Schund/Literatur

Der Kobold hat heute Morgen wie immer sein neu erworbenes Lustiges Taschenbuch dabei. Seit die Schule Teil seines Lebens ist, verbeißt er sich geradezu in jeden neuen Buchstaben, der sein Sichtfeld kreuzt.

Ausnahme: Textwände.

Die Tochter war da ganz anders. Ein kleines Bild pro Seite reichte völlig an Ansporn, sich durch seitenweise Textwände zu fressen, der Kobold macht da zu. Langweilig, blöd, er kann das alles nicht, zu schwer…

Also kaufte ich vorletzte Woche ein Lustiges Taschenbuch. (und erinnerte mich ein wenig nostaligisch an früher, als nur jede zweite Seite bunt war…). Dies ist seitdem sein ständiger Begleiter und ich höre im Alltag ständig ein „Ttttt….. tttt…. wie Tisch… Ooooooo….Ooooo….“

Man sollte ja meinen, es ist jedes Mittel recht, ein Kind fürs Lesen zu begeistern. Die nette Mutter neben mir war da anderer Meinung. „Und deiner darf sowas lesen?“

Ich kuckte kurz entgeistert in Richtung meines Sohnes, der dem Tonfall nach zu urteilen mindestens einen Playboy in der Hand halten müsste und zog die Augenbrauen hoch.

„Ja.“

„Also ich finde ja, die Kinder sollten erst mal mit ordentlichen Büchern lesen üben. Nicht mit Comics.“

„Hm.“, mache ich und sehe das Thema als beendet an.

„Cheyenne hat nur Bücher für Erstleser zuhause und soll auch nur damit lesen üben.“

„Ah.“, mache ich und lege den Kopf schief. „Liest sie sie denn auch gerne?“

„Äh. Nein. Ich zwinge sie aber jeden Tag, eine halbe Stunde die Buchstaben zu sagen, die sie schon kennt.“

[Ja Mensch, das muss ja Spaß bringen.]

Ex

Ich ärgere mich auch zwei Tage später noch unglaublich über diesen erwachsenen Mann Anfang 40, der am Geburtstag seiner einzigen Tochter 4 Stunden bei mir in der Küche sitzt, sie ignoriert, das Büffet dezimiert und mir beschriftete Kekse für Gäste wegfrisst, wenn ich gerade nicht hinkucke. Das nächste Mal behänge ich seine Tochter mit Wurstringen, vielleicht entwickelt er dann ja Interesse an ihr.

Trauergeschwindigkeiten

Vielleicht reicht es, wenn es für einen einzigen Menschen einen Unterschied gemacht hat, ob man gelebt hat…

Als ich heute Morgen mit ihr dort stand, auf dem Parkplatz und bei ihrer Erzählung der letzten Minuten ihrer Tochter erst mir und dann wieder ihr die Tränen die Wangen hinunterliefen und alles um uns herum versank, weil nur wir beide dort waren, da waren mir die Leute egal, die Flüstereien, die Blicke, die Fragen in den Augen der anderen Mütter…

Erst als ihr kleiner Sohn mehrfach entnervt fragte, ob sie jetzt mit heulen wieder fertig sei, und ihre Tochter ja schließlich tot sei und fertig, wurde ich unsanft in die Realität zurückgeholt. Meine beiden Kleinen hatten nur stumm zu uns geblickt und instinktiv bemerkt, dass jedes Wort unerwünscht gewesen wäre, doch ihrer hat da wohl eine andere Geschichte zu erzählen.

Sie lächelte nachsichtig und mir wurde klar, dass sie dieses Verhalten kennt. Wie mag das für ein Kind sein, wenn die Eltern um die große Schwester trauern? Welche Trauerintensität und welche Trauergeschwindigkeit hat ein kleines Kind, das noch so egozentrisch liebt und lebt, dass der Verlust des wesentlich älteren Geschwisterkindes keinen übermenschlich großen Einschnitt ins eigene Leben bedeutet?

Und schlussendlich – wie viel kann man seinem Kind nachsehen?
Wird man irgendwann wütend?
Voller Hass, weil das Andenken an ein Familienmitglied nicht so gewürdigt wird, wie man es selber brauchen würde?
Wie geht man damit um, wenn man aus den Reihen der eigenen Kinder Gleichgültigkeit für diesen Tod erfährt?
Wenn da kein Platz mehr ist für die eigene Trauer?
Und irgendwann, in einiger Zukunft auch kein Platz mehr für die Erinnerung?

Herzensdinge

Tränenreiche Morgende zur Zeit.

Ich sehe hinter die aufgemalte Maske aus Make Up und vernichte sie.
Tag für Tag.
Ich kann nicht aus meiner Haut und will es auch gar nicht.
Ich sehe, wie sie ihren Schutzschild vor sich herträgt.

Aus schnell zunehmender Körpermasse, ablehnender Haltung und einem festgemeißelten Grinsen, mit dem sie jedem signalisiert, dass alles in Ordnung ist, alles prima, das Leben geht weiter, nach vorne blicken, nicht in der Vergangenheit leben….

Bis all die vorbeinickenden Mitmenschen verschwunden sind und ich in ihre Augen sehe. Ich verliere mich fast in diesem Goldton und sobald die ersten Tränen kommen, noch bevor ich ein Wort sage, überzieht Gänsehaut meinen Körper.

Ich kann es fühlen.
Ich kann sie fühlen.
Und sie mich auch.
Wie zwei Sterne kreiseln wir umeinander, immer wieder wie magisch voneinander angezogen, immer wieder aufeinander zu, voneinander weg… bis wir uns das erste Mal in die Augen sehen.

Fassaden, die brechen. Meine. Und ihre.
Jeden Morgen, jeden neuen Tag.

„Sie ist nicht weg.“, sage ich heute Morgen. „Ich nehme sie mit in mein weiteres Leben. Meine Tochter wird sie weitertragen. Jeder aus ihrer Klasse.“
Mein Sohn, der sich daran erinnert, wie wir ihr an ihrem Sterbebett standen. Begegnungen verändern uns. Und wir nehmen ein Stück jedes Menschen, dem wir wirklich und wahrhaftig begegnet sind, mit uns und tragen es weiter. Wir haben wieder Einladungskarten geschrieben.

Die zweite Feier, auf der sie nicht sein kann. Ich denke an das Jahr davor zurück, wie sie mit frischer Kopfnarbe und ohne Haare, aufgedunsen von den Medikamenten, hier mit uns feierte. Und es war so normal. Die Kinder kannten sie alle, kannten die Diagnosen, wussten, was ein Hirntumor ist. Und wir spielten, wie man mit Kindern nur spielen kann.

Der Tod spielte mit und es war uns egal.

6 Monate später bereitete sie sich aufs Sterben vor.
Es ist so ein Geschenk, dass wir sie begleiten durften.

Über all die Jahre.

Mut

Ich traue mich einfach nicht, sie anzusprechen.

So lange ich mir nicht sicher bin, ob es Neugierde oder Interesse ist oder ob es vielleicht gar keinen Unterschied macht, weswegen ich auf sie zugehen würde. Sie lebt ein Lebensmodell, das ich mir nicht einmal ansatzweise vorstellen kann.

Und ich würde so gerne etwas über sie und ihre Beweggründe erfahren.
Ich sehe sie morgens bei ihrer Runde durch die Abfallbehälter.
Auf der Hinfahrt und auf der unteren Uferstraße dann auch auf der Rückfahrt. Seit 6 Jahre „kenne“ ich sie, damals noch mit ihrem heißgeliebten und unfassbar gut erzogenen Pudel unterwegs, seit einigen Jahren allein.

Ich vermute, dass er wohl gestorben ist.
Heute habe ich sie wohl nach dem Aufstehen erwischt, wir waren aber auch deutlich früher unterwegs als sonst.
Sie zog sich gerade hinter dem einen Busch um und wusch sich mit ihren Händen, die sie an den regennassen Sträuchern nass machte.

Mein Impuls war (mal wieder) anzuhalten und versuchen, sie kennenzulernen. Aber ich verwarf diesen Gedanken diesmal sofort wieder, sie war gerade in einer sehr intimen Situation und ich wäre auch nicht sehr begeistert, wenn jemand morgens in mein Badezimmer stürmte um mich kennenzulernen.

Auf der Rückfahrt eine Stunde später sah ich sie wieder. Sie hatte schon einige Taschen voller Pfand gesammelt und marschierte von Abfalleimer zu Abfalleimer. Manchmal sehe ich sie in dem Moment, wie sie noch Essenreste findet und dann frühstückt, sie legt dann einige Tücher auf die Bank neben dem Abfalleimer und sortiert sorgsam die Essensreste darauf bevor sie sich setzt und isst.

Ich überlege seit Jahren, wie ich sie ansprechen kann.
Ob das angemessen wäre.
Oder respektlos.
Heute hat sie wieder so traurig ausgesehen.
Vielleicht denke ich das aber auch nur.

Liebe… ja was eigentlich…?

Ich weiß gar nicht, was ich dir schreiben soll. Oder ob ich dir schreiben soll. Oder ob es einfach gut ist. Manchmal, da denke ich, ich müsste mich erklären, einen Standpunkt schaffen, eine Aussage, an der wir uns dann entlanghangeln können. Ich wusste nie so recht, was ich von dir halten soll.

Da war so wenig Substanz, so wenig Persönlichkeit, mehr Kopien und Nachahmung und Ideen von dem, was eigentlich ein eigenes Leben sein sollte. Und vielleicht hat es deswegen nie geklappt. Heute, heute ist vieles anders.

Ich sehe lächelnd in deine Richtung und freue mich, dass dein Leben um so viel angereichert wurde. Dass es inzwischen Überzeugungen gibt, die aus dem Herzen gewachsen sind, Moralvorstellungen, die du in dir selbst gefunden hast und schlussendlich Entscheidungen, die du alleine treffen musstest und die dich mehr reifen ließen als ich das für möglich erachtet habe.

Wenn wir uns so vor Jahren kennengelernt hätten, dann hätte ich gesagt: nein, danke. Haben wir aber nicht.

Und so sehe ich momentan voller Sympathie und Liebe auf diese deine Entwicklung, die dich immer weiter von mir wegträgt, weil deine Gedanken für mich nicht nachvollziehbar sind, deine Überzeugungen in meinen Augen unvertretbar und deine Entscheidungen in meinem Wertesystem einfach falsch.

Das mag sich jetzt sehr seltsam anhören, aber ich mag dich so lassen, wie du bist, weil ich dich so lieben und schätzen gelernt habe. Was für mich falsch ist, scheint für dich genau richtig zu sein. Und ich freue mich so dermaßen, dass du ein Leben eingeschlagen hast, das dich glücklich macht, statt suchend in der Welt herumzuschauen, was die anderen machen.

Allein – ich will mich damit nicht mehr auseinandersetzen. Es gibt einfach Dinge, die sich für mich ausschließen. Unsere unterschiedlichen Wertvorstellungen und eine tiefe und innige Freundschaft gehören dazu.

Es war ganz wunderbar, deine Begleitung zu spüren.

Hochzeit

Darauf hinzuarbeiten, den Hochzeitstag als schönsten Tag im Leben feiern zu können bedeutet vor allem ein folgenschweres Eingeständnis:

Danach kann es nur noch bergab gehen.

vergangen [Anne]

Habe es gestern gelesen, durch Zufall nur.

Ich dachte, ich hätte alles gelöscht.
Jedes Wort, jedes Bild.

Und da war er, der Sicherungsordner, der mir einen Strich durch meinen Schlussstrich machte.
Dort war jedes Bild, jedes Wort, jede Emotion, die wir jemals austauschten.

Und ich begann zu lesen.

Zu sehen.
Zu spüren.
Zu verstehen.
Manchmal ist die Wahrheit so einfach.

Beinahe hätte ich gelacht, wenn ich nicht schon geweint hätte.

Entwicklungsschritte

Der Junge, der zwei Tage vor ihm geboren wurde, sitzt teilnahmslos in seiner Autoschale, während der kleine Tuk neugierig hinkrabbelt und versucht, sich am Rand hochzuziehen.

„Ach weißt du, ich lass ihn so lang es geht da drin. Ich hab keine Lust, jetzt schon ständig hinter ihm herzulaufen. Ich bin froh, wenn er sich noch nicht bewegt. Ich hab schließlich noch zwei andere Kinder.“

Ich mustere beide Babys.

Der kleine Tuk hat inzwischen den Frühstücksraum des Kindergartens geentert und um ihn herum bildet sich eine Traube von zwei- und dreijährigen Mädchen mit Butterbroten in der Hand, die alle mal streicheln wollen. Mein Sohn ist in seinem Element. Er strahlt, er patscht, er krabbelt, er versucht, Essen an sich zu reißen. Kleine Mädchen kreischen und johlen verzückt, wenn er nach ihren Glitzerschuhen, Broten, Haaren greift. Sieben Monate.

Ich sehe erneut auf das Baby in der Babyschale. Wach ist es. Und es starrt nach oben. Reagiert nicht auf Ansprache, nicht auf Lächeln, nichts. Wie die letzten sieben Monate auch schon nicht. Und wir sehen es mehrmals die Woche.

Manchmal sitzt er auch in so einer Bauchtrage vor dem Bauch seiner Mutter. Beine hängen schlaff nach unten und der schmale Steg zwischen seinen Beinen hält sein ganzes Gewicht.

„Ist es nicht furchtbar, wenn sie so mobil sind?“

Ich starre sie an. Ich warte seit der Geburt ungeduldig auf jede neue Fähigkeit, die aus diesem hilflosen Würmchen endlich ein sich selbst helfen könnendes, selbstbestimmtes Wesen macht und freue mich jeden Tag darüber, was der kleine Mann für Anstrengungen unternimmt, die Welt zu erobern. Strahlend, lachend, triumphierend.

Ich sehe wieder in die Babyschale, aus der das Baby stumpf herausschaut. Und mir fehlen irgendwie die Worte.

„Ich mag es eigentlich ganz gerne, wenn sie anfangen, sich zu bewegen.“, antworte ich vorsichtig und sehe den Flur entlang, in den mein Baby gerade gekrabbelt ist, gefolgt von einer Horde Kleinkinder, die lachend und applaudierend jeden seiner Krabbelschritte würdigen.

„Uah, nein. Das ist sowieso alles schon so ein Stress.“, sprach sie.

Griff beherzt nach dem Griff der Babyschale und ihr Baby zeigte tatsächlich eine Reaktion. Es zuckte zusammen und fing an zu jammern.

„Du bist schon wieder müde.“, murmelt sie im Weggehen. „Du gehst gleich wieder ins Bett.“

Und ich bekomme das Bild nicht aus dem Kopf, dass da ein Gefängnis gegen ein anderes getauscht wird.