Framing

Asgard ist durch Vorträge beim Thema Intelligenzminderung zum unfreiwilligen Paradebeispiel fürs Berufskolleg geworden und der große Sohn in Ausbildung sagt nun belehrende Sätze wie: „Wir sprechen hier lieber von ungenutzem Potential, Mami. Wo siehst du denn noch Entwicklungsmöglichkeiten?“

[Bei Asgard? Nirgendwo. Tut mir leid. Wirklich. Nirgendwo.]

Weiter.

Ich sitze im Garten unter dem Regenschirm und versuche, mich in die Dunkelheit fallen zu lassen. Nasskalte Luft einzuatmen, immer ein und wieder aus.

Der Brechreiz ist unerträglich.

Ich kann das.

Ein und wieder aus.

Ich versuche, das Migränemedikament drin zu behalten und in meinem Gehirn kreisen chemische Zusammensetzungen von Medikamenten und Giftstoffen und Beipackzettel und Obduktionsbericht.

Ein.

Und wieder aus.

Ich kann das.

Ich versuche, meine Gedanken zuzulassen, aber nicht festzuhalten. Alles im Fluss. Spüre, wie mein Magen sich zusammenkrampft. Er ist eine faszinierende Sache, unser Geist, selbst in solchen Momenten.

Der große Bärenkopf auf meinem Schoß wird schwerer und schwerer. Der Druck wird höher, intensiver – hallo, hier bin ich, bleib auch du bei mir. Das hat er schon als Baby gemacht und nun als erwachsener Rüde hat er die Reife und Erfahrung hinzugewonnen, zu wissen, ob das reicht, oder ob er mich anders zurückholen muss. Ich würge. Er entscheidet sich, meine Haut unter der Hose zwischen seine Zähne zu nehmen und sacht daran zu knibbeln. Feine Nadelstiche, Schmerz, der mich durchflutet, aber auf die gute Art. Die, die zeigt, dass man lebendig ist, ohne davon zerrissen zu werden.

Einatmen.

Ausatmen.

Ich lege die Hand auf seinen Kopf und er brummt bestätigend.

Das habe ich wohl gut gemacht.

Immerhin.

Die Kinder sind inzwischen wach und geistern durchs Erdgeschoss. Zwei Köpfe erscheinen in der Haustür und fragen, wie es mir geht, ob ich Kopfschmerzen und Zyklus habe. Ich bejahe. Man bringt mir einen Kakao und eine Pizzaschnecke.

Hier ist Liebe.

Ich bin nicht allein.

Ich sitze nicht in Schweden auf einer Veranda und habe mich vergiftet, ich bin zuhause und habe eine angemessene Dosis von einem Schmerzmittel genommen, das ich vertrage und werde irgendwann sterben, aber nicht jetzt.

Der braune Bär vor mir wedelt inzwischen, ich bin wieder da.

Ich schiebe ihm die Pizzaschnecke in die Schnute und stehe auf.

Weiter.

Alpha

Ich finde den Begriff „Rangordnung“ immer etwas problematisch.

Die meisten Menschen verstehen darunter, dass das ranghöchste Tier automatisch die meisten Rechte hat und sie auch stets dominant einfordert. Ich stelle im Alltag das Gegenteil fest.

Das ranghöchste Tier ist das Nachsichtigste, das Liebevollste, das, was alle anderen und ihre Bedürfnisse im Blick hat.
Niemandes Verhalten wird mit so viel Langmut geduldet wie das der Schwächsten. Henriette klaut Asgard Essen? Ludwig legt seines in Asgards Richtung.

Henriette besteigt Ludwig mit Nackenbiss?
Was stört es die Eiche…

Asgard bekommt Plüschies, die er im Bettchen auch nicht verteidigen möchte? Dann spielen Lu und Hetty was anderes.

Das Kommando lautet ‚rough play‘?
Prima, dann geht es rund, während Asgard auf dem Arm ist.

Hinterher kuscheln die Hunde miteinander, das mögen nämlich alle [auch wenn Ludwig das Gegenteil behauptet] und da zeigt der Alpharüde dann tatsächlich mal keine Nachsicht: Der Sofalehnenplatz ist für den dicksten Schädel.

Außer dem Lämmi gehts nicht gut. [qed…]

Führung und Dominanz sind zwei grundverschiedene Dinge.

Maßregelungen

Ich falte gerade den großen Hund im Garten zusammen und blicke hinterher in die Gesichter von drei mucksmäuschenstillen Kindern.

Der Kobold räuspert sich vorsichtig.

„Mami. An deiner Stelle würde ich der Nachbarschaft jetzt noch kurz mitteilen, dass sie auch alle wieder aufstehen dürfen.“

4 Jahre Ludwig

Mein geliebter Bär.

Mein Lulu.

Mein Kuschelbaby.

Mein Koloss.

Mein Ludwig.

Du kamst in einer Zeit des Umbruchs zu uns.

Wir hatten gerade die Zusatzkinder aufgenommen und ich klammerte mich wie eine Ertrinkende an einen Hoffnungszweig, der mir etwas inneren Frieden schenken sollte. Nicht lange vorher haben wir uns schweren Herzens gegen Hundehaltung entschieden, obwohl wir bereits einen Welpen in Aussicht hatten.

Aber nach Monaten im neuen Familiengefüge und mitten in einem größeren Nervenzusammenbruch war klar, dass ich eine Insel im Alltag brauche.

Und dann habe ich dein Foto gesehen. Du warst viel älter, als ich eigentlich wollte, aber es war etwas an dir, das mich nicht mehr losließ.
Also wagten wir den Sprung.
Und dann war unser Zusammenwachsen eine einzige Enttäuschung.
Stress pur.

Wo ich kuscheln wollte, wolltest du beißen, wo ich Ruhe brauchte, sprangst du vehement auf mir herum, hast meine Sachen zerstört, alles vollgepinkelt, warst garstig und unbelehrbar und eine Katastrophe auf vier Pfoten. Ich habe lange Zeit gebraucht, um zu verstehen, dass das das Einzige war, das mich durch diese Zeit gebracht hat.

Dein Anspruch an mich.
Für dich bin ich das ganze Universum.
Und wann immer ich weinend auf dem Boden saß und nicht mehr konnte, warst du da.
Vor niemandem sonst konnte ich zusammenbrechen. Nur vor dir.

Und du warst da. Immer.

Deine feuchte Nase, dein unbelehrbarer Dickkopf, deine Aufmerksamkeit, deine Liebe.

Deine Liebe…

Ich war vor dir schon Hundehalter, aber diese Seelenverwandtschaft zu einem Tier, die hast erst du mir gezeigt.

Diese Momente, in denen wir in der Arbeit zu einer Einheit zusammenschrumpfen, du mit deinen Antennen für jede meiner Stimmungen, ahnst Befehle oft früher als ich sie geben kann, doch wartest immer geduldig auf den einen Moment, in dem ich dich frei gebe.

Du bist ein Berserker mit einer Zärtlichkeit, die mir den Atem raubt.

Raues Spiel ist dir nur mit mir erlaubt und ich weiß, ich sehe nur einen winzigen Ausblick auf deine wahren Kraft, selbst wenn ich einige Male sehr ungünstig zwischen deinen Kiefern hing.

Es dauert nur den Bruchteil einer Sekunde, bis du dir gewahr wirst, dass du aus Versehen mich mit erwischt hast.

Deine Liebe zu mir ist unendlich. Meine zu dir auch.
Du hast lange gebraucht, um erwachsen zu werden und durftest dir Zeit lassen.

Nun, mit 4 Jahren bist du ein unglaublich reifer Hund.
Einer, der nachdenkt, bevor er handelt.
Der auch aus Gründen Gehorsam verweigern kann.

Ich schätze es sehr an dir, dass du nichts versuchst, was du dir selber nicht zutraust.

Du hast einen sehr wachen Beschützerinstinkt.
Ich habe dich einmal im Angriff gesehen und mir gefror das Blut in den Adern.

Einmal nur.

Jemand kam einfach auf unser Grundstück, hat mich und dich überrascht und du bist in vollem Lauf von der obersten Treppenstufe mit maximaler Geschwindigkeit auf diesen Mann zugeschossen.

Es war meine Stimme, die dich gestoppt hat.
Mitten im Sprung hast du abgebrochen.
Gebleckte Zähne, alle Haare aufgerichtet.

Du bist 40 Kilo pure Gewalt.
Und eine Seele voller Hingabe.

Zu mir.

Ich weiß nicht, womit ich einen Hund wie dich in meinem Leben verdient habe, aber ich bin jeden Tag unendlich demütig und dankbar für dich.

Ich liebe dich. So sehr.

Herzlichen Glückwunsch zum 4. Geburtstag, mein kleiner Braunbär, der du mal ein Hund werden wolltest.

Testosteron am Tier

Der kleine Eisbär, der mal ein Hund werden möchte, hat neuerdings ein paar hormonbedingte Unarten entwickelt.

Das Pöbeln und manipulative Weinen sind nur zwei davon.
Grundkommandos? Ach, das ist doch Schnee von gestern…
Leider ist man selber auch nicht gegen diese Art der umgedrehten Konditionierung gefeit und so heißt es üben, üben, üben.

Wir haben wieder Alltag und ich damit auch die Zeit, mit den beiden Bären in aller Ruhe und ohne Hektik zu üben, wie wir auch in der Öffentlichkeit ein harmonierendes Dreiergespann bilden können.

In letzter Zeit habe ich die Variante bevorzugt, mit nur jeweils einem Hund fürs Training unterwegs zu sein, weil ich mich alleine doch teilweise sehr überfordert fühlte, aber das kann ja auch nicht ewig so bleiben.

Der erste Schritt ist getan und wie immer steht und fällt alles mit meiner Grundhaltung.

Da ich heute anscheinend noch eine ganze Menge Unsicherheit zeigte, musste ich mit den aufgeregt um mich herumhopsenden Hunden noch eine geschlagene Viertelstunde im Kofferraum sitzen und sie erst zu Tode (und damit zur Ruhe) langweilen, bevor wir überhaupt loslegen konnten. Hat aber alles gut geklappt.

Bis auf den größenwahnsinnigen Eisbären, der versuchte, eine komplette Schulklasse aus 9.-Klässlern zu verbellen und dafür für 5 Minuten in die Autobox wanderte, waren wir erfolgreich. Wir haben mit einer guten Leistung aufhören können und ich habe mich weder in den Leinen verheddert noch mich auf die Nase gelegt.

Ich schaff das!

Adventskalendertürchen Nr. 3

Nr. 3 – Hunde

Da muss ich nicht viel zu schreiben und könnte doch gleichzeitig Bücher mit meinem Glück und meiner Dankbarkeit füllen.

Der kleine Braunbär, der mal ein Hund werden wollte, ist in diesem Jahr in einem Umfang charakterlich gereift, dass ich ihn abwechselnd knuddeln, mit Keksen vollstopfen und anbeten möchte.

Er hat den Sprung vom Junghund zum erwachsenen Hund mit einer Klasse vollzogen, die ihresgleichen sucht. Ich bin so dankbar für diesen Gefährten.

Und als ob das nicht schon völlig ausreichen würde, haben wir in diesem Jahr Zuwachs bekommen. Mein Herz will einfach nur überlaufen vor lauter Glück.

Der kleine Eisbär, der in einer Zeit der Umwälzung zu uns kam, der eigentlich als Traum von mir schon ad acta gelegt wurde, und dann aber als das beste Hochzeitstagsgeschenk aller Zeiten Wirklichkeit wurde.

Der trotteligste kleine Welpe des Universums ist vor 7 Monaten hier eingezogen und stellt seitdem unsere und Ludwigs Welt auf den Kopf. Ich weiß noch nicht genau, was er mal werden möchte, wenn er groß ist – ich hoffe ja immer noch, ein Hund – und es ist alles anders als ich mir das vorgestellt habe, aber ich liebe jeden einzelnen Moment davon. Zwei solche Begleiter im Leben haben zu dürfen, erfüllt mich nicht nur mit Dankbarkeit sondern auch mit großer Demut.

Jeden Tag wieder.

Der kleine Trottel

Der kleine Eisbär, der mal ein Hund werden will, ist … nicht die hellste Kerze im Leuchter.

Ich weiß nicht genau, was bei ihm schiefgelaufen ist, aber er ist der Inbegriff des liebenswürdigen begriffsstutzigen Trottels. Ich tue das, was man bei Kindern niemals tun sollte: Ich vergleiche die Hunde miteinander. Der kleine Braunbär, der einmal ein Hund werden wollte, war in diesem Alter schon sehr viel agiler, aufmerksamer, lernfreudiger und temperamentvoller. Und größer. Wesentlich. Man sollte meinen, wenn man zwei reinrassige Hunde derselben Rasse vergleicht, sollten es nicht solche Unterschiede geben, aber es gibt sie. Beide Väter stammen aus der Arbeitslinie, sind große stolze Rüden und beide Mütter sind ein traumhaftes Abbild ihres Rassestandards. Trotz gleicher augenfälliger Charaktereigenschaften im Welpenalter ist der Braunbär ein dominanter, selbstbewusster und temperamentvoller Hund mit der Fähigkeit zu eigenständigen Entscheidungen, der auch die kleinste Abweichung vom Protokoll sofort registriert und erst einmal skeptisch beäugt – und der kleine Eisbär ist eher so der pummelige, leicht aufsässige und manchmal auch sehr selbstverliebte Klassentrottel, der einen Einbrecher vermutlich auch dann nicht bemerken würde, wenn dieser ein Schnitzel nach ihm werfen würde.

So oder so. Ich lieb die beiden und bin so dankbar für jeden Tag, den ich mit ihnen verbringe.

Hund x 2

Das einzige Wort, das der momentanen Situation mit zwei Hunden gerecht werden kann, lautet wohl: Glück.

Aber natürlich gibt es noch so unendlich viel mehr dazu zu sagen, wenngleich man es auf genau dieses Wort herunterbrechen könnte und damit alles gesagt hätte, was wichtig ist.

Der kleine Eisbär, der mal ein Hund werden möchte, ist ein Geschenk des Himmels. Er ist frech, aufsässig, wild und wunderbar. Und der kleine Braunbär, der mal ein Hund werden wollte, trotz aller meiner Bedenken, Ängste und Befürchtungen seit der ersten Sekunde der beste Hundeonkel, den ich mir hätte wünschen können. Im Moment des Kennenlernens, den ich mit bangen Gedanken begleitet habe, lösten sich alle meine Zweifel in Luft auf. Mein großes braunes Bärchen ist mit all seiner Dominanz und all seiner ungestümen und rohen Art von einer Zärtlichkeit gegenüber dem Welpen, dass mir die Tränen in den Augen stehen, wenn ich die Zwei beobachte.

Was wurde mir abgeraten, zu einem dominanten intakten Rüden einen Weiteren zu holen. Und wenn, dann nur einen ganz ruhigen, unterwürfigen. Das Bauchgefühl des Mannes hat bei unserem ersten Besuch des Wurfs sofort auf den Chef im Ring gezeigt, ohne dass wir das vorher gewusst hätten. Und da ich nie gegen Bauchgefühl argumentiere, haben wir auch genau diesen Welpen ausgewählt.

Es war eine gute Entscheidung. Er ist stabil und selbstbewusst genug, auch mal ein paar Rempler einzustecken und lässt sich nicht die Butter vom Brot nehmen. Der Große ist von einer Sanftmut, die ich nur von unser beider Zusammensein kenne. Beißt sich der Welpe in seinem Fang fest, macht er geduldig leise Geräusche, bis er loslässt. Er lässt sich nicht aus der Ruhe bringen, erzieht und maßregelt dort, wo es nötig ist und ist ansonsten ein Ausbund an Liebe und Langmut.

Ich liebe diesen Hund, der bei all seiner Wildheit einen Charakter hat, den man in Gold nicht aufwiegen kann. Und nun auch diesen Kleinen, der aus einer perfekten Zweierbeziehung eine ebenso wunderbare Dreierbeziehung gemacht hat.