nackt

Nur der Eine, der alles sehen darf. Älter, erfahrener, unschuldiger und weiser. Ruhiger. Und hemmungsloser. Beherrschter.
Nur er darf die Masken fallen sehen, die Hüllen, die aufplatzen und das Ich offenbaren.

Er hat dem Herz schon oft Wunden zugefügt. Auch bleibende Narben. Nie absichtlich. Er würde nie vor mir etwas verbergen. Der Unterschied, von dem ich nie dachte, dass er existiert, verändert alles.

Wir schulden uns nichts weniger als die Wahrheit. Immer.

Agonie [Anne]

Es würgt und schüttelt mich. Der erste Schritt hin wäre so einfach, eine Hand, die gereicht wird, die von mir kommt. Und ich kann nicht. Ich kann nicht. Ich nehme diese meine Grenze so plastisch wahr, dass ich selbst bei dem vorsichtigen Gedanken an einen Schritt nach vorne fast körperlich spüren kann, wie massiv sie ist. Es ist kein Schatten, über den ich springen müsste, es wäre eine grundlegende Missachtung meiner ureigenen Bedürfnisse und des Grundrespekts, den ich einfordere. Ich kann nicht.

Es gibt kein Vor und es gibt kein Zurück. Ein Totschlagargument ist immer ein Ende. Die Gewalt und die Wucht, mit der es herausgeholt wurde, zeigt mir die Wunde. Nicht meine.

Ich drehe mich im Kreis und möchte genau jetzt gerne aufgeben. Einfach so. Schlaff zusammensacken, was mich so viel Kraft und Vernunft kostet und aufgeben.

Früher habe ich auf Manipulationsversuche anders reagiert. Und es ist mir so vertraut, dieses Muster. Ich erkenne mich wieder, möchte mich anschmiegen an diese Abwärtsspirale aus Unerfahrenheit und Machtgier, weil ich sie kenne. Ich möchte den Therapeuten, den zu spielen so verlockend ist, gerne einfach nur in den Arm nehmen und versichern, dass ich genauso war.

Damals. Es ist so viel passiert und Augenhöhe benötigt nicht dasselbe Alter.

Aber vielleicht einen ähnlich langen Weg.

Feldzug [Anne]

Geradezu ekelerregend zäh tropfen die Gedanken durch meine Finger auf die Tastatur, nicht ahnend, nicht wissend, was als nächstes geschrieben wird. Ob es geschrieben wird, geschrieben werden muss.
So roh der Zustand, in dem ich die letzten 6 Monate verbrachte habe, so empfindlich, so vergänglich…. Ein Raum, geschützt, geachtet, der sich geöffnet hat.

Und dort ist, war, kein Platz für Wertungen, für den Schwanzvergleich, wer mehr Leid erfahren musste. Inzwischen ein Ort für das Wetteifern, wer mehr Leid erfahren durfte, wer schlechter ist, wer mehr leiden darf im Leben, wer es schwerer hat, wer unordentlicher ist… und ich sage wieder … nichts… Es kostet mich kaum noch Nerven, die Frage ist, ob ich weiser oder gleichgültiger werde oder ob nicht Beides das Gleiche ist.

Ich kenne den Königsweg, ich würde dieses Verhalten wählen, weil ich die Strategie kenne. Ein weiteres Spiel in der Blase, in der nicht gespielt werden sollte. Ich entscheide mich dagegen. Und schweige. Schmerzhaft, roh, verletzt und wund.

Die moralinsaure Keule der ethischen Integrität wurde geschwungen und lässt mich zurück, blutend, still.
Hole ich meine heraus, werde ich vernichten. Dazu habe ich zu viel gesehen und erlebt. Aber ich will nicht. Bewusste Entscheidung gegen alles, was mir beigebracht wurde.

Aus Respekt? Höchstens für mich selber.

Wert [Anne]

Es verändert sich. Wo uneingeschränkte Hingabe war, kehrt nun Misstrauen ein. Misstrauen, das wuchs. Die schlechteste Art, Vertrauen zu untergraben. Es ist viel passiert in den letzten Monaten, es fehlt die Nähe, die unmittelbare.

Ich wanke hin und her und weiß, was für mich das Beste wäre, weiß, wo ich meine Gedanken hinlenken müsste, um wieder etwas freier zu werden.

Intensität um den Preis der Selbstaufgabe ist wertlos.

Bussi

Ich mag keine Küsschen. Ich mag keine Bussis. Ich mag keine Umarmungen. Ich mag es roh und direkt und ich mag diesen Blick, der sich durch die Maske bohrt und die Menschen verhöhnt, die meinen, ein sorgsam normal aufgebautes Leben zu führen.

Reißen wir alles weg, sind wir alle gleich.

Gleich blutig.

Erinnerungen

Die Wehmut lässt auf sich warten. Erinnerungen sind da, aber sie sind nicht wehmütig, nicht sehnsüchtig, nicht seufzend. Sie sind klar und rein.
Ich bereue nichts, möchte ich schreien und das ist wohl das Passendste zu jenem Tag vor vier Jahren.

Es war wie es war. Nicht perfekt, aber es war vollkommen.

Rund, mit allen Zweifeln, Schreien, mit aller Wut und Wucht, mit aller Liebe, mit jedem Stück Hingabe, mit dem Vertrauen, dem letzten Blick in die blauen Augen des Mannes, der nickte und sagte:

Ja. Ich sehe ihn.
Wir machen weiter.

Liebe.

Loch

Ich habe noch keinen Weg gefunden, nicht in dieses Loch zu fallen. Die letzten Tage waren adrenalindurchtränkt, diesem besonderen Kind gerecht zu werden. Immer auf dem Sprung, abwägen, was nun das Verkehrte, was das Beste wäre… nach zwei Wochen Zwangspause vom Kindergarten. Und so wird aus mir ehemaligem Morgenmuffel ein sanft aber konsequent energischer Motivationsbolzen, der drei Kinder zeitgleich weckt, fertig macht, herumkommandiert und pünktlich aus der Haustür schiebt oder von A nach B bringt und auch wieder abholt. Es rächt sich. Die Vorbereitungen für heute haben mich bis gestern Abend um 10 Uhr auf den Beinen gehalten und seitdem geht es bergab. Talfahrt frei ins schwarze Loch der Müdigkeit.
Immer ist es das Gleiche, wenn ich mich nach außen wenden muss, mit anderen Menschen näheren Kontakt halten muss und mich nicht einigeln und schützen kann.
Ich möchte nur noch schlafen, schlafen, schlafen.

Magnetismus

Ich bin in noch nie so schnell so hart geworden wie im Moment, sagt der Mann, der an Potenz eigentlich nicht zu überbieten ist. Und auch nach 5 Jahren schießt das Adrenalin jedes Mal in meine Adern, wenn wir uns berühren. So besonders. So kostbar.