Es ist das erste Mal.
Ich träumte, ich träume und bewegte mich in einem endlosen Strom Menschen vorwärts. Immer voran in grauer Einheitsmasse, meine Kinder an der Hand, den Mann an meiner Seite mit dem Baby im Tragetuch. Immer weiter, nur nicht auffallen und diejenigen bedauernd ansehen, die versuchten, gegen den Strom zu schwimmen.
Es ist viel Grau hier. Dunkel.
Und niemand spricht es aus, doch der Weg hat als Ende nicht das Licht sondern den Tod.
Da tippt mir jemand auf die Schulter.
Ich erkenne ihn erst nicht.
Er ist zu jung, Ende 50 vielleicht.
Ich war damals 10 Jahre alt, als ich ihn das letzte Mal so sah.
Eine Lederjacke, wie immer.
Dieser Hut, wie immer. Braune Cordhosen, die ich so an ihm liebte. Hellgelbes Hemd.
Und irgendwie steht er im hellen Licht.
Ich starre ihn an und denke nach.
Es rattert langsam.
Als ich erkenne, wer da vor mir steht, öffne ich fassungslos den Mund.
Das kann nicht sein, träume ich. Ich habe doch so lange nicht von dir geträumt, denke ich. Warum nun?
Der Gedanke ist klar, ich weiß, wo ich bin und was das hier ist. Und ich richte meine Gedanken auf ihn. „Du musst dir etwas Schönes aussuchen und es genießen.“, sagt er in seinem polternden Bariton wie früher, wenn er mir Geld zusteckte. Oder wir was Leckeres geklaut haben.
Ich werfe mich in seinen Arm.
Es ist dieses Gefühl. Große kräftige lange Arme. Breiter Brustkorb, eine feste Umarmung die sich anfühlt, als würde er mich gleich mühelos hochheben und nie mehr runterlassen. Kratzige Gesichtshaut.
Und es ist dieser Geruch. Dieser eine.
Ich hebe mein tränenüberströmtes Gesicht kurz und zeige auf das Baby.
Er nickt und lächelt. „Ich habe es gesehen.“, sagt er.
Ich weine. Meine Gedanken formulieren ganz klar ein „Ich vermisse dich so.“
Und er antwortet: „Ich weiß.“ Er seufzt.
Ich träume, dass ich plötzlich aufwache. Er ist weg. Das Bild ist weg, das Gefühl ist weg. Nur der Gedanke ist noch da, wie bescheuert es ist, träumen zu müssen, dass man etwas träumt. Ich schlafe weiter. Traumlos.
Drei Jahre.
Zwölf Tage.
Ohne ihn.