Baby

Durch die Schwangerschaft, die ich so eng erleben darf, ist die Babysehnsucht wieder sehr stark. Ich habe mich gestern noch durch die Fotos der frischgeborenen kleinen Kinder geklickt und die waren ja mal soooo klein und weich und wunderbar. Ich merke, dass ich die Neugeborenenfotos der großen Tochter mit Widerwillen betrachte. Ich sehe den riesigen blauen Fleck auf der Stirn und die Erinnerung ist so stark. Erinnerung an eine Sache, die ich nicht miterleben durfte. Ich weiß nicht, ob sie runtergefallen ist. Oder ob sie beim Kaiserschnitt verletzt wurde. Oder was sie mit ihr gemacht haben… Ich weiß es nicht und es schmerzt immer noch sehr.

Aber die Fotos, die in der Zeit danach entstanden, besänftigen wieder. Dieser Zauber des ersten Kindes, dieses Wunder, diese Ehrfurcht… Es ist unglaublich. Und so anders das mit jeder Geburt ist, der Zauber ist ein anderer, aber nicht weniger mystisch.

Es ist die dichteste Erfahrung, die man im Leben machen kann.

Geburt.

Gebären, Leben schenken.

Selber neu geboren werden.

Und die Sehnsucht regt sich. Nicht, dass sie jemals weg war. Aber die letzten positiven Schwangerschaftstests waren kein gutes Omen für mich.

Man kann an diese Sache nicht locker rangehen. Das ist Schwachsinn. Sich vorzunehmen, locker zu sein ist … Unsinn. Und diese wunderbare Schwangerschaft “nebenan” ist aber trotzdem so. Und sie gibt mir jeden Tag so ein Stückchen Leichtigkeit. Dieser Zauber ergreift mich.
Und wo nur dunkle Gedanken waren, bahnen sich nun Lichtstrahlen ihren Weg. Ich erkenne, warum das so gut und sinnvoll war, dass der Zeitpunkt nicht gleich war.

Weil ich erst noch Vertrauen fassen darf.
Ein Geschenk der Hoffnung.

Talsohle

Gestern hatte ich nach den letzten Wochen das erste Mal den Gedanken an unseren Kinderarzt. Kein Fieber, keine Lethargie, soweit alles prima. Nur das Gefühl… Gestern Abend der Gedanke an ein Antibiotikum und noch mal leise Zweifel, dass die Maus es diesmal allein schafft. Und in der Tat: am Abend wechselte der Schleim in den Augen seine Farbe von gelbgrün zu giftgrün.

Heute Nacht war bescheiden. Heute Morgen – wie jedes Mal, wenn ich meine Entscheidungen vom Arzt gegenprüfen lassen muss, die Frage, ob ich nicht früher hätte gehen müssen… Ich fürchte, das wird wohl auch auf ewig so bleiben. Wenn man die Kinder nicht für jeden Pups zum Arzt schleppt, muss man Verantwortung übernehmen. Und natürlich hinterfragt man das ständig. Aber nur um mich von der Verantwortung zu entbinden, setze ich die Kinder nicht einem unnötigen Arztbesuch aus. Mal ganz davon ab, dass unser Kinderarzt vermutlich herzlich lachen würde, wenn ich wegen Schnupfen oder Husten dort ankäme.

Dann Erleichterung: Das Mittelohr ist noch nicht betroffen, aber das Gefühl stimmte, die Ohren sind Dreh- und Angelpunkt der ganzen Sache. Noch nicht entzündet, aber so gereizt, dass genau jetzt der Zeitpunkt ist, wo die Motte alleine nicht mehr damit klar kommt. Also ein Antibiotikum und gut ist. Ihr erstes. Der Vormittag war gut.

Es geht bergauf.

Kobold

Als ich schwanger war und wir wussten, dass wir einen Sohn bekommen würden, haben wir als Eltern natürlich auch einen Blick in die Zukunft geworfen.

Er kam zur Welt und wurde recht bald ein Kobold.
Ein Klabauter oft, aber meistens ein Kobold.

Für mich wird mit den Jahren immer klarer, dass ich damals ein Idealbild projiziert habe. Und es gibt diese stillen Momente im Leben, in denen die Zukunft der Kinder zum Greifen nahe ist.

Meine große Tochter wird sehr bestimmt ihren Weg gehen. Ich sehe sie in 20, 30 Jahren und das Bild, das ich seit ihrer Geburt habe, hat sich zwar ein wenig angepasst und wird das auch weiterhin tun, aber es ist in sich stabil geblieben.

Der Kobold dagegen ist ein Geheimnisbewahrer. Die kurzen Blicke, die ich erhaschen darf, zeigen nicht mal ansatzweise das Bild, das ich damals nach der Geburt zu sehen glaubte. Aber es gefällt mir. Sehr. Er ist so echt. So bei sich.

So stabil die Reise mit der großen Tochter ist, so abenteuerlich ist sie mit dem Kobold. Auf, Ab, Hin, Her. Die See ist stürmisch und ich erkenne die Bedeutung seines dritten Namens, den wir seiner Seele gaben: Zuflucht.

Die Motte trägt diesen Namen ebenfalls als dritten Namen.
Doch ich denke in anderer Bedeutung.

Ich bin gespannt.

Erziehung

Motte ist in einem Alter, in dem ich sie leider nicht mehr im Einkaufswagen fixieren kann, um nur zwei Chaoten beaufsichtigen zu müssen. Nein, sie kreischt vehement ihr Veto, sobald sie das Klapp-Ding auch nur sieht. Also läuft sie. So sehr ich es schätze, wenn Kinder laufen – alleine, beim Einkauf mit drei Kindern, von denen zwei innerhalb von Sekunden in den Berserkermodus wechseln können, ist das – suboptimal.

Ich danke jeden Tag für viele viele Jahre Hundeschule, denn – es ist das Gleiche.

Die wohl einschneidendste Veränderung in meiner Stimme, meinem Tonfall, meiner Haltung und meinem Denken verursachte mein Ausbilder, der grundsätzlich nur auffällig gewordene Kampfhunde zu sich nahm, die während des Unterrichts wie fromme Lämmchen hinter ihm herschlichen. Immer am linken Bein, der Rangfolge nach aufgestellt, immer mit gespitzten Ohren zu ihm. Jedes geflüsterte Kommando, jede Handbewegung wurde im Bruchteil von Sekunden ausgeführt, während wir Idioten mit unseren zerrenden Kuscheltieren an der Leine Mühe hatten, die Fellknäule zu irgendwas zu bewegen.

Es klappte alles nicht. Ich rasselte durch eine Prüfung nach der nächsten. Der Hund tat nicht das, was er sollte.

“Ich kann deine Angst hören.”, sagte der Ausbilder eines Tages leise. “Du kalkulierst mit ein, dass es eventuell nicht klappen könnte. So lange der Funken eines Zweifels da ist, wird niemand auf dich hören wollen.”

Es veränderte alles. Nicht nur die Hundeerziehung – mein ganzes Leben. Und dann schlussendlich auch das Leben mit Kind. Es ist harte Arbeit, jeden Tag. Jeden Tag ein enges Korsett aus Befehlen, Anweisungen, Forderungen. Es sind strenge und enge Grenzen, in denen meine Kinder die ersten Jahre verbringen. Sie müssen sich aufstellen. Sie müssen gehorchen.

Ich weigere mich, meinen Kindern hinterher zu laufen.  Ich erwarte, dass bei meinem Wort alle stehen bleiben. Sich benehmen können. Die Rückschläge bringen uns voran. Ich dachte drei Jahre lang, mein Sohn würde niemals lernen, was das Wort Nein bedeutet. Umso fataler nach einer Tochter, die im Alter von 8 Monaten bereits sehr gut verstand, was dieses Wort ausdrückte.

Die Motte ist noch mal ganz anders wild. Der Kobold schlägt einfach nur quer. Wenn er unterwegs einen Anfall bekommt, ist eh meistens alles verloren, aber wer würde an dieses Kind schon normale Maßstäbe anlegen wollen. Dann schnuffelt er sich unter meinen Pullover und wir versuchen, ohne größere Unfälle nach Hause zu kommen. Früher ist er oft weggerannt. Aber das haben wir inzwischen gut im Griff. Er ist ein Träumer. Er lebt in seiner eigenen Welt, vor einem Jahr noch wesentlich extremer. Sieht er in einem Einkaufsladen Haie, muss er vor ihnen weglaufen, das ist für ihn sehr logisch.

Die Motte dagegen erfordert eine ganz andere Taktik. Sie lebt nur im Jetzt und Hier. Sie ist … eine Naturgewalt. Sie stürzt sich mit infernalischem Gebrüll in den Supermarkt wie Hochlandkrieger in die nächste Schlacht. Jedes Regal wird mitgenommen, jedes Teil will angefasst werden. Immer begleitet von lautem Gekreische, bummerndem Trampeln und einer Körpermasse, die auch schon mal ein paar Schilder mitreißt. Kollateralschäden inklusive.

Wenn sie läuft, sind meine Sinne in höchster Alarmbereitschaft. Alle paar Sekunden wird dieses Verhalten relativiert, gemaßregelt, bewertet. Immer in die Hocke, immer in die Augen kucken, das Lachen abwarten, bis der Ernst in ihre Augen tritt und sie mir zuhören kann. Es ist eine sehr schweißtreibende Angelegenheit. Es interessiert sie einfach nicht. Würde ich aufhören, daran zu arbeiten, wäre ich innerhalb kürzester Zeit eine dieser kreischenden Mütter, die hochrot durch den Laden hetzen und ihre Kinder nicht mehr finden. Sie hat einen enormen Dickkopf, mehr als ich jemals für möglich hielt. Das wird ihr irgendwann von großem Nutzen sein. Sie ist die geborene Führerin. Präsent, gewaltig, einnehmend, fordernd, willensstark und echt.

Aber wer führen will, muss dienen können…

Wenn die Zügel etwas gestrafft werden, laufen da tatsächlich drei ganz entzückende Kinder, die sehr viel “Ah”s und “Oh”s von ihrer Umgebung hören. Einschließlich des großzügig Hingekotzen: “Da haben Sie aber Glück, dass die drei so pflegeleicht sind und sich so gut benehmen können.”

Hmhm. Na klar. Sie machen viel Unsinn. Müssen sie. Dürfen sie. Aber eben nicht die meiste Zeit.

Die wahre Herausforderung ist die Gratwanderung, ihnen zu vermitteln, dass einige Befehle demütigen Geistes befolgt und Einige kämpferischen Herzens verweigert werden müssen.

Einen Schritt vor, zwei zurück

Wir haben die Flaschen umgestellt und auch die Milch. Keine Pulvermilch mehr für den fast Vierjährigen, nur noch Milupino Kindermilch. Sauteuer, aber ich verspreche mir davon, dass er vielleicht von alleine seinen Speiseplan ausbaut. Die Flaschen haben nicht mehr den breiten Latexrand von NUK, an den man so toll sein Näschen drücken kann wie an eine Brust, sondern es sind so dünne Sauger, die der Kobold mit einigem Widerwillen in den Mund nimmt um zu trinken. Gutgut. Da geht noch was. Nun also inzwischen ein Abend, an dem Brot gegessen wurde.

Gestern Mittag immerhin Kartoffeln und ein paar Happen Fleisch. Beim Abendbrot war es dann schon wieder hinfällig und nach einem stressigen Tag blieb es dann bei der Scheibe Käse mit gefühlten 200g Margarine darauf. Heute Morgen immerhin ein bisschen trockenes Brötchen und einen halben Apfel mit Margarine. Und ne Flasche Milch.

Durch den großen Einbruch letzte Woche ist das noch sehr positiv zu bewerten. In der Vergangenheit war es oft so, dass nach Attacken erst mal komplett alle Nahrung außer Flaschennahrung verweigert wurde. Immerhin isst er weiter. Das Mottenkind kommt damit deutlich besser klar. Zwar trinkt sie im Moment viel Milch, weil sie erkältet ist, aber ich habe nicht das Gefühl, dass die Flaschen etwas sind, worauf das Kind nicht zur Not auch verzichten könnte.

Der Kindergarten, den ich so enthusiastisch im Februar in Angriff nehmen wollte, ist erst mal wieder ein oder zwei Monate nach hinten gerutscht.

Tausend Überlegungen, ob ich tatsächlich so lange warten kann. Was der Preis wäre, es mit Gewalt durchzusetzen. Ob ich die Motte einfach mit zwei Jahren schon hingebe, damit er mit Vier endlich gehen kann. Aber auf Kosten des jüngsten Kindes, das noch nicht die soziale Fähigkeit hat, sich anders als mit Gewalt durchzusetzen? Nein.

Aber die Geister beschwören ein Horrorszenario herauf, dass er mit Fünf noch nicht dort ist. Und ich kann das Kind nur ein Jahr von der Schule zurückstellen lassen, ohne mit ihm ein psychologisches Verfahren zu durchlaufen.

Der Kobold ist die Ruhe selbst. “Ich hab da Angst, MamiMausi. Jetzt noch nicht zum Kindergarten. Bald.”

Ich wünschte, ich könnte das einfach so annehmen. Ganz ruhig. In dem Wissen, dass wir schon so viel geschafft haben.

Aber die Praxis ist von der Theorie mal wieder ganz weit entfernt. Dass er auch zum Einschlafen in unser Bett zurückgekehrt ist, wo wir doch schon drüben waren und so sehr diese Nähe fordert, ich ihn auch tagsüber wieder tragen und wiegen muss, damit er ruhig wird, dass er wieder anfängt, seine Haut aufzuknabbern… ich wünschte manchmal einfach, ich könnte die Zeit zurückdrehen und Fehler ungeschehen machen. Und durch die extreme Bindung an den Mann und dessen Abwesenheit hier über Tag zählen diese Fehler doppelt und dreifach. Es ist so grauenvoll, einfach nur abzuwarten, nur aushalten zu können, wenn man etwas tun möchte. Ich mache auch viele Fehler mit ihm. Aber sie sind leichter wieder auszubügeln, weil die Fixierung auf mich nicht so stark ist. Der Kobold braucht für alles sehr viel Zeit. Ich weiß das.

Warum nur fällt es mir immer wieder so schwer, das zu leben?

Schreihals, Kobold

Dieses Kreischen. Dieses unerbittliche hohe, laute, nicht enden wollende Kreischen. Es macht mich wahnsinnig. Und so wütend. Das Getrampel. Das Umwerfen von Möbeln. Das Werfen von Sachen.

Und dieses Kreischen.

Dieses Kreischen.

Das Beste am Kuchen…]

… ist der Teig.

Immer wieder.

Den fertigen Kuchen isst hier eigentlich kaum jemand. Der Kobold hat dem Tochterkind gerade den Kuchen weggenommen, die Motte klaut beim geklauten Teig und lässt ihre eigene Schüssel kurz unbewacht, was das Tochterkind nutzt, um daraus zu naschen.

Wenn ich sage: “Lasst uns doch einen Kuchen backen”, ist das allererste, das alle drei Kinder tun, an die Besteckschublade zu rennen und Probierlöffel zu holen.

Vorbereitung ist alles.

Arbeit

Irgendwie, irgendwo zwischen Boden schrubben, Fenster putzen und dreimal am Tag saugen und das 398. Mal die Bauklötze aus der Toilette fischen ist er mir verloren gegangen, der Spieltrieb.

Kann der Mann immerhin seine sprachliche Fähigkeit, mit Worten zu spielen, an den Bürohasen ausleben, die keine Kinder haben und mit Arschgeweih, Stringtanga und rausfallenden Titten seinen Büroalltag bereichern, setze ich auf klare kurze Anweisungen.

Keine Ironie, kein Zynismus, keine Andeutungen, nein, wir leben die Hundeerziehung und setzen auf maximal Zweiwortbefehle.

Ich kann Frauen sehr gut verstehen, die nach der Geburt wieder arbeiten gehen, weil ihnen der Ausgleich fehlt. Nicht, weil Kindererziehung zu anspruchslos wäre oder man sich langweilen könnte, Gott bewahre, es ist und bleibt ein Vollzeitjob. Unterbezahlt, ungedankt, unbefriedigend. Denn: was nach einigen Jahren Früchte trägt, wird im Alltag hart erkämpft. Und nur weil meine Kinder in ein, zwei, drei Jahren alle höflich sind, sich durchsetzen aber auch benehmen können, heißt das nicht, dass wir hier glückselig lächelnd durch die Gegend tanzen.

Also nicht nur, zumindest.

Ich hätte gerne eine richtige Arbeit. Eine bezahlte, eine, die mir Anerkennung in Form von Geld bringt. Eine, für die ich mein Zuhause verlassen kann und abends wieder heimkommen darf.

Ich lehne dies für mich persönlich jedoch vollkommen ab. Ich habe mich entschieden, dass die Kinder mit einer jeden Tag äußerst präsenten Mutter groß werden.

Weiterweiter, schnellerschneller

„Du bist doch noch ein Baby!“, möchte ich manchmal der Motte zurufen, sie zurückhalten, hemmen, ausbremsen.

Mit zwei größeren Geschwistern tut das Kind Dinge, die das erste Kind noch nicht getan hat, als es schon doppelt so alt war.

Ich möchte sie nicht bremsen, aber dieses immer vorwärts Drängen ihrerseits macht mir manchmal Angst.

Vielleicht wäre sie auch als zweites Kind so gewesen, vielleicht liegt es in ihrer Natur, sich die Dinge so schnell und komplex anzueignen.

„Ich bin noch nicht so weit.“

Diesen Satz habe ich bei jedem Kind mehr als einmal gedacht. Ausgesprochen nie. Sie werden schon wissen, was gut ist. Und ich geh einfach mit.

Im Moment ist alles im Wandel. Wir kämpfen an so vielen Fronten, dass es einfach nur Kraft zehrt. Der Kobold ist ein Zweimannbeschäftigungsunternehmen. Tagsüber, nachts, 24 Stunden am Tag.

Manchmal muss ich mich zusammenreißen, dass die Tränen erst einmal trocknen können, bevor Neue dazukommen.

Kobold

So abgeklärt wie man sich das gerne einbildet, ist man ja meistens gar nicht. Das merkt man aber nicht bei Beurteilung fremder Situationen, sondern erst, wenn man mitten in etwas drinsteckt, das man sich so ganz anders vorgestellt hatte.

Vor einigen Jahren habe ich verklärt lächelnd verkündet, dass es für mich natürlich überhaupt kein Problem darstellen würde, wenn mein eventuell irgendwann vorhandener Sohn anders wäre. So richtig anders. So ganz grundlegend anders als man das für normal erachten würde. Wenn er so gar nicht dem Bild eines kleinen Rabauken entsprechen würde, als den man sich kleine Jungs nun mal so vorstellt.

Und selbst wenn er mit drei Jahren immer noch an Schnuller, Windel und Milchflasche hinge und so sensibel wäre, dass eine ganze Familie Kopfstände machen müsste, um das einigermaßen aufzufangen und ihn zu begleiten, würde ich das gerne und ohne Schwierigkeiten bewältigen.

Neinnein, kein Problem. Ach, ich doch nicht.

Ein Kind zu begleiten, dass sich jenseits jeder Norm entwickelt, bringt an Grenzen. Es zerreißt mich manchmal fast, mit dem Kobold unsere Drinnen-Welt zu verlassen und nach draußen zu müssen. Wo er angestarrt wird, diesem Druck ausgesetzt ist, die Normalität zu spüren.

Es wird alles besser. Jeden Tag ein bisschen. Manchmal gehen wir einige Schritte zurück, dann wieder vorwärts.

Dieser zarte flusige Kobold, der im Ballettröckchen auf der Straße tanzt, der so sehr er selbst ist, dass schon die Begegnung mit einer kleinen Gruppe Menschen, die Masken tragen, zu einer Feuertaufe wird und uns um Monate zurückwerfen kann – das ist meiner. Mein Sohn.

Er ist wie er ist, sagt der große hübsche Mann immer mit diesem verliebten Lächeln und ich frage mich, wieso es ihm so leicht fällt, wo ich mich manchmal so schwer tue.
Aber er muss mit ihm ja auch nicht ins Draußen.
Da muss ich mit ihm hin.

Und doch, wenn er einen der größeren Anfälle ertragen muss, abends, vor dem Schlafengehen, wenn ich die Mädchen in Sicherheit bringe, damit sie wohlbehütet schlafen können, dann weiß ich, dass auch er eine Grenze erreicht.

Warten können wir und das können wir nach über drei Jahren auch gut. Aushalten. Ertragen. Abwarten.

Wo es bei meiner Tochter so rasend schnell voranging, entdecken wir nun die Langsamkeit.

Es ist schwer, Grenzen zu ziehen, die ein normales Kind ohne Probleme ertragen könnte.