Utopie

Ganz früher, als ich noch keine Kinder hatte und mir welche gewünscht habe, da hatte ich sehr genaue Vorstellungen von meinem zukünftigen Leben. Immer nur Ausschnitte, aber die auch sehr detailliert.

Ich würde mit den Kindern tanzen und singen. Viel singen. Laut. Ganz oft. Wir würden im Auto sitzen und singen. Uns Geschichten erzählen. Musik hören.

Wir würden malen und herumschmieren, einfach weil es Spaß bringt. Und Plätzchen backen. Und ich würde in bemehlte Kindergesichter sehen, mit roten Bäckchen und zufrieden strahlend.

Wir würden Kuchenteig rühren und naschen, bis uns die Bäuche weh tun. So wie ich das früher mit meiner Oma gemacht habe.

Und wir würden rausgehen und Kastanien sammeln. Und bunte Blätter. Und Kaulquappen.

Und ein Picknick im Regen machen und dabei lachen, weil das Leben so schön ist.

Morgens würden wir durchs Bett toben und noch schmusen und kuscheln und warme und weiche Kinder würden sich vertrauensvoll in meinen Arm schmiegen und ich würde das Glück dieser Welt erfahren.

Abends würde ich die Bettdecke zurechtziehen und noch einmal ganz nah bei ihnen sein – ihrem Atem lauschen und mein Herz verschenken.

Wir würden durch Pfützen springen und bei Wind und Wetter draußen sein. Durch Wälder streifen. Auf Berge klettern. Steine sammeln und Schnecken bestaunen.

Wir würden einkaufen gehen. Alle gemeinsam. Jeder holt seinen Teil, alle harmonieren perfekt miteinander.

Wenn wir zuhause wären, würden die Kinder im Haushalt helfen und kleine Geschenke und Überraschungen basteln und mir überreichen. Ich würde mich freuen und an ganz vielen Stellen in der Wohnung selbstgemalte Kinderbilder aufhängen.

Käme ein weiteres Geschwisterkind dazu, würden alle sehnsüchtig der Geburt entgegenfiebern und sich um das Kleine kümmern und es verhätscheln und lieben. Niemand wäre eifersüchtig, alle wären voller Liebe und Zuneigung.

Natürlich wäre da auch mal Streit. Und nach jedem Streit würden sich die Kinder oder wir uns alle in den Arm nehmen und es wäre wieder gut.

Die Kinder würden gegenseitig auf sich acht geben. Hätte eines eine Verletzung, würden die anderen kommen und helfen. Der eine holt ein Pflaster, der andere pustet und tröstet schon mal.

Sie würden manchmal alle nebeneinander sitzen, miteinander kuscheln und wenn ich um die Ecke komme, mir  zublinzeln und im Chor rufen: „Wir haben dich SOOOO lieb, Mami!“

Wann immer ich jemandem einen kleinen Einblick gab, wie ich mir das Leben mit Kindern so vorstellen würde, erntete ich ein leicht amüsiertes bis spöttisches: Na, da sprechen wir uns in ein paar Jahren noch mal.

Und ich verstand nicht.

Inzwischen sind viele Jahre vergangen und ich würde die Menschen gerne noch mal treffen, die meine Träume und Vorstellungen damals ins Reich der Utopie schoben.

Und sagen:

Seht her.

Oma

Ich habe mit meiner Großmutter telefoniert. Sie isst wieder nicht. Schläft viel. Fällt hin.

Und ich habe es nicht geschafft, sie einzuladen. Ich habe so lange gegrübelt, warum. Vielleicht wäre das das letzte Eingeständnis, dass er tatsächlich tot ist.

Einfach nur tot.

Die Schießbude

Wir waren noch nicht sehr lange zusammen, da bummelten der große hübsche Mann und ich über eine Festwiese.

Fahrgeschäfte, Imbissstände, Spielbuden wohin man sah.

Und ich betete und hoffte inständig, dass der Status unserer Beziehung, der noch zu einem großen Teil aus Werben und Beeindrucken bestand, trotzdem nicht dazu führen würde, auch in dieser Beziehung den Supergau erleben zu müssen:

Die Schießbude.

Wir schlenderten also so umher und kamen an einigen Schießbuden vorbei und nach jeder konnte ich etwas weiter aufatmen. Gottseidank…

Mit Grausen erinnerte ich mich an die Male, die ich im strömenden Regen neben irgendeinem wütenden Mann stand, der verzweifelt versuchte, ein Schaf, einen Stern oder sonstwas abzuschießen.

Das eine Mal, das ich noch Geld leihen musste, um weitere Schüsse zu finanzieren, damit ich auch das bekomme, was ich mir ausgesucht hatte.Es hat nie geklappt.

„Die ist total verzogen.“ „Die schießt nicht richtig“ „Was ist denn das für ein billiges Ding“ – ich kenne alle Ausreden, denn ich habe sie alle schon gehört. Dabei bin ich nie sonderlich scharf drauf gewesen, an so einem Stand zu stehen. Aber es scheint ein Männergen zu geben, dass Männer beim Anblick von Waffen, Plüschtieren und weiblicher Begleitung dazu animiert, auf kleine Plaketten schießen zu wollen.

„Such dir was aus, ich schieß es dir!“ ist definitiv mein meistgehasster Satz in einer Beziehung.

Einmal sind wir als vier Pärchen auf einen Rummel gegangen und mein Freund war der Einzige, der exakt nichts getroffen hatte. Er bekam dann eine dieser zerfledderten Plastikrosen, die er mir auch noch überreichen wollte.

Ich zog eine Augenbraue hoch und er ließ sie in den nächsten Mülleimer fallen. Die Beziehung dauerte nicht mehr allzulange.

Im Grunde hätte es vielleicht ein Omen sein können, dass der Soldat an meiner Seite, der mit markigen Sprüchen gegenüber Schießbudenbesitzer und mir, dass er schon ganz andere Dinge erschossen hätte, keine einzige Plakette traf. 400 nachgekaufte Schüsse später war mir kalt, meine Laune im Keller und ich nahm das erste Mal in meinem Leben mit einem gequälten Lächeln 27 Plastikrosen, die ich zuhause entsorgte und sagte: „Das war ziemlich beeindruckend, Hase.“

Ich hätt den Mann vielleicht nicht auch noch heiraten sollen.
Übrigens war die Waffe schuld. Natürlich.

Der Mann davor war ein sehr bekannter Kickboxer, der so ziemlich alles und jeden traf und bei dem ich mir relativ sicher war, dass er auch den rosa Plüschelefanten bekommen würde, den ich mir aussuchen sollte.
Er hatte mehrere Tage danach Erektionsprobleme und auch als ich irgendwann mit ihm Schluss machte, steckten die Plastikrosen vom Desaster noch hinter dem einen Bild, wo er sie nach meiner Ablehnung untergebracht hatte. Ich war 18 und es war eine völlig neue Erfahrung, einen Mann wegen einer Plastikrose weinen zu sehen.

Ohne dass ich es wollte, hatten sich Schießbuden für mich zu einer Art Beziehungsindikator entwickelt.

Ablehnen führte meistens zu einem handfesten Streit, weil die Männer da irgendwie borniert sind oder zu dem noch fordernderem Drängen, mir doch bitte irgendein großes Plüschtier auszusuchen.

Also akzeptierte ich diesen seltsamen Teil meines Lebens, ohne ihn zu befürworten. Kurzum: ich hatte ein Trauma.

Beim großen hübschen Mann war es mir wichtig, dass es gar nicht so weit kommen würde. Und so hatten wir das Ende des Rummels auch schon erreicht und ich dankte Gott, dem Himmel, allem, was ich so hatte, dass dieser Kelch an mir – uns – vorüberging. Überlegte, ob ich noch einen kandierten Apfel mit auf den Heimweg nehme und wartete auf den allerletzten Stand, der meines Wissens nach ein Süßwarenstand war.

War er nicht.

Es war eine Schießbude.

„Süße?“

Ich überlegte, eine Ohnmacht, einen Wadenkrampf oder etwas anderes Lebensbedrohliches vorzutäuschen, antwortete mit einem vorsichtigen: „Hm?“

Er beugte sich zu meinem Ohr und flüsterte:

„Such dir mal was aus, ich schieß es dir.“

Ich rang mit mir selbst und der Teufel gewann.

Alles oder nichts.

Ich verdrehte also innerlich die Augen und warf einen Blick auf die Hauptgewinne. Der größte war ein riesiges unglaublich hässliches Opossum-Plüschtier aus IceAge2. Das Vieh war über einen Meter lang und das Grässlichste, das ich jemals gesehen hatte.

„Den da bitte.“, fügte ich mich in mein Schicksal lehnte mich an einen Pfosten.

„Wieviel Schuss möchten Sie haben?“, fragte der Verkäufer den Mann und ich warf ein sehr spöttisches ‚Na, ein Schuss wird ja wohl reichen…‘ zwischen die Männer.

Der Mann zog die Augenbraue hoch und sagte: „Ein Schuss wird reichen, meint die Lady.“

Ich überlegte derweil, wie man möglichst echt einen Schwächeanfall simuliert, um ihm die Blamage zu ersparen. Man musste ja auch nur so ein hüpfendes kreiselndes Dingsda treffen, das ab und an auch noch verschwand.

Der Mann richtete sich zu seiner vollen Körpergröße von fast 2 Metern auf und spannte sich. Ich war beeindruckt ob dieses Anblickes, auch wenn ich noch drüber nachdachte, ihn anzurempeln, um die Schuld auf mich zu ziehen. Aber ich fügte mich in mein Schicksal und schloss die Augen.

Es klickte und ich hielt die Augen krampfhaft geschlossen.
Nicht diese Beziehung auch noch.

Als ich mich entschieden hatte, die Plastikrose einfach anzunehmen und lieb zu lächeln, öffnete ich die Augen und blickte in eine riesige und unglaublich hässliche Opossumschnauze.

Steingraue Augen blitzten mich an und das attraktive Männergesicht vor mir lächelte süffisant.

„Das ist ein ziemlich hässliches Ding, das du dir da ausgesucht hast…“, grinste er, drückte es mir in den Arm und nahm meine Hand, um weiterzugehen.

Kobold in glänzender Rüstung

Letzte Woche im Krankenhaus ist etwas sehr Bemerkenswertes vorgefallen.

Sonst sehr scheu und leicht völlig aus der Fassung zu bringen, wenn man ihn aus seiner eigenen Welt holt, rettete der Kobold seine kleine Schwester.

Eine Krankenschwester flirtete über den Flur mit der Motte und sagte mit einem Mal: „Na komm mal her, du Süße!“

Dem Kobold entglitten sofort sämtliche Gesichtszüge und er fasste die Motte ziemlich unsanft am Kragen, zog sie nach hinten und fuhr die Krankenschwester an: „Das DARF die KenzoMausMotte nich! Wir kennen uns ja ga nich!“

Man sah, wie Angst und Beschützerinstinkt hart miteinander kämpften.

Umso stolzer bin ich, dass er dermaßen über sich hinausgewachsen ist.

Kinder, Kinder

Als das Mottenkind mir beim Toben im Bett gestern irgendetwas fieses Hartes an die Schläfe knallte und danach triumphierend kreischend den Rückzug antrat, sank ich in die Kissen und jaulte so ein bisschen herum.

Der Kobold sieht mich nachdenklich an, fragt, was er kennt:

„Mama, hassu Bauchweh?“

und informiert den großen hübschen Mann fachmännisch über mein Leiden.

„Mama tut der Bauch weh, Papa!“

„Der Kopf!“, seufze ich theatralisch.

„Mama hat Bauchweh, Papa!“, lässt der Kobold sich nicht irritieren.
[Ärzte wissen ja immer alles besser]

„Am KOPF tut es weh!“ brülle ich entrüstet.

Der Kobold nickt ein wenig so, als wäre ich geistesgestört, sieht zu seinem Vater hoch und setzt nach:

„Papa, Mama hat Bauchweh am Kopf!“

Friedhofsgeschichten

„Tochter, Kobold, Motte? Wir besuchen jetzt Uropa.“

K: „Abba Opa is doch bei den Steaanen!“

„Na, wir besuchen seine Urne.“

K: „Seine Uane?“

M: „Gah?“

„Ja, die ist doch hier begraben!“

K: „Begaaaben?“

„Begraben. In der Erde.“

M: „Gah?“

K: „In der Eade? Abba Opa is doch bei den Steaanen!!“

„Jetzt kaufen wir hier erst mal Blumen. Ich nehm eine Nelke!“

K: „Oh, ich will abba auch eine Welke!“

M: „Gah!“

Während wir den Weg über den Friedhof gingen, wurde mein Herz so schwer. Die Kinder führten mich mit ihrer Natürlichkeit und Ungezwungenheit, die kein Weglaufen möglich machten.

Meine Tochter trug das Rosengesteck und ihre eigene Blume, der Kobold hüpfte herum und fuchtelte dermaßen oft mit seiner rosa Nelke herum, dass zum Schluss nur noch der Stengel blieb und die Erdbeermotte biss in unregelmäßigen Abständen herzhaft ein Stück aus ihrer Blume heraus.

Ich dachte, der Weg wäre wichtig. Noch einmal zurückkommen, mit Abstand. Sich trauen. Was ich fand, war das Nichts. Es hätte dort leerer nicht sein können. Kein Opa, keine großartige Erkenntnis, kein Gefühlskino.

Nichts.

Er liegt dort nicht.

Er ist nicht da unten, er ist nicht tot.

Abschied

Gestern Abend habe ich das erste Mal nach seinem Tod Bilder der letzen Jahre von meinem Opa angesehen. Hier im Wohnzimmer an der Bilderwand hängen zwar auch einige, aber da es sich um mehrere hundert Bilder handelt, kann man die mit Opa auch ganz gut übersehen.

Gestern habe ich mich bewusst gestellt.

Vor 7 Jahren, wie er meine erstgeborene Tochter vorsichtig in seinen riesigen Pranken hielt, immer Angst hatte, ihr weh zu tun. Er hielt die Hände wie eine Schale, das Neugeborene darin gut behütet, das kleine Köpfchen lugte noch hervor, der Rest lag in seinen Händen. Meine Tochter war da erst wenige Tage alt.

Verunsichert sah er mich immer wieder an, dieser große starke Fels, der durch ein flaumweiches neues Menschlein ganz schön ins Schlingern geriet. Mir wurde erst Jahre später bewusst, dass er meinen Vater in diesem Alter nie auf dem Arm hatte. In den Nachwehen des Krieges gab es andere Dinge zu tun. Auch mich hatte er als Neugeborenes nicht auf dem Arm. Erst bei meiner Tochter schloss sich etwas.

Vor 6 Jahren war er zu Besuch und meine gerade einjährige Tochter wurde von ihm heimlich mit Vanillepudding gefüttert, weil diese Pampe, die sie sonst bekam, ja nichts wäre, wovon so ein Kind satt werden könnte. Wir haben uns damals ziemlich in die Haare bekommen, weil ich sehr strikt meine Vorstellungen durchsetzen wollte. Er warf mir an den Kopf, dass sein Sohn im Alter von zwei Wochen bereits Bratkartoffeln gegessen und das auch prima überlebt hätte. Ich fuhr ihn an, dass das aber nicht das Maß aller Dinge sei und es nun immerhin über 50 Jahre später wäre. Er hatte das nicht verstanden und lenkte trotzdem ein.

Vor 5 Jahren bei seinem Besuch hatte meine Tochter erste Worte und ihren eigenen Kopf entdeckt und nuschelte ganz herzallerliebst ein zartes „Uaopapa?“ mit einem Augenaufschlag, wenn sie etwas von ihm wollte. Auf den Bildern ist er sehr kräftig, gut gelaunt. Ich sehe meine schwache Oma dagegen, der es gerade zu dieser Zeit überhaupt nicht gut ging und ich erinnere mich, dass mir das Sorgen machte.
Er mir überhaupt nicht.

Die darauffolgenden zwei Jahre habe ich ihn überhaupt nicht gesehen. So viel ist passiert in diesen Jahren, wir bewegten und alle sehr voneinander weg.
Vor zwei Jahren hat er schließlich den Kobold das erste Mal gesehen. Dieses ständig schreiende und brüllende Kind, das keine fremden Menschen mag, kletterte aufs Sofa und hoppste meinem Opa in die Arme, als würden sie sich schon Ewigkeiten kennen.

Bilder von Oma und Opa, wie sie einträchtig nebeneinander auf dem Spielplatz mit uns sitzen, kräftig, gesund, gut gelaunt. Niemand dachte an den Tod. Da war viel zu viel Leben. Mein Opa plante weiter Operationen zur Verbesserung seines Allgemeinzustandes. Hier noch ein neues Knie, da noch eine kleine Erneuerung, er hatte schließlich noch viel vor.

Letztes Jahr fing es mit den kleinen Wehwehchen an. Die Motte wurde geboren und wir waren alle sehr beschäftigt.
Dieses Jahr dann dieses Gefühl.

Der völlig überstürzte Aufbruch von uns in das Heim, in das er aus dem Krankenhaus gekommen ist, weil er sich plötzlich überhaupt nicht mehr selbst versorgen konnte. Dieses Gefühl.

Die Aussage von Ärzten und Pflegern, es sei alles in Ordnung. Alles im Rahmen, alles prima. So schnell stirbt es sich nicht. Aber dieses Gefühl.

Die Erleichterung bei der Ankunft, ihn zu sehen. Diese hellen Augen, die mal so blau waren und mich sanft ansahen, ohne dass ich verstand. Die großen Hände, die die kleinen Füße der Erdbeermotte zart berührten. Die Finger, so beweglich einst, die steif und voller Schmerzen waren. Mein Opa. Mein Mut, ihn nach 10 Jahren das erste Mal wieder zu umarmen und das Gefühl, dieses warme, helle, leuchtende Gefühl, dass sich ein Kreis schließt.

Dass es gut ist.

Es gibt ein Foto, das ich gar nicht bewusst nur von ihm gemacht habe. Wir saßen im Heim alle vor dem Fernseher, den mein Mann für ihn eingestellt hat. Er wollte so gerne fernsehen, hatte aber keine Ahnung, wie man das Gerät richtig einstellt. Also hat der große Mann das gemacht. Opa saß in seinem Sessel, mein Mann mit der Motte auf dem Schoß daneben, die mit ihrem Fuß immer gegen die kitzelnde Hand meines Opas stupste. Daneben auf einem Stuhl der gespannte Kobold und das Tochterkind, die dachten, sie würden durch göttliche Fügung gleich in den Genuss von SpongeBob kommen und fasziniert auf das grauwuselnde Bild blickten.

Ich wollte nur diese Situation mit der Kamera festhalten, keiner sah in meine Richtung und ich drückte auf den Auslöser. Später, viel später sah ich mir dieses Bild wieder an und mir schoss das Adrenalin in die Adern.

Mein Opa sieht mich auf diesem Bild mit seinen fast weißen Augen direkt an. Nicht zufällig.

Wissend.
Ein wenig müde, aber sehr liebevoll lächelnd.
Dankbar.

Zum Abschied.

Es ist das letzte Foto von ihm.

Erdbeermotte

Das Mottenkind läuft seit eineinhalb Monaten. Bei uns gilt die Regel: wer laufen kann, wird weder geschoben noch getragen.

Als wir gestern Richtung Wald liefen, ist mir erstaunt klar geworden, wie unterschiedlich die Kinder diese Anfangslaufzeit bewältigen.

In diesem Laufstadium war es beim großen Tochterkind so, dass sie stramm marschiert ist. Am liebsten an der Hand, immer geradeaus. Die freie Hand zeigte begeistert auf die Umgebung mit einem begeisterten „da!“. Ab und an sind wir stehen geblieben und haben etwas bestaunt und sind dann weitergegangen.

Wir sind gewandert, haben Spaziergänge gemacht, ach, was war das wundervoll.

Ich war fasziniert, wie toll das ist, mit Kind durch die Gegend zu laufen.

Der Kobold war anders. Wie ein Brummkreisel auf Speed rotierte er um mich herum. Hier eine Pfütze, dort ein Grashalm, da hinten ein Stein. Ich lief einen Meter, er lief zehn Meter. Hin, zurück, um mich herum, von mir weg.

Alles mit wehendem roten Haar und lautem Gekreische.

Ich war fasziniert, wie anstrengend es sein kann, einfach nur ein wenig zu laufen. Womöglich noch geradeaus.

Und die Motte? Wir laufen zehn Meter, sie bummelt einen.

Sie läuft mit einer Gemütsruhe, die mich vermuten lässt, dass sie auch ohne weiteres dabei einschlafen könnte.

Jede Ameise wird mit einem begeisterten „Gah!“ begrüßt und die Motte lässt sich auf den dicken Hintern plumpsen, um ebendieser Ameise erst einmal einen Schwank aus ihrem Leben zu erzählen.

Gestern war bemerkenswert, weil wir sie überhaupt nicht animieren konnten, mit uns mitzugehen. Einen halben Meter ist sie weitergelaufen, hat eine Pfütze entdeckt und sich mitten in ihr niedergelassen.

Sich glücklich seufzend direkt hineingelegt und in den Himmel gesehen. Die Nase in den Regen gestreckt, die Augen zusammengekniffen und laut losgelacht.

Und ich bin fasziniert, wie sehr mich dieses Kind das Leben genießen lehrt.

Emi

Heute ist so ein Tag.

Vor vier Jahren starb der Zwilling des Kobolds in meinem Bauch.
Noch einige Stunden und es ist genau drei Jahre her, dass wir mit zwei Kindern und Blutspur und totem Baby in der Tasche umherirrten.

Vor zwei Jahren sagte ich dem Mann, dass ich wieder schwanger bin.
Letztes Jahr passierte überhaupt gar nichts.

Heute Morgen habe ich einen Schwangerschaftstest gemacht und heute Mittag lese ich das siebenjährige Tochterkind von der Straße auf und erfahre, dass es in seine erste Prügelei verwickelt war.

„Mama, ich hab nur zurückgeschlagen.“, sah es mich verunsichert an.

Und fügte Sekunden später kleinlaut hinzu: „Aber ziemlich feste.“

Gutes Kind.
Ich will Kämpfer, keine Opfer.

Von Halbtoten

Drei Kinder, ein großer hübscher Mann und ich fahren in den siebten Stock des Krankenhauses, in dem sich meine Großmutter gerade befindet.

Wir steuern zielstrebig den richtigen Flur an und gehen den Gang entlang. Zimmer 112, 113, 114, 115 – bis Zimmer 125 müssen wir kommen.
Zimmer 116, Zimmer 117 und ich höre hinter mir den Kobold laut krähen und mit seiner Blume herumfuchteln, die inzwischen schon zur Hälfte abgeknickt ist. Ich seufze. Innerlich. Das Tochterkind und die Erdbeermotte laufen mit ihren Blumen neben dem hübschen Mann her.

Zimmer 118.

Beim nächsten Zimmer ist die Tür halboffen.

Ich sehe Hausschuhe.

Alte Beine, auf dem Boden ausgestreckt.

Ich gehe einen Schritt weiter, das Blut gefriert in meinen Adern.

Eine halb runtergezogene Windel, starre Handgelenke, ein nackter Bauch und ich gehe noch einen Schritt weiter, trete ein und sehe hinter die Tür, die der Körper auf dem Boden halb geschlossen hält.

Ich sehe einen alten Mann. Das Genick seltsam verdreht, die Gliedmaßen steif, die Haut gelb glänzend.

Ich sehe das Bild meines Großvaters bei seiner Aufbahrung, das sich vor meine Augen schiebt und ich denke nur oh Gott, wie tot kann man sein.

Ich trete einen Schritt zurück und sehe eine Frau vorbeikommen. Ich fahre sie an: „Los, holen sie Hilfe!“

Sie wirft nur einen Blick hinter mich, wird bleich, murmelt ein OhGott und rennt los. Der Mann versucht in der Zwischenzeit, unsere Kinder weiterzuschieben, aber der Kobold hat schon gesehen.

„Mann hinnefalln?“

Ich stehe dort und fühle mich betäubt. Hilflos. Ich sage „Hallo!“ und denke gleichzeitig „tot“. Ich bin völlig neben der Spur und denke nicht einmal daran, seinen Puls zu fühlen, weil ich denke, dass dieser Mann sowieso tot ist. Er sieht einfach zu sehr wie mein Großvater aus.

Ich habe da keine Glanzleistung vollbracht. Im Gegenteil.
Ich habe nichts getan um zu helfen und das nagt sehr an mir.
Ich stand da nur wie gelähmt und habe den Mann nicht mal berührt.
Nicht mal versucht, etwas zu tun.

Nur mit ihm gesprochen und versucht, den wattigen Nebel zu durchdringen, der mein Gehirn umgab.
Ich habe mir angemaßt, etwas zu wissen, das ich nicht wissen konnte.

Als die Pfleger kamen, trat ich zurück und hörte von einem Pfleger: „nicht schon wieder“ und dachte nur: „wie oft ist der Mann denn wohl schon gestorben?“.

Alle behielten die Ruhe und ich, die immer so stolz war, in Krisensituationen ruhig zu bleiben,  habe es nicht geschafft, zu mir zu kommen. Ich stand neben mir. Das tote Gesicht meines Großvaters immer vor mir. Der alte Mann auf dem Fußboden, völlig verdreht, so tot.

Er ist nicht tot.

Sagen die Pfleger.

Er hätte wohl schon öfter diese Bewusstlosigkeitsanfälle gehabt.

Ich starre vor mich hin und frage fast völlig geistesgestört: „aber er war doch tot“ und die Stationsschwester lächelt ein wenig verunsichert und bestätigt erneut, dass er lebt.

Ich fange von meinem Großvater an, völlig untypisch für mich.
Ja, lächelt die Frau jetzt verständnisvoll, so eine Bewusstlosigkeit wirkt manchmal sehr erschreckend.

Ich weiß nicht, ob es mich lähmte, dass ich in einem Krankenhaus war und der Meinung war, es müsste doch eigentlich jemand da sein, der sich kümmern kann. Ich weiß nicht, ob ich mich anders hätte verhalten können, wenn ich allein gewesen wäre. Wenn ich in dem Wissen, keine Hilfe holen zu können, gezwungen gewesen wäre, mich richtig zu kümmern.

Ich weiß es einfach nicht.

Ich hoffe, daraus zu lernen und gleichzeitig, dass ich so bald keine Gelegenheit dazu bekomme, den nächsten Halbtoten betreuen zu müssen, über den ich stolpere.

Liebes Leben, lieber Gott. Das war nicht komisch.
Ich kann auf diese Dinge gut verzichten.