Training

Vielleicht habe ich ein ganz klein wenig vergessen, wie zeit- und fokusintensiv es ist, einen Junghund auszubilden. Vielleicht.

Es ist eine angenehme Erschöpfung, die sich in mir ausbreitet, wenn der kleine Braunbär, der eigentlich ein Hund werden wollte, und ich nach einer anstrengenden und erfolgreichen Trainingseinheit erschöpft aufs Sofa sinken und 15 Kilogramm Temperament plötzlich ganz weich und anschmiegsam werden.

Wenn der schwere Hundekörper sich an mich drückt und so lange in meinem Arm herumrakt, bis er wie ein Baby dort hängen kann und seine warme Schnauze genau in der Beuge zwischen Hals und Schulter zu liegen kommt.

Ein wohliges Seufzen, ein tiefes Ein- und Ausatmen und dann ist der kleine Kerl auch meistens schon im Land der Träume verschwunden.

Ich spüre sein Herz an Meinem und seinen Atem auf meiner Haut. Zuhause. Einen kostbaren kurzen Moment lang.

Dieser Moment

Dieser Moment, in dem man unter blauem Himmel steht und in die grauesten Augen dieser Welt blickt und alles ist für einen kurzen Wimpernschlag in Ordnung und alles ist, wie es sein soll.
Und man selber dort, wo man hingehört.

Erschöpfungszustand

Wir haben das Elternhaus unserer Kinder gefunden.

Was so romantisch daherkommt, wird harte Arbeit werden, aber dafür müssten wir es kaufen dürfen. Die Eigentümer leben in zweiter Generation in diesem Haus, das immer schon ein Elternhaus war und wollen es theoretisch zwar verkaufen, aber eher nicht so schnell.

Und wenn, dann nur an eine Familie.

Und bevorzugt an uns, die Katze haben(hätten) wir im Sack, wenn da nicht die Theorie wäre. Theoretisch verkaufen – „es eilt ja nicht, oder?“ – „also bis März wäre schon schön, so den Winter über noch hierbleiben zu können. Danach können wir langsam ausräumen.“

Und der Preis.

Wir bekommen für das Geld quasi zwei Häuser oben im Nobelviertel der Stadt, fertig renoviert und auf neuestem Stand. Die Eigentümer wollen diesen Preis für ein Gebäude, das auf dem Stand von 1950 ist.

Theoretisch alles kein Problem, sagt zumindest die Bank, aber da kommt dann für die nächsten Jahre noch mal ein sechsstelliger Betrag für die Renovierung drauf und ich habe wirklich keine Lust, mit vier größer werdenden Kindern an unser Finanzierungslimit zu gehen.

Da steht es also, unser Haus.

Ich halte mich mit depressiven Gedanken von allzu viel Hoffnung ab und auch von dem Drang, jeden Tag hinzufahren und mich einfach im Garten nackt an einen der 20 Meter hohen Bäume zu binden, bis sie uns das Haus verkaufen.

Die Kinder… ich weiß um das Unrecht, ihnen Hoffnung zu machen.

Seit Wochen trage ich nun dieses Haus schon bei mir und ich habe sie gesehen, wie sie dort fangen spielten, wie sie aufblühten… und es geht nur so schleppend voran.

Vorfühlen, Angebote, Besuche, Präsenz zeigen.
Ich bin kurz vorm Durchdrehen.

Once again.

Ich habe seit heute Morgen meinen Kalender für 2013.
Das markiert trotz seiner globalen Unbedeutsamkeit immer einen sehr wichtigen Punkt in meinem Jahr.
Für mich ist es nicht nur ein Kalender.

Es ist ein Ja zu einem weiteren Jahr meines Lebens.
Ein Ja zum Leben selbst und an sich.
Mich der Herausforderung stellen ein Leben zu planen, zu organisieren, zu leben.

Nicht mehr nur zu überleben.
Es gibt Jahre, in denen hatte ich keinen Kalender.
Es hatte keine Relevanz.
Ich wollte nichts planen, nicht leben, nichts festhalten.

Wozu auch, wenn jeder Tag nur aus dem Gedanken besteht, gegen den geistigen Tod und die Kapitulation zu kämpfen.

Manchmal nicht einmal zu kämpfen sondern sich auf dem depressiven Strom der Gleichgültigkeit in den nächsten Tag spülen zu lassen, wissend, dass da keine Freude sein wird, keine Liebe, kein Leben, keine Hoffnung.

Ich habe einen Kalender.
Einmal wieder.
Ein weiteres Jahr für mein Leben.
Mein Leben.

Ganz allumfassend Ja.

Werte im Wandel

Vor 15 Jahren zählte ich die Hunderter, die ich am Tag verdient hatte und blickte mitleidig auf alle anderen hinab, die ein anderes Leben führten. Arme Wichte. Wie könnte man glücklicher sein als ich es gerade war?

Heute liege ich im Bett neben einem glucksenden Baby, das mir seine Babyfüßchen entgegenstreckt, damit ich spielerisch hineinbeiße, damit es laut lachend erst von mir weg und dann wieder zu mir hinkrabbeln kann. Wie könnte man glücklicher sein als ich es gerade bin?

Und ich sehe die anderen, die ein anderes Leben führen und denke, dass wohl alles seine Berechtigung und auch alles seine Zeit hat.

Herzrasen

Es ist das erste Mal.

Ich träumte, ich träume und bewegte mich in einem endlosen Strom Menschen vorwärts. Immer voran in grauer Einheitsmasse, meine Kinder an der Hand, den Mann an meiner Seite mit dem Baby im Tragetuch. Immer weiter, nur nicht auffallen und diejenigen bedauernd ansehen, die versuchten, gegen den Strom zu schwimmen.

Es ist viel Grau hier. Dunkel.
Und niemand spricht es aus, doch der Weg hat als Ende nicht das Licht sondern den Tod.

Da tippt mir jemand auf die Schulter.
Ich erkenne ihn erst nicht.
Er ist zu jung, Ende 50 vielleicht.
Ich war damals 10 Jahre alt, als ich ihn das letzte Mal so sah.

Eine Lederjacke, wie immer.
Dieser Hut, wie immer. Braune Cordhosen, die ich so an ihm liebte. Hellgelbes Hemd.

Und irgendwie steht er im hellen Licht.
Ich starre ihn an und denke nach.
Es rattert langsam.

Als ich erkenne, wer da vor mir steht, öffne ich fassungslos den Mund.
Das kann nicht sein, träume ich. Ich habe doch so lange nicht von dir geträumt, denke ich. Warum nun?

Der Gedanke ist klar, ich weiß, wo ich bin und was das hier ist. Und ich richte meine Gedanken auf ihn. „Du musst dir etwas Schönes aussuchen und es genießen.“, sagt er in seinem polternden Bariton wie früher, wenn er mir Geld zusteckte. Oder wir was Leckeres geklaut haben.

Ich werfe mich in seinen Arm.

Es ist dieses Gefühl. Große kräftige lange Arme. Breiter Brustkorb, eine feste Umarmung die sich anfühlt, als würde er mich gleich mühelos hochheben und nie mehr runterlassen. Kratzige Gesichtshaut.

Und es ist dieser Geruch. Dieser eine.
Ich hebe mein tränenüberströmtes Gesicht kurz und zeige auf das Baby.

Er nickt und lächelt. „Ich habe es gesehen.“, sagt er.

Ich weine. Meine Gedanken formulieren ganz klar ein „Ich vermisse dich so.“

Und er antwortet: „Ich weiß.“ Er seufzt.

Ich träume, dass ich plötzlich aufwache. Er ist weg. Das Bild ist weg, das Gefühl ist weg. Nur der Gedanke ist noch da, wie bescheuert es ist, träumen zu müssen, dass man etwas träumt. Ich schlafe weiter. Traumlos.

Drei Jahre.
Zwölf Tage.
Ohne ihn.

Betrachtungsweisen

Für manch einen wäre das sicherlich ein Traum von Familienleben, aber fünf Leute um kurz nach 6 Uhr um mich herum im Schlafzimmer, die sich liebevoll einen guten Morgen wünschen, sich herzen und drücken und knuddeln und sich um das Baby kümmern und gut gelaunt summen und singen… bei mir macht es da unweigerlich TILT im Gehirn.

Ich komme direkt aus den Untiefen meiner Traumebene, weiß oft nicht, in welchem Zeitrahmen ich mich befinde und wie dissoziiert ich gerade bin. Bis ich alles soweit sortiert habe, dass ich auch nur annähernd einen Zustand erreiche, in dem ich das alles geistig abfangen kann, dauert es.

Es ist immer verdammt harte Arbeit.

Und bis auf die Tatsache, dass ich reichlich Zucker und Koffein am Morgen brauche, kann ich das aushalten. Es ist ja auch keiner da, der es mir mal abnehmen könnte.

Aber ich kann. Ich kann es aushalten. Ich habe das im Griff. Das ist vielleicht das Schönste daran und etwas, von dem ich nicht zu träumen gewagt hätte, dass ich es erleben würde.

Ohne Gewalt, ohne Wut die Anwesenheit anderer Menschen direkt nach dem Schlaf aushalten können.

Mit einem Ja.