Abscheu

Ihr könnt nicht mal mehr scheißen gehen ohne eure Telefone.
Ihr könnt keine Unterhaltung führen, ohne die Dinger in der Hand zu haben, ohne mal eben einen Blick darauf zu werfen oder zumindest kurz in der Tasche danach zu tasten.
Ihr könnt kein Konzert genießen, ohne eure Telefone zwischen euch und die Bühne zu halten.
Geschehen ist nur, was man beweisen kann. Nicht einmal eine Stunde könnt ihr ohne sie verbringen. Nicht einmal eure Kinder könnt ihr genießen, ohne sie in jeder Situation zu filmen, zu fotografieren, festzuhalten, hineinzuzwängen in ein Medium, das die Welt nicht ganz so unmittelbar macht. Immer auf Distanz, immer auf Beobachtungsposten, immer Herr der Lage.

Man kann keine Situation erleben, wenn man sie filmt.
Wer sich zum Beobachter macht, kann kein Beteiligter mehr sein.

Ihr lebt eure Leben nicht mehr, ihr dokumentiert eine Umwelt, die sich in dem Moment verfälscht, in dem ihr euer Telefon hochhaltet. instagram, facebook, twitter – Müllhalden voller Bilddokumente über Leben, die nicht gelebt werden.

Rollenbilder

Dass nun ausgerechnet MEIN Kind als einziges Mädchen unter Jungen auf dem Kindergeburtstag von der Mutter des Geburtstagskindes dafür „verantwortlich“ gemacht wurde, zu „melden“, wenn es Kämpfe geben würde oder sich jemand weh tun würde, finde ich unter aller Sau.

Ein wenig Schadenfreude kann ich trotz Wut nicht unterdrücken, weil sie nun ausgerechnet dieses eine Mädchen, das selber für sein Leben gerne kämpft und sich von keinem Jungen die Butter vom Brot nehmen lässt, dazu auserkoren hat, ein Rollenbild zu repräsentieren, das ihr weniger gar nicht passen könnte.

„Mama, ich hab immer feste getreten und geschlagen und wir haben total viel gekämpft. Das war total super. Cira sagte, ich bin dafür verantwortlich, das zu melden und das hab ich auch einmal gemacht, als Simon fast weinte. Muss man dann ja auch mal sagen, bevor sich einer weh tut. Als Cira wieder draußen war, haben wir dann weitergemacht.“

Kriegerin.

Verzerrte Wahrnehmung

„Schab doch nix machn lassn!!“, nuschelt sie mir empört mit auf und ab wippendem Entenschnütchen entgegen. „Un die Nase wird imma so dick un blau, wenns kalt is.“

Hmhmm, is klar.

Einmal im Galopp durch die Kinderstube…

Eine der wohl grundlegendsten Unhöflichkeiten ist, sich über den Namen eines anderen Menschen lustig zu machen. In jeder Hinsicht auf ein multikulturelles Miteinander Toleranz und Akzeptanz zu predigen setzt bei vielen spätestens da aus, wenn „Kevin“, „Chantal“, „Dwayne-Tyler“ oder „Jason“ mit den eigenen wohlbenannten Kindern in einem Kindergarten oder in der Schule sind. Und schon sind sie da, die Vorurteile, Bemerkungen und Gedanken.

Wenn Vielfalt zur Bedrohung wird, flüchten die geistig Armen.

Es gibt keine „schlimmen“ Namen.
Es gibt einfach nur Namen.
Für Menschen.

Käfigentertainment

Mein liebstes Zitat letzter Woche stammt von einer Mutter, die mir von dem Haus erzählte, das sie und ihr Mann gekauft haben und die argumentierte, dass man für die Kinderzimmer bloß nicht zu viel Platz einplanen sollte. Erstens haben Kinder nämlich keinen wirklichen Platzbedarf, die können zum Spielen ja auf die Straße gehen. Zweitens ziehen Kinder eh irgendwann aus, „spätestens“ mit 18 und was soll man dann mit den Zimmern?
Ich sah sie wohl etwas sehr entgeistert an und schnappte gerade nach Luft, um eine halbwegs neutrale Antwort zu geben, als sie sagte: „Ja, du kuckst so komisch. Aber für meine Jungs reichen jeweils 8 Quadratmeter völlig. Bett, Fernseher und Playstation rein und man hört und sieht sie nicht mehr. Klappt super bei uns.“

Ich habe dann freundlich gelächelt, mich verabschiedet und auf ein weiteres Gespräch verzichtet.

Bürde

Was mag wohl an Last auf den Schultern dieser Frau liegen, die ganz offen sagt: Ich kann mein Kind nicht lieben, es gelingt mir nicht? Wieviel schwerer mag diese Last wiegen, wenn es sich bei diesem Kind um eine Hälfte eines Zwillingspaares handelt? Ich vermag es mir nicht vorzustellen.

Es ist so viel komplizierter, so viel schwieriger, so viel unmöglicher, eine Lösung zu finden, die dem Kind gerecht werden kann.

Zwei Jungen, wie soll man da handeln?
Ich will ihn nicht, ich würde ihn weggeben. Aber nur den einen.

Darf man diesen Verrat an einem Zwilling begehen, der schon fünf Jahre mit seinem Spiegelbild lebt, an dem nur eines anders ist: dass dieses Spiegelbild von seiner Mutter geliebt wird?

Ich wünsche dieser Familie so sehr, dass sie einen Weg findet.
Einen, der für alle gangbar ist.
Mir fehlen nach wie vor die Worte, ich weiß nicht, was ich noch hätte sagen können.
Das Jugendamt, die Sozialarbeiter, die Eltern, die Kinder…

Und bei all diesem Ringen um eine Lösung bleibt das Problem nach wie vor bestehen.

Es fehlt die Liebe.
Nur für den einen…

Was mag diese Kinderseele tragen…
So viel Dunkelheit.

Nachtigall…

„Boah, nervt mich der Dustin zur Zeit.“

„Der Dustin“ ist im Alter meiner großen Tochter, ein herzensguter Junger, ein Freund meines Sohnes, der von ihm hoch verehrt wird und trotz häuslicher Gewalt und mit Eltern versehen, die gemeinsam den IQ eines Berberteppichs haben, ein wirklicher Lichtträger.

Leider nervt er seine Eltern durch seine Existenz sehr, also muss er, sobald er mit der Schule fertig ist und nach Hause gekommen ist, das Haus verlassen und steht jeden Tag auf dem Spielplatz oben am Berg, bis er abends wieder reinkommen darf und ins Bett gehen muss. Bei Regen, bei Schnee, bei über 40 Grad und bei unter -10 Grad.

Dass „der Dustin“ genau neben seiner Mutter stand, als sie mir das erzählte, trägt sein Übriges dazu bei, dass ich sie nicht besonders gerne mag. Ich zwinkere ihm hinter dem Rücken seiner Mutter verschmitzt zu und er grinst ein bisschen schief. Alles wie immer.

„Und? Weihnachtszeit? Viel zu tun mit den vier Kindern, woll?“

Ich nicke pflichtbewusst und zähle auf, was sie hören will. „Naja, Weihnachten eben. Plätzchen backen, Lebkuchenhäuser bauen, Küche dreimal am Tag saubermachen.“

Und sehe Dustin an, der von einem Fuß auf den anderen hoppst.

Ich lächle. „Und? Schon Plätzchen gebacken und verziert?“ Er lächelt zurück. Seine Mutter schaltet sich ein.

„Woah, nee. Ich back mit dem doch keine Plätzchen. Der schmiert nur rum.“

Dustins Lächeln verschwindet wieder.

„Der saut alles ein. Genau wie beim Kneten. Darf er auch nicht mehr. Einmal hat er mit Wasserfarben die ganze Eckbank nass gemacht. Der ist so ungeschickt. War er immer schon.“

„Hm.“, mache ich ein wenig nichtssagend und entschließe mich, das Thema zu wechseln.

„Wohin seid ihr unterwegs?“

Sie verdreht genervt die Augen. „Ergotherapie. Müssen wir einmal die Woche hin. Die Schule sagt, er kann keine Feinmotorik. Keine Ahnung, wieso.“

Ach. Mensch. Ich hätte da so einen Verdacht.

[De] Mut

Ich muss diese Frau finden.

Ich verdamme mich dafür, im Stress und mit Termindruck im Nacken nicht aufmerksamer hingehört zu haben.

Das heißt, ich habe hingehört, aber ich habe es in meinem persönlichen Wertesystem niedriger eingestuft als meine eigenen Belange und das war schlicht und einfach nur bescheuert.

Ich habe die Tränen doch gesehen. Diesen Blick.

Ich hätte ihr einfach meine Telefonnummer geben können.

Mir ihre aufschreiben können. Bleiben können.

Die Kinder waren beim Mann gut aufgehoben und alles andere hätte man verschieben können. Und je mehr Zeit vergeht, Tage inzwischen schon, desto stärker wird das Gefühl, eine falsche Entscheidung getroffen zu haben.

Versehrte Elternschaft

Gewöhnt man sich irgendwann an den Tod?

Ich hätte es jedenfalls nicht für möglich gehalten, jeden Morgen freudestrahlend Kindern hinterherzuwinken, Seite an Seite mit einer ganz wunderbaren Frau und dann ab dem Moment, in dem wir uns einander zuwenden, über ein totes Kind zu sprechen.

Es ist nicht mal seltsam, es … ist … einfach.

Wir sprechen über unsere insgesamt 7 Kinder.
Und eines davon ist nun mal leider tot.
Warum sollte es von unseren Gesprächen ausgenommen werden?

Es ist eine sehr herausfordernde Achtsamkeitsübung und ich erkenne, erahne in Bruchteilen, welche Last die Eltern tragen, denen ein Kind von der Seite gerissen wurde, das lange Zeit Bestandteil des Lebens war.

Es ist etwas ganz anderes, als ein Kind vor der Geburt zu verlieren. Nicht schlimmer, nicht besser. Anders. Ganz anders.

Unsere großen Töchter sind gleichalt.
Gewesen.
Ihre bleibt in diesem Alter stehen.
Meine wird älter. Zwei Geburtstage bereits.

Und ich fühle die Sehnsucht in den Fragen zu ihrem Alltag. Ihr Blick ermöglicht auch mir eine ganz andere Sichtweise auf meine Tochter. Ich sehe sie oft durch ihre Augen. Durch die Augen einer Mutter, die diesen Lebensabschnitt ihrer Tochter nie sehen wird. Die nicht erleben wird, wie aus dem Kind eine junge Frau wird.

Verdammt, auf ewig ein Kind zu bleiben.

Der Tod verrät gleich in zweierlei Hinsicht.

Nicht nur, dass er das Leben beendet, er beendet auch den Abnabelungsprozess. Den der Eltern vom Kind. Loslassen ist ein schmerzhafter und langer Prozess, der durch den Tod nicht beendet oder verkürzt werden kann.

Ein Kind erwachsen werden lassen, die Elternschaft ein Stück weit loszulassen… dazu braucht es vor allem eines: ein lebendes Kind.