Weiterweiter, schnellerschneller

„Du bist doch noch ein Baby!“, möchte ich manchmal der Motte zurufen, sie zurückhalten, hemmen, ausbremsen.

Mit zwei größeren Geschwistern tut das Kind Dinge, die das erste Kind noch nicht getan hat, als es schon doppelt so alt war.

Ich möchte sie nicht bremsen, aber dieses immer vorwärts Drängen ihrerseits macht mir manchmal Angst.

Vielleicht wäre sie auch als zweites Kind so gewesen, vielleicht liegt es in ihrer Natur, sich die Dinge so schnell und komplex anzueignen.

„Ich bin noch nicht so weit.“

Diesen Satz habe ich bei jedem Kind mehr als einmal gedacht. Ausgesprochen nie. Sie werden schon wissen, was gut ist. Und ich geh einfach mit.

Im Moment ist alles im Wandel. Wir kämpfen an so vielen Fronten, dass es einfach nur Kraft zehrt. Der Kobold ist ein Zweimannbeschäftigungsunternehmen. Tagsüber, nachts, 24 Stunden am Tag.

Manchmal muss ich mich zusammenreißen, dass die Tränen erst einmal trocknen können, bevor Neue dazukommen.

Kobold

So abgeklärt wie man sich das gerne einbildet, ist man ja meistens gar nicht. Das merkt man aber nicht bei Beurteilung fremder Situationen, sondern erst, wenn man mitten in etwas drinsteckt, das man sich so ganz anders vorgestellt hatte.

Vor einigen Jahren habe ich verklärt lächelnd verkündet, dass es für mich natürlich überhaupt kein Problem darstellen würde, wenn mein eventuell irgendwann vorhandener Sohn anders wäre. So richtig anders. So ganz grundlegend anders als man das für normal erachten würde. Wenn er so gar nicht dem Bild eines kleinen Rabauken entsprechen würde, als den man sich kleine Jungs nun mal so vorstellt.

Und selbst wenn er mit drei Jahren immer noch an Schnuller, Windel und Milchflasche hinge und so sensibel wäre, dass eine ganze Familie Kopfstände machen müsste, um das einigermaßen aufzufangen und ihn zu begleiten, würde ich das gerne und ohne Schwierigkeiten bewältigen.

Neinnein, kein Problem. Ach, ich doch nicht.

Ein Kind zu begleiten, dass sich jenseits jeder Norm entwickelt, bringt an Grenzen. Es zerreißt mich manchmal fast, mit dem Kobold unsere Drinnen-Welt zu verlassen und nach draußen zu müssen. Wo er angestarrt wird, diesem Druck ausgesetzt ist, die Normalität zu spüren.

Es wird alles besser. Jeden Tag ein bisschen. Manchmal gehen wir einige Schritte zurück, dann wieder vorwärts.

Dieser zarte flusige Kobold, der im Ballettröckchen auf der Straße tanzt, der so sehr er selbst ist, dass schon die Begegnung mit einer kleinen Gruppe Menschen, die Masken tragen, zu einer Feuertaufe wird und uns um Monate zurückwerfen kann – das ist meiner. Mein Sohn.

Er ist wie er ist, sagt der große hübsche Mann immer mit diesem verliebten Lächeln und ich frage mich, wieso es ihm so leicht fällt, wo ich mich manchmal so schwer tue.
Aber er muss mit ihm ja auch nicht ins Draußen.
Da muss ich mit ihm hin.

Und doch, wenn er einen der größeren Anfälle ertragen muss, abends, vor dem Schlafengehen, wenn ich die Mädchen in Sicherheit bringe, damit sie wohlbehütet schlafen können, dann weiß ich, dass auch er eine Grenze erreicht.

Warten können wir und das können wir nach über drei Jahren auch gut. Aushalten. Ertragen. Abwarten.

Wo es bei meiner Tochter so rasend schnell voranging, entdecken wir nun die Langsamkeit.

Es ist schwer, Grenzen zu ziehen, die ein normales Kind ohne Probleme ertragen könnte.

Dad

Es könnte so einfach sein: „Weißt du was? Ich vermiss dich. Deine Tochter.“

Ich würde dafür genauso abgestraft werden wie all die Male zuvor in all den Jahren und Jahrzehnten vorher. Das Wissen macht das Herz nicht leichter.

Vor wenigen Jahren erst hat mein Psychologe mir gesagt, dass ich erst in dem Moment frei sein würde, in dem ich solche Dinge sagen und mitteilen könnte, ohne mir über das „danach“ Gedanken zu machen. Nichts zu erwarten, einfach nur in den Raum stellen. Um danach weiterzugehen. Sich treu bleiben.

Was hält mich noch?

Ich verschwende so wertvolle Gedankenarbeit an diese Beziehung, die nie eine war. Und doch… Auch Fesseln bedeuten Bindung.

Habe ich geistig doch schon begriffen, dass ich meinen Vater nicht mehr sehen werde, nicht mehr mit ihm sprechen werde. Er hat eine Entscheidung getroffen, ich habe eine Entscheidung getroffen. Sehr erwachsen. Hat ja aber niemand behauptet, dass es einfach werden würde.

Wie er sich denn verändert habe, woran ich glauben oder worauf ich hoffen würde, fragte der große hübsche Mann gestern. Meine Antwort war so einfach wie erschreckend. „Er ist mit den Jahren immer weniger grausam geworden.“

Ich weiß ganz tief in mir, dass das kein Maßstab sein kann, sein darf.

Opa,

ich trage diese Frage in meinem Herzen und bekomme von dir keine Antwort. Dein Sohn fehlt mir. Mein Vater.

Mein Vater…

Weißt du noch, wie wir vor 6 Jahren gemeinsam Auto gefahren sind? Du, er, ich und meine erstgeborene Tochter? Wie wir plötzlich ganz still wurden, alle miteinander? Als uns bewusst wurde, dass wir vier – vier Generationen in einer Linie, gemeinsam dort saßen und dieses Band spürten?

Dieses starke unnachgiebige Band aus Blut.
Blutsbande. Hast du gesagt.
Wir vier. Hast du gesagt.
Wir werden ewig leben. Hast du gesagt.

Ich stehe hier vor den Scherben. Hinter mir die Brücken sind abgebrochen, als ich deine Asche in meinem Arm zum Grab trug. Da ist nichts mehr. Ich stehe mit dem Rücken zum Abgrund und es geht nur noch nach vorne.

Ich weiß, ich erschaffe Neues. Neues Leben, neue Traditionen, neue Geschichten. Aber er fehlt mir so. Völlig irrational überrollt mich dieses Gefühl, das vom Geist nicht zur Ordnung gerufen werden will.

Ich weiß ja nicht mal, ob du mich hörst. Ich weiß ja nicht mal, ob du noch da bist. Vielleicht haben wir einfach nur kalte Asche in der Erde verscharrt. Körper, Geist, Seele – tot. Tot. Einfach nur tot.

Er lebt noch. Dein Sohn. Er ist noch ganz lebendig und ich weiß, wie ich so oft als Kind wissen wollte, wie sich die Bartstoppeln auf seiner Wange anfühlen. Ich habe mich nie getraut, ihn mal zu streicheln. Ihn zu berühren. Heute würde ich mich vielleicht trauen. Nur einmal dieses Bedürfnis befriedigen. Nur einmal die Liebe, die immer totgeprügelt wurde, zeigen.

Einmal nur. Einmal nur das Herz öffnen und geben.
Vielleicht könnte ich ihn dann leichter gehen lassen.
Wir wissen beide (bist du noch da? Kannst du mich hören, verflucht noch mal???), dass das nicht sein kann.

Der Mann, den ich geliebt zu haben glaubte, existierte nie.

Den Mann, der er ist, kann ich nicht lieben.
Ich bräuchte jetzt mal ganz dringend deinen Rat.

Kämpfe. Grenzen.

Zwei Jahre, zwei Wochen. Das ist exakt der Altersabstand zwischen dem Kobold und der Motte.

Ein Kind, das sowieso schon sehr besonders ist und dessen Charakter von Wut und Sensibilität durchzogen ist und eines, das immer gut gelaunt ist und mit dem Kopf auch gerne siebenmal mit voller Wucht gegen die selbe Wand rennt. Meistens gibt die Wand dann nach.

Beide Kinder sind gleich schwer. Gleich willensstark und gleich kräftig.
Und sie sind laut. Extrem laut. Gleich laut.
Wenn diese beiden Kinder sich balgen, habe ich das Gefühl, ich wohne einem Kampf der Titanen bei. Es kann sich nur um so etwas handeln. Sie reißen Möbel um, Dinge von der Wand, sie walzen Spielzeug platt, nehmen keine Rücksicht auf Verluste. Ich habe nie nie nie gedacht, dass Kinder so sein können. Dass das so wichtig sein könnte.

Sie streiten nicht. Sie sind nicht gemein zueinander.
Sie messen sich.
Ich habe da keine Kinder, keine süßen kleinen Wesen, keine Engel, nicht mal Teufel, nur Krieger.

Es sind nur wenige Minuten am Tag. Vielleicht dreimal 10 Minuten. Es ist nicht viel. Aber manchmal kaum zu ertragen.

Ich habe lange Wochen beobachtet, wie es anfängt, weil ich den Mechanismus durchschauen musste. Es fängt mit einem Glitzern in den Augen an. Die Motte blitzt den Kobold an und legt den Kopf etwas schief. Reagiert er nicht darauf, läuft das Ganze ins Leere und beide Kinder spielen ganz normal weiter.

Legt er den Kopf ebenfalls schief, geht auch ein kleines feines Lächeln über sein Gesicht. Sehr herausfordernd. Manchmal breitet er die Arme aus – der Startschuss.

Der folgende Angriff der Motte ist spektakulär. Sie rast mit voller Wucht auf ihn zu und knallt mit ihrem Brustkorb gegen seinen Bauch. Beide Kinder haben die Arme nach hinten gestreckt und lachen aus vollem Hals. Oft fällt der Kobold absichtlich nach hinten und die Motte hüpft auf seinen Bauch. Er zappelt und hält sie fest, so dass sie sich gemeinsam drehen. Beide Kinder wälzen über den Fußboden, ringen miteinander, wer die Oberhand behält. Einer drückt den anderen auf den Fußboden, versucht, oben zu bleiben. Es geht so lange, bis zwei hochrote und schnaufende Kinder mit schweißnassen Haaren immer langsamer werden im Kampf.

Manchmal sitzt die Motte zum Schluss auf dem Kobold, der sich nun nicht mehr wehrt, sondern nur noch selig lächelnd dort liegt. Dann kippt sie einfach nach vorne und kuschelt sich an ihn.

So wie eben, als er sagte: „Moment, Motte, ich hol nur schnell die Decken.“

Dann holt er die Bettdecken aus dem Schlafzimmer, wuchtet die Motte auf die Matratze in seinem Zimmer und bettet sie sanft auf sein Kissen, bevor er mit seinem Kopf die andere Hälfte belegt. Deckt sie noch zu und zieht seine rosa Dora-Decke über sich und dann liegen sie da.

Friedlich, zufrieden, glücklich.

Ich habe versucht, diese Kämpfe zu unterbinden. Mit dem Erfolg, dass zwei Kinder laut schreiend völlig aus dem Gleichgewicht geraten sind. Sie streben trotz des Altersunterschieds enorm zueinander. Oft habe ich das Gefühl, es würde sich bei beiden um Zwillinge handeln. Sie sind gleich. Sie teilen sich ihren dritten Namen. Zu Recht.

Wir haben inzwischen Regeln, mit denen auch ich gut leben kann. Nicht, dass sie sie bräuchten. Keine Schlagwerkzeuge.
Fliegenklatschen sind Schlagwerkzeuge.
Nicht in Möbel klettern oder von Möbeln auf den anderen draufspringen.

Schubsen ist erlaubt, wenn das Kampfgeschehen es erfordert.
Schlagen, beißen, kneifen ist verboten.
Spielzeug werfen ist verboten.
Kissen werfen ist erlaubt.

Es ist anstrengend. Es ist schwierig. Es ist manchmal das, was ich am allerwenigsten möchte. Ich erkenne an, dass sie sich gegenseitig ergänzen. Sich anspornen, helfen, lieben. Sich ausgleichen.

Gerade der Kobold, der so starke Entwicklungsprobleme hat, bei dem kein Normmaß angelegt werden kann, holt auf. Sie ist für ihr Alter sehr weit, er für sein Alter weit hinterher.

Ich bin ein Einzelkind. Ich habe große Probleme, das so nachzuvollziehen, wie das ist, unter Geschwistern.

Der große Mann hilft – er hat einen Bruder und kennt durchaus auch dieses Kräftemessen.

Vielleicht hat das alles seinen Sinn.

Grenzen

Jedes Mal, wenn wir von einem dieser Marathonwochenenden bei meiner Großmutter wiederkommen, spielt mein Körper verrückt.

Ich habe jedes Mal für drei bis vier Tage nach dem Besuch vereiterte Mandeln, Schluckbeschwerden, Husten, Übelkeit.

Da wir in Abständen von 2-4 Wochen dorthin fahren, ist das nicht gerade selten.

Ich weiß, woran es liegt, keine Frage. Der große Mann kann mittags um 12 Uhr Schluss machen, auch diese Zeit muss nachgearbeitet werden. Die Kinder HASSEN das Autofahren. Gerade die Kleinen. Es sind mindestens 3 Stunden. Wir fahren diese 3 Stunden auch nicht entspannt, da wir wissen, was auf uns zukommt. Wir haben versucht, das Ganze als „der Weg ist das Ziel“ zu probieren, aber nach 6 Stunden Autofahrt mit langen kindgerechten Pausen und Bewegung sind wir noch fertiger als nach 3 oder 4 Stunden. Kommen wir an, meistens am späten Nachmittag bis frühen Abend, tragen wir unser Gepäck hoch und versuchen uns zu fünft in dem größten Zimmer, das etwa 14qm hat und zwei große sperrige Einzelbetten beherbergt, einzurichten. Liegt die dritte Matratze auf dem Fußboden, ist das Zimmer voll. Voll im Sinne von: Man bekommt genau viermal einen Fuß auf den Fußboden, der Rest ist bedeckt.

Ich kann gerade noch die Sachen so hinstellen, dass wir wenigstens einigermaßen die Kinder fertig machen können, ohne uns (der große Mann und ich) gegenseitig an die Gurgel zu gehen. Der Mann trägt das ganze Computerzeugs ins Wohnzimmer, denn der Bürokram muss ja auch noch erledigt werden. Inzwischen sind wir eine Stunde da und sind bereits 7 Mal gefragt worden, wann wir essen wollen, was wir die nächsten Tage essen wollen und ob wir mal dies, mal jenes erledigen könnten. Das machen wir zwischendurch, keine Frage, immer die todmüde Motte, die meistens an Papas Hemdzipfel hängt, dabei, das große Tochterkind, das sich so gar nicht wohl fühlt und mit großen Krokodilstränen in den Augen meistens nach der Fahrt völlige Ruhe bräuchte.

Der Kobold, dieses besondere Kind, bei dem eine falsche Handlung, ein falsches Wort, ein blöder Zufall reicht, ihn explodieren zu lassen. Zu einem Kind werden zu lassen, dass sich in uns festbeißen muss, uns schlagen muss, laut kreischen, dutzende von Minuten lang, ununterbrochen, um den Druck abzubauen. Eine Wohnung, die es uns nicht erlaubt, mit diesem Kind einen dunklen geschützten Ort aufzusuchen, an dem es ruhig ist.

Ich erinnere mich an die Szene, als der große Mann den Kobold auf dem Arm wiegte, ich ein Milchfläschchen machte und versuchte, mich zu beeilen und meine Großmutter mir entweder im Weg stand oder – obwohl der Mann mehrfach sagte, dass sie das nicht dürfe – den Kobold anfasste. Der zuckte nur vor Pein und der Mann wandte sich ab und hob ihn höher. Das interessierte aber nicht. Das zu verarbeiten schafft sie leider nicht mehr – dieses Verständnis kann sie nicht aufbringen. Sie fragte mehrfach ungläubig, ob er denn tatsächlich noch eine Flasche bräuchte. Mit Sauger. Er sei schließlich schon drei Jahre alt. Und ich war unglaublich entnervt.

Wir gehen dieses enorme Risiko ein, den Kobold außer Haus zu bringen, wohl wissend, dass uns das mit ihm um Monate zurückwerfen kann und ich war kurz davor, sie einfach nur undankbar anzufahren, sie solle den Mund halten.

Als sie dann wieder einen Schritt auf den Mann zumachte und versuchte, unser Kind zu berühren, dass gerade die Schulter des Mannes blutig biss, um das Leben zu ertragen, ging er diesen Schritt.

Er drehte den Kobold weg und sah sie an und fuhr sie an: „Nicht. Jetzt. Oma.“

Und ich war so dankbar. Ich hab das in meinem Kopf nicht hinbekommen, die frische Witwe in ihre Schranken zu weisen, in ihrer Wohnung, kurz nach dem Tod meines Opas. Obwohl ich ganz klar die Prioritäten auf meinem Kind hätte liegen haben müssen.

Ich habs nicht geschafft.

Kobold

Ja, unser Sohn kann mit Messer und Gabel essen. Ja, er kann ganze Sätze bilden. Er kann sich alleine anziehen. Und ausziehen. Und waschen. Und auf Toilette gehen. Und ein Brot schmieren. Und kleinschneiden. Und er kann Kuchen backen.

Er ist dreieinhalb.

Und ja – er bekommt noch ein Milchfläschchen. Mit Sauger. Manchmal muss er dabei ganz still an meiner Brust liegen und sein Gesicht verstecken, um keinen Anfall zu bekommen.
Und ja, manchmal muss er sich bis aufs Blut in unseren Armen festbeißen, um weder sich noch anderen wehzutun.

Manchmal reicht eine winzige Berührung aus, um einen zweistündigen Schreianfall auszulösen und manchmal muss einer von uns mit den anderen Kindern weggehen, während der andere im selben Zimmer bleibt und so sorgsam wie mit einem wilden Tier aufpasst, dass er sich dabei nicht verletzt, ohne ihn in die Ecke zu drängen.

Ja. Das ist unser Sohn.
Und wir sagen Ja zu ihm, von ganzem Herzen.
Das ist nicht immer leicht zu tragen, aber wir gehen mit ihm.
An seiner Seite.

Reif

Oft in meinem Leben hatte ich Wunschträume und Vorstellungen und natürlich gute Vorsätze.

Im Laufe von langen Jahren, in denen ich oft und gerne und immer wieder gegen dieselbe Wand gerannt bin, habe ich erkannt, dass es sinnlos ist, einen Vorsatz fassen zu wollen.

Jeder Vorsatz ist zum Scheitern verurteilt, wird er bedacht.

Irgendwann kommt die Minute, der Moment, der Augenblick, in dem die tiefgreifende Erkenntnis ins Gehirn gespült wird, die nur wenige Buchstaben hat:

Jetzt.

Die Dinge müssen reif sein, sonst sind sie ungenießbar.

Von Schutz und Mut

„Mama, kann ich auch Geld ham?“, fragte der Kobold in der Bremer Fußgängerzone, nachdem das Tochterkind dem russischen Seemannschor etwas in den Kasten gepackt hatte.

Ich nicke  und gebe ihm auch eine Münze in die Hand.

Er geht drei Schritte vorwärts und just in diesem Moment bringen die fünf Männer mit Wucht und Lautstärke ein herzzerreißendes Lied zu seinem Höhepunkt.

Der Kobold springt entsetzt quiekend einen halben Meter zurück und flüstert:

„Ich trau mich das nich so alleine! Die Männers sind so laut!“

Ich schmunzle ein bisschen, will etwas sagen, aber das Tochterkind nimmt ihn schon in den Arm und sagt:

„Komm, wir gehen zusammen. Ich pass auf dich auf!“

„Auch mit die Männers?“

„Ja, auch bei den Männern.“

Utopie

Ganz früher, als ich noch keine Kinder hatte und mir welche gewünscht habe, da hatte ich sehr genaue Vorstellungen von meinem zukünftigen Leben. Immer nur Ausschnitte, aber die auch sehr detailliert.

Ich würde mit den Kindern tanzen und singen. Viel singen. Laut. Ganz oft. Wir würden im Auto sitzen und singen. Uns Geschichten erzählen. Musik hören.

Wir würden malen und herumschmieren, einfach weil es Spaß bringt. Und Plätzchen backen. Und ich würde in bemehlte Kindergesichter sehen, mit roten Bäckchen und zufrieden strahlend.

Wir würden Kuchenteig rühren und naschen, bis uns die Bäuche weh tun. So wie ich das früher mit meiner Oma gemacht habe.

Und wir würden rausgehen und Kastanien sammeln. Und bunte Blätter. Und Kaulquappen.

Und ein Picknick im Regen machen und dabei lachen, weil das Leben so schön ist.

Morgens würden wir durchs Bett toben und noch schmusen und kuscheln und warme und weiche Kinder würden sich vertrauensvoll in meinen Arm schmiegen und ich würde das Glück dieser Welt erfahren.

Abends würde ich die Bettdecke zurechtziehen und noch einmal ganz nah bei ihnen sein – ihrem Atem lauschen und mein Herz verschenken.

Wir würden durch Pfützen springen und bei Wind und Wetter draußen sein. Durch Wälder streifen. Auf Berge klettern. Steine sammeln und Schnecken bestaunen.

Wir würden einkaufen gehen. Alle gemeinsam. Jeder holt seinen Teil, alle harmonieren perfekt miteinander.

Wenn wir zuhause wären, würden die Kinder im Haushalt helfen und kleine Geschenke und Überraschungen basteln und mir überreichen. Ich würde mich freuen und an ganz vielen Stellen in der Wohnung selbstgemalte Kinderbilder aufhängen.

Käme ein weiteres Geschwisterkind dazu, würden alle sehnsüchtig der Geburt entgegenfiebern und sich um das Kleine kümmern und es verhätscheln und lieben. Niemand wäre eifersüchtig, alle wären voller Liebe und Zuneigung.

Natürlich wäre da auch mal Streit. Und nach jedem Streit würden sich die Kinder oder wir uns alle in den Arm nehmen und es wäre wieder gut.

Die Kinder würden gegenseitig auf sich acht geben. Hätte eines eine Verletzung, würden die anderen kommen und helfen. Der eine holt ein Pflaster, der andere pustet und tröstet schon mal.

Sie würden manchmal alle nebeneinander sitzen, miteinander kuscheln und wenn ich um die Ecke komme, mir  zublinzeln und im Chor rufen: „Wir haben dich SOOOO lieb, Mami!“

Wann immer ich jemandem einen kleinen Einblick gab, wie ich mir das Leben mit Kindern so vorstellen würde, erntete ich ein leicht amüsiertes bis spöttisches: Na, da sprechen wir uns in ein paar Jahren noch mal.

Und ich verstand nicht.

Inzwischen sind viele Jahre vergangen und ich würde die Menschen gerne noch mal treffen, die meine Träume und Vorstellungen damals ins Reich der Utopie schoben.

Und sagen:

Seht her.