„Helfen“

Es gibt zwei Arten von Hausarbeit.

Die, die man sieht und die, die man erst sieht, wenn sie zwei Wochen lang nicht gemacht wurde. Klar ist es einfach, mal eben die Wohnung zu saugen, eine Maschine Wäsche anzustellen oder das schmutzige Geschirr in die Spülmaschine zu räumen.

Und sich dann zurückzulehnen und stolz zu sein.

Aber die wirkliche Arbeit, die steckt woanders. Alle Oberflächen abwischen. Unter dem Herd die Schrankbeine abzuwischen und den Kinderstuhl zu schrubben. Neben der Toilette die Dreckspritzer der ganzen Familie zu beseitigen. Mal den Boden wischen. Das Treppenhaus fegen.

Da kuckt man nicht sofort hin und in diesem Fall übersieht man es einfach.

„Mach bitte mal ein bisschen im Haushalt“ habe ich mir anders vorgestellt.

Drüberfuddeln kann ich auch. Sehr gut sogar…

Aber was tun in diesem Fall? Soll ich nun meckern? Es ruhig ansprechen und wieder alles haarklein erklären? Den Mund halten? Enttäuscht sein?Ich weiß es einfach nicht.

Wahrscheinlich mache ich es einfach wieder selber.

Mutter

Was will ich denn eigentlich von ihr? Was erwarte ich davon, wenn sie hier anruft?

Ich kann das Muttersein nicht erzwingen, genauso wenig wie Gefühle für mich oder Interesse an meinem Leben. Klar, wenn alles gut läuft, dann redet sie gerne mit mir, aber meine Sorgen aussprechen durfte ich ja nun nie.

Du schaffst das, du bist stark, du kannst ja ein neues Kind bekommen, du machst das schon – ihre „Lösungen“ die mich mein Leben lang begleiten. Klar. Einfacher lassen sich Probleme für sie ja nun nicht zur Seite schieben.

Das war schließlich schon immer so.

Also, was will ich von ihr?

Warum diese Sehnsucht, sie anzurufen, mal wieder enttäuscht zu werden…

Frust

Warum genau habe ich mich heute so abgemüht?

Abends sieht es so chaotisch aus wie am Morgen, unabhängig davon, wie viele Stunden am Tag ich mit Putzen, aufräumen, saugen oder wischen verbracht habe. Das ist echt frustrierend.

Ich habe heute das Küchenklo gewienert ohne Ende. Und als ich fertig bin, macht das Kind natürlich vor die Toilette. Und jetzt ist auch noch irgendwas undicht. Super.

Die Küche war heute so sauber und aufgeräumt und nun? Ein Schlachtfeld.

Kein Bock mehr, echt. So schön das Putzen an sich auch ist, aber es sollte zumindest ein bisschen sauber bleiben.

Heute mit dem Mann über meine Mutter geredet.

Die Tochter ist nach wie vor krank und die Tage ziehen sich wie Kaugummi.

Mama?

Manchmal wünsche ich mir eine Mutter. Eine richtige Mama. Erinnerungen an eine Kindheit voller Wärme und Liebe und Nähe.

Ich versuche, meinen Kindern eine gute Mutter zu sein. Ich weiß aber nur aus Büchern, was eine solche Mutter überhaupt ausmacht. Ich habe Filme gesehen, Geschichten gelesen, andere Kinder gesehen, die von ihren Müttern ohne jegliche sexuelle Ambitionen in den Arm genommen wurden. Getröstet wurden, ohne dafür bezahlen zu müssen.

Ich habe immer dieses brennende Gefühl des Neides gespürt, wenn ich eine solch augenscheinlich intakte Mutter-Kind-Beziehung gesehen habe.

Früh war ich der Meinung, dass ich gar keine richtige Mutter bräuchte. Es war schon okay so – wie hätte ich es auch ändern sollen. Ich traf meine Vorsichtsmaßnahmen. War immer angekleidet. Keine nackte Haut zeigen, keine Sehnsucht nach Nähe. Unnahbar sein und gerne in Kauf zu nehmen, das tägliche „Ich finde dich so zum Kotzen“ zu hören. Weil das bedeutete, dass niemand meine Haut berührte. Niemand würde mich gegen meinen Willen küssen. Niemand würde mich an Stellen berühren, die zu intim waren um sie überhaupt auszusprechen.

Die Kunst, in einem Haushalt zu existieren und den größtmöglichen Abstand zu einem Familienmitglied zu halten, das seinerseits versuchte, den ganzen Tag mit „zufälligen“ Berührungen zu füllen. Meine Brüste habe ich lange abgebunden, damit ich keine Berührung empfinden kann. Durch mehrere Lagen Binde merkt man auf der Haut kaum noch etwas. Sehr pragmatisch. Und mein Alltag.

Als ich älter wurde, merkte ich, dass ich mich nicht nur „anstellte“, wie es mir sooft vorgehalten wurde. Dass andere Kinder nicht nackt für ihre Mütter posieren mussten. Dass andere Kinder dann nicht auch noch angefasst wurden. Aber wenn man nur falsch kennt, empfindet man das automatisch als normal und nicht zu ändern. Das kommt erst später.

Zurück zu meinen Kindern. Bei meiner Tochter tat ich mich sehr schwer mit der Pflege im Säuglingsalter. Ich traute mich kaum, sie zu berühren. Sie sauber zu machen. Ihre Windel zu wechseln. Sah ich doch diese normalen Tätigkeiten in Erinnerung an meine Kindheit schon als Grenzüberschreitung. Es hat lange gedauert, bis ich sie ohne Seelenqual waschen konnte. Auch das Stillen war sehr davon belastet, ihr „das“ nicht zumuten zu wollen. Ich wollte sie nicht zwingen, etwas in den Mund zu nehmen, was in meiner Erinnerung einfach nur eklig war. Für normale Menschen ein kaum nachvollziehbarer Gedanke. Und so war auch das neben vielen anderen ein Grund, es schnell wieder sein zu lassen.

Als ich schwanger war, brauchte ich nach langer Zeit mal wieder eine Mutter. Ich träumte von einer gesunden Mutter-Tochter-Beziehung. Dass ich ihre Hand ganz unschuldig auf meinen Bauch legen könnte, damit sie ihr Enkelkind spüren könnte. Im Vorbereitungskurs war eine Frau mit ihrer Mutter, die sie auch mit zur Geburt nehmen wollte. Ich war neidisch. Glühend eifersüchtig. Ich hatte keinen Mann zum Anlehnen und meine Mutter… naja. Sie hat nicht einmal meinen Bauch berührt. In keiner Schwangerschaft hätte ich das zugelassen, solange ich noch einen Atemzug tun kann. Aber gewünscht hab ich mir das. Eine richtige Mutter. Eine Mama zum Anlehnen. Zum Teilen.

Eine, die Erfahrung weitergeben kann. Auch jetzt ist der Wunsch nach einer mütterlichen Bezugsperson sehr stark. Ich möchte jemanden haben, der seine Erfahrung mit mir teilt.

Auch jemand, dem ich meine Kinder anvertrauen könnte. Ich war so gerne bei Oma und Opa früher – meinen Kindern fehlt diese Erfahrung völlig.

Der Nachname

Ich habe gestern alle meine Konten gekündigt.
Alle Depots, kleine und große Konten, alles.

Ohne Netz und doppelten Boden, quasi. In diesem Zug habe ich auch erst mal alle bekannten Institutionen angeschrieben und endlich meinen Nachnamen geändert. Kein Zurück mehr.

Ich mache mir nun keine Gedanken mehr über „die Zweite“ oder nicht.

ICH bin Frau R..
Ich habe mich entschieden, diesen Namen anzunehmen und dieses Nicht-Durchziehen der ganzen Sache ist auch sehr respektlos dem Mann gegenüber.

Umpf.

2008

Zu meinen Neujahrsvorsätzen gehört auch, wieder regelmäßig Tagebuch zu schreiben. Also tue ich das nun auch.

Was mich momentan sehr mitnimmt, ist die Ich-Bezogenheit der meisten Menschen. Egal, mit welcher der anderen Mütter aus dem Kindergarten unterhalte, ich weiß innerhalb kürzester Zeit alles über private Probleme, Gewichtsprobleme, Ehesorgen, Haushaltssituation, finanziellen Gedanken und Kinderwünsche. Es ist einfach keine Herausforderung. Im Grunde reden alle Menschen am liebsten über sich selber und das ist wohl auch der wunde Punkt, weswegen sie nicht miteinander kommunizieren können. Sie können sich nicht aus ihrem kleinen Universum herausbewegen sondern können nur Themen bedienen, die sich unmittelbar auf ihr eigenes Leben beziehen. Womit eine Kommunikation unmöglich wird.

Wenn ich dabei stehe und nur freundlich kucke, werde ich Zeuge von einer Unmöglichkeit, in der sich zwei Frauen ihr eigenes Leben um die Ohren hauen. Ich habe dasunddas gemacht – und die andere erzählt dasselbe aus ihrem Leben. Höher, schneller weiter – oder im Hausfrauenjargon – billiger, dicker, sorgenreicher – es geht nur um das Selbst. Sie hören sich gerne reden und wenn dann jemand wie ich kommt, der nichts aus dem eigenen Leben preis gibt sondern tatsächlich mal nachfragt (was zuhause und bei „Freundinnen“ de facto nicht vorkommt), dann blühen diese Menschen auf. Und so werde ich unfreiwillig mit allen Facetten dieser Leben konfrontiert. Warum der Mann kein drittes Kind haben möchte, wie viel Unterhalt die Exfrau bekommt, warum die Schwiegereltern an den Eheproblemen Schuld sind oder wie genau sich der Dammriss bei der zweiten Geburt auf den Geschlechtsverkehr auswirkt. Es ist für jeden etwas dabei…

Ich wünsche mir oft, dass ich irgendwo irgendjemanden treffe, der eine Frage stellt.

Aber das ist mir nicht vergönnt. Und so manipuliere ich die Leute weiter, indem ich ihnen das gebe, was sie verlangen, nämlich Aufmerksamkeit für ihr kleines unbedeutendes Leben und die Sorgen darin.

Weihnachten

„Wenn Sie Hunger haben, nehmen Sie halt das Brötchen!“, produzierte sich die Frau vor dem Bettler und hielt ihm lieblos die Tüte hin. Sah gleichzeitig beifallheischend in die Menschenmenge, die als Schlange beim Bäcker vor dem Supermarkt anstand.

„Diese Penner!“, keifte sie noch beim Weggehen, als der Obdachlose stumm die Tüte nahm und auch noch das Gesicht verzog. Diese Anmaßung! Erst betteln gehen und dann auch noch Sonderwünsche haben. Angeblich Hunger haben und dann nicht mal das mitgebrachte Brötchen nehmen. Nur Geld haben wollen – dieser Abschaum der Gesellschaft.

Abschaum darf keine Allergien haben.
Keine Vorlieben.
Kein Nicht-Mögen.
Friss oder stirb, mehr gibt es nicht.
Ich gebe dir Geld und weil ich es mir leisten kann, arrogant zu sein, gebe ich dir noch ein joviales Aber-keinen-Schnaps-kaufen-ja? mit auf den Weg.

Meine Gedanken wanderten einige Jahre zurück, als ich am Weihnachtsabend in der Fußgängerzone neben einem Obdachlosen auf einer Bank saß. Sonst liefen wir gemeinsam ein Stück, aber heute saßen wir. War schon ein wenig her, dass unsere Wege sich das letzte Mal trafen.

„Sie fühlen sich unwohl auf der Bank?“ lächelte ich ihn an, weil er ständig hin und her rutschte.

„Ja .Gewohnheit. Die Leute müssen das Gefühl haben, auf mich hinabblicken zu können. Sonst geben sie nichts. Bänke sind nicht für Menschen wie mich.“

Ich antworte nicht, sondern gab ihm sein Weihnachtsgeschenk. Die Hälfte meines Gehaltes von diesem Monat.

„Ich würd gern was Schlaues sagen.“, flüsterte ich hilflos.

„Dann sag doch, ich soll mit dem Geld was Vernünftiges machen. Nicht saufen gehen.“

„Sind die Nächte sehr kalt im Moment?“

„Ja.“

…

„Du kannst noch sagen, ich soll mir doch ein Obdachlosenheim suchen.“

„Ja. Könnte ich. Schlafen Sie immer noch auf dem Friedhof?“

„Ja. Wenn sie mich nicht erwischen. Letztens musste ich die Nacht auf Station verbringen. Sie haben mich angeschrien, ich solle zur Vernunft kommen.“

Bitterkeit mischte sich in seine Stimme.

Ich erzählte, ich sei schon auf dem Weg zu meinen Großeltern. Weihnachten eben. Irgendwann schlich sich die Wehmut in sein Gesicht.

„Ich muss langsam los. Muss noch Alkohol kaufen für heute Nacht.“

„Würden Sie Ihrer Frau frohe Weihnachten von mir wünschen?“, fragte ich leise.

Er lächelte wieder.

„Ja. Vielleicht können wir nächstes Jahr schon wieder zusammen sein.“

Eine einzelne Träne lief über seine Wange, die er sachte wegwischte. Er blickte sich um, ob wir unbeobachtet waren und sah mir das erste Mal direkt in die Augen. Für einen Moment berührten sich unsere Seelen.

„Diese Erde zwischen uns, wenn wir nachts schlafen… sie ist fast unerträglich…“

Er verschloss sich wieder, stand auf, wandte sich ab und murmelte noch ein leises „Danke“, bevor er verschwand. Ich blickte stumm in die Dunkelheit.

Einige Zeit später betrat ich die helle und warme Wohnung meiner Großeltern. Meine Großmutter hatte rosig glänzende Wangen und strahlte und die laute tiefe Stimme meines Großvaters tönte mir entgegen.

„Kind! Es ist Weihnachten! Komm, lass uns zusammen spielen!“

Ich wurde sofort umfangen von dieser warmen leuchtenden Stimmung und legte den Mantel ab. Als die ersten Akkordeontöne erklangen, fiel mein Blick auf die offene Balkontür und meine Gedanken wanderten zu dem Friedhof, nicht weit und doch ganze Welten von uns entfernt.

Ja

Unser Ja ist ein Ja.

Unser Ja ist kein Jaja.
Unser Ja ist kein möglicherweise,
kein unter Umständen,
kein probeweise.
Unser Ja ist kein Naja.

Unser Ja ist ein Ja zu uns,
wie wir sind
und wie wir werden können.

Maaamaaa?

Ja?

Du, Gott ist doch überall, oder?

Ja.

Auch bei den Sternen, wo meine tote Babyschwester ist, ne?

Ja, auch dort.

Auch in Afrika, bei den Löwen, ne?

Ja, Gott ist auch in Afrika.

Auch am Südpol? Und auch in Schweden?

Ja, auch dort.

Hm… (kurzes Schweigen) Maamaaaaa?

Hm?

Ich finde, dass Gott voll cool ist.

[Ja, das ist er…]

Kobold

Wenn mein Sohn breit grinsend an den großen Küchenschrank gelehnt da sitzt und es hinter ihm in besagtem Schrank ganz dolle rumpelt und er sich dabei einen Ast freut…

… dann hat er es wieder einmal geschafft, den dicken Halbperser in den Schrank zu locken und dort einzusperren.

Das Tier ist aufgrund weitreichender Erfahrung in dem Bereich nur leicht gestresst und wieder frei.
Der Kobold ist maulig, hat inzwischen die Tür für die zweite Katze geöffnet und wirft Käse in den Schrank.