Emi

Heute ist so ein Tag.

Vor vier Jahren starb der Zwilling des Kobolds in meinem Bauch.
Noch einige Stunden und es ist genau drei Jahre her, dass wir mit zwei Kindern und Blutspur und totem Baby in der Tasche umherirrten.

Vor zwei Jahren sagte ich dem Mann, dass ich wieder schwanger bin.
Letztes Jahr passierte überhaupt gar nichts.

Heute Morgen habe ich einen Schwangerschaftstest gemacht und heute Mittag lese ich das siebenjährige Tochterkind von der Straße auf und erfahre, dass es in seine erste Prügelei verwickelt war.

„Mama, ich hab nur zurückgeschlagen.“, sah es mich verunsichert an.

Und fügte Sekunden später kleinlaut hinzu: „Aber ziemlich feste.“

Gutes Kind.
Ich will Kämpfer, keine Opfer.

Von Halbtoten

Drei Kinder, ein großer hübscher Mann und ich fahren in den siebten Stock des Krankenhauses, in dem sich meine Großmutter gerade befindet.

Wir steuern zielstrebig den richtigen Flur an und gehen den Gang entlang. Zimmer 112, 113, 114, 115 – bis Zimmer 125 müssen wir kommen.
Zimmer 116, Zimmer 117 und ich höre hinter mir den Kobold laut krähen und mit seiner Blume herumfuchteln, die inzwischen schon zur Hälfte abgeknickt ist. Ich seufze. Innerlich. Das Tochterkind und die Erdbeermotte laufen mit ihren Blumen neben dem hübschen Mann her.

Zimmer 118.

Beim nächsten Zimmer ist die Tür halboffen.

Ich sehe Hausschuhe.

Alte Beine, auf dem Boden ausgestreckt.

Ich gehe einen Schritt weiter, das Blut gefriert in meinen Adern.

Eine halb runtergezogene Windel, starre Handgelenke, ein nackter Bauch und ich gehe noch einen Schritt weiter, trete ein und sehe hinter die Tür, die der Körper auf dem Boden halb geschlossen hält.

Ich sehe einen alten Mann. Das Genick seltsam verdreht, die Gliedmaßen steif, die Haut gelb glänzend.

Ich sehe das Bild meines Großvaters bei seiner Aufbahrung, das sich vor meine Augen schiebt und ich denke nur oh Gott, wie tot kann man sein.

Ich trete einen Schritt zurück und sehe eine Frau vorbeikommen. Ich fahre sie an: „Los, holen sie Hilfe!“

Sie wirft nur einen Blick hinter mich, wird bleich, murmelt ein OhGott und rennt los. Der Mann versucht in der Zwischenzeit, unsere Kinder weiterzuschieben, aber der Kobold hat schon gesehen.

„Mann hinnefalln?“

Ich stehe dort und fühle mich betäubt. Hilflos. Ich sage „Hallo!“ und denke gleichzeitig „tot“. Ich bin völlig neben der Spur und denke nicht einmal daran, seinen Puls zu fühlen, weil ich denke, dass dieser Mann sowieso tot ist. Er sieht einfach zu sehr wie mein Großvater aus.

Ich habe da keine Glanzleistung vollbracht. Im Gegenteil.
Ich habe nichts getan um zu helfen und das nagt sehr an mir.
Ich stand da nur wie gelähmt und habe den Mann nicht mal berührt.
Nicht mal versucht, etwas zu tun.

Nur mit ihm gesprochen und versucht, den wattigen Nebel zu durchdringen, der mein Gehirn umgab.
Ich habe mir angemaßt, etwas zu wissen, das ich nicht wissen konnte.

Als die Pfleger kamen, trat ich zurück und hörte von einem Pfleger: „nicht schon wieder“ und dachte nur: „wie oft ist der Mann denn wohl schon gestorben?“.

Alle behielten die Ruhe und ich, die immer so stolz war, in Krisensituationen ruhig zu bleiben,  habe es nicht geschafft, zu mir zu kommen. Ich stand neben mir. Das tote Gesicht meines Großvaters immer vor mir. Der alte Mann auf dem Fußboden, völlig verdreht, so tot.

Er ist nicht tot.

Sagen die Pfleger.

Er hätte wohl schon öfter diese Bewusstlosigkeitsanfälle gehabt.

Ich starre vor mich hin und frage fast völlig geistesgestört: „aber er war doch tot“ und die Stationsschwester lächelt ein wenig verunsichert und bestätigt erneut, dass er lebt.

Ich fange von meinem Großvater an, völlig untypisch für mich.
Ja, lächelt die Frau jetzt verständnisvoll, so eine Bewusstlosigkeit wirkt manchmal sehr erschreckend.

Ich weiß nicht, ob es mich lähmte, dass ich in einem Krankenhaus war und der Meinung war, es müsste doch eigentlich jemand da sein, der sich kümmern kann. Ich weiß nicht, ob ich mich anders hätte verhalten können, wenn ich allein gewesen wäre. Wenn ich in dem Wissen, keine Hilfe holen zu können, gezwungen gewesen wäre, mich richtig zu kümmern.

Ich weiß es einfach nicht.

Ich hoffe, daraus zu lernen und gleichzeitig, dass ich so bald keine Gelegenheit dazu bekomme, den nächsten Halbtoten betreuen zu müssen, über den ich stolpere.

Liebes Leben, lieber Gott. Das war nicht komisch.
Ich kann auf diese Dinge gut verzichten.

Uroma

War das jetzt nur die Vorbereitung?

Ganz ehrlich, hast du mich durch dieses beschissene Jahr geschickt, damit ich dann JETZT auf das Finale vorbereitet bin? Ich dachte, das wäre es jetzt endlich??? Manchmal mag ich dich nicht. Überhaupt nicht.

Den Ärzten bleibt nichts anderes übrig, als sie ins Krankenhaus zu schicken. Sie ist 82, sie hat ihren Mann vor wenigen Monaten verloren, ihr Sohn hat sie abgewiesen. Sie altert doch nur.

Warum nun schon wieder das Krankenhaus?
Ja, sie isst nicht mehr, ja, sie trinkt zu wenig.
Ja, die Blutwerte werden schlechter.
Meine Güte,sie nimmt seit Jahrzehnten Medikamente und ist 82.
Und dann dieses Jahr.
Was erwarten die Ärzte denn?
Was soll den jetzt noch therapiert werden?
Nach dem letzten Krankenhausaufenthalt vor einigen Wochen ging es ihr schlechter als vorher. Das Krankenhaus ist der denkbar schlechteste Ort für jeden Menschen, dem es eigentlich nur an Fürsorge und Gesellschaft fehlt.

Was soll das?? Sie sitzt dort und wird gleich abgeholt und muss noch packen. Und wir kommen erst in drei Tagen hin. Meine Gedanken kreisen. Ich bin nicht vorbereitet. Und doch mussten der Mann und ich gestern nicht diskutieren. Wir haben uns  nur angesehen und genickt.

Was bleibt?

Ich habe diese Frau doch erst wiederbekommen, nach so vielen Jahren. Und jetzt? Jetzt im Zeitraffer? Die Kinder sind begeistert, auch wenn sie natürlich nicht abschätzen können, was es bedeutet. Das große Tochterkind plant schon, wie ihr Zimmer umgestellt wird, wenn die beiden Kleinen zu ihr kommen, weil Oma das andere Kinderzimmer bekommt.

Bleiben wir. Ich. Bin ich bereit?
Muss ich das überhaupt sein?

„Ich hab da was für euch rausgesucht, damit ihr das auch wirklich bekommt.“, sagte sie und ich merke, spüre, wie sie sich und ihre Dinge ordnet.

Ich möchte schreien, weinen, sie schütteln.
Nein, ich bin nicht bereit.

Überhaupt nicht.
Aber wir werden diesen Weg mit ihr gemeinsam gehen.

Es ist wie es ist.

Liebe.

vertraut

Seit gestern Abend grüble ich, warum mir der Name des Krankenhauses, in das meine Oma heute kommt, nur so seltsam vertraut ist.

Die Großstadt, in der sie lebt, hat viele Krankenhäuser und diesmal ist es eben jenes. Und ich denke auf dem Namen herum und mein Gehirn knotet sich noch ein wenig fester zusammen.

Eben lese ich die Adresse und es blinkt plötzlich vor meinen Augen.

Der Knoten hat sich gelöst.

Es ist das Krankenhaus, in dem mein Großvater starb.

Der Peter

Es ist 1998.

„Fickenblasenanalundwaskannichfürdichtun?“
Ich blinzelte. Starrte das Telefon an und legte vor lauter Schreck gleich wieder auf. Sah nochmal in die Zeitungsanzeige und tippte die dort stehende Nummer erneut.

„IchbinJasminundwillvondirgeficktwerdenundwerbistdu?“
Ich schüttelte den Kopf und ließ wieder fast den Hörer fallen. Zum dritten Mal las ich die Telefonnummer in der Anzeige, sprach die einzelnen Zahlen laut vor mich hin und tippte.

„AlleswasduwillstichbinJasminundwaskannichfürdichtun?“
Mein Gehirn verknotete sich so ein bisschen und ich vergaß, aufzulegen.
„Hallo???“

„Oh, äh, Entschuldigung, ich hab mich wohl verwählt.“

„Rufste auf die Anzeige an??“
*umpf*
„Äh. Ja. Aber dort steht, Sie suchen eine Sekretärin.“
„Ah, der Peter ist schon ein Lustiger. Wart, ich reich dich weiter!“
Bevor ich anmerken konnte, dass ich eigentlich gar nicht weitergereicht werden wollte, meldete sich schon eine tiefe Männerstimme.
„Oh?“
„Oh“ ist nun nicht gerade die Art, von der ich erwarte, dass ein potentieller Arbeitgeber sich am Telefon meldet, aber irgendwie kam ich aus der Sache nicht richtig raus.
Ich sagte mein Verslein auf, wie ich heiße, dass ich die Anzeige gelesen hätte und Berufserfahrung als Sekretärin vorweisen könne und mich nun vorstellen wollte.
„Japp.“
„Äh… Japp im Sinne von?“
„Ja, kommste her!“
Ich atmete und sammelte mich. Die letzten beiden Stellen, die ich hatte, waren eine Stelle als Sekretärin, bei der ich im Kostüm und mit Dutt schon fast aufreizend gekleidet war und bei der der Tonfall ein sehr steifer war und eine Stelle als persönlicher Chauffeur eines Geschäftsmannes und gleichzeitig dekorative Begleitung auf geschäftlichen Anlässen. Auch hier ein sehr formeller Umgangston.

Und nun konnte ich mit „Japp, kommste her“ nur schlecht umgehen.
Um welche Arbeit es sich denn genau handeln würde, fragte ich also und bekam die erfrischend ehrliche Antwort: „Ich hab nen Puff und hier ist Chaos. Ich brauch Hilfe.“
Ich war jung und wollte ja unbedingt die Welt kennenlernen…

Und so verabredete ich mich für den Abend mit „dem Peter“ im September in Bremen. Meine Lieblingskneipe.

„Der Peter“ war so sehr Klischee, dass ich ihn erst einmal konsequent ignoriert habe, weil ich dachte, das kann es nicht sein.
Tarnhose, enganliegendes Muskelshirt, Goldketten, dicke Uhr und gegelte Haare. Muskelberge, die darauf schließen ließen, dass auch viel Gehirn mit wegtrainiert wurde.

Atmen schien mit den vielen Muskeln ein echtes Problem zu sein.
Solariumhaut und blitzeweiße Zähne. Ich dachte, ich bin im falschen Film. Der Peter war es dann aber wohl doch und so ging ich hin und stellte mich vor.
Mit Vor- und Nachnamen und nettem Sprüchlein.
„Ich bin der Peter.“
Äh. Ja.
„Peter…?“

„Genau. Der Peter. Einfach nur der Peter.“

Ich setzte mich und legte meine Unterlagen auf den Tisch an die Seite. Der Peter blitzte mich mit seinen weißen Beißerchen an und strahlte.
„Was hastn da mitgebracht?“
„Bewerbungsunterlagen. Lebenslauf, Referenzen.“
„Achduscheiße.“
Oh. Die Reaktion war neu.
„Den Scheiß lassen wir weg. Ich muss dich mögen und dann kannste deine Bewerbungsscheiße dem nächsten Sesselpupser in den Arsch schieben. Und wenn ich dich nicht mag, dann mag ich dich nicht. Dann wird das auch mit der Unterlagenscheiße nix. Sach ich mal so.“

OhGott.

Ich blickte ein wenig fassungslos vor mich hin und fragte mich, wie ich aus der Situation wieder rauskam.

„Ey, Schnecke! Kaffee, aber Hopphopp!“

Ich zuckte zusammen und machte ungefähr so große Augen wie die Kellnerin, die angesprochen war. Das nächste, das ich bemerkte, war, dass ich mit Alkohol gerechnet hatte. Er bestellte aber Kaffee.

Der Peter grinste mich strahlendweiß an und fing an zu erzählen.
Ja, er hätte da so eine Idee gehabt und mit Nutten kann man nun mal viel Geld machen und das wär auch total toll und so und die Mädels sind total lieb und wenn man mal über eine drübersteigen wollte, wär das auch kein Problem, die „sind da nicht so“.
Ich überlegte derweil, wie ich am schnellsten nach Hause käme.
Ich lächelte unverbindlich und sagte, das wäre nicht so ganz das, was ich mir vorgestellt hätte und just in dem Moment klingelte dem Peter sein Handy.

„Jetzt heul doch nicht! Wenn er zu groß ist, ist er zu groß! Haste Gleitgel probiert? Was? Ja. Ja, nee, wenns nicht passt, passt es nicht. Hat er schon bezahlt? Will er nun alles zurück? War er denn schon so ein bisschen drin in der Muschi??“

Ich schloss die Augen und mir war sehr deutlich bewusst, dass die gesamte Kneipe sehr ruhig geworden war. Ich versuchte zu atmen und mich zu beruhigen und gleichzeitig nicht laut loszulachen. Ich wollte ja unbedingt mehr Abenteuer vom Leben. Hatte ich nicht erst vor einigen Wochen, als das Geld vom letzten Job alle war, darum gebeten, mal was Verrücktes machen zu können?

Der Peter war inzwischen sehr rot angelaufen und fuchtelte noch so ein bisschen mit seinen dicken kurzen Armen.
„Ja, was können denn wir dafür, wenn der so einen Pferdeschwanz hat? Geschäft ist Geschäft!“

Ich kicherte. Sehr unprofessionell, sehr kindisch. Aber mir war so.
Der Peter sprang auf und bedeutete mir zu folgen. Ich raffte meine Unterlagen zusammen und lief hinter ihm her. Auf dem Weg am Tresen vorbei steckte er der Kellnerin, die schon böse kuckte, einen Hunderter in den Ausschnitt und sagte: „Puppe, freundlicher!“

Ich lief hinter dem Peter her, bis wir draußen waren. Er beendete sein Telefonat und sah mich ratlos an.

„Ich braucht echt Hilfe, du. Und ich find dich toll.“
Der lebenshungrige Teufel in meinem Kopf übernahm die Führung und ich hörte mich fragen: „Wieviel?“
„200 Kröten am Tag. Grundgehalt. Plus Provision.“

Mir wurden die Knie weich.

„7 Tage die Woche. von 8 Uhr morgens bis 24 Uhr nachts.“
„7 Tage??? 300.“
„250“
„Morgens erst ab 9 Uhr“
„Im Nuttenoutfit“
„Hosenanzug“
„Tief ausgeschnitten!“
„Nein“
„Enganliegend“
„Figurbetont höchstens“
„Heute Abend anfangen.“
„Morgen Mittag.“


„Okay.“

Uroma

„Mir geht es im Moment nicht ganz so gut.“

Aus dem Satz fast jeden Menschen ist das eine Aussage, die ich erst mal einfach so hinnehme und gegebenenfalls noch einmal mitfühlend nachfrage, wenn es mich interessiert.

Aus dem Mund meiner 82-jährigen Großmutter, die ein Leben lang alles klaglos hingenommen hat und selbst jetzt nach dem Tod ihres Mannes eine Haltung bewahrt hat, die sich mir nicht immer erschlossen hat, setzt mich das in höchste Alarmbereitschaft.

In unserer Familie hatten Gefühle nie Platz. Wenn Besuch kam, hat meine Mutter vorne rum schön getan und sich hintenrum das Maul zerrissen. Wann immer meine Großeltern zu Besuch waren, haben meine Eltern beide vom ersten Tag des Besuchs an starke Beruhigungsmittel genommen, um nicht auszurasten. Das kam erst hinterher, wenn ich wieder mit ihnen alleine war.

Kurzum: Familie, Besuch – das war nichts. Man freut sich nicht, wenn jemand zu Besuch kommt. Und ich habe das lange sehr unreflektiert übernommen.

Seit ich alleine wohne, haben meine Großeltern mich nie besucht. Sie waren damals immer noch bei meinen Eltern, mehr schafften sie nicht mehr. Meine Großmutter war nie in einer meiner Wohnungen. Alles zu anstrengend und vor allem zu viele Treppen.

Und jetzt spreche ich mit dieser Frau, die tief verwundet und seelisch verletzt ganz beiläufig fragt, ohne das aufgeregte Zittern in ihrer Stimme verbergen zu können: „Vielleicht könnte ich ja mal bei euch zu Besuch…? So für 4 Wochen, dass ich mal rauskomme…? Ich soll ja in Kur gehen, aber ich brauche eigentlich nur eines: Familie…“

Als mein Herz anfing, laut ja zu schreien, habe ich das einfach zugelassen und sie herzlich willkommen geheißen.

In letzter Zeit häufen sich die Ereignisse, die mir zeigen, dass im Moment das Leben selber die Führung übernehmen möchte.

Und die Verantwortung so weit abgeben zu können, dass es mir gelingt, einfach anzunehmen, einfach JA zu sagen, mich auch mal führen zu lassen, entlastet enorm.

Die vielen Fragen, die auf mich einstürmen, prallen an mir ab.

Das wird schon.

Ein Gefühl, das mir noch so fremd ist. So eigenartig fremd.

Zuversicht.

Zähne und mehr

Die neue Zahnpasta, die explizit damit beworben wird, Kinder vom Zahnpastaessen abzuhalten, weil sie nicht süß und trotzdem für Kinder geeignet ist, führte nun dazu, dass der Kobold bei jedem Zähneputzen seine Schwestern an die Hand nehmen will und lautstark Pieppieppiep-gutenAppetit brüllt.

Soviel zum Thema Geschmacksneutralität.

Zähneputzen muss Spaß machen, missioniert der Erziehungsratgeber.

Zahnpasta ist kein Grundnahrungsmittel, brüllt der gesunde Menschenverstand.

Heute nicht.

Wir waren vor langer Zeit auf einer Hochzeit von Freunden.
Als wir in die Burg gebeten wurden, verkündete der Herold, dass jeder Mann von Ehre einer Dame seinen Arm bieten möge um sie in die Burg zu führen.

Etwas abseits der fröhlich schnatternden Hochzeitsgesellschaft hob eine ältere Frau den Kopf und reckte ihr Kinn nach vorne.
Sie war vielleicht 80 Jahre alt und ganz in schwarz gekleidet.
Traurig, stolz… blickte sie den anderen Gästen nach, die langsam verschwanden. Sie ging allein.

Mein Mann blickte mich kurz liebevoll an und sagte leise: „Ich komme gleich wieder, meine Schöne.“

Er trat vor die alte Frau, verbeugte sich sanft und bot ihr respektvoll seinen Arm. Sie blickte fragend zu ihm hoch, sah mich an, dann ihn wieder. Leise räusperte sie sich und straffte die Schultern. „Ich gehe seit über 40 Jahren alleine.“

„Heute nicht.“, lächelte mein Mann sanft und legte seine große Hand vorsichtig auf ihre kleine, die sich auf seinen Arm geschoben hatte.

Ein winziges Lächeln umspielte ihren Mund und sie hob den Kopf.
Mit einer Mischung aus Würde, Weiblichkeit, Stolz und Anmut sah sie zu meinem Mann auf.

„Bringen Sie mich hinein.“

Für dich.
Liebe ist unendlich.
Hab Geduld.

Trauer

Sie kommt in Schüben, die Trauer.

Trauer um zwei tote Babys in diesem Jahr, meinen geliebten Großvater, Erkenntnis und Bestätigung, meinen Eltern gleichgültig zu sein und der komplette Bruch mit ihnen.

Das Gehirn grinst ein wenig schief und der Gedanke ist da, dass man das ruhig auf ein paar Jahre hätte verteilen können. Obs dadurch besser geworden wäre? Wer weiß es schon.

Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Es ist wie es ist. Und das ist der größte Dreck.

Die Trauer wird ewig begleitet von der destruktiven Frage: Was wäre gewesen, wenn…

Das Spiel ist so einfach wie vernichtend. In Kreisen drehen sich die Gedanken bis zur vollkommenen emotionalen Erschöpfung und Leere. Wenn ich hier so sitze und mir die Tränen die Wangen hinunterlaufen, erscheint alles so sinnlos. Morgens aufstehen, etwas Sinnvolles tun. Zu leben. Wozu denn, wenn es eh jederzeit zuende sein kann.

Wofür mühen und strampeln wir uns denn ab, wenn wir am Ende unseres Lebens hauptsächlich Eines sind: verdammt tot.

Die Faust in den Magen kam in Form einer Bekannten, die munter über eigene Fehlgeburten und Abtreibungen referierte, nicht merkend, dass ich mich immer weiter in mich zurückzog.

Völlige Takt- und Empathielosigkeit garniert mit der Frage: Ist doch okay, wenn ich so offen bin, ja?

Na klar. Deklariert man Offenheit als Synonym für Narzissmus und emotionale Rohheit.

Sprich ruhig, ich bin hart, ich weine zuhause. Die Frage, warum ich denn dann überhaupt noch riskierte, schwanger zu werden, nötigte mir neben einem inneren andauernden Würgen die folgenden Wochen auch noch tiefergehende Gedanken ab.

Ja. Warum?

Ich habe doch schon drei Kinder. (Selbst schuld, wenn ich nicht zufrieden bin und noch eine Fehlgeburt riskiere. Selber Schuld. Selber Schuld. Selber Schuld.)

Niemandem Rechenschaft schuldig zu sein ist die eine Sache. Theorie. Praxis. Rückblickend? Vergeudete Zeit. Es hängt nach, trotz allem.

ergiftete Gedanken.

Ruth

Die Frau, zu der ich kommen sollte, würden meine Eltern sterben, wurde von mir sehr geliebt.

Sie war eine entfernte Verwandte meines Vaters und Mutter eines Mädchens, das acht Jahre jünger ist als ich. Seit ich denken kann, war sie immer die Frau, bei der ich wohnen darf, wenn meine Eltern sterben.

Meine Eltern hatten nicht viel für den Firlefanz übrig, ihrem Kind die Sicherheit zu vermitteln, zu der eben auch eine relative Unsterblichkeit der eigenen Eltern gehört. Zumindest in jungen Kinderjahren. Kam diese Frau zu Besuch, blühte ich auf. Sie war fürsorglich, wunderbar, sauber, respektvoll – sprich das Gegenteil meiner Mutter.

Sie befingerte mich nicht, ich musste sie nicht anfassen, sie war liebevoll ohne Liebe zu fordern. Ein Traum. Pure Utopie, damals.

Dann bekam sie ein Kind. Ein kleines Mädchen, in das ich vernarrt war. Fortan überdeckte ein Schatten ihre Besuche bei mir. Ich sah, wie sie mit ihrer Tochter umging. Und mit den Jahren reifte ein Gefühl dessen, was mir alles vorenthalten wurde.

Ich saß auf unserem Badewannenrand und sah, wie sie ihrer Tochter das Haar bürstete, ihr das Gesicht eincremte, sich kümmerte. Ich sah eine Mutter-Tochter-Beziehung, wie sie ferner von meiner eigenen nicht sein konnte.

Ich hörte die stolzen Kommentare meiner eigenen Mutter, dass sie selber diese Dinge niemals für ein Kind tun würde. Sie wäre schließlich nicht mein N****r. Den Satz hab ich oft gehört. Neben vielen anderen.

Meine Eltern haben mich früh allein gelassen. Mittags, wenn ich aus der Schule kam, war ich seit meinem fünften Lebensjahr alleine. Abends, wenn sie etwas unternahmen, ebenfalls.

Oft habe ich da gesessen und habe mich in Fantasien ergangen, dass ihnen etwas zugestoßen sei. Das hat mir so ein bisschen Angst gemacht, aber weniger aus Liebe als vielmehr aus der Befürchtung, meine Freunde zu verlieren, wenn ich zu meiner geliebten Patin ziehen würde.

Eines Abends tobte ein fürchterliches Gewitter über dem Haus, meine Eltern waren weg, ich hatte keine Ahnung, wo sie hingefahren waren und es war dunkel, kalt und nass. Plötzlich knallte die Sicherung raus und es war schwarz. Von meinem Vater auf sämtliche Katastrophenszenarien gedrillt hatte ich zwar Angst, wusste aber dennoch, was ich tun müsste, sollte das Haus anfangen zu brennen oder Ähnliches. Ich holte in stockfinsterer Nacht die Kerzen und machte mich auf den Weg in mein Zimmer. Holte meinen großen Koffer und fing an zu packen.

Ich weiß gar nicht warum, aber in diesem bedrohlichen Endzeitgewitter erfasste mich die Gewissheit, dass meine Eltern vom Blitz getroffen worden waren und tot wären. Ich war mir so sicher wie ich nur sein konnte.

[Rückblickend weiß ich nicht, was mich zu dieser unbeirrbaren Sicherheit verleitet hat, denn meine Überlegungen haben für einen Erwachsenen doch ziemliche Logiklücken.]

Ich packte im Kerzenschein meine Sachen zusammen, die ich unbedingt mitnehmen wollte. Ich hatte keine Ahnung, wie schnell die Polizei kommen würde, um mich zu meiner Patin zu bringen, aber ich wollte dann auch nichts zurücklassen müssen, das mir wichtig war.

Ich wuchtete meinen riesigen Koffer die Treppe runter in den Flur vor der Haustür, holte meinen Hamster und die Waffe meines Vaters und setzte den Hamster auf die Schulter und nahm die Waffe in die Hand. Einbrecher nutzen Gewitter mit Stromausfall, um die Alarmsysteme von Häusern zu umgehen, einzubrechen, Männer abzuschlachten und Frauen und Mädchen zu vergewaltigen. Regel Nummer weißichnichtmehr meines Vaters.

Ich war also mit meinem Gepäck, meinem Hamster und der Waffe gut vorbereitet.

Und schlief ein.

Ich erwachte von lautem Gepolter, das ich nach wenigen Sekunden schon als das vertraute Geräusch meines volltrunkenen Vaters klassifizieren konnte.

Die Enttäuschung kam erst sehr viel später.

Nachdem ich in Windeseile diesen verflucht schweren Koffer in mein Zimmer geschleppt hatte und ihn unter dem Bett verschwinden ließ, lag ich mucksmäuschenstill in meinem Bett und hoffte, ich würde am nächsten Tag meinen Hamster wiederfinden.