Zwei Jahre, zwei Wochen. Das ist exakt der Altersabstand zwischen dem Kobold und der Motte.
Ein Kind, das sowieso schon sehr besonders ist und dessen Charakter von Wut und Sensibilität durchzogen ist und eines, das immer gut gelaunt ist und mit dem Kopf auch gerne siebenmal mit voller Wucht gegen die selbe Wand rennt. Meistens gibt die Wand dann nach.
Beide Kinder sind gleich schwer. Gleich willensstark und gleich kräftig.
Und sie sind laut. Extrem laut. Gleich laut.
Wenn diese beiden Kinder sich balgen, habe ich das Gefühl, ich wohne einem Kampf der Titanen bei. Es kann sich nur um so etwas handeln. Sie reißen Möbel um, Dinge von der Wand, sie walzen Spielzeug platt, nehmen keine Rücksicht auf Verluste. Ich habe nie nie nie gedacht, dass Kinder so sein können. Dass das so wichtig sein könnte.
Sie streiten nicht. Sie sind nicht gemein zueinander.
Sie messen sich.
Ich habe da keine Kinder, keine süßen kleinen Wesen, keine Engel, nicht mal Teufel, nur Krieger.
Es sind nur wenige Minuten am Tag. Vielleicht dreimal 10 Minuten. Es ist nicht viel. Aber manchmal kaum zu ertragen.
Ich habe lange Wochen beobachtet, wie es anfängt, weil ich den Mechanismus durchschauen musste. Es fängt mit einem Glitzern in den Augen an. Die Motte blitzt den Kobold an und legt den Kopf etwas schief. Reagiert er nicht darauf, läuft das Ganze ins Leere und beide Kinder spielen ganz normal weiter.
Legt er den Kopf ebenfalls schief, geht auch ein kleines feines Lächeln über sein Gesicht. Sehr herausfordernd. Manchmal breitet er die Arme aus – der Startschuss.
Der folgende Angriff der Motte ist spektakulär. Sie rast mit voller Wucht auf ihn zu und knallt mit ihrem Brustkorb gegen seinen Bauch. Beide Kinder haben die Arme nach hinten gestreckt und lachen aus vollem Hals. Oft fällt der Kobold absichtlich nach hinten und die Motte hüpft auf seinen Bauch. Er zappelt und hält sie fest, so dass sie sich gemeinsam drehen. Beide Kinder wälzen über den Fußboden, ringen miteinander, wer die Oberhand behält. Einer drückt den anderen auf den Fußboden, versucht, oben zu bleiben. Es geht so lange, bis zwei hochrote und schnaufende Kinder mit schweißnassen Haaren immer langsamer werden im Kampf.
Manchmal sitzt die Motte zum Schluss auf dem Kobold, der sich nun nicht mehr wehrt, sondern nur noch selig lächelnd dort liegt. Dann kippt sie einfach nach vorne und kuschelt sich an ihn.
So wie eben, als er sagte: „Moment, Motte, ich hol nur schnell die Decken.“
Dann holt er die Bettdecken aus dem Schlafzimmer, wuchtet die Motte auf die Matratze in seinem Zimmer und bettet sie sanft auf sein Kissen, bevor er mit seinem Kopf die andere Hälfte belegt. Deckt sie noch zu und zieht seine rosa Dora-Decke über sich und dann liegen sie da.
Friedlich, zufrieden, glücklich.
Ich habe versucht, diese Kämpfe zu unterbinden. Mit dem Erfolg, dass zwei Kinder laut schreiend völlig aus dem Gleichgewicht geraten sind. Sie streben trotz des Altersunterschieds enorm zueinander. Oft habe ich das Gefühl, es würde sich bei beiden um Zwillinge handeln. Sie sind gleich. Sie teilen sich ihren dritten Namen. Zu Recht.
Wir haben inzwischen Regeln, mit denen auch ich gut leben kann. Nicht, dass sie sie bräuchten. Keine Schlagwerkzeuge.
Fliegenklatschen sind Schlagwerkzeuge.
Nicht in Möbel klettern oder von Möbeln auf den anderen draufspringen.
Schubsen ist erlaubt, wenn das Kampfgeschehen es erfordert.
Schlagen, beißen, kneifen ist verboten.
Spielzeug werfen ist verboten.
Kissen werfen ist erlaubt.
Es ist anstrengend. Es ist schwierig. Es ist manchmal das, was ich am allerwenigsten möchte. Ich erkenne an, dass sie sich gegenseitig ergänzen. Sich anspornen, helfen, lieben. Sich ausgleichen.
Gerade der Kobold, der so starke Entwicklungsprobleme hat, bei dem kein Normmaß angelegt werden kann, holt auf. Sie ist für ihr Alter sehr weit, er für sein Alter weit hinterher.
Ich bin ein Einzelkind. Ich habe große Probleme, das so nachzuvollziehen, wie das ist, unter Geschwistern.
Der große Mann hilft – er hat einen Bruder und kennt durchaus auch dieses Kräftemessen.
Vielleicht hat das alles seinen Sinn.