Der Köter

Ich habe gestern eine kurze Nachricht bekommen, in der meine Art des Trauerns thematisiert wurde.

Hängen geblieben ist ein Satz, nachdem es darum ging, dass ich zugunsten der Funktionalität die emotionale Härte gegen mich selbst wähle:

„Er hat dich gut abgerichtet“.

Unabhängig von der psychologisch destruktiven Botschaft und vom Retraumatisierungspotential dieser Worte sind sie nicht nur verletzend, sondern vor allem auch wahr.

Natürlich hat er mich abgerichtet. Wie einen Hund. Ich kann Kommandos. Ich kann springen. Ich kann dienen. Ich habe Programmierungen, die auch 40 Jahre später noch kicken, wenn die richtigen Knöpfe gedrückt werden. Natürlich. Ich bin der sabbernde Köter, mein Vater war Pawlow.

Also was genau erwartet man von jemandem, der durch diese Hölle gegangen ist?

Normal zu sein?

Ich habe mir unter Einsatz all meiner Fähigkeiten ein Leben aufgebaut, das so normal, stabil und sicher verläuft, wie ein Leben es nur sein kann. Ich habe professionelle Begleitung, Supervision und Therapie gewählt, um meine Programmierungen zu erkennen, zu verstehen und abzuschwächen. Ich werde niemals eins sein. Ich werde immer auf Strategien angewiesen sein, um mich in der Verletzlichkeit zu halten und um ehrlich zu sein: Das kostet mich den Großteil meiner Energie. Hass nährt sich selber. Liebe ist für mich eine Entscheidung. Harte Arbeit, genau das zuzulassen, was mir abtrainiert wurde: Mitgefühl.

Ich muss mich aktiv dafür entscheiden.

Jeden Morgen.

Jeden Tag.

Bis ans Ende meines Lebens.

Vier

Vier Wochen.

Vier. Das ist doch Irrsinn. Du bist tot, dein Haus ist ein Tatort, ich habe keine Ahnung, wo dein Leichnam inzwischen ist, ich kenne weder Todesursache noch Todeszeitpunkt, ich schwebe im Nichts und wenn ich nicht jeden Tag aufstehe und meinen Alltag abreiße, dann werde ich vermutlich einfach wahnsinnig. Ich kann nichts durchdenken, weil da nichts ist. Alles ist unklar. Ich kann nichts fühlen, weil ich weder jemanden habe, dem ich Fragen stellen könnte noch jemanden, der mir Antworten liefern würde.

Zwischenzeit.

Zwielicht.

In der Seele.

Meine Wut ist da. Sie lauert. Ich merke, wie mich der Dauerschmerz im Kiefer seit dreieinhalb Wochen mürbe macht. Merke, wie nah ich der Grenze komme. Versuche, mit ausreichend Pausen, Schlaf und Rückzug nicht ins Gefühl zu rutschen, nicht zu explodieren, nicht herumzuschreien, nicht zu verzweifeln. Es fände kein Echo. Da ist nichts, was mir antworten würde.

Anhörung Mitte September, dann noch mal vier Wochen Bearbeitung zum endgültigen Termin, dann ist Oktober, dann noch mal Bürokratie, dann vielleicht… wenn alles seinen Gang geht…

Wie soll ich etwas abschließen, von dem mir die losen Enden nicht mal bekannt sind?

Wir können nicht mal dein Scheißadressbuch aus dem Haus holen, um die Leute über deinen Tod zu informieren, bei denen du dir das gewünscht hast.

Nicht mal dein verficktes Adressbuch, verstehst du?

Nein, natürlich nicht. Du bist tot. Irgendwo im Nirgendwo.

Ohne Glauben, ohne Hoffnung, ohne Abschied bist du aus dieser Welt gegangen.

Ich merke, wie ich mit jedem Wort schon wieder wütender werde. Suizid ist ein Menschenrecht. Ich werde das niemals in Frage stellen. Und ich finde gerade alles daran kacke. Alles. Was, wenn Kjell an diesem Tag seine Kinder dabeigehabt hätte? Deine Patenenkel? Was, wenn die Kinder dich gefunden hätten? Was, wenn er erst Tage später gekommen wäre? Du lebst da mit Wildtieren mitten im Wald. Meine Fresse. Ich bin so wütend – auf alles. Auf alles.

Und ich soll jetzt den einzigen Mann anrufen, den du für diesen Schritt um Verzeihung gebeten hast und ich schaffe es einfach nicht. Es frisst mich auf. Ich will meine letzten Worte, ich will meinen Abschiedsbrief, ich will meinen verdammten Abschluss.

Stattdessen spiele ich dein letztes Spiel gegen mich selber in den seelischen Untiefen meiner Vergangenheit.

Ich bin am Ende.

Ganz allumfassend.

Also mache ich das Einzige, das in meinem Leben immer funktioniert hat.

Weiter.

Happy Birthday

Ich habe dir gestern nicht gratuliert.

Du wärst 75 geworden, wenn du dich nicht 16 Tage vor deinem Geburtstag getötet hättest. Ich habe versucht, an dich zu denken. Versuche, in Gedanken eine Rede zu schreiben, wie ich sie auf deiner Beerdigung halten würde, es gelingt mir nicht.

Ich bin die Tage wieder ein bisschen aus meiner Starre aufgewacht, habe wieder angefangen, hier im Haus und im Garten etwas zu tun, mich zu bewegen, etwas zu schaffen. Es ist zäher Morast, der an meinen Schuhen klebt. Ich komme nur mühsam vorwärts.

Meine schönste Erinnerung an dich? Ich versuche, eine zu finden, die ganz ohne Häme, blöde Bemerkungen, Demütigungen oder Alkohol auskommt. Es ist schwer – verdammt schwer – eine zu finden.

Die Stunden auf dem Boot sind vorne mit dabei. Das war Zeit, in der wir frei waren. Im Wald. Nachts, in der Dunkelheit unter Sternenhimmel. Es gibt sie, die schönen Momente, die mich geprägt haben. Gespräche, die bis heute kostbare Erinnerungen formen. Aber sie leuchten nicht hell in mir.

Was werde ich Positives von dir mit in meine Zukunft nehmen? Dass du ein schwieriger Mensch warst? Dass du manchmal so gnädig warst, Menschen nicht völlig zu vernichten obwohl du das gekonnt hättest? Du hast mich oft stolz angesehen. Beim Ergebnis meiner IQ-Tests. Als mehrere tausend Menschen nach meinen Auftritten aufgestanden sind und applaudiert haben. Bei jeder Urkunde, bei jeder Eins, bei jedem arroganten Schritt nach ganz oben aufs Siegertreppchen. Ich glaube aber, da warst du nicht stolz auf mich. Du warst stolz auf deine Leistung, so jemanden geformt zu haben.

Die Form von zärtlichem Stolz, die man für ein geliebtes Wesen empfindet, einfach weil es ist, weil es existiert und sich treu bleibt – ich weiß nicht, ob du das jemals empfinden konntest.

Ich wünsche dir vielleicht heute einfach, dass du jetzt jenes Glück und jenen Frieden gefunden hast, die dir im Leben versagt blieben.

Happy Birthday, Dad.

14 Tage

Vor 14 Tagen brannte der Wald, stürmte es mitten in der Nacht, setzte irgendwann der Regen ein. Alles bei weit über 35 Grad.

Kurz vor Mitternacht entschied ich, nackt in den Pool zu gehen, fühlte mich eins mit dieser Welt und ihrem Chaos. Die Bären rannten durch den Garten, immer wieder Sirenen im Hintergrund.

Plötzlich veränderte sich Ludwigs Haltung. Er zeigte an, dass irgendetwas überhaupt nicht in Ordnung war. Direkt danach eskalierten alle drei Hunde. Der Mann ging zum Tor, wo drei uniformierte Menschen in der Dunkelheit standen. Mir war schlagartig eiskalt. Ich stieg aus dem Wasser, warf mir ein Handtuch über, brachte die Bären ins Haus und ging selber wieder nach draußen.

Es goss inzwischen in Strömen.

Ich wusste bereits, wer dort stand und was sie wollten.

3 Beamte der Kriminalpolizei betraten unseren Garten. „Wollen wir vielleicht hineingehen?“

Nein, sagte ich. Ich denke nicht, dass das eine gute Idee wäre.

„Sind Sie die Tochter von…?“ „Lebt Ihr Vater in Schweden?“ „Wir… also ….“

Er hat sich selbst getötet, nicht wahr? Wann haben Sie ihn gefunden?

In der Dunkelheit konnte ich die Erleichterung nicht sehen, sehr wohl aber in ihren Stimmen hören, als sie weitersprachen. Es wechselten einige Dokumente die Seiten, der Mann nahm alles an sich und schützte es vor dem Regen. Die dringende Bitte, am nächsten Tag bitte sofort in Stockholm anzurufen.

Es war kurz und schmerzlos.

Ich weiß seit meiner Kindheit, dass dieser Tag irgendwann kommen würde und sein Gesundheitszustand war mir ebenfalls bekannt.

Der Mann legte die Dokumente von mir ungelesen in die Diele und ich ließ die Hunde wieder raus.

Das würde alles bis morgen warten können.

Ich ließ mich ins kalte Wasser gleiten und tauchte unter.

Allein. Letzte. Überlebt.

Übrig.

Ich versuche das mit dem Schlafen. Wirklich.

Es gelingt mir nicht.

Meine Gedanken kreisen nicht mal, sie stolpern wild durcheinander, fallen über den jeweils nächsten, bleiben liegen, stehen irgendwann wieder auf, taumeln haltlos herum, schweigen, brüllen, verstummen wieder.

Ich kann nicht mehr.

Ich bin müde.

Ich bin erschöpft.

Ich kann nicht mehr.

Ich will Antworten, die wenigen, die ich vielleicht noch bekommen kann. Muss Geduld haben. Warten.

Die Gefühle sind eingeschlossen, sicher hinter den Gittern meiner Selbstbeherrschung, bis die Eingabemaske offen ist und der Cursor blinkt. Dann gleicht es einem Erdrutsch und mit den Worten kommen die Tränen, kommt der Schmerz, kommt die Verzweiflung. Tief, grenzenlos, bodenlos. Es reißt mir den Boden unter den Füßen weg und will mich verschlingen. Da ist so viel. So viel Gefühl, so viel Wut, so viel Trauer.

Und der eine Gedanke, noch so winzig, hell pulsierend, da ganz hinten in der Dunkelheit.

Ich habe es geschafft.

Ich bin als Einzige übrig.

Ich habe überlebt.

Ich habe sie alle überlebt.

Alle. Restlos. Ich bin übrig.

Ich habe es tatsächlich geschafft, mich all dem entgegenzustemmen, was mich so nachhaltig hat zersplittern lassen. So lange. Bis heute. Ich habe nichts davon an meine Kinder weitergegeben, ich habe nie die Hand erhoben, ich habe mich nie der sadistischen Grausamkeit hingegeben, die so verlockend in mir ruft.

Nicht ein einziges Mal.

Es ist zuende.

Ich bin die Letzte.

Ich bin der Anfang.

Tag3

Hej Dad. Tag3? Tag3.

Ein weiterer Umschlag also.

Für mich.

Kein aktueller.

Einer, der schon vor Jahren deponiert wurde.

Du hast eine treue Gefolgschaft um dich geschart, ich habe nichts anderes erwartet.

Sie werden schweigen, wenn ich nicht genau das tue, was du wolltest, nicht wahr? Ich kann alles haben oder gar nichts. Aber nur nach deinen Regeln. Du würdest lieber alles zerstören als zuzulassen, eine Situation nicht mehr unter Kontrolle halten zu können. Aber soll ich dir was sagen?

Du bist tot. Du spielst das Spiel nicht mehr. Und ich – ich kann mich entscheiden, ob ich das will oder nicht. Ich bin schon lange nicht mehr finanziell von dir abhängig, ich habe ein vollkommen abgesichertes Leben und deine Gier nach Reichtum ist mir fremd.

Alles, was ich noch erreichen will, werde ich auch ohne dein Erbe tun und das war immer mein Maßstab.

Ich weiß, wo dein Geld herkommt.

Ich weiß, wie schmutzig unser Erbe ist.

Seit Generationen.

Ich will es nicht.

Wir hatten den Deal, dass du den Menschen, die dir dort in Schweden etwas bedeuten, zu deinen Lebzeiten ermöglichst, ein sicheres Leben zu führen.

Sie wissen nichts von unserer Vergangenheit und sie haben dich erst als alten Mann kennengelernt, der in der Lage ist, so etwas wie Gefühle zu empfinden, nicht als den Psychopathen, der du eigentlich bist.

Ich weiß nicht, ob das Alter dich wirklich weicher gemacht hat. Ich will daran glauben.

Ich will daran glauben, dass die letzten 4 Jahre Austausch mit mir nach dem Tod meiner Mutter etwas verändert haben.

Du hast dein Haus verschenkt. Dein Grundstück. Deinen Wald. Deinen See.

Ich weiß nicht, ob meine Ablehnung all dessen dir wehgetan hat.

Ob all das vielleicht sogar eine verquere Art von Strafe war, damit ich in anderer Hinsicht zur Besinnung komme.

Die Familie, in deren Eigentum dein Besitz jetzt übergehen wird, lebt schon dort.

Sie wird deine Wahlheimat mehr zu schätzen wissen als ich.

So sehr ich dein Land liebe – mein Zuhause ist hier.

Der Umschlag… Ich werde persönlich mit einem deiner Freunde reden müssen, wenn ich erfahren will, was es damit auf sich hat.

Ich werde eine Nacht darüber schlafen.

Denn ich habe Zeit.

Nachts

Ich will keine Zärtlichkeit.

Ich will kein Vorspiel.

Ich will dich benutzen.

Will deinen Körper an meinem spüren.

Will Gewalt, Härte, das lodernd brennende Gefühl, noch am Leben zu sein.

Noch zu atmen, noch zu fühlen, wie das Adrenalin durch meine Adern und die Lust durch meinen Körper pumpt.

Ich bin lebendig. Ich bin nicht tot.

Du bist Kryptonit für meine Mauern und ich muss sie heute oben halten.

Meine Seele ist roh und wund und brüllt vor Schmerzen.

Ich brauche dich in der Dunkelheit, ohne Kompromisse, ohne Mitleid, ohne Rücksicht.

Ich bin noch am Leben.

Als Letzte.

Als Einzige.

Ich bin der Anfang.

Tag1

Ich weiß nicht, wie es mir heute geht, Dad.

Ich weiß auch nicht, ob dich das interessieren würde. Die Briefe… sie treiben mich um. Wie viele gibt es? An wen? Ich habe heute den Inhalt des Einen, des dir anscheinend Wichtigsten erfahren. Und darin befindet sich so viel Liebe, so viel Gefühl. Nicht für mich. Für diesen Menschen. Eine Entschuldigung. Eine gottverdammte Entschuldigung. So viel Schmerz. Ich versuche, nicht in Selbstmitleid zu versinken und trotzdem kreist das Kind in mir um deine Liebe, deine Anerkennung, den Funken des Erkennens, dass ich in den letzten Minuten deines Lebens irgendeine Rolle gespielt habe. Dass es einen Unterschied gemacht hat, dass es mich in deinem Leben gegeben hat. Ich weiß nicht, ob ich darauf eine Antwort bekomme. Trauer ist eine egoistische Angelegenheit. Ich muss meine Schilde sehr hoch halten, um durch diese Tage zu kommen. Ich bin erschöpft, ich bin ratlos. Die Tränen laufen ab und zu einfach über mein Gesicht und ich weiß nicht, was es ist. Bemitleide ich mich selbst? Was ist noch Kind, was ist echte erwachsene Trauer? Es kommt von so tief unten, dass ich Angst habe, es freizugeben. Ich fühle diesen unbändigen Schmerz, der alles verzehrt, mit dem er in Berührung kommt. Er darf nicht nach oben, ich halte das nicht aus. Nicht jetzt, nicht hier.

Noch nicht.