2010-03-25

Ausnahmezustand beschreibt die letzte Zeit wohl am besten. Ich weiß seit Januar nicht, wo die Zeit hin ist. Sie wurde gelebt, unglaublich intensiv, aber eben im Ausnahmezustand.

Ein Schritt vor, zwei zurück. Zwei Schritte vor, einen zurück. Alles war dabei. Und nach Mitternacht saß ich oft am Küchentisch und fand kein Ende, weil der nächste Tag graute. Mir.

Kein Platz mehr für irgendwas. Nicht für die Umarmung, nicht für den Kuss beim Nachhausekommen, keine Kraft, keine Reserve, nur Fallenlassen, Loslassen, Zusammensacken.

Und jetzt. Jetzt geht es voran. Steil bergauf und uneben, aber voran.
Fast ein anderes Leben, möchte ich flüstern, aber es fühlt sich so warm und so vertraut an…

Es ist unseres.

Leise

Zwei gesicherte Fehlgeburten zählt das letzte Jahr.
Eine im Februar, eine im August.

So unendlich ungeduldig wurde dieses Jahr erwartet.

Ein Babyjahr. 2006 der Kobold, 2008 die Motte und 2010… wer weiß das schon…
Und weil das Leben manchmal der Meinung ist, es muss anders laufen als geplant, packe ich nun die Babysachen, an denen ich alle paar Tage mal sehnsüchtig stehenbleibe und betrachte, wie niedlich und klein und wunderbar sie sind, nach oben in die Erinnerungsboxen der Kinder.

Weg.
Ein Kind trägt noch Windeln und es ist abzusehen, dass die Schublade mit den Windeln auch bald frei wird. Nicht für kleinere Windeln sondern für andere Dinge. Schreiend und weinend durch die Gegend zu laufen hilft nicht. Und es mangelt nicht daran, dass ich es nicht versucht hätte. Die Flaschen habe ich vorgestern entsorgt. Das Babygeschirr auch. Heute räume ich die Kleidung zusammen.
Die Motte wird in drei Monaten zwei Jahre alt. Kindergarten steht zur Debatte. Mit dem Kobold läuft es auch gut im Kindergarten. Was will man mehr?

Ein Baby, flüstert es.

Ich geh dann mal schreien.

Bleibt alles anders.

Milchentzug

Ich habe aufgehört zu zählen, wie oft ich vor diesem kreischenden Kind stand und am liebsten ein Fläschchen geholt hätte.

Ich bin hart geblieben. Wir beide sind es.
Zwei Wochen ohne Fläschchen, das waren zwei Wochen Gekreische am Morgen, noch bevor ich die Augen auf hatte, Gekreische am Mittag, Trotz- Wut- und Panikanfälle gefühlt jede halbe Stunde mit Tränen, Türenknallen, Werfen, schlagen, beißen. Gekreische am Abend. Schreien in den Schlaf. Wutentbranntes Toben gegen alles, das sich in den Weg stellte.

Und – oh Wunder – der Kobold nimmt normale Nahrung zu sich. Nicht in einer Menge, die ein normales Kind essen würde, aber für ein kleines Spätzchen wie ihn reicht es. Und Brot! Er isst Brot!

Von Zeit zu Zeit betrachte ich ihn und die Fortschritte, die wir ohne Frage gemacht haben und überlege mir, ob ich das schon vor einem Jahr hätte so machen müssen oder ob es jetzt die Zeit war.

Ich werde es nicht erfahren… Es nagt an mir.

Ich liebe diesen kleinen Kerl so sehr und habe so viel Angst, alles falsch zu machen…

Kindergarten [Kobold]

Heute nur knapp eine Stunde.

Dafür waren die Motte und ich ungefähr 20 Mal Händewaschen. Große Panik in den Augen, widerwilliges loslassen, Erleichterung. Immer und immer wieder.

Ziel ist es, eine Art Abstumpfen und Sicherheit in einem zu erreichen.
Die Welt geht nicht unter, wenn ich alleine bin.
Mama kommt immer wieder.
So irgendwie.

Das Mottenkind krähte jedes Mal begeistert, wenn ich kurz mitteilte, dass wir jetzt unbedingt Händewaschen/auf Klo/den Kalender holen/was trinken müssen. Unsere Lieblingserzieherin lächelte mitleidig und kümmerte sich. Das hat heute gut geklappt.
Aber er war an der Grenze. Wir hören auf, wenn es gut läuft. Heute war es fast zu spät. Er hörte schon nicht mehr, ich vermute, das Adrenalin rauschte durch seine Adern und ich verkündete mitten im Spiel, dass wir jetzt sofort gehen.

Einen Schritt vor der Tür brach er dann zusammen. Ich nahm ihn wie ein Baby auf den Arm – den fast Vierjährigen – während die eineinhalbjährige Motte laut krähend nebenher lief.

Die Blicke. Ich ignoriere sie. Die wohlmeinenden Ratschläge der Muttis, die mit einem Kind natürlich wissen, was man alles besser machen könnte. Natürlich. Und ich spreche nicht über meinen Sohn, wenn er daneben steht.
Das muss nebenher noch ausgestanden werden. Die Ablehnung, der Schutzwall nach außen, während ich für ihn auf meinem Arm weich und offen sein muss. Der Spagat ist grauenvoll.
Ich trug ihn zum Auto und er wippte nur noch hin und her, um sich zu beruhigen. Das sind die Momente, in denen ich einfach loslassen möchte, mich ein bisschen an den Bordstein setzen und nur noch still vor mir hinweinen will. Manchmal ist der Gedanke übermächtig, dass es nicht weitergeht.

Dass wir uns immer nur auf der Stelle drehen…
Wir sind wieder zuhause und ein großer Anfall ist schon ausgestanden.
Kurz durcharmen, still sein, innehalten.

Gleich gehts weiter.

Psycho

Wenn der Kinderarzt weitere Behandlung ablehnt und der Meinung ist, es wäre das Sinnvollste, der Kobold wird während eines einwöchigen stationären Aufenthaltes in einer Klinik am besten von einem 5köpfigen Ärzteteam begutachtet, dann reißt einem das schon mal den Boden unter den Füßen weg.

Manchmal hab ich keine Lust mehr.

Einfach nur keine Lust.

Hallo Winter

Es schneit. Es schneit, schneit, schneit.

Schnee! Mamimausi! Schnee!!

Und ich war doch gerade froh, nicht mehr drei Kinder mit mindestens 5 Schichten Kleidung und dicken Stiefeln versehen zu müssen, bevor wir sowas wie Natur überhaupt gesehen haben…

Achja. Ich werde alt.

Kindergarten

Ich habe mal wieder mit der Lieblingserzieherin telefoniert und wir haben wieder mal keine Lösung gefunden. Die Kindergartenerziehersituation lässt keine Einzeleingewöhnung zu und der Kobold braucht aber genau das. Stabilität und eine einzige Bezugsperson.
Ich hole die nächsten Tage mal ein paar Unterlagen ab. Mal sehen, wie der Kobold sich benimmt, ob er in Panik verfällt, sich einigermaßen entspannen kann oder es sogar zu einem Kontakt kommt.
Ich hasse dieses Thema. Es liegt mir so schwer auf der Seele und ich weiß einfach nicht mehr weiter. Ich verzweifle fast daran.

Wie soll ich ihn schützen?
Wie lange darf ich das noch?

Ich kann das kaum ertragen.

ARGH!

Der Exmann kriecht mit 20 über die Autobahn und hat noch 80 km. *hrhrhr*

Der Mann kommt nun doch früher.
Das Kind hat kein Zeugnis.

“Was feiern wir denn nun?”, frage ich entgeistert in das traurige Tochtergesicht mit den Krokodilstränen in den Augen. Wir stehen uns im Schneetreiben gegenüber und da glitzern so zwei, drei dicke Tränen in den großen braunen Augen.

“Ich weiß es nicht!”, schluchzt das Kind und wirft sich in meinen Arm.

“Ja und die Geschenke. Und die Luftschlangen. Und die Ballons! Irgendwas müssen wir ja feiern, sonst sieht das beim Mittagessen echt doof aus.”, sage ich.

“Ich hab heut deinen Kalender fertiggemacht, den ich dir zu Weihnachten schenken wollte!”, strahlt sie mich an. Und setzt leise hinzu: “Also bis auf ein paar Monate. Aber mit dem Mai hab ich mir heute echt Mühe gegeben. Ist doch Kobolds Monat!”

Ich blinzle stoisch.

Na, wenn das kein Grund zum Feiern ist!

Wir schleichen mit dem Auto nach Hause und das Essen brutzelt schon im Ofen und der Reis kocht immerhin und wir werden vermutlich ohne den Exmann essen. Und mit dem großen hübschen Mann. Und mit Geschenken. Weil – der Kalender ist ja heute fertig geworden.

Also fast. Man soll die Feste ja feiern, wie sie fallen.