vergangen [Anne]

Habe es gestern gelesen, durch Zufall nur.

Ich dachte, ich hätte alles gelöscht.
Jedes Wort, jedes Bild.

Und da war er, der Sicherungsordner, der mir einen Strich durch meinen Schlussstrich machte.
Dort war jedes Bild, jedes Wort, jede Emotion, die wir jemals austauschten.

Und ich begann zu lesen.

Zu sehen.
Zu spüren.
Zu verstehen.
Manchmal ist die Wahrheit so einfach.

Beinahe hätte ich gelacht, wenn ich nicht schon geweint hätte.

Entwicklungsschritte

Der Junge, der zwei Tage vor ihm geboren wurde, sitzt teilnahmslos in seiner Autoschale, während der kleine Tuk neugierig hinkrabbelt und versucht, sich am Rand hochzuziehen.

„Ach weißt du, ich lass ihn so lang es geht da drin. Ich hab keine Lust, jetzt schon ständig hinter ihm herzulaufen. Ich bin froh, wenn er sich noch nicht bewegt. Ich hab schließlich noch zwei andere Kinder.“

Ich mustere beide Babys.

Der kleine Tuk hat inzwischen den Frühstücksraum des Kindergartens geentert und um ihn herum bildet sich eine Traube von zwei- und dreijährigen Mädchen mit Butterbroten in der Hand, die alle mal streicheln wollen. Mein Sohn ist in seinem Element. Er strahlt, er patscht, er krabbelt, er versucht, Essen an sich zu reißen. Kleine Mädchen kreischen und johlen verzückt, wenn er nach ihren Glitzerschuhen, Broten, Haaren greift. Sieben Monate.

Ich sehe erneut auf das Baby in der Babyschale. Wach ist es. Und es starrt nach oben. Reagiert nicht auf Ansprache, nicht auf Lächeln, nichts. Wie die letzten sieben Monate auch schon nicht. Und wir sehen es mehrmals die Woche.

Manchmal sitzt er auch in so einer Bauchtrage vor dem Bauch seiner Mutter. Beine hängen schlaff nach unten und der schmale Steg zwischen seinen Beinen hält sein ganzes Gewicht.

„Ist es nicht furchtbar, wenn sie so mobil sind?“

Ich starre sie an. Ich warte seit der Geburt ungeduldig auf jede neue Fähigkeit, die aus diesem hilflosen Würmchen endlich ein sich selbst helfen könnendes, selbstbestimmtes Wesen macht und freue mich jeden Tag darüber, was der kleine Mann für Anstrengungen unternimmt, die Welt zu erobern. Strahlend, lachend, triumphierend.

Ich sehe wieder in die Babyschale, aus der das Baby stumpf herausschaut. Und mir fehlen irgendwie die Worte.

„Ich mag es eigentlich ganz gerne, wenn sie anfangen, sich zu bewegen.“, antworte ich vorsichtig und sehe den Flur entlang, in den mein Baby gerade gekrabbelt ist, gefolgt von einer Horde Kleinkinder, die lachend und applaudierend jeden seiner Krabbelschritte würdigen.

„Uah, nein. Das ist sowieso alles schon so ein Stress.“, sprach sie.

Griff beherzt nach dem Griff der Babyschale und ihr Baby zeigte tatsächlich eine Reaktion. Es zuckte zusammen und fing an zu jammern.

„Du bist schon wieder müde.“, murmelt sie im Weggehen. „Du gehst gleich wieder ins Bett.“

Und ich bekomme das Bild nicht aus dem Kopf, dass da ein Gefängnis gegen ein anderes getauscht wird.

Rassismus

„Ich spiele lieber mit Kindern, die meine eigene Hautfarbe haben.“, rotzt sie mir entgegen und ich kann kaum anders, als sie entgeistert anzustarren.

Ich bin heute mit meinen drei sehr hellhäutigen Kindern und einem dunkelhäutigen Kind auf dem Spielplatz. Ich starre immer noch. Ich überlege, ob ich es ignorieren soll. Ich kann nicht.

„Warum?“, frage ich.

Sie denkt kurz nach. „Weil sie so sind wie ich. Ich bin lieber mit jemandem zusammen, der so aussieht wie ich.“

Ich bin ratlos. Ich kann sie so gut verstehen. Da ist kein Rassismus in ihrem Blick, keine Diskriminierung, nichts Politisches. Sie ist ein Kind. Natürlich sucht sie jemand Gleichen. Und doch… Gedanken toben in meinem Kopf. Wie würde ich reagieren, wenn eines meiner Kinder diese Gedanken genau so gegenüber Fremden äußern würden? Ich sehe gedankenverloren auf die dunkle Haut unseres Besuchskindes.

Zwei Paar Schuhe, merke ich, aber merken es die anderen auch? Oder wären meine Kinder dann die weißen Rassisten?

Sie sieht mich an. Sie erzählt von Y., einer Freundin, die bei ihr wohnt. „Sie ist eine von uns.“, sagt sie und zupft an ihrer Haut.

Ich habe mich so sehr auf sie konzentriert, dass ich die Motte kurz aus dem Blick verlor. Sie steht ratlos neben uns und blickt traurig.
„Motte?“, frage ich.
Sie sieht unser Besuchskind an. „Ich find es so doof, dass du mich nicht magst, weil ich helle Haut habe. Ich kann doch nichts dafür.“

Sie schnieft. Sie hatte heute einen harten Tag und das ist so ziemlich das letzte, das ich ihr für heute gewünscht hätte. Das Besuchskind zuckt die Schultern: „Dunkle Haut ist eben einfach besser.“

Sagt es unbeschwert, nimmt die Motte an die Hand und springt mit ihr davon. Ich sehe, dass das in ihr arbeitet. Aber sie wird es fünf Minuten später vergessen haben.

Ich nicht.

Mir hängt es immer noch nach. Sehr.

Käuflich.

Als wir unsere Kinder für morgen auf deren Wunsch hin verabredeten, war alles noch okay.

Bis sie sich nach dem Abschied noch mal umdrehte und anfing: „Duuuuu, sag mal… ich hab deinen Mann schon mal öfter beim Sozialamt gesehen… so viele Männer von seiner Größe und mit dieser hünenhaften Statur laufen hier ja auch nicht rum… was macht der da?“

Meine Betriebstemperatur stieg deutlich an, während mein Lächeln auf Minusgrade abkühlte. „Er arbeitet dort.“

Und plötzlich wich die Neugierde in ihrem Blick echtem Interesse. Mein Blut kochte hoch. Ich hatte das geahnt. Gerade bei ihr.
„Ahhhhhsoooo…“, murmelte sie. „Ist aber gehobener Dienst, oder? Ich hab da auch schon mal versucht, einen Kerl kennenzulernen, aber es arbeiten ja so wenig Männer dort.“

Ob dieser unglaublichen Dreistigkeit fehlten mir einfach nur die Worte.
Ich weiß, wie sie ist, ich verstehe sie sogar besser, als sie ahnen würde, aber das ist wirklich bar jeder Form des Anstands.

Ihr momentaner Lebensabschnittsgefährte und von ihr vermuteter Vater einiger ihrer Kinder sitzt fünf Meter von uns entfernt in ihrem Auto. Ist wohl gut für sie, dass er unsere Sprache nicht spricht. Sie plappert munter weiter – bei mir verkrampfen sich Seele und Herz gerade zu einem riesigen Eisklumpen. Ich höre noch Dinge wie finanziell ausgesorgt, versorgt und dann tatsächlich die Schätzfrage nach seinem Gehalt mit einen hohen vierstelligen Euro-Betrag, der mit einem Fragezeichen endet.

Ich schlucke einmal trocken und versuche, meine zusammengepressten Lippen auseinander zu bekommen, verabschiede mich ohne eine Antwort auf ihre Frage bis morgen und wende mich ab.

Es gibt ein Wort für so etwas.

Eigentlich

Eigentlich wollte ich etwas ganz anderes machen.
Eigentlich wollte ich wesentlich später losfahren.
Eigentlich…
Als wir ankamen, ging sie gerade.
Und es durchzuckte mich abwechselnd heiß und kalt.

Für einen völlig bescheuerten kurzen Moment überlegte ich, ob ich mich wohl verstecken sollte. Lange ist es her.
Ich ging auf sie zu und umarmte sie.

„Wie geht es dir?“

– „Gut“, log sie.

Und ich hätte mich ohrfeigen können für diese absurde Frage. Wie soll es ihr schon gehen? Ich Idiot. Lange Sekunden war ich hin und hergerissen zwischen der Möglichkeit, sie einfach gehen zu lassen und ihr ein herzliches Lebwohl zu wünschen oder die Mauer wieder einzureißen. Einmal mehr. Einmal schmerzhafter.

Der kleine Sohn thronte auf dem Arm und ich fragte mich, wie schmerzhaft es sein muss für sie. Ausgetragen, als ihre Tochter im Sterben lag.

„Ein Sohn“, lächelt sie. Und ich sehe, wie der Mund zuckt.

Ich hatte mich bereits entschieden. Risiko.

„Bald hast du alle ersten Male erlebt“, sage ich leise.

Ein Jahr ist es schon fast her, es ist so unglaublich. Und ich weiß, dass es gestern war für die Frau, die da vor mir steht und um Fassung ringt.
Die Mauer zeigt ihre Risse. Sie fällt, als sie anfängt zu erzählen.
Sie erzählt vom Sterbemoment.
Von dieser einen Sekunde, drei Atemzügen, ihrer Tochter, ihres Mannes und ihr selber.
Dreisam, Einsam, Gemeinsam.
Ein gutes Lebewohl.

Eines, das man keinem wünschen würde.
Und doch.
Es ist hellichter Tag, die Kinder toben um uns herum, es ist laut, sonnig, voller Leben und doch steht die Zeit still.

Wir sind wieder in dieser Blase, die uns jedesmal umgibt, wenn wir uns treffen. Es ist bemerkenswert, wie sehr sie mein Herz berührt.

Dieses Band…

Ich habe mich selber eingeladen. Ich komme mir immer noch vor wie ein Bulldozer.
Ein ruhiges gemeinsames Frühstück. Bei ihr, weil sie nicht rausgehen kann. Ich bringe Brötchen mit, wenn die Kleinen im Kindergarten sind. Ich schreibe einige Tage vorher eine SMS. Wenn sie nicht kann, soll sie es einfach kurz schreiben. Alle Rückzugsmöglichkeiten gegeben, aber eben doch irgendwie ein Bulldozer.

Ich konnte nicht anders.

Vielleicht tue ich das Falsche.
Vielleicht.

Lieber Postbote,

wenn ich gerade ein Baby in der Badewanne habe, dann kann ich auch nicht zur Tür kommen, wenn du 17 Mal klingelst.

Auch nicht, wenn du den Finger auf dem Klingelknopf lässt und es dauerklingelt.
Wirklich nicht.
Wenn du dann anfängst, mit der Faust gegen die Tür zu schlagen, klappt das immer noch nicht.
Dein einziges Glück war, dass ich mit nassem glitschigen Baby auf dem Arm nicht genug Wut  generiere, um dir ganz unkompliziert mal eben den Arsch aufzureißen.

Blindheit

Er ist 16 und er bringt seinen zweieinhalbjährigen Bruder jeden Morgen um halb 8 Uhr in den Kindergarten, geht dann selber zur Schule und holt ihn mittags um 14 Uhr wieder ab.

Meinen Respekt hat er schon lange.

Heute kam grenzenlose Bewunderung hinzu, als mir klar wurde, dass man seinen großen Bruder nicht Papa nennt.

Auf gute Nachbarschaft

Es wird Zeit, dass der Umzug weitergeht. Unsere neue Nachbarin unten ist nicht nur sehr gesprächig, so dass ich von ihrer zerrütteten Ehe über ihr Rückenleiden und ihre Menstruationsprobleme bis hin zum Stuhlgang ihrer Katzen genauestens über alle Unannehmlichkeiten informiert bin, nein, sie ist auch noch äußerst … umtriebig.

Und so kommt einem beim Betreten des Treppenhauses erst einmal eine Wand Rauch entgegen, die ihr zahlreicher Besuch beim Stehen im Treppenhaus hinterlässt, vor der Tür auf zwei Quadratmeter Flur drängeln sich zwei Kinderwagen von Besuchern, so dass ich tatsächlich mit Baby auf dem Arm einen davon erst in die Kellertür schieben muss, um vorbeizukommen, es kommen täglich ungefähr 3 Pakete an, die allesamt mit verschiedenen Unternehmen geliefert werden und natürlich klingelt der nette Postbote hier bei mir, wenn unten aufgrund der lauten Musik niemand aufmachen kann.

Ich bin da ja verständnisvoll. Beim Abgeben der Pakete riecht es aus der Wohnung nach einer Mischung aus Rauch, Schweiß, Sex und Katzenkacke und es dröhnt der Fernseher in den Flur – den erregten Stimmen nach zu urteilen immer irgendwas zwischen TalkShow und Frauentausch.

Ich weiß, dass ihr Hauptliebhaber älter ist als ihre Mutter, was aber auch nicht schwer ist, weil ihre Mutter nur 15 Jahre älter ist als sie – dass sie ihren Mann in flagranti mit ihrer besten Freundin erwischt hat und dass sie Katzen sammelt wie andere Menschen Briefmarken.

Und so bleibt mir nur, eine weitere Umzugskiste zu packen, die Pakete abzugeben und den Kobold jedesmal verständnisvoll anzusehen, wenn wir an ihr vorbeigehen und er mir dann auf der Treppe nach oben leise zuflüstert:

„Unmöglich sagt man nicht über Leute, oder Mami?“

Bald haben wirs geschafft.