Wert [Anne]

Es verändert sich. Wo uneingeschränkte Hingabe war, kehrt nun Misstrauen ein. Misstrauen, das wuchs. Die schlechteste Art, Vertrauen zu untergraben. Es ist viel passiert in den letzten Monaten, es fehlt die Nähe, die unmittelbare.

Ich wanke hin und her und weiß, was für mich das Beste wäre, weiß, wo ich meine Gedanken hinlenken müsste, um wieder etwas freier zu werden.

Intensität um den Preis der Selbstaufgabe ist wertlos.

Bussi

Ich mag keine Küsschen. Ich mag keine Bussis. Ich mag keine Umarmungen. Ich mag es roh und direkt und ich mag diesen Blick, der sich durch die Maske bohrt und die Menschen verhöhnt, die meinen, ein sorgsam normal aufgebautes Leben zu führen.

Reißen wir alles weg, sind wir alle gleich.

Gleich blutig.

Erinnerungen

Die Wehmut lässt auf sich warten. Erinnerungen sind da, aber sie sind nicht wehmütig, nicht sehnsüchtig, nicht seufzend. Sie sind klar und rein.
Ich bereue nichts, möchte ich schreien und das ist wohl das Passendste zu jenem Tag vor vier Jahren.

Es war wie es war. Nicht perfekt, aber es war vollkommen.

Rund, mit allen Zweifeln, Schreien, mit aller Wut und Wucht, mit aller Liebe, mit jedem Stück Hingabe, mit dem Vertrauen, dem letzten Blick in die blauen Augen des Mannes, der nickte und sagte:

Ja. Ich sehe ihn.
Wir machen weiter.

Liebe.

Loch

Ich habe noch keinen Weg gefunden, nicht in dieses Loch zu fallen. Die letzten Tage waren adrenalindurchtränkt, diesem besonderen Kind gerecht zu werden. Immer auf dem Sprung, abwägen, was nun das Verkehrte, was das Beste wäre… nach zwei Wochen Zwangspause vom Kindergarten. Und so wird aus mir ehemaligem Morgenmuffel ein sanft aber konsequent energischer Motivationsbolzen, der drei Kinder zeitgleich weckt, fertig macht, herumkommandiert und pünktlich aus der Haustür schiebt oder von A nach B bringt und auch wieder abholt. Es rächt sich. Die Vorbereitungen für heute haben mich bis gestern Abend um 10 Uhr auf den Beinen gehalten und seitdem geht es bergab. Talfahrt frei ins schwarze Loch der Müdigkeit.
Immer ist es das Gleiche, wenn ich mich nach außen wenden muss, mit anderen Menschen näheren Kontakt halten muss und mich nicht einigeln und schützen kann.
Ich möchte nur noch schlafen, schlafen, schlafen.

Magnetismus

Ich bin in noch nie so schnell so hart geworden wie im Moment, sagt der Mann, der an Potenz eigentlich nicht zu überbieten ist. Und auch nach 5 Jahren schießt das Adrenalin jedes Mal in meine Adern, wenn wir uns berühren. So besonders. So kostbar.

Träume

Es ist eine besondere Zeit und ich frage mich, ob man nicht einfach das Schicksal entscheiden lassen sollte.

Wenn es sein soll… wird es geschehen.

Ordnen

Ein Abschnitt ist zuende. Diese Asche, durch die wir die letzten Monate gewankt, gehustet, gestolpert sind, war furchtbar.

Der Feuervogel durchschreitet die Talsohle, um sich mit neuer immerwährender Kraft zu erheben. Es war gut, wie es war, möchte ich schreiben, aber das war es nicht. Es war nicht nur Asche unter unseren Füße, dort waren auch Scherben. Winzige kleine Glassplitter, die sich bei jedem Schritt ins Fleisch bohren.

Es war nicht gut. Es war nicht schlecht.
Es war wie es war.
Wir müssen uns neu positionieren. Wir alle. Als Freunde, als Partner, als Gefährten, als Familie und als Individuen.

Jetzt ist Luft da. Luft zum Nachdenken, zum Atmen, zum Entspannen, zum Fliegen. Und jeder muss seinen Weg wiederfinden. Oder neu suchen.

Für mich ist der Abschnitt Frau Limette zuende. Ich weiß nicht, was Neues beginnt, ich kenne mich noch nicht in diesem Zyklus meines Lebens.
Aber es fühlt sich gut an. Richtig. Leicht.
So soll es sein.

Normalität

Normalität mit dem Kobold wird und ist schwer erkämpft. Und doch ist dieser harte und oftmals recht brutale Weg, der nun schon zu einem so großen Teil hinter uns liegt, genau der richtige. Es wird jeden Tag besser. Dinge passieren, die ich niemals für möglich gehalten habe. Und so war es in den letzten Wochen auch eine Zeit des Abschieds. Abschied von einer sehr intensiven, sehr schmerzhaften und besonderen Zeit mit einem sehr speziellen Kind. Wir nähern uns der Zielvorgabe “relativ normal” und das fühlt sich für den Kobold großartig an, ohne ihn in seiner Individualität zu beschneiden.

Die Attacken werden kürzer. Leiser. Weniger schlimm für alle. Ich hänge am Ende des Tages nur noch schlapp in einer Ecke und kann nicht mehr, aber das Aufstehen und Aufrappeln jeden Morgen lohnt sich.

Es wird heller.

Anne

So roh und unerträglich die letzten Wochen waren, so sehr waren sie auch Geschenk.

Endlich mit dem Kampf nicht mehr alleine sein.

Sich fallen lassen dürfen, jeden Tag. Nach dem Kampf, während des Kampfes. Wenn da (wenn auch nur virtuelle) Arme sind, die umfangen und für einen kurzen Moment alles abschirmen, das auf einen einstürmt.
Die kurze Pause, das Schreien, das jemand aushält.

Eine Stunde, zwei.
Vertrauen, Liebe, die es möglich machen, dass man sich offenbart. Angenommen wird. So wie man ist. Getragen.

In Freundschaft. In Liebe.