Nacht

Wie ich diese letzte halbe Stunde des Tages mit den Hunden draußen gerade genieße.

Nur die drei Bären, der Sternenhimmel, die milde Frühlingsluft und ich. Haben sich meine Augen an die Dunkelheit gewöhnt, betrachte ich ehrfürchtig diesen wunderbaren Garten, den ich Jahr um Jahr mehr nach meinen Vorstellungen formen kann. Ich rieche den Duft der Hyazinthen, ich freue mich über die Robinie, die neu austreibt und in einigen Jahren mit ihren einzigartig riechenden Blütentrauben ebenfalls blühen wird. Streiche über die zarten Weidenblättchen, wuschel durch Katzenminze, Zitronenmelisse und Pfefferminze und ergebe mich den Gerüchen, die ich endlich wieder wahrnehmen kann.

Nicht so wie früher, aber ich kann wieder riechen. Und ich habe die leise Hoffnung, dass es besser wird. Irgendwann.

Der Liguster ist so herrlich dicht, mit diesen unvergleichlich glänzenden Blättchen, in denen ich ertrinken möchte. Der Holunder, unter dem unser geliebter Norbert liegt. Die Blutberberitze, die dieses Jahr vielleicht fast schon den Namen Hecke verdient, das Brennesselfeld, das hunderten von Schmetterlingen Geburtsstätte sein wird, der Ginko, der von Hasi genährt wird, den wir vor so vielen Jahren gehen lassen mussten.

Das blaue Tulpenfeld, die unzähligen Funkien, die ich überall im Garten verteilt habe, die Lebkuchensträucher, die im Moment noch nichts von dem erahnen lassen, was sie uns im Herbst schenken werden. Die Rosensträucher, die mich an meinen Großvater erinnern, wanni mmer ich sie sehe.

Die Fetthennen, der Mauerpfeffer, meine absoluten Lieblingspflanzen, was Anpassung an Umstände angeht. Noch das kleinste Teil überlebt und bildet eine neue kräftige Pflanze, egal, wie oft man es zerrupft, auseinanderreißt, zertrampelt, austrocknen lässt.

Die Pfeifenwinde, die schon so schön flauschig grün wird, meine Hibiskussträucher, der Knöterich und Efeu einfach überall. Der Pflaumenbaum, der vor Jahren nur ein armseliges Stöckchen war und nun meterhoch in den Himmel ragt, voller Blüten, kräftig, mit seinen vier Stämmen und der jedes Jahr kiloweise köstliche Früchte trägt.

Ich liebe alles daran, im Schutz der Nacht all dies abzugehen, innezuhalten und demütig und dankbar für dieses Leben zu sein, das mir so oft so viel mehr abzunötigen scheint als ich geben kann.

Asgard

Du wirst heute 6 Jahre alt und du bist das tollpatschigste Lämmlein, das man sich nur vorstellen kann.

Als Anfang 2019 langsam die Sehnsucht nach einem zweiten Hund in mir aufstieg, da dachte ich immer an eine zweite Version von Ludwig. Und damals wusste ich noch nicht, wie großes Unrecht ich dir damit tun würde, indem ich genau darauf hingearbeitet habe.

Als ich dein Geburtsdatum erfahren habe, war mir klar, dass das Schicksal dich definitiv für mich ausgewählt hatte, denn heute ist nicht nur dein Geburtstag, sondern vor 98 Jahren kam mein Großvater zur Welt, an genau diesem Tag. Und er ist der Mensch, dessentwegen ich letzten Endes meine Menschlichkeit bewahrt habe. Er war die Liebe.

Dass du ebenfalls diese Liebe bist, habe ich vor 6 Jahren noch nicht gut begriffen.

Ich habe dich erzogen wie Hunde nun mal erzogen werden. Und ab Beginn hatten wir beide unsere Schwierigkeiten. Du warst ein Sensibelchen, du mochtest keine Befehle, keine Sozialisationsübungen, du mochtest keine anderen Hunde außer Onkel Ludwig, du wurdest nicht stubenrein, du hast nicht auf Ermahnungen reagiert und Belohnungen haben für dich nie die Verbindung zu dem, was du getan hast, hergestellt. Du hattest vor allem und jedem Angst und warst nur hier mit Lu und den Kindern wirklich glücklich und ausgeglichen und ich habe erst an mir und schließlich an dir gezweifelt.

Meinen Plan, einen Ludwig2 zu erschaffen, habe ich innerhalb kürzester Zeit verabschieden müssen, aber ich habe noch lange nicht verstanden, was du wirklich brauchst.

Die Kinder waren darin so viel schneller als ich. Das kann Asgard nicht. Mama, er ist der Lämmi, er muss nur liebgehabt werden.

Es vergingen Jahre, viele Tränen und schmerzhafte Lektionen, bis in mir zumindest leise eine Art von Erkenntnis reifte, weil das Kind, das dich für sich beansprucht hat, mit seinen Problemen immer wieder vor dieselbe Wand lief wie ich mit dir. Und irgendwann habe ich nicht nur gehört, sondern auch verstanden, was mir alle Kinder jeden Tag sagten: Asgard muss nur liebgehabt werden.

Sonst nichts. Ich ließ also los. Nicht nur dich, sondern auch dein Kind. Wer etwas wirklich nicht kann, der muss auch nicht. Und zeitgleich mit der Schulsituation und dem Schwänzen entspannte sich auch unsere Situation hier. Du warst immer noch weit entfernt von stubenrein, aber es gab Fortschritte. Das Weinen wurde weniger. Ich hielt mich an Ludwig fest und lernte, dich einfach sein zu lassen. Im Vertrauen, dass du deinen Weg finden würdest. Und genauso konnte ich zu diesem Zeitpunkt das große Kind einfach sein lassen, in aller Liebe und mit aller Unterstüzung, aber ohne den Drang, es in ein System hineinzupressen, für das es einfach nicht geboren wurde.

Das hast du bewegt. Nur du. Du zeigst mir jeden Tag, dass man nicht perfekt sein muss, um geliebt zu werden. Dass Liebe und Leistung nichts miteinander zu tun haben. Dass Liebe einfach ist. Du bist heute 6 Jahre alt und kannst meistens gut an der Leine gehen, wenn wir keine anderen Hunde treffen. Du liegst am liebsten auf dem Sofa und du hasst das Draußen, wenn es nicht Sonnenschein, 30 Grad und einen Pool mit sauberem blauen Wasser bereitstellt. Du kannst einen Besuchshund in unserem Haus tolerieren und du schreist nicht mehr die gesamte Nachbarschaft zusammen, wenn ich etwas von dir will. Du kannst ein ganzes Kommando und an guten Tagen klappen manchmal sogar zwei weitere, aber das ist alles nicht so wichtig.

Du bist an den allermeisten Tagen stubenrein und du kannst nicht alleine schlafen, aber wer will das auch schon? Du bist der Hund, der die Besuchskinder mit Angst vor Hunden heilt, weil du einfach vor allem doppelt so viel Angst hast und das irgendwie verbindet. Meistens finde ich dich dann auf einem Besucherschoß oder auf einem Besucherarm, weil das exakt der Platz ist, der für dich einfach am sichersten ist.

Du hast große Probleme, dich neben Atmen noch auf eine zweite Sache zu konzentieren, du bist kurzsichtig und hast kein Gedächtnis für Gesichter und erkennst draußen außer mir niemanden. Meistens fällst du beim Sitzen einfach um, wenn man dich streichelt, was leider dazu führt, dass du dir jeden Tag den Kopf hart auf dem Boden anschlägst, was auch nicht furchtbar gut für dein Gehirn ist. Du möchtest gerne ununterbrochen von mir herumgetragen werden und hast nicht verstanden, dass du eigentlich viel zu groß dafür bist.

Du hast mir als Frauchen, als Mutter und als Mensch auf die nachdrücklichste Art und Weise gezeigt, dass Gras nicht schneller wächst, wenn man daran zieht und dafür werde ich dir auf ewig dankbar sein. Du kamst in einer Phase meines Lebens zu uns, in der ich wollte, dass einfach alles nur funktioniert, weil der Schmerz nach dem viel zu frühen Weggang meiner großen Tochter viel zu groß für irgendetwas anderes war.

Und genau dagegen hast du dich mit einer Vehemenz gewehrt, die mich gezwungen hat, mich zu verändern.

Meine Sichtweise. Mein Erziehungskonzept.

Du hast mich nachsichtiger werden lassen.

Liebevoller.

Zugewandter.

Du hast mir gezeigt, dass ich reiche. Dass du genug bist und dass auch ich genug bin.

Du bist die Liebe.

Mein geliebter dunkler Engel,

heute wird unsere Liebe volljährig.

Vor 18 Jahren haben wir uns das erste Mal gesehen, das erste Mal berührt, das erste Mal geküsst.

Wir sind uns nicht frei begegnet. Das Privileg, sich ungebunden kennenlernen zu dürfen, hatten wir nie. Wir haben uns getroffen, als wir beide in festgefahrenen Bahnen und zutiefst verpflichtet vor der Entscheidung standen, jede Sicherheit zu verlieren, wenn wir unser persönliches Glück wählen.

Wir haben gewählt.

Ich habe diese Entscheidung nie bereut. Nie. Keine einzige Sekunde. Du bist mehr, als ich mir jemals zu erträumen gewagt hätte, du bist der Inbegriff all meiner Sehnsüchte und Fantasien und erdest mich so sehr wie du mich fliegen lässt.

Es gibt keine Worte, um das zu beschreiben, was wir haben und trotzdem versuche ich es Jahr um Jahr wieder.

Als du 30 warst, habe ich mich in deine Kraft, deine Beherrschung, deine Zärtlichkeit, deinen Sanftmut, deine Intelligenz und deine Offenheit verliebt. Die Kombination dieser Dinge war für mich immer einzigartig.

Ich weiß, wieviel Körperkraft du besitzt, dass du mich und meine Aggression jederzeit in Schach halten kannst, ohne mir auch nur ein Haar zu krümmen. Es liegt unendlich viel Liebe und Disziplin in jeder deiner Handlungen. Und bei Gott, was habe ich dich getriezt die ersten Jahre. Es war die einzige Art, die ich kannte. Einen Mann so lange zu provozieren, bis er die Beherrschung verliert. Du hast stets standgehalten und vielleicht ist es das, das mir mehr Frieden und Heilung geschenkt hat als alles andere.

Ich habe oft formuliert, dass ich einmal erleben möchte, wie es ist, wenn du innerlich loslässt, aber ich weiß heute, dass diese Selbstdisziplin so untrennbar zu dir und deinem Wesen gehört, dass das in unser beider Welt nicht möglich ist. Und das ist gut so.

Heute sehe ich jeden Tag einen um 18 Jahre reiferen Mann, der sich vielleicht noch nicht zur Gänze selbst gefunden hat, der aber all das, was früher schon so anbetungswürdig war, mit der Weisheit des Älterwerdens noch vertieft.

Du bist in dir selbst immer sicherer geworden, je älter unsere Kinder wurden, je weiter wir aneinander gewachsen sind. Du hältst nicht nur mir, sondern auch ihnen stand. Du lässt dich nie provozieren, unsere Söhne und Töchter können sich genauso körperlich wie geistig an dir messen und austoben.

Du bist ein Sparringspartner, der in erster Linie Fels, nicht Gegner ist. Gegen den man auch das hundertste Mal anlaufen kann, wenn man wütend ist. Der nicht zurückweicht, sondern aushält, weil er in seiner eigenen Sicherheit nichts zu befürchten hat.

Unser großer Sohn hat dich an Größe überholt, unsere kleine Tochter ist ihm dicht auf den Fersen. Beide messen sich liebend gerne an dir. Du diskutierst stundenlang mit der Kriegerin und ich könnte mir keinen besseren Vater für gerade sie wünschen. Du weißt, wie man in der Dunkelheit ein Licht entzündet.

Unser Sorgenkobold ist ein stattlicher junger Mann geworden, der seinen Weg geht, auch wenn dieser mit Steinen und Hindernissen gepflastert ist. Was haben wir uns für Sorgen um ihn gemacht und was haben wir für Angst gehabt, dass er irgendwann einfach liegen bleibt, wenn er gefallen ist. Diese Sorge ist der Zuversicht gewichen, dass er immer wieder aufstehen wird, weil er so viel mehr gelernt hat als wir dachten, dass es ihm möglich wäre. Ich könnte nicht stolzer auf dieses Kind sein, das in jeder nur denkbaren Hinsicht weit über sich hinausgewachsen ist.

Unsere große Tochter ist ein so schöner und selbstwirksamer Mensch geworden und ich bin auch 18 Jahre später noch dankbar, dass du die damals Dreijährige vom ersten Moment an als dein eigenes Kind angenommen hast.

Unser kleiner Sohn ist die wohl größte Herausforderung für dich und das lässt mich heimlich schmunzeln. Auch wenn du es nicht hören möchtest, er ist dein Abbild in jeder nur denkbaren Hinsicht. Und ich vermute, dass ihr auch deswegen so oft aneinander geratet. Hab Vertrauen, dass es sich fügen wird. Du machst das großartig. Trotz jedem Augenrollen, jeder Endlosdiskussion, jedem empörten Schnauben.

Er könnte kein besseres Vorbild haben als dich.

Das könnten sie alle nicht.

Für mich bist du heute – auch wenn ich das vor 18 Jahren nie für möglich gehalten hätte – eine noch sehr viel verlockendere Version deines 30jährigen Ichs.

Das Älterwerden bekommt dir gut. Reife und Erfahrung haben in Kombination einen Mann geschaffen, den nichts mehr ins Wanken bringt und der zu jeder Zeit sehr genau weiß, was er tut. Du harrst geduldig an meiner Seite, während ich immer noch die Grenzen meiner selbstbestimmten Sexualität austeste, die ich in dieser Form erst bei dir kennengelernt habe. Du kennst meinen Geist und meinen Körper manchmal besser als ich selber. Du treibst mich in schwindelerregende Höhen und hältst mich fest, wenn ich zu fallen drohe. Ich liebe es, dass du auch nach all den Jahren immer noch sofort körperlich auf mich reagierst, wenn wir uns sehen. Du bist ein Geschenk.

Wir haben ein furchtbares letztes Jahr hinter uns. Der Tod meines Vaters hat in uns sehr viel Dunkelheit geschaffen, wo vorher Licht war. Du hast viel getragen und tust es noch. Wir versuchen, uns neu zu ordnen und tasten uns langsam an die Unsicherheit heran, die die Beziehung zu dir für einige von uns bedeutet.

Ich weiß, dass es gerade nicht leicht ist. Und ich weiß auch, dass wir dem standhalten werden.

Weil wir allem standhalten. Gemeinsam.

Ich liebe dich.

Neujahrskönig 2023

Here we go! Ein paar zusammenhanglose Schnippsel zum Neujahrskönigsspiel im Hause Schwarze Limetten.

*trööööt* – Geht los. Das Airhorn ist laut. Wirklich laut.

Um überhaupt eine Chance zu haben, werfen wir die Kinder in der Frühe aus dem Bett und setzen sie noch orientierungslos an den Esstisch, auf dem das erste Spiel aufgebaut ist – Memory.

Natürlich verlieren wir haushoch.
Aber egal, die ersten Punkte wurden vergeben! Memorykarten mit Fotos von ...

Der wichtigste Punkt für den Silvestermorgen: Das Haus wird entweihnachtet und für Mitternacht geschmückt!

Die Kinder sind vielleicht noch nicht hundertprozentig wach.
Der Neujahrskönigstisch steht bereit.
Dieses Jahr gibt es folgendes zu gewinnen:
Siegprämie von 100 Euro.
Taschengelderhöhung für ein Jahr um 10 Euro pro Monat.
Die Erfüllung eines materiellen Wunsches nach Wahl.


[Erste Geschwister-Bestechungsversuche von seiten des Kobolds.] Silvester-Tischfeuerwerk, K...

Butz ist dazu übergegangen, nur noch zu schreien, wenn er nicht gerade Atemübungen macht und wir schwitzen langsam.
Mittagspause.
Die Kriegerin führt, wie immer zu dieser Zeit.

Die Basics zum Runterkommen zwischendurch. Niemand mag Doppeljenga mit 10 Sekunden Zeitbegrenzung. Niemand.
[Ein Kind ging mit einem Jenga-Stein in der Hand auf mich los und wir haben alle gerade sehr viel Adrenalin.] Jengaturm aus zwei Jengaspi...

Wir spielen übrigens seit immer schon um alles oder nichts.
Es gibt keine Trostpreise, keine Teilnehmerurkunden, der Sieger bekommt alles, der Rest verliert.
Das ist eine hochemotionale Sache von sehr wettbewerbsaffinen Menschen und muss nicht für jeden passen.

Der Mann, der nur bis 16 Uhr Koffein konsumiert, schüttet Cola in sich rein. Wie jedes Jahr.

Jetzt wird’s wild. Würfel, Würfelbretter, Kind...

Habe mir beim Schnellpuzzlen den Rücken gezerrt.
Gott, finde ich den Mann gerade doof.
Wir spielen ja normalerweise auch sehr körperliche Spiele, um jedem seine Paradedisziplin zu ermöglichen, was aber dieses Jahr ausfällt, weil das Metall im Körper des Sohnes vernünftig einwachsen muss. Es ist deutlich weniger schlimm als befürchtet, aber dieser Teil fehlt…

Pause für Raclette. Der große Sohn bietet seinen Geschwistern inzwischen absurdeste Dinge an, wenn sie ihn gewinnen lassen, weil er unbedingt eine PS5 haben will.

[Ihr könnt dann IMMER da mit spielen! Also, wenn ich das erlaube.]

Ismirschlecht. [zu viel Raclette]

Zur allgemeinen Erheiterung jetzt ein Spiel, in dem es um Körperbeherrschung geht.

Wir haben seit 2 Uhr eine Neujahrskönigin, aber irgendwann während einem der 32 Spiele und nach 24 Stunden Dauerspielzeit wurde es so hochemotional, dass ich nicht mehr zum schreiben kam.

Die Kriegerin gewinnt mit deutlichem Abstand vor ihren Geschwistern.

Emotional eskalierte es bei dem Spiel, als man sich mit Hundedelikatessen belegt ins Wohnzimmer auf den Rücken auf seine Hände legen musste und man dann 3 Minuten einen Hund seiner Wahl ausschließlich verbal davon abhalten musste, das Zeug zu essen…

Alle lachten den Kobold aus, weil er Asgard nahm, aber der ist halt auch der einzige Hund, der erstens keine eigenen Entscheidungen trifft und zweitens die Hälfte der Zeit brauchte, um zu verstehen, warum da sein Kind wie eine Büffetplatte garniert im Wohnzimmer liegt.

Und natürlich musste ich bei dem Spiel alle DREI Hunde im Zimmer behalten, schlief dann wegen Erschöpfung nach eineinhalb Minuten fast ein und die Hunde, die bis dahin stocksteif in der Tür saßen, nutzten die Gelegenheit, um mir sehr vorsichtig Wurst vom Knie zu klauen.

Die Eisschollen von Otto dem Eisbären mussten dieses Jahr mit sehr viel Gefühl herausgeklopft werden. Ein Spiel ist nach all den Jahren in all seiner Schlichtheit immer noch eins meiner liebsten: Mr. Pups. Man drückt so lange den blubbernden Mr.Pups, bis man denkt, gleich pupst er und reicht ihn dann an den nächsten Spieler weiter.

Adrenalin pur.

Spiel

Ich bin der Überzeugung, dass jeder vernünftige Erwachsene spielen sollte.

Und in all dem Stress und der Hektik des Alltags ist Spiel die kostbarste Zeit, die ich mir nehme. Ich verbringe sie mit Menschen, von denen ich die meisten als Freunde bezeichne.

Heute in zwei Wochen tue ich gegen jede Vernunft das, was ich bei Release eines jeden neuen AddOns mache: Ich bleibe bis Mitternacht wach und spiele die Nacht durch. Das ist anstrengend, chaotisch, ich werde mich am nächsten Morgen dafür verfluchen, ich werde müde sein.

Ich bin 44 Jahre alt und bin knatschig, wenn ich nicht genug Schlaf bekomme. Mein Alltag hält nicht an. Kinder und Hunde wollen um 6 Uhr morgens versorgt werden, Termine lassen sich nicht schieben.

Und: Das ist es mir wert.

Ich freu mich wie blöd darauf. 💚

Von der Liebe

Heute vor 11 Jahren wurden wir das letzte Mal Eltern.

Allein der GeBUTZtag ist ein Grund zum Feiern, aber neben all dem Glück über ein ganz besonderes letztes Kind gelten meine Erinnerungen von diesem Morgen vor allem dir.

Du bist mir in Extremsituationen mein Rettungsring, mein Anker, mein Leuchtturm und warst das schon immer. Alles gleichzeitig. Du schaffst es, die ganze Welt um mich herum auszublenden, bis ich durch den Tunnel nur noch mein Ziel im Fokus habe. Gleich ist das Baby da. Du machst das großartig! Du kannst das! Du schaffst das! Noch einmal.

Deine Hände sind die erste Berührung, die all unsere Babys auf dieser Welt Willkommen geheißen haben und dabei hast du nie mich aus dem Blick verloren. Als ich nach dieser letzten Geburt völlig zusammengeklappt bin, da hast du mich und das Baby gehalten. Mit aller Liebe, zu der du fähig bist. Und das ist so unendlich viel mehr, als ich jemals geglaubt hätte, in diesem Leben verdient zu haben.

Ich lag da mit Gebärmuttervorfall, die Hebamme hatte Sorgen, der Bragi lag an meiner Brust und ich konnte ihn nicht festhalten, weil alles schwarz vor Augen wurde und ich nur noch zitterte.

Also hast du ihn festgehalten, damit er weitertrinken konnte. Und mich gleich mit.

Wie du das immer tust.

Ich fluche so oft über deinen Pragmatismus, aber letzten Endes ist er genau das, was dich ausmacht. Die Zärtlichkeit, die du selbst dann noch aufbringen kannst, wenn der Sturm alles wegzureißen droht, erwächst aus dieser Fähigkeit.

Ich habe mich selten mehr geliebt gefühlt als an diesem Morgen, als ich später da lag, mit all meinen Körperflüssigkeiten beschmiert, völlig fertig und die Hebamme mit dem Waschlappen kam und dich mit dem Baby kurz zur Seite schieben wollte.

Denn du hast mich nur angelächelt, ihr den Waschlappen aus der Hand genommen, das Baby in den Arm gedrückt und mit liebevoller Stimme leise gesagt:

Nein. Das ist meine Aufgabe.

Ein letzter Brief.

Liebe Anne.

Vor 12 Jahren schon habe ich dir bei unserer Trennung etwas versprochen.

Niemand nach dir.

Ich wollte nie wieder so tief für jemanden empfinden. Wir haben uns gegenseitig fast zerstört. Wir waren so gleich und haben uns in den Abgrund gespiegelt.

Es war außerhalb meiner Ehe die emotionalste und tiefste Verbindung, die ich je erfahren habe. Ein tiefschwarzer Tanz unserer Seelen miteinander. Ich möchte keine Sekunde davon missen, die Zeit mit dir hat mich maßgeblich geprägt. Wir haben es später noch einmal in aller Heimlichkeit miteinander versucht, vorsichtiger und erwachsener diesmal, aber ohne die blutrote Schwärze waren wir nichts.

Nun bist du schon viele Jahre tot und ich habe mich in jeder neuen Freundschaft an mein Versprechen gehalten.
Niemand wird sehen, was du gesehen hast.
Nie wieder.
Niemand nach dir.

Ich habe es gebrochen.

Da ist jemand, der schleichend Teil meines Lebens wurde. Ich kann dir nicht mal mehr sagen, wann oder wie das angefangen hat.

Nur, dass ich Anfang diesen Jahres plötzlich irgendwo in der Natur stand, fassungslos auf eine Nachricht blickte und es mir wie Schuppen von den Augen fiel, dass das schon lange keine Freundschaft mehr war.

Gefährtin, stand dort.

Und ich hatte es ohne viel Nachdenken geschrieben.

Pause, am anderen Ende. Und ich spürte, wie die Angst hochkroch. Angst, nicht zu reichen. Zuviel zu sein. Zuviel zu wollen. Das hatte ich seit dir nicht mehr.

Aber ich bin anders heute. Ich bin erwachsener geworden.

Und auch wenn ich weiß, dass hier auf der anderen Seite die Dunkelheit lauert – ein Mensch, dem keine Form von Leid fremd ist, der Unsagbares erfahren hat – wir tanzen nicht in den Abgrund.

Wir tanzen ins Licht.

Ich weiß nicht, ob uns beiden das jemals möglich gewesen wäre.

Vielleicht hatten auch wir unsere Zeit und ich bemühe mich, es so zu betrachten, dass wir damals das waren, was uns möglich war.

Ich hab dich geliebt. Und ich habe dich losgelassen

Machs gut, Anne.

Und danke für alles.

Die Schießbude

Wir waren noch nicht sehr lange zusammen, da bummelten der große hübsche Mann und ich über eine Festwiese.

Fahrgeschäfte, Imbissstände, Spielbuden wohin man sah.

Und ich betete und hoffte inständig, dass der Status unserer Beziehung, der noch zu einem großen Teil aus Werben und Beeindrucken bestand, trotzdem nicht dazu führen würde, auch in dieser Beziehung den Supergau erleben zu müssen:

Die Schießbude.

Wir schlenderten also so umher und kamen an einigen Schießbuden vorbei und nach jeder konnte ich etwas weiter aufatmen. Gottseidank…

Mit Grausen erinnerte ich mich an die Male, die ich im strömenden Regen neben irgendeinem wütenden Mann stand, der verzweifelt versuchte, ein Schaf, einen Stern oder sonstwas abzuschießen.

Das eine Mal, das ich noch Geld leihen musste, um weitere Schüsse zu finanzieren, damit ich auch das bekomme, was ich mir ausgesucht hatte.Es hat nie geklappt.

„Die ist total verzogen.“ „Die schießt nicht richtig“ „Was ist denn das für ein billiges Ding“ – ich kenne alle Ausreden, denn ich habe sie alle schon gehört. Dabei bin ich nie sonderlich scharf drauf gewesen, an so einem Stand zu stehen. Aber es scheint ein Männergen zu geben, dass Männer beim Anblick von Waffen, Plüschtieren und weiblicher Begleitung dazu animiert, auf kleine Plaketten schießen zu wollen.

„Such dir was aus, ich schieß es dir!“ ist definitiv mein meistgehasster Satz in einer Beziehung.

Einmal sind wir als vier Pärchen auf einen Rummel gegangen und mein Freund war der Einzige, der exakt nichts getroffen hatte. Er bekam dann eine dieser zerfledderten Plastikrosen, die er mir auch noch überreichen wollte.

Ich zog eine Augenbraue hoch und er ließ sie in den nächsten Mülleimer fallen. Die Beziehung dauerte nicht mehr allzulange.

Im Grunde hätte es vielleicht ein Omen sein können, dass der Soldat an meiner Seite, der mit markigen Sprüchen gegenüber Schießbudenbesitzer und mir, dass er schon ganz andere Dinge erschossen hätte, keine einzige Plakette traf. 400 nachgekaufte Schüsse später war mir kalt, meine Laune im Keller und ich nahm das erste Mal in meinem Leben mit einem gequälten Lächeln 27 Plastikrosen, die ich zuhause entsorgte und sagte: „Das war ziemlich beeindruckend, Hase.“

Ich hätt den Mann vielleicht nicht auch noch heiraten sollen.
Übrigens war die Waffe schuld. Natürlich.

Der Mann davor war ein sehr bekannter Kickboxer, der so ziemlich alles und jeden traf und bei dem ich mir relativ sicher war, dass er auch den rosa Plüschelefanten bekommen würde, den ich mir aussuchen sollte.
Er hatte mehrere Tage danach Erektionsprobleme und auch als ich irgendwann mit ihm Schluss machte, steckten die Plastikrosen vom Desaster noch hinter dem einen Bild, wo er sie nach meiner Ablehnung untergebracht hatte. Ich war 18 und es war eine völlig neue Erfahrung, einen Mann wegen einer Plastikrose weinen zu sehen.

Ohne dass ich es wollte, hatten sich Schießbuden für mich zu einer Art Beziehungsindikator entwickelt.

Ablehnen führte meistens zu einem handfesten Streit, weil die Männer da irgendwie borniert sind oder zu dem noch fordernderem Drängen, mir doch bitte irgendein großes Plüschtier auszusuchen.

Also akzeptierte ich diesen seltsamen Teil meines Lebens, ohne ihn zu befürworten. Kurzum: ich hatte ein Trauma.

Beim großen hübschen Mann war es mir wichtig, dass es gar nicht so weit kommen würde. Und so hatten wir das Ende des Rummels auch schon erreicht und ich dankte Gott, dem Himmel, allem, was ich so hatte, dass dieser Kelch an mir – uns – vorüberging. Überlegte, ob ich noch einen kandierten Apfel mit auf den Heimweg nehme und wartete auf den allerletzten Stand, der meines Wissens nach ein Süßwarenstand war.

War er nicht.

Es war eine Schießbude.

„Süße?“

Ich überlegte, eine Ohnmacht, einen Wadenkrampf oder etwas anderes Lebensbedrohliches vorzutäuschen, antwortete mit einem vorsichtigen: „Hm?“

Er beugte sich zu meinem Ohr und flüsterte:

„Such dir mal was aus, ich schieß es dir.“

Ich rang mit mir selbst und der Teufel gewann.

Alles oder nichts.

Ich verdrehte also innerlich die Augen und warf einen Blick auf die Hauptgewinne. Der größte war ein riesiges unglaublich hässliches Opossum-Plüschtier aus IceAge2. Das Vieh war über einen Meter lang und das Grässlichste, das ich jemals gesehen hatte.

„Den da bitte.“, fügte ich mich in mein Schicksal lehnte mich an einen Pfosten.

„Wieviel Schuss möchten Sie haben?“, fragte der Verkäufer den Mann und ich warf ein sehr spöttisches ‚Na, ein Schuss wird ja wohl reichen…‘ zwischen die Männer.

Der Mann zog die Augenbraue hoch und sagte: „Ein Schuss wird reichen, meint die Lady.“

Ich überlegte derweil, wie man möglichst echt einen Schwächeanfall simuliert, um ihm die Blamage zu ersparen. Man musste ja auch nur so ein hüpfendes kreiselndes Dingsda treffen, das ab und an auch noch verschwand.

Der Mann richtete sich zu seiner vollen Körpergröße von fast 2 Metern auf und spannte sich. Ich war beeindruckt ob dieses Anblickes, auch wenn ich noch drüber nachdachte, ihn anzurempeln, um die Schuld auf mich zu ziehen. Aber ich fügte mich in mein Schicksal und schloss die Augen.

Es klickte und ich hielt die Augen krampfhaft geschlossen.
Nicht diese Beziehung auch noch.

Als ich mich entschieden hatte, die Plastikrose einfach anzunehmen und lieb zu lächeln, öffnete ich die Augen und blickte in eine riesige und unglaublich hässliche Opossumschnauze.

Steingraue Augen blitzten mich an und das attraktive Männergesicht vor mir lächelte süffisant.

„Das ist ein ziemlich hässliches Ding, das du dir da ausgesucht hast…“, grinste er, drückte es mir in den Arm und nahm meine Hand, um weiterzugehen.

Standhaft

Als der Mann nach einem ambulanten operativen Eingriff medikamentös noch völlig neben sich stand und ich die undankbare Aufgabe hatte, ihn aus der Praxis nach Hause zu bringen und man mir den knapp zwei Meter großen Hünen im Aufwachzimmer einfach wieder in die Hand drückte, habe ich ihm zunächst beim Anziehen geholfen.

Er hat sich sehr höflich bedankt und war sorgfältig darauf bedacht, sich bedeckt zu halten.

Ich nahm ihn an die Hand, sammelte noch Rezepte und Medikamente und letzte Ratschläge vom Anmeldetresen ein und schob ihn dann wankend in den Fahrstuhl.

Dort betrachtete er mich ein bisschen verlegen und lächelte schüchtern.

So weit, so gut.

Er kam auch noch anstandslos mit, als wir über den Parkplatz gingen, bis ich ihn auf die Beifahrerseite unseres Wagens schob. Ich öffnete die Tür und er blieb schließlich wie angewurzelt stehen.

„Das tut mir leid, das geht nicht.“

Ich blicke ihn irritiert an: Wir fahren jetzt nach Hause. Du musst einsteigen. Ich helfe dir.

Er schüttelt stumm den Kopf. „Nein. Das geht nicht.“

Ich atme also innerlich ein bisschen und beginne, ihn Richtung Sitz zu schieben, doch er dreht sich plötzlich resolut zu mir um und hindert mich daran: „Hören Sie. Sie sind wirklich eine wunderschöne Frau, aber ich bin verheiratet. Ich steige nicht zu fremden Frauen ins Auto.“

Ich starre ihn an. WAS?

„Ich bin verheiratet, ich…“

Ich winke ab, schmelze innerlich vor lauter Liebe und Romantik so ein bisschen vor mich hin, aber frage mich mit zunehmender Verzweiflung, wie ich einen Mann dieser Größe und Kraft jetzt gegen seinen Willen die 30km nach Hause bekomme. Ich nicke also bekräftigend.

Genau. Und darum bin ich ja hier – ich bin dafür da, dich jetzt nach Hause zu deiner Frau zu fahren, die wartet auf dich!

Er denkt sichtlich angestrengt eine ganze Weile nach und lächelt dann erleichtert. „Oh. Gut!“ und lässt sich anstandslos von mir in den Wagen schubsen schieben und mit der mitgebrachten Decke zudecken. Meine Brüste streifen ihn aus Versehen, als ich ihn anschnalle und er kichert verlegen und dreht sich peinlich berührt von mir weg.

[Dieses süße Sommerkind. ♥]