie ihr Portemonaie und hielt mir einen 5-Euro-Schein hin.

Den ich abgelehnt habe.

Viermal.

Dann fing sie bitterlich an zu weinen und auf meine Nachfrage sagte sie ganz leise – dass ich mich vorbeugen musste, sie zu verstehen:

„Bitte – nehmen Sie das Geld, es ist die einzige Art und Weise, wie ich Ihnen danken kann. Bitte.“

Ich habe das Geld genommen. Mit einem sehr ambivalenten Gefühl.

Dann umarmt sie mich noch ganz kurz ganz fest und schiebt mich zur Tür hinaus.

„Sie müssen jetzt mit den Kindern nach Hause fahren. Ich würde sagen, Sie sind ein Engel, aber Sie sind nicht blond und tragen viel zu viel Schwarz dafür.“

Nachdenklich kneift sie die Augen zusammen und schielt noch kurz in meine Richtung, bevor sie die Tür schließt.

„Sie müssen bei den Pfadfindern gewesen sein.“